Von Tobias Sütterlin
Simon and Garfunkel, wie soll man dazu Schreiben? Warum ist das so laut, wenn es doch um den Sound der Stille geht? Die Leute auf dem Bild haben den Mund weit auf. Meine Mutter hat dann immer gesagt: „Mach den Mund zu sonst fliegt ein Flieghänschen rein!“ peinlich.
Er gestikuliert mit einer Hand und Sie mit beiden, das bedeutet körpersprachlich irgendwas. Wie war das noch? Egal. Im Hintergrund ein zerbeultes Auto. Eigentlich das Beste, was so eine Karre werden kann: Ein Haufen Schrott. Ah, jetzt wird mir klar, was das Bild zeigt: Das ist eine Opernszene. Aida? Turandot? Ein großes Duett. Die Figuren sind nicht einer Meinung und am Ende erschlägt sie ihn. Grandios. Tosca? Ich komme nicht drauf. Und, warum inszeniert man das mit einem geschrotteten Pkw im Hintergrund. Modernes Theater?
Ich verfehle mal wieder das Thema. Mach das Radio aus und konzentrier Dich!
Schau es an und lass es wirken. Oder lies die anderen Einreichungen. Wozu? Sind doch bestimmt lauter frauenfeindliche Beziehungsdramen … sind es nicht. Interessant, was Autoren so einfällt. Knödel?
Ich sitze mal wieder vor dem PC und versuche eine Kurzgeschichte zu schreiben. Vielleicht sollte ich einen Kurs buchen. Angebote gibt es in Hülle und Fülle. ILS, SGD … die Volkshochschulen und so weiter. Bei der Recherche stoße ich auf diese Schreibaufgabe.
Es fällt mir schwer, mir zu dem Bild eine Geschichte einfallen zu lassen, die nicht völlig stereotyp ist. Was sagt das über mich?
Ich bleibe bei dem Opernthema.
Anton und Barbara sind neu am Stadttheater Waldstadt. Schon bei den ersten Proben für die neue Oper wurde ihnen klar, dass irgendwas in der Luft liegt. Die Stimmung ist kühl, die Kollegen reserviert. So kann das sein, wenn man neu ist und die bisherigen Platzhirsche Angst um ihren Platz auf dem Plakat haben. Aber, das lernt man beim Studium: Beim Theater wird klein angefangen und sich hochgearbeitet. Man wird ermahnt, sich einzufügen und unterzuordnen. Allerdings haben sie in dem Stück die Hauptrollen. Und so ist es kein Wunder, dass es knirscht im Getriebe.
Es ist das Werk des jungen ehrgeizigen Direktors. Eine zweiaktige Oper um Eifersucht und Größenwahn mit schöner Musik und vielschichtigen Figuren. Bei den Proben konzentrieren sie sich auf das Stück. Die Texte haben sie längst gelernt und der Rest wird schon kommen, hoffen sie.
Barbara hat die Idee, sich außerhalb der Proben zu treffen und an den Duetten zu arbeiten. Überzeugen durch Fleiß und Qualität ist die Devise. Jetzt braucht es einen Ort, wo man sich so richtig austoben kann. Zuhause geht das aus akustischen Gründen nicht. Zu laut. Sie fahren mit den Fahrrädern in den Wald und entdecken am Ende einer Schneise ein Schrottauto. Dieses rostet fröhlich vor sich hin. Nicht weit finden sich Tisch und Bänke aus riesigen Baumstämmen. Die perfekte Kulisse für großes Drama. Anton stellt die Boombox auf den Tisch und startet die Musik.
