Von Sabine Rickert                                                   

The same procedure as every … Das letzte Mal war schon lange her. Wenn ich es aussprechen würde, wie oft wir in der jüngsten Vergangenheit Sex hatten, dann kämen mir die Tränen. In fünfundzwanzig Ehejahren hatte sich das Prozedere verändert. Wir waren jetzt Gewohnheitstiere und hatten mit den Jahren unmerklich die Romantik verloren. Schnell ein Nümmerchen zwischendurch. Die Ausreden, es nicht zu tun, wurden immer häufiger. Es war mittlerweile nur noch eine Art Pflichterfüllung.

Im Moment befasste ich mich gedanklich oft mit unserem Sexleben. Was könnten wir ändern? Wie bringen wir mehr Spannung in unser Liebesleben? Wenn ich die Reklame mit dem Lied „Es rappelt im Karton“ sah, fragte ich mich, was genau da rappelt. Welches Sextoy würde ich mir liefern lassen? Hm, würde ich denn? Ich hatte mal vor dem Fernseher erwähnt, dass der Inhalt des Kartons mich interessieren würde, da wir in einer sextoyfreien Wohnung leben. Das war es auch schon. Er sagte nichts. Hatte er überhaupt zugehört? Mir fehlte entweder der Mut oder die Lust, mich damit weiter näher zu beschäftigen. Keine Ahnung!

Unsere Kinder waren aus dem Haus, wir könnten in jedem Raum und zu jeder Zeit, das hieß, wenn wir frei hätten und nichts zu tun. Das war der Knackpunkt. Wir hatten immer etwas zu tun! Vor dem Fernseher einschlafen, ist ebenfalls eine intensive Tätigkeit. Ich bin reichlich fixiert auf das Thema. Sind das die Wechseljahre? 

Ich teilte meine Gedanken dem Gatten mit, nicht ohne einen Verbesserungsvorschlag parat zu haben.

Mir ist es wichtig, wenn ich etwas zu bemängeln habe, dass ich zumindest einen Lösungsansatz präsentiere. Somit schlug ich ihm vor, dass wir uns wieder neu kennenlernen könnten in Form eines Rollenspiels. Mein Gatte war Feuer und Flamme. Er hatte so viele Ideen, ich konnte so schnell gar nicht folgen. Hatte ich bei ihm eine Tür aufgestoßen?

Ich hörte nur … Hotelzimmer …, … an der Bar treffen …, … andere Namen …, … dein kleines Schwarzes … Wow, der Vorschlag ging ja ab wie eine Rakete.

Mein Mann buchte ein Hotelzimmer und wir fuhren am Wochenende los in unser Abenteuer. 

Nachdem wir uns für den Kennenlernabend fertig gestylt hatten, begaben wir uns getrennt hinunter zur Bar. 

Ich hatte mich herausgeputzt, war sogar vorher beim Friseur und im Nagelstudio. Ein neuer Style, ein frisches Make-up, fertig war die Mittfünfzigerin für das Rollenspiel mit dem Gatten.

Ich bewegte mich langsam durch die Bar und bestellte mir an der Theke einen Aperol. ER war nicht da, doch aus dem Augenwinkel sah ich, wie ER zur Tür hereinkam. Ich empfand eine leichte Aufregung, die mich amüsierte. Er steuerte direkt auf mich zu, grüßte und fragte: „Ist dieser Platz frei, schöne Frau?“

Ich nickte mit einer abweisenden Miene.

„Ich habe meine Nummer verloren, kann ich ihre haben?“

Das glaubte ich jetzt nicht, er vermasselte es mit dummen Sprüchen.

Die Aufregung war wie weggeblasen.

„Spendieren Sie mir erst einmal einen Drink, dann sehen wir weiter,“ antwortete ich kühl. War das zu nuttig? Ich kippte schnell den restlichen Aperol hinunter.

„Gerne, ich kann Spider-Man sein, Batman, Superman – oder dein Mann“, sagte er mit einer lasziven Stimme.

Ich hörte mich sagen: „Batman wäre gut.“ Er verdrehte die Augen.

Wir hatten das Flirten komplett verlernt. Er war früher so lustig und hatte Charme, und ich war schlagfertiger und weniger genervt. Ich fand diese Schauspielerei total blöd und fragte mich, was ich dort eigentlich verloren hatte. Das war mir zu mühsam, lieber eine schnelle Nummer, und ich würde morgen früh das Frühstücksbüfett, das Schwimmbad und die Sauna genießen. Gegebenenfalls ändern sich die Prioritäten mit fortgeschrittenen Alter. Doch zum Jammern war es zu spät. Wir stießen erst einmal an und stellten uns vor. 

„Ich bin Elena, und wer bist du?“, sagte ich mit verführerischem Unterton.

„Ich bin Hagen, dein Beschützer.“ 

Dieses Mal verdrehte ich die Augen. Er ließ sich davon aber nicht irritieren und fragte höflich, ob er mich zum Essen einladen dürfe. Ich stimmte dankend zu.

„Was spielt ihr denn da für eine Szene?“

Erschrocken drehten wir uns um und schauten in die Gesichter unserer liebsten Freunde Silke und Heinz.

Erleichtert, mit einer Mine des Bedauerns, sagte mein Batman: „Jetzt sind wir aufgeflogen, dann lasst uns doch lieber zu viert Essen. Hat heute Abend leider nicht geklappt!“

Zumindest ist Batman geflogen, zwar aufgeflogen, aber mehr konnte ich  heute Abend nicht erwarten.

Ich fragte mich die ganze Zeit, ob er die beiden bestellt hatte, um sich aus der Nummer raus zu schleichen. Er hatte schnell aufgegeben. Und wo kamen Silke und Heinz her? Wir hatten ein vermeintlich unbekanntes Hotel ausgewählt, weiter weg. Angeblich waren sie bei ihrer Mutter und nur auf der Durchreise. Das Restaurant war ihnen empfohlen worden. Ist egal, ich gebe zu, ich war ebenfalls erleichtert.

Der Abend war lustig, wir hatten mit Silke und Heinz Spaß. Nachdem wir das Rollenspiel gebeichtet hatten, kamen allerhand Ideen zur Aufbesserung des Ehelebens auf dem Tisch.

Gegen Mitternacht suchten wir leicht angeheitert unser Hotelzimmer auf.

Auf dem Bett stand ein Geschenkpäckchen mit meinem Namen.

„Oh, ist das von dir für mich?“

Er nickte und drängt mich, es sofort zu öffnen. 

„Ist es sexy Unterwäsche oder ein Negligé?“

„Nein, rappel doch mal am Karton.“

Wow, er hatte zugehört. Jetzt hatte er meine Neugierde geweckt.

Ein Würfel mit verschiedenen Stellungen, ein Kartenspiel, Handfesseln und Augenbinde. Fast wie für einen Spieleabend mit Freunden.

Doch es wurde frivoler mit Gleitgel, Nippelsauger und einem Vibrator mit einer langen Bedienungsanleitung. Der gab aber keinen Ton von sich. Im Karton lag ein Aufladekabel. Meine Neugierde war befriedigt!

„Der muss erst ans Netz, das wird heute Abend nichts mehr.“

Ich zog mich langsam aus, um meine neu erworbenen Dessous zu präsentieren, und flüsterte ihm verführerisch zu: „Wir können würfeln und eine Karte ziehen, dann schauen wir, wo es uns hinführt.“

Mein Mann starrte mich an, der Würfel fiel ihm aus der Hand. Er nahm mich in die Arme und sagte die magischen Worte, die ich schon eine ganze Weile vermisst hatte: „Ich liebe dich.“

 

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