Von Irmi Feldman

Die Vorbereitungen für Sir Lesters jährliches Sterben waren in vollem Gange. Wie immer an Silvester, wurden Marmorböden geschrubbt, Silber poliert, Vorhänge gereinigt, Teppiche ausgeklopft, und was sonst noch zur Sterbeprozedur gehörte, die im Schloss derer von Hamstring and Battenborough seit vierzig Jahren stattfand.

Sicher, im Laufe der Jahre war die Hektik weniger geworden, doch immer noch wuselten Diener, und andere Hilfskräfte, unter strikter Anleitung von James, dem Butler, aufgeregt durch die Räume. Dienstboten waren gekommen und gegangen, nur James war geblieben. Kleinwüchsig und fragil, stand er schon seit mehr als 55 Jahren mit Würde und Ergebenheit dem herrschaftlichen Haushalt vor.

Sir Lester selbst war eher gelassen. Sich einmal im Jahr auf seinen Tod vorzubereiten, war zur lieben Gewohnheit, ja sogar Tradition, geworden. Sein Sterbezimmer, das er nur einmal im Jahr betrat, war spartanisch eingerichtet: ein schmales Bett samt Nachttisch stellte das gesamte Mobiliar dar. Man brauchte schließlich Platz für die Trauernden, die sich nach seinem Tod um sein Bett drängen würden, um sich von dem allseits geschätzten Sir Lester zu verabschieden.

Die Sterbeprozedur war schlicht, doch akribisch geplant. Um 7:00 Uhr abends würde Sir Lester ein leichtes Abendessen zu sich nehmen und sich von seinen Bediensteten verabschieden. Eventuelle Hinterlassenschaften hatte Sir Lester schon vor Jahren geregelt. In ein schlichtes Nachtgewand gekleidet, würde er in sein Bett steigen und auf seinen Tod warten. Dabei war Sir Lester erst dreiundfünfzig Jahre alt. Wenn er am 1. Januar aufwachte, was das ganze Dorf inbrünstig hoffte, wurde ein riesiges Fest gefeiert, zu dem alle eingeladen waren.

Oft dachte Sir Lester daran, wie es angefangen hatte. Es war der Tag, an dem sein zwei Jahre älterer Bruder William, wild und ungestüm, und das Gegenteil von dem schmächtigen Lester, ins Internat geschickt wurde. Die Eltern hatten genug von ihrem Sohn, der nun endgültig die Grenzen das Annehmbaren überschritten hatte. Dabei waren Williams Eskapaden bis dahin eher Lausbubenstreiche als kriminelle Delikte gewesen, die der Vater mehr bewundert als bestraft hatte. Er war immer stolz gewesen, dass sein ältester Sohn ein richtiger Hamstring and Battenborough war und kein zimperlicher Weichling wie sein zweiter Sohn Lester. Diese Gewogenheit änderte sich, als William die Kirche im Dorf in Brand steckte und, was für den Vater fast noch schlimmer war, seinen liebsten Jagdhund vergiftete. Das Maß war voll. William musste ins Internat.

Lester, damals dreizehn Jahre alt, war erleichtert, dass Williams Streiche nun ein Ende haben würden. Wie oft hatte William ihm die mit Salz gefüllte Zuckerdose gereicht? Oder Essig als Saft angeboten. Oder mit Nägeln gespickte Kuchen zum Picknick gebracht.

William, zornig, dass er abgeschoben wurde, ließ sich für Lester noch einen allerletzten Streich einfallen, um dem abergläubischen Bruder das Leben gehörig zu versalzen.

Es war nach dem Frühstück gewesen, als William aufgeregt in Lesters Zimmer gelaufen kam. Er habe einen letzten Spaziergang im Wald gemacht, sei an dem kleinen Häuschen von Agatha, der Wahrsagerin, vorbeigekommen, und sie habe ihm eine Nachricht für Lester mitgegeben.

„Sag Lester, dass er an Silvester sterben wird.“

Lester war blass geworden. „Aber warum? An welchem Silvester? In welchem Jahr?“

„Weiß ich nicht“, sagte William.

