Von Bernd Kleber
Es beginnt, ein neuer Tag: Der Wecker schreit wie eine alte Möwe, die versehentlich gegen eine Laterne geflogen ist. Ich öffne ein Auge, das falsche, denn alles bleibt verschwommen, als hätte jemand Butter auf meine Linse geschmiert. Das zweite Auge folgt widerwillig, wie ein Anwalt, der weiß, dass er einen verlorenen Fall vertritt.
Mein erster Gang führt mich in die Küche, wo die Kaffeemaschine mich anstarrt als wäre sie auch gerade erst erwacht. Ich drücke den Knopf. Sie röchelt wie ein Asthmatiker auf dem Mount Everest. Ich klopfe drauf: das hilft nie, aber es fühlt sich an, als hätte ich etwas getan. Das ist unser Ritual. Sie tut so, als würde sie arbeiten, und ich tue so, als würde ich nicht allmählich wahnsinnig werden.
Der Kaffee tropft so langsam wie ein Beamter, der Überstunden abfeiert. Ich starre in die Tasse. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist sie voll. Ich trinke. Es schmeckt wie Maggi mit angebranntem Etwas.
Nun zum Frühstück. Ich öffne den Kühlschrank. Im Innern ein einsamer Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum vorgestern sich für den Denkmalschutz qualifiziert hat, eine Gurke, die so schrumpelig ist, dass sie aussieht wie der Finger einer uralten Hexe, und drei Becher Senf. Ich liebe Senf. Natürlich Bautzener! Nein, auch Düsseldorfer. Gelungene Ost-West-Union. Aber nicht zum Frühstück. Das wäre wie mit Skiern ins Schwimmbad zu gehen. Technisch möglich, aber furchtbar auffällig.
Ich nehme den Joghurt und rühre darin, nachdem ich die widerspenstige Folie gelöst habe. Der Löffel klackert gegen den Becherrand. Klack. Klack. Klack. Es ist mein persönlicher Morgentakt, mein einsamer Ohrwurm aus Plastik und Frustration. War das nicht gestern schon so? Ich denke nach.
Der Löffel fällt immer runter. Ja genau! Jeden Morgen. Ich erinnere mich plötzlich. Gestern, vorgestern … wie lange geht das schon so?
Ich balanciere den Löffel auf dem Joghurtbecher, während ich die Wohnung durchquere, ein Drahtseilakt, das weiß ich jetzt genau. Déjà-vu?
Er fällt. Ich fluche. Mein Fluch ist exakt derselbe wie gestern: „Du elender, krümmungselastischer Krückstock-Schaufelersatz!“ Ja, ich weiß. Nicht sehr kreativ. Aber es ist 7:15 Uhr. Um diese Zeit ist mein Gehirn so leistungsfähig wie ein Toastbrot in einer Musikschule.
Dann das Badezimmer. Ach, das Badezimmer. Hier wiederholt sich die Tragödie in drei Akten. Akt eins: Ich suche die Zahnbürste. Sie ist immer genau dort, wo ich sie hingelegt habe. Wenn ich nur wüsste wo das war.
Ich finde sie hinter der Klorolle. Keine Ahnung, wie sie dahin kam. Vielleicht wandert sie nachts. Vielleicht leben Zahnbürsten ihr eigenes geheimes Doppelleben. Meine heißt Günther und lacht mich aus, das weiß ich genau.
Akt zwei: Die Zahnpastatube. Sie ist so leer wie das Versprechen eines Politikers vor der Wahl. Ich kämpfe mit ihr wie mit einem nassen Waschlappen. Rolle sie zusammen, drücke, quetsche, bettle. Am Ende kommt ein kleiner, verzweifelter Zahnpastawurm heraus, der aussieht, als würde er gleich nach seiner Mutter rufen. Es reicht für drei Zähne. Ich entscheide mich für die, die man frontal sieht. Pragmatismus.
Akt drei: Der Blick in den Spiegel. Und da ist er, der tägliche Gruß des Murmeltiers. Das Gesicht, das mich anschaut, ist genau dasselbe wie gestern: müde, aber nicht kaputt; zerknautscht, aber nicht besiegt. Die Augenringe haben die Farbe von altem Auberginenmus. Ich blinzle. Mein Spiegelbild blinzelt zurück. Wir sind uns einig: Heute wird kein guter Tag. Aber das ist okay. Wir hatten schon schlechtere.
