Von Florian Ehrhardt

Wir stehen seit zwei Minuten vor der roten Ampel, als Kathi einen ihrer Gefühlausbrüche hat: „Dein Fahrstil heute ist scheiße“

„Warum?“ erwidere ich ruhig, aber bestimmt. Sie weiß genau wie ich, dass diese Ruhe einer der Gründe ist, warum sie sich damals in mich verliebt hat. Und sie weiß auch, dass ich Recht habe. Ich kann schließlich nichts für diese rote Ampel und wenn ich möchte, kann ich ihr das jetzt sogar unter die Nase reiben.

Sie spielt die Ahnungslose: „Wie, warum?“

„Warum du nach 500 Metern meinst, meinen Fahrstil als scheiße betiteln zu müssen?“, frage ich.

„Ach Frank“

„Was Frank?“, äffe ich sie nach und erschrecke mich selbst über die Härte in meiner Stimme. Und über die Unsicherheit.

„Warum musst du unbedingt Recht haben?“

„Darum geht’s mir doch gar nicht!“, lüge ich.

„Worum dann?“

„Sag du es mir. Du hast angefangen, mich anzugiften!“

„Das ist mir zu blöd“, murmelt Kathi.

Ich verkneife mir einen unfreundlichen Kommentar.

Die Ampel bleibt rot.

„Frank?“

„Hmm?“

„Jetzt fahr halt.“

„Ist aber rot“, erwidere ich.

„Frank! Hier ist weit und breit kein Auto! Fahr halt!“

„Die Ampel ist rot!“

„Wir stehen hier seit fünf Minuten! Die ist bestimmt defekt!“

„Ich hab in 30 Jahren keinen einzigen Flenspunkt bekommen, das lasse ich mir nicht von dir versauen!“

Kathi stellt ihre Argumentation um: „Wo ist eigentlich der Frank, der auch mal ein Risiko eingegangen ist?“

„Den gab’s nie“, murmele ich in meinen Bart.

„So?“, gibt sie schnippisch zurück, „wie hätte ich mich sonst in dich verlieben sollen?“

„Aha. Daher weht der Wind!“

„Jetzt fahr halt!“, fleht Kathi.

„Du liebst mich also nicht mehr, weil ich die rote Ampel nicht überfahren will?“

„Frank! Das ist doch Quatsch.“

„Das beantwortet meine Frage nicht“, sage ich kühl.

„Wenn wir noch länger hier stehen bleiben, kommen wir zu spät zu meiner Mutter! Du weißt ganz genau, dass sie das nur noch mehr verwirren wird.“

„Lenk nicht ab. Und außerdem, was meinst du denn mit verwirren? Deine Mutter ist dement und gehört in ein Heim abgeschoben“, gifte ich. Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, aber warum sollte man die Wahrheit ignorieren?

Die Ampel bleibt rot.

Kathi blickt starr geradeaus. Ich mustere sie. Ihre Unterlippe bebt etwas, aber sie ist zu stolz, um vor mir zu weinen. War das nicht mal anders?

„Seit wann?“

„Wie, seit wann?“, fragt Kathi perplex.

„Seit wann du mich nicht mehr liebst. Das kann ja unmöglich nur an dieser roten Ampel liegen, oder?“

„Frank“, flüstert Kathi, „jetzt fahr doch endlich!“

„Es. Ist. Rot!“

Kathi scheint zu überlegen. Viel zu lange. „Okay“, sagt sie schließlich.

„Was okay?“, schnauze ich sie an.

„Es tut mir leid…dein Fahrstil ist okay.“

„Und unsere Beziehung?“ Ich schlucke. „Unsere Ehe?“

„Spätestens seit Mexiko hast du eh keine Chance mehr“, sagt Kathi, um sich sofort den Mund zuzuhalten.

Meine Hände greifen das Lenkrad etwas fester. Zu fest. Meine Knöchel treten weiß hervor. Wie viele Jahre ist das her? Muss kurz vor Corona gewesen sein. Und natürlich erinnere ich mich an das junge Pärchen am Nachbartisch im Resort in Cancún. Vielleicht hätte ich dem Typ doch die Fresse polieren sollen. Stattdessen war ich so blöd, den Ausflug nach Cichén Itzá alleine zu machen, weil Kathi einen Sonnenstich hatte. Zumindest habe ich ihr das bisher geglaubt. „Das meinst du nicht ernst, oder?“

„Vergiss, was ich gesagt habe.“

„Aber es ist die Wahrheit, oder?“

Ihr Schweigen ist Antwort genug.

Die Ampel springt auf grün.

 

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