Von Ines Kruse-Kahn
Am Vorabend seines 70. Geburtstages ging Frederik Schellendorf im Kopf noch einmal alle Punkte seines Planes für die Feier durch: Wie in jedem Jahr, hatte er nur die Kinder mit deren Familien eingeladen. Seine Exfrau Beate hatte sich schon vor mehr als 30 Jahren von ihm getrennt, sie lebte mit ihrem neuen Mann irgendwo in Bayern – Frederik kannte nicht einmal ihre genaue Adresse – abgesehen davon, war er aber auch sehr sicher, dass Beate seiner Einladung nicht gefolgt wäre und so hatte er sich diese von vornherein, wie schon in den vergangenen Jahren, gespart. Schade eigentlich, denn Beate war und blieb Frederiks Traumfrau – nur in einem einzigen Punkt hatte es immer und immer wieder Streit gegeben…
An oberster Stelle der Einladungsliste stand seine älteste Tochter Leonie, die viele Jahre ihres Lebens mit diesem ewig unzufriedenen und unentschlossenen Dirk vergeudet hatte. Das Beste, was dieser je zustande gebracht hatte, waren die Zwillinge Elias und Mino, zwei aufgeweckte Jungen von inzwischen 14 Jahren. Vor rund 10 Jahren hatte sich Leonie endlich von Dirk getrennt und kurz darauf Lando, einen jungen Rechtsanwalt, geheiratet, der die Zwillinge ebenso liebte wie die eigene Tochter Polly.
Den zweiten Platz auf Frederiks Liste nahm sein Sohn Clemens ein, der ebenfalls verheiratet und Vater von zwei Kindern war, der 9jährigen Greta und dem 7jährigen Carlo. Seine Frau Lena schaffte es auf bewundernswerte Weise Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen, während Clemens selbst eine steile Karriere im Polizeidienst hingelegt hatte.
Dritter im Bunde war der jüngste Sohn Lennart. Seit Jahren aus Überzeugung Single, hatte er (noch) keine Kinder, dafür aber einen Hund, der sich bei seinen Neffen und Nichten außerordent-licher Beliebtheit erfreute.
Frederik prüfte noch einmal den Kühlschrank und die Speisekammer, um sicherzugehen, dass er genügend Getränke für jeden Geschmack eingekauft hatte. Sogar an eine hübsche Tischdekoration hatte er gedacht. Hoffentlich fanden die Kinder die bunten Girlanden nicht allzu albern! Das Essen würde am nächsten Vormittag vom selben Catering-Service geliefert werden, bei dem er auch schon in den vergangenen Jahren das bunte Speisenangebot bestellt hatte. Diesmal hatte er extra viele süße und kindgerechte Überraschungen vorgesehen – es war ja schließlich ein runder Geburtstag! Zufrieden mit seiner Planung, legte sich Frederik ins Bett und schlief seinem Ehrentag entgegen.
Pünktlich um halb zwölf am Vormittag wurde das opulente Buffet geliefert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lieferservices gratulierten Frederik zum Geburtstag, platzierten in Windeseile die bestellten Köstlichkeiten auf dem langen Esstisch im Wohnzimmer und zogen sich anschließend diskret zurück.
Als er wieder allein in der großen Wohnung war, nahm Frederik eine kleine Servierplatte aus dem
Schrank, auf die er ein paar besonders leckere Häppchen vom Buffet legte und sie, sorgfältig mit Frischhaltefolie abgedeckt, im Kühlschrank verstaute. Diese „Reste“ vom Buffet würde er morgen als Mittagessen verzehren. Zu guter Letzt umrundete Frederik noch einmal den ganzen Tisch, rückte hier ein bisschen, zupfte dort ein wenig… – schließlich ließ er sich auf einem der Stühle nieder, schloss die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, wenn seine Kinder und Enkel gleich zur Tür hereinkämen, um ihm das ersehnte Geburtstagsständchen zu singen.
Etwa eine halbe Stunde verharrte Frederik reglos am Tisch, dann erhob er sich schwerfällig mit einem tiefen Seufzer. Im Arbeitszimmer zögerte er einen kurzen Augenblick, bevor er die unterste Schublade seines Schreibtischs öffnete und die liebevoll gestalteten Geburtstagseinladungen an seine Kinder und Kindeskinder herausnahm. Frederik bedachte die Briefumschläge nur mit einem kurzen, wehmütigen Blick dann warf er sie, beinahe achtlos, in den Papierkorb und griff zum Telefon. Die Nummer, die er genau einmal im Jahr wählte, kannte er auswendig. „Kinderheim Lichtblick, Angelika Huber am Apparat…“, meldete sich eine freundliche Frauenstimme.
„Schellendorf hier“, lautete Frederiks knappe Begrüßung, „Sie können jetzt kommen – es ist wieder viel übrig geblieben.“ Frau Huber schimpfte ein wenig darüber, dass die Mitglieder der Schellendorf-Familie immer so wenig essen würden, bedankte sich dann aber herzlich für die Spende, die von den Heimkindern schon mit großer Vorfreude erwartet wurde, und legte auf.