„Warum hast du nicht gefragt?“, schrie Lester wie von Sinnen.

„Vergessen!“, rief William. Schon war er weg. Vor dem Schloss wartete die Kutsche, die ihn für immer von zu Hause wegbringen würde.

Das war der Tag, der Lesters Leben veränderte. Allein, denn geheiratet hatte er nie, führte er seitdem die jährliche Sterbeprozedur durch.

Unzählige Ärzte, Heiler, aber auch Quacksalber und dergleichen waren in den ersten Jahren ins Schloss berufen worden, um Lester diesen Unsinn auszureden. Umsonst. Er war davon überzeugt, dass er an einem Silvester sterben wird. Die ganze Gemeinde bemitleidete den armen Lester, dessen Leben von seinem bösen Bruder zerstört worden war. Es dauerte nicht lange, bis der Vater William enterbte.

Die Mutter, nie weit von der nächsten Ohnmacht entfernt, legte sich ins Bett und stand nie wieder auf. Bald darauf starb sie. Die Jahre zogen dahin. Vor acht Jahren war auch der Vater gestorben.

***

Doch dieses Silvester war anders. Lester hatte seinen lang verschollenen Bruder ausfindig gemacht. Er habe William verziehen, erklärte er dem erstaunten James, und ihn zum Silvesterabend eingeladen. Das Abendessen sollte üppiger sein als sonst, doch ansonsten würde man nichts an der jährlichen Sterbeprozedur ändern.

James erbleichte, als er William die Pforte öffnete. Auch wenn Lester William vergeben hatte, er, James, hatte es nicht.

Freudestrahlend umarmte Lester seinen Bruder.

Mein lieber William“, rief Lester. „Lass uns essen. Danach muss ich mich leider auf mein Sterben vorbereiten.“

William schaute ihn verwirrt an. „Was meinst du damit?“

„Hast du es etwa vergessen? Du warst es doch, der mir die Weissagung Agathas gebracht hat, dass ich an einem Silvester sterben werde. Seit vierzig Jahren bereite ich mich auf meinen Tod vor.“

„Aber das, das war doch nur ein Witz gewesen“, rief William aus. „Ein Spaß. Ich war erzürnt, weil ich ins Internat musste. Hast du das denn wirklich geglaubt?“

Lester lächelte.

„Nun, ich habe mich arrangiert“, sagte er. „Oder soll ich sagen, revanchiert?“

„Wie meinst du das?“

„Deine Streiche habe ich dir zurückgezahlt. Hundertfach! Tausendfach!“

„Aber, ich war doch gar nicht hier“, rief William.

„Dafür habe ich gesorgt.“ Lester lächelte.

„Aber wie?“

„Kannst du dich noch an Vaters Hund erinnern?“, fragte Lester.

„Natürlich, deswegen musste ich doch ins Internat. Glaub mir, ich hab ihn nicht vergiftet. Auch die Kirche habe ich nicht in Brand gesteckt.“

„Natürlich nicht“, sagte Lester. „Das war ich.“

„Du? Aber, du warst doch an jenem Tag gar nicht bei der Messe“, entgegnete William. „Wenn ich mich recht erinnere, hattest du die Grippe und lagst im Bett.“

„Klein und unscheinbar zu sein, hat seine Vorteile“, sagte Lester. „Man steht daneben und wird trotzdem nicht gesehen.“

„Aber warum? Warum hast du das getan?“

„Weil ich derjenige war, der ins Internat abgeschoben werden sollte.“

„Du?“

„Ich hörte, wie Vater Mutter beschuldigte, dass ich nicht sein leiblicher Sohn sei. Mutter, du weißt ja, wie sie war, ging Konflikten aus dem Weg, in dem sie ohnmächtig wurde. Du kannst dir vorstellen, wie erschrocken ich war, als Vater beschloss, mich ins Internat zu schicken.“

„Also, musste ich mir was überlegen“, fuhr Lester fort, „um dich an meiner Stelle loszuwerden. Das war nicht einfach, denn Vater hat dich immer schon mehr geliebt als mich. Doch der Brand in der Kirche und der tote Jagdhund, überzeugten ihn davon, was für ein schlechter Mensch du bist.“

Lester grinste.

