Von Marianne Apfelstedt

Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war ein Martiniglas mit zitronengelbem Drink, auf dem Minzblätter schwammen. Im einen Augenblick saß sie auf einem Barhocker und im nächsten erwachte sie hier mitten in der Nacht auf dem Gehsteig. Dazwischen Sendepause. Skyla setzte sich auf, ballte die Hände zu Fäusten und wischte sie an der Hose ab. Nicht schon wieder.
„Herzlichen Dank, Sandy!“, rief sie in die dunkle Straße. Mühsam kam sie auf die Beine, der matte Schein der Straßenlampe beleuchtete wieder einmal die Bahnhofstraße. Gelb kann ich auch streichen. Sie griff in die Innentasche ihrer Bomberjacke und fand ihr Handy, Schlüssel und eine Geldbörse. Mit entschlossenen Schritten lief sie durch die Nacht nach Hause. Jeden Abend zog es sie in diese Bar. Während sie die anderen Gäste beobachtete, auf der Suche nach einem Hinweis, trank sie Cocktails. Im Morgengrauen erwachte sie immer in der Bahnhofstraße, ohne eine Erinnerung an die Nacht, bis auf den Drink.
Zitternd vor Müdigkeit kam sie vor ihrem Wohnhaus an. Mühsam schleppte sie sich die Treppen in den dritten Stock. Am Küchentresen lag ein Zettel mit den Namen verschiedener Getränke und den Worten Rot und Grün. Jedes Wort mit einem Kreuz durchgestrichen. Sie schrieb Gelb dazu und strich es ebenfalls durch. Wie hatte Sandy gesagt, du musst nur den Richtigen finden und trinken, und schwupps, das war’s. Von wegen. Unzählige Cocktails später steckte sie immer noch fest.
Unter der heißen Dusche wurde ihr langsam wärmer. Im Schlafzimmer stellte sie den Wecker und hoffte auf ein ungewohntes Erwachen im Tageslicht.

Sie erwacht nicht vom Klingeln des Weckers, sondern vom Mondschein, der durch das Fenster direkt auf ihr Gesicht strahlte, wie jeden Abend. Der Radiowecker zeigte wie gestern den 13. Mai an. Genau wie an den Tagen zuvor. Skyla schälte sich aus ihrem Schlafshirt und schlüpfte in ihre Lieblingsjeans. Seltsam, sonst saß die nicht so locker. Sie zog einen Hoody über das Top und verstaute Handy, Schlüssel und Geldbörse in den Taschen. Wie immer schob sie sich die Haarsträhnen hinter die Ohren. Heute versuche ich mal mein Glück mit Lila.

Auf dem Bildschirm erleuchtete ein Club im Neon-Look der 80er. Gut besucht, mit jungen Männern und Frauen. Am Tresen bekamen sie Cocktails in allen Farben des Regenbogens. Zwei Barkeeper kreierten neue Drinks für die durstigen Kehlen. Leise Barmusik untermalte die Gesprächskulisse. Eine Lady mit glatten Haaren nippte an einem Glas mit einem lila Cocktail, an dessen Rand eine Ananas steckte. Sie beobachtete die anderen Gäste.

Im Gamingstuhl saß eine Frau mit grauen Haarsträhnen, die sie sich hinter die Ohren geklemmt hatte. Die Rechte auf der Maus, die Linke hing schlaff herunter. Die knochigen Unterarme schauten aus den T-Shirt-Ärmeln hervor. Ihre Augen starrten auf den Bildschirm, ohne zu blinzeln. Die Lippen fest zusammengepresst. Bei jedem Spawn ihrer weiblichen Spielfigur folgte ein kurzer Blackout und ein weiterer schwarzer Tentakel wandte sich aus der Maus ihren Arm entlang. Begierig saugend. Die Menschenhaut war schon lange nicht mehr rosa.

Aus dem DAB-Radio am Fensterbrett ertönten zu jeder vollen Stunde die Nachrichten.
Am Ende der Nachrichten möchten wir eine Warnung weitergeben.
Es sind vermehrt Todesfälle aufgetreten in Verbindung mit einer virtuellen Spielsequenz, die sich „Merry go round“ nennt. Dieses Spiel wird über das Darknet verbreitet. Falls sie Hinweise haben, nehmen Sie mit der Zentralstelle für Cybercrime Kontakt auf.

In der gleichen Stadt, nur zwei Straßen weiter.
Robin setzt sich mit einem Teller Spaghetti und einem Pils an seinen Schreibtisch. Sein Freund Marvin hat ihm von einem krassen neuen Game erzählt, das er heute endlich ausprobieren wollte. Er startet sein Notebook und gibt „Merry go round in die Adressleiste ein.

 

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