Von Kornelia Wulf
Kalte Feuchte kriecht unter dem Schenkel entlang. Wie ein klammer Lappen, der einfach nicht trocknen mag. Ein lästiges Kitzeln die Wade hinauf. Ich spreize die Finger tatzengleich. Beim Kratzen landen sie in einer Schicht aus Schleim. Ruckhaft schnellt mein Arm zurück, beide Hände schütteln sich. Verwirrt reiße ich wieder die Lider auf. Träge hockt da eine fette Nacktschnecke auf blasser Haut und glotzt mich aus ihren Fühlern an.
Okay – das mit dem Weichtier ist neu.
Ein Frösteln zieht schneidend durch alle Glieder. Und irgendwas pfeift da. In meiner Lunge? Rasch ziehe ich mein Nachthemd über die Knie. Wie soll das hier nur weitergehen? Dass ich mich im Tau neben dem Pool wiederfinde, an jedem Tag zu einer Stunde, die selbst dem Morgen ein Grauen bereitet. Und vor Allem – wann fing es an? Mühsam sammele ich die verstreuten Gedanken zusammen. War es nicht … Juli? Hm …. nein, etwas später. Es begann in dieser lauen Spätsommernacht, nach langem Tag, an dem ich den Hans früh um fünf zum Flieger gebracht hatte. Mal wieder Dienstreise. Die Wange tief in den Kissen vergraben, ließ ich mich in die Arme des Schlafes fallen, die alle Spitzen des Tages geglättet hatten, malte dünnhäutige Traumblasen, als dieses Klirren in die Membran einbrach. Dann dieses Krachen, als berste eine Giganteneierschale.
Und plötzlich sah ich mich auf der Brücke stehen. Unter den Füßen splitternde Bohlen, sie drückten sich durch meine High-Heel-Sohlen. Die Hände wie Schalen um Schläfen und Wangen. Die Hirnhälften fest zusammenhaltend, versuchten sie den Kiefer vorm Ausrasten zu bewahren, während er in mir ein Zittern produzierte, das bis in die Zehen und Haarspitzen vibrierte. Dieser stumme Schrei, der jede Faser des Selbst dominierte. Als ich auf das Loch im Geländer stierte. Langsam senkte sich der Blick hinab unter die hölzerne Fläche, folgte dem Rhythmus der blauen Wellen, der sich mit dem Schlag meines Herzens verband und mir fast die Luft in der Halsregion abschnürte. Meine Augen schienen mit dem Strudel zu kreisen, der etwas glänzend Rotes aufsaugte, das gerade seine Kontur verlor – und ich den Verstand, schoss mir durch den Kopf, an dem ich in dem Moment zu zweifeln begann -, als ich auf die pelzige Pfote starrte, die aus dem wirbelnden Wasser ragte, auf dem ein einbeiniger Teddy schaukelte.
Dann ein Cut, hart und schwarz, kaum so lang wie ein Wimpernschlag, als kappe der Schlaf die Traumleuchtschnur ab. Seitdem finde ich mich an jedem Morgen auf der Grasnarbe wieder. Und wie ich hierhergekommen bin? Keinen blassen Schimmer. Im Sommer die Bisse von Milben und Mücken, die mich wie ein gefräßiges Heer umschwirrten. Mein Gott, wie das juckte! Und wenn das im Winter so weitergeht – meine Hand greift nach dem nassen Blatt, das auf der fröstelnden Nackenhaut klebt – werde ich erfrieren.
Vor ein paar Wochen hatte mich Hans zum Arzt geschleppt. „Mit dir stimmt doch was nicht.“ Da klang etwas in seiner Stimme mit, das mich aufhorchen ließ, als ich bleichschwankend das Haus betrat, während er frühmorgens beim Müsli saß. Es was einer dieser seltenen Momente, in denen wir Nähe wagten und ich seinem Blick keine Schranke setzte. „Du siehst schon aus wie ein Gespenst.“ Dass ihm das Sorgen mache, drängte er. Schließlich müsse er wieder fort für drei Tage. Der Kongress in Dubai. Oder ob ich den vielleicht vergessen habe?
Mein Doc hatte mich dann in die diagnostische Mangel genommen. Körperlich sei da nichts zu finden, erklärte er mit dieser lauen Honigmilchstimme, die in meinem Gehörgang klebte und diesem Blick, der mich aus seiner Praxis vertrieb.
Mein Blick schweift über die orangerot geäderte Fläche. Ich lasse das Nackenblatt auf den Teppich fallen, den der Herbst auf dem Pool gewoben hat. Nächste Woche Firma anrufen, die sich um die Reinigung kümmert, setze ich ganz oben auf die innere to do Liste. Oder einfach treiben lassen? Sozusagen als Schutzschicht gegen das Erinnern … Aber nein, das Laub lässt mich hängen. Und wieder tauchen all diese Bilder auf, gegen die ein Kescher nichts ausrichten kann.
