Von Marianne Apfelstedt
Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war ein Martiniglas mit zitronengelbem Drink, auf dem Minzblätter schwammen. Im einen Augenblick saß sie noch auf einem Barhocker und im nächsten erwachte sie hier mitten in der Nacht auf dem Gehsteig. Dazwischen Sendepause. Skyla setzte sich auf, ballte die Hände zu Fäusten und wischte sie an der Hose ab. Nicht schon wieder.
„Herzlichen Dank, Sandy!“, rief sie in die dunkle Straße. Mühsam kam sie auf die Beine, der matte Schein der Straßenlampe beleuchtete wieder einmal die Bahnhofstraße. „Gelbe “ Sie griff in die Innentasche ihrer Bomberjacke und fand ihr Handy, Schlüssel und eine Geldbörse. Mit entschlossenen Schritten lief sie durch die Nacht nach Hause. Jeden Abend zog es sie in diese Bar. Während sie die anderen Gäste beobachtete, auf der Suche nach einem Hinweis, trank sie Cocktails. Im Morgengrauen erwachte sie immer in der Bahnhofstraße, ohne eine Erinnerung an die Nacht, bis auf den Drink. Wie fremdbestimmt setzen sich ihre Beine in Bewegung, zurück nach Hause. Im Schlafzimmer stellte sie den Wecker und hoffte auf ein ungewohntes Erwachen im Tageslicht.
Stunden später in der realen Welt.
Zitternd vor Müdigkeit kam Skyla vor ihrem Wohnhaus an, der Regen überraschte sie auf dem nach Hause Weg. Der kurze Weg in den Supermarkt hatte sie erschöpft. Mühsam schleppte sie sich die Treppen in den dritten Stock hoch. Am Küchentresen