Schon eine halbe Stunde später, war der Fahrdienst vom Kinderheim zur Stelle, einer der jungen Männer fragte arglos: „Genauso wie im letzten Jahr, Herr Schellendorf?“ – „Genauso wie in jedem Jahr…“ antwortete Frederik und sah im Geist Freddy Frinton über das Tigerfell stolpern.
Als auch die letzte Kiste und das allerletzte Schälchen ihren Platz in dem Kleintransporter des Kinderheims gefunden hatten und die freundlichen Fahrer verschwunden waren, wurde es sehr still in der Wohnung. Wieder einmal geschafft! Um die Rückgabe der Kisten und des Geschirrs an den Catering-Service würde sich das Kinderheim kümmern.
Frederik nahm noch einmal an der leeren Tafel Platz und wurde plötzlich von tonnenschwerer Traurigkeit erfasst. Wie gerne hätte er Kinder und Enkel gehabt! Vielleicht hätte er Beate nur ein bisschen Zeit lassen müssen. Sie hatte ja niemals gesagt, dass sie gar keine Kinder wollte – nur zuerst wollte sie eben Karriere machen. Darüber hatte es immer wieder lange und unschöne Diskussionen gegeben. Frederik hatte Beate vorgehalten, dass er ja schließlich ein paar Jahre älter sei als sie und deshalb befürchtete, schon bald als Vater zu alt zu sein. Irgendwann hatte seine Frau den Druck nicht mehr ausgehalten, hatte ihm vorgeworfen, er habe sich völlig in seinen „Kinderwahn“ verrannt und dann war sie einfach aus seinem Leben verschwunden.
Frederik konnte sich nicht genau erinnern, wann er begonnen hatte, jedes Jahr zu seinem Geburtstag dieses Schauspiel zu inszenieren, nur, damit er sich wenigstens für ein paar Stunden einbilden konnte, er hätte Kinder und Enkel. Im Moment allerdings hatte er das Gefühl, dieses Lügentheater kein weiteres Mal mehr ertragen zu können. Welch ein verpfuschtes Leben! Er überlegte ernsthaft, ob es nicht besser wäre, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Andererseits war es aber vielleicht auch noch nicht zu spät, um etwas Neues anzufangen und wer konnte schon sagen, ob er denn tatsächlich der Supervater gewesen wäre, den er sich seit Jahrzehnten so lebhaft vorstellte.
Mitten hinein in seine trüben Gedanken, ertönte die Türglocke. Nanu? Hatten die Leute vom Kinderheim etwas vergessen? Frederik staunte nicht schlecht, als er die Tür öffnete und direkt in das lachende Gesicht seiner Nachbarin blickte. Sie mochte etwa in seinem Alter, vielleicht ein wenig jünger, sein und er hatte sie schon oft gesehen, wenn sie mit ihren zahlreichen Enkelkindern auf dem Spielplatz im Hof herumgetollt hatte. Allerdings hatte er niemals auch nur einen einzigen Satz mit ihr gewechselt – zu groß war der Neid!
Die Nachbarin, deren Name Frederik gerade entfallen war, rief fröhlich: „Alles Gute zum Geburtstag, Herr Schellendorf! – Ich dachte, wir könnten miteinander auf Ihren 70. anstoßen.“
Mit diesen Worten zog sie eine Flasche Rotwein unter ihrer Jacke hervor. „Darf ich hereinkommen? – Ich heiße übrigens Marianne.“ Damit war dann wenigstens das Namensproblem gelöst. „Äh…, ich heiße Frederik, aber das wissen Sie, äh… weißt Du wahrscheinlich…“, stammelte er unbeholfen. „Natürlich darfst Du hereinkommen, aber… äh…na ja, meine Familie…, also, meine Kinder…“ Frederik überlegte fieberhaft, ob er Marianne abwimmeln oder ihr vielleicht die Wahrheit über die gänzlich abgeräumte Tafel erzählen sollte, aber sie kam ihm zuvor, indem sie nur abwinkte und meinte: „Ich weiß doch Bescheid über Deine sogenannte Familie. Erst vorgestern habe ich mit Frau Schuricke aus dem dritten Stock geplaudert. Sie wohnt ja schon seit 40 Jahren hier und hat mir alles erzählt. Na ja, es hat eben jeder so seine kleinen Macken“.
Endlich trat Frederik einen Schritt beiseite, um seinen unerwarteten Geburtstagsgast einzulassen. Es wurde ein gemütlicher Abend, man trank Wein (zum Glück hatte Frederik ja noch ein paar mehr Flaschen eingekauft), vertilgte die „Reste“ vom Buffet aus dem Kühlschrank, redete über Gott und die Welt. Als Marianne schließlich ging, war es schon lange nach Mitternacht. Beim Abschied fragte sie Frederik, ob er nicht Lust hätte, sie manchmal bei der Betreuung ihrer Enkel zu unterstützen.
Fast ein wenig schüchtern, erwiderte er: „Ich habe da leider wenig Erfahrung, aber ich könnte es versuchen…!
Version 1 8.609 Zeichen