Gerade hatte ich den Hans zum Flieger gebracht, ihm noch ein pflichtschuldiges Lächeln geschenkt. Dann im Affenzahn über die Autobahn, als klebe mein Fuß am Gaspedal. An der dritten Abfahrt auf die Landstraße. Immer geradeaus über die Flussbrücke. Scharf abgebogen ein paar Kilometer später. In die Sackgasse mit den fünf Häusern. Ganz hinten im letzten, da wohnt mein Yannis. In purer Idylle nahe am Waldrand. Aber vor Allem – diskret und verschwiegen. Schon auf der Brücke schien das Blut durch Adern zu schießen, unter den Hautschichten Hitze zu fluten. Und schon spürte ich sie auf meinem Körper wandern, diese wissenden Hände, von denen ich einfach nicht lassen kann. Die für mich gefährlich sind – Herrgott, wie die meinen Verstand verwandeln –, alles fließt, wie in einer aryuvedischen Wellness-Behandlung. Kurz streifte mein Finger den Klingelknopf, schon hatte er mich in seine Arme geschlossen. Ich spürte das Zerren an der Blusenleiste. Und während beim Öffnen die Knöpfe absprangen, tauchte ich ab in die andere Welt, in der man nur seufzendes Keuchen kennt. Wo Grenzen scharfe Kanten wie Krallen einziehen, alle Sinne taumelnd kreisen, bevor sie in wattigen Sphären schwirren. Und sich erst wieder selbstgehört, wenn man sich von ihr trennt. Behutsam berührte ich die Konturen der Haut. So weich das Gefühl – kurz sann ich ihm nach – fast, als lösten sie sich auf. Hey, wisperte es stumm, du darfst mir vertrauen. Irgendwann haben wir nach Atem gerungen, an Croissants gezupft, starken Kaffee getrunken – war es im Blau der Nachmittagsstunden? -, bevor es uns zurück in die Kissen trug.
Spät abends saßen wir bei Käse und Wein zusammen. Ich starrte durch das Fenster auf Fichtenzweigspitzen, die wie harzige Finger im Mondlicht wippten, das in dieser Nacht irgendwie verwaschen schien – oder vielleicht ein paar Schlucke Chablis zu viel, dachte ich – und legte die Hand fest auf den Glasrand, als er die dritte Flasche aus dem Regal nahm. Ich müsse jetzt endlich nach Hause fahren. Schon in ein paar Stunden käme Hans zurück, raunte ich und versuchte den geknickten Blick aus meiner Seele zu wischen. Sein „Komm, bleib bei mir.“, zerrte an mir. „Du musst jetzt endlich mit ihm sprechen“, rief Yannis mir noch beim Autotüröffnen zu, bei dem ich mich etwas wackelig fühlte.
Ein Luftballon schien in meinem Kopf zu schweben, die Profile der Reifen abzuheben, als ich versuchte, Spur zu halten, vorbei an den Häusern, in dem im ersten noch ein Zimmerlicht brannte. Kurz bevor ich die Brücke erreichte, drückte die Schwere sich in meine Lider, als hätte der Ballon sich in eine Bleikugel verwandelt. Ich schwöre – nur einen Moment sind sie zugefallen. Ist dann mein Fuß auf die Bremse geknallt? Die Erinnerung lebt hinter der Nebelwand. Ein gellendes Rot dominierte die Sinne. Ein stummer Schrei – hoffentlich sind sie nicht tot! -, während das Auto vor mir scharf nach links ausscherte. Und dieses Klirren – bitte lass es ein Traum sein! – als es durch das Geländer krachend in das dunkle Flusswasser stürzte. Ich versuchte den Blick von dem schaukelnden Rot zu lösen, das hilflos auf den Wellen trieb. Und konnte die Schnitte in der Seele nicht spüren. Alles in ihr schien ertaubt zu sein. Mein Blick irrte über Konsole und den Rückspiegel, in dem in der Ferne ein Fahrradlicht auftauchte. Ich weiß nicht mehr, wie es passieren konnte – vielleicht ein kleiner Panikfunke, der aus den Tiefen der Seele aufflammte? – wie ferngesteuert habe ich auf die Tube gedrückt, mich zu Hause dann in meinem Bett versteckt.
Schon am nächsten Tag konnte man es lesen. In allen Medien. Im Auto hätten Vater und Sohn gesessen. Die seien von einer Reise zurückgekommen. Auf den Fotos ein mutiger Held, der mit dem Fahrrad zur Nachschicht fuhr. Zur rechten Zeit am rechten Ort. Sagt man nicht so? Er habe alle drei gerettet, so ein Repost auf Instagram, sogar den Teddy von dem weinenden Kleinen, bevor der in den Fluten umkam. Das Kind sei gottseidank unversehrt, aber, welche Tragik, die Verletzung des Vaters. Der brauche nun ein prothetisches Bein.
Ich spüre kalte Feuchte auf meinen Schultern. Mechanisch die fallenden Blätter abstreifend – vielleicht auch die Zweifel? – stemme mich hoch, wanke durchs Gras, bis mich die rettende Wärme empfängt – gottseidank habe ich die Tür einen Spalt offengelassen. Jedes Mal. Dafür reicht er wohl noch, der Rest des Verstandes. Im Bad streife ich das feuchte Nachthemd ab, werfe es in den Waschkorb zu den anderen und nehme den Duschkopf in die Hand. Das warme Wasser klärt meine Gedanken. Und als habe es mein Zaudern aufgeweicht, scheint es mit dem Strahl gemeinsam durch den silbernen Ablauf zu fließen. Ich knote das Saunatuch fest auf der Brust. Genauso fühlte er sich an, mein Entschluss und husche hinüber ins Schlafzimmer. So geht das nicht weiter, ich muss mich stellen. Ich greife vorn auf dem Nachttisch nach meinem Handy. Und heute Abend mit dem Hans reden, wenn er von was-weiß-ich-woher nach Hause kommt. Noch fühlt es leicht an in meiner Hand, während die andere über das Display kreist. Und endlich die Affäre mit Yannis beenden. Mein Finger sucht die Null – ich atme tief durch – als ich die drei verpassten Anrufe auf der Telefon-App sehe. „Wo bist du? Ich brauch Dich!“ Wie weich seine Stimme auf der Mail-Box klingt. Und als ob im Hirn ein Schalter umspringe, spüre ich in ihm warme Tropfen fließen.
9403 Z.