„Und dann, – was Besseres konnte mir nicht passieren -, hast du mir diesen herrlichen Abschiedsstreich gespielt. Nun konnte ich den Verzweifelten spielen. Das ganze Dorf hat mit mir gelitten.“

William starrte ihn an.

„Dich, mein lieber William, habe ich immer im Auge behalten. Wenn bei Vater Gewissensbisse auftauchten, weil er seinen leiblichen Sohn abgeschoben hatte, sorgte ich für deinen nächsten Skandal. Die geplatzte Hochzeit, weil man dich in einer kompromittierenden Situation erwischt hat? Die lukrative Position im Ausland, die du nie bekommen hast? Die Ehrung des Militärs, die dann stillschweigend abgeblasen wurde? Das war alles mein Tun.“

„Aber warum?“ William war kreidebleich geworden.

„Weil ich dich schon immer gehasst habe. Du, der groß gewachsene, gutaussehende, von allen geliebte Sohn, der perfekt in diese Familie von stattlichen Männern passte. Du warst Vaters Liebling. Mich hat er nur geduldet. Erst als du weg warst, wurde ich Vaters Lieblingssohn.

„Aber, wenn du die Weissagung nie geglaubt hast, warum hast du dann nach Vaters Tod nicht damit aufgehört?“

„Nun, wegen James musste ich schon mit diesem Unsinn weitermachen. Der war doch von Anfang an dabei. Ich frage mich, was er weiß. Von meiner Herkunft. Von meinen, wie soll ich sagen, unrühmlichen Revanchen?“ Lester schmunzelte. „Vielleicht sollte ich ihn einfach loswerden? Seine Ehrerbietung geht mir gehörig auf die Nerven. Aber der alte Trottel scheint einen Narren an mir gefressen zu haben.“

„Warum erzählst du mir das alles? Jetzt?“, wollte William wissen.

Lester lachte.

„Ich fürchte, an diesem Silvester wird es wirklich einen Toten im Schloss geben. Obwohl Vater dich enterbt hat, hat er kurz vor seinem Tod noch eine Klausel in das Testament eingebaut. Solltest du in vierzig Jahren noch leben, würdest du der rechtmäßige Erbe sein. Davon hab ich erst vor zwei Wochen erfahren. Ich nehme an, er wollte zuletzt doch lieber seinen leiblichen Sohn als Nachfolger einsetzen. Und keinen Bastard wie mich.“

„Du willst mich umbringen“, rief William. Er sprang auf.

„Ist der Wein nicht exzellent?“

William stieß das Glass von sich.

In diesem Moment ging die Tür auf und James trat ein. Ohne ein Wort zu sagen, servierte er Kaffee und für jeden ein Mandelplätzchen. Mit langsamen Schritten verließ er den Saal. Erschöpft sank er vor der Tür auf einen StuhlAm ganzen Körper zitternd. Kreidebleich. Ein gebrochener Mann.

Hätte er nicht an der Tür lauschen sollen als die Brüder beim Essen saßen? Das machte er sonst nie. Aber er musste doch. William war hier. Der schlechte Bruder. Wer weiß, was er Sir Lester dieses Mal antun würde? Doch dann… James wollte nicht, konnte nicht daran denken. Und doch war es wahr: Nicht William war der Bösewicht, sondern Lester.

Lester, um den er sich sein ganzes Leben lang gekümmert hat. Ihn angebetet hat. Ihm unterwürfig jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat. Lester. Sein Sohn. Ein Monster.

Tränen liefen James übers faltige Gesicht. Langsam wischte er sie ab. Es war vorbei. Er hat getan, was getan werden musste. Das spezielle MandelplätzchenEigentlich war es ja für William bestimmt, aber dann entschied er sich anders.

V1; 9997z