Ah! Die Katze. Meine Katze… sie heißt Miezbert, und sie hasst mich. Jeden Morgen sitzt sie vor der Wohnungstür und starrt mich an wie ein Gerichtsvollzieher, der seinen Job nicht mehr mag. Ihr Blick sagt: Du schuldest mir Leckerlis. Seit 2019.
Ich gebe ihr Leckerlis. Sie frisst sie nicht. Sie will nur, dass ich leide. Das ist ihr Hobby. Neben Mäuse jagen und meinen Teppich in kleine Fasern zerkratzen. Die Dose mit dem Futter, das auf dem Deckel verspricht, einem Schatz Gold gleich zu kommen, öffne ich und stelle sie neben das Katzenklo, welches ich auch noch leer schippe.
Dann der Höhepunkt des Vormittags: Das Anziehen der Jacke. Dieser Vorgang ist eine Wissenschaft für sich. Linker Arm rein … klappt wie immer. Rechter Arm findet das Loch erst nach drei Versuchen. Mein Arm taucht aus dem Ärmel auf wie ein Maulwurf, der gerade merkt, dass er im falschen Garten gelandet ist und voll Panik in Miezberts Gesicht schaut.
Ich reiße den Reißverschluss auf. Er beißt mir in den Finger. Exakt derselbe Finger wie gestern. Exakt dieselbe Stelle. Ich könnte einen Kalender nach meinen Reißverschluss-Narben führen.
Die Schuhe. Jeden Tag binde ich sie. Jeden Tag gehen sie auf. Ich binde sie doppelt. Dreifach. Ich mache Knoten, die ein Pfadfinder nicht mal mit einem Taschenmesser und der Unterstützung durch einen Exorzisten lösen könnte. Die Schuhe lachen. Sie wissen, dass sie um 10:15 Uhr, direkt vor der Bäckerei, aufgehen werden. Punktlandung. Da stolpere ich dann jedes Mal. Ich erinnere mich jetzt ganz genau. Und mir wird unheimlich. Was ist das. Wo bin ich?
Draußen, der Bürgersteig. Derselbe. Und die gleiche dreckige Pfütze, in die ich gestern gewatschelt bin. Heute überspringe ich sie mit der Anmut eines Flusspferds auf Rollschuhen. Ein Passant lacht. Der gleiche Passant wie gestern? Vielleicht. Vielleicht ist er auch im Loop gefangen. Wir grüßen uns nicht. Wir sind Feinde, verdammt noch mal. Er hat gesehen, wie ich in die Pfütze gelatscht bin. Das verzeiht man nicht.
Und dann, der tägliche Höhepunkt: Die Bäckerei. Der Duft von Schrippen, die so frisch sind, dass man sie fast singen hört. Ich kaufe etwas. Immer das gleiche: Schusterjunge und Streuselschnecke. Der Bäcker kennt mich. Er nennt mich „Mr. Immergleich“. Ich nenne ihn „Herr-meine-Fresse-schon-wieder-ein-Schusterjunge-plus-Streuselschnecke-jawoll“. Er lacht. Ich lache. Wir beide wissen, dass wir in einer Endlosschleife gefangen sind, aber seine Backware ist es verdammt noch mal wert.
Ich beiße in die Schnecke. Und da ist es für einen Moment. Dieses kleine, schmackhafte Glück. Wie eine Umarmung von innen. Wie die Erkenntnis, dass man die Fernbedienung doch auf dem Sofa gefunden hat, direkt neben der eigenen Hand.
Der Rest des Tages? Gleiches Procedere. Meeting: gähn. Excel-Tabelle: öde. Bitte um Pause: abgelehnt. Nach Hause gehen: endlos. Abendessen: lieblos. Katze streicheln: mechanisch. Ins Bett fallen: schwerelos.
Aber jedes Mal, bevor ich einschlafe, sage ich den Satz. Den einen Satz, der alles zusammenhält. Der die Bedeutungslosigkeit der Wiederholung in eine seltsame, knorrige Poesie verwandelt. Ich flüstere in mein Kissen:
„Na gut. Dann eben nochmal. Aber morgen früh … da kaufe ich ein Körnerbrötchen und ein Eclair. Zur Abwechslung.“
Das tue ich nicht. Ich kaufe wieder immergleich. Und weißt du was? Das ist okay.
Denn jeden Tag grüßt das Murmeltier.
Und jeden Tag klickert das Murmeltier freundlich zurück: „Morjen. Schön, dat de wieder da bist.“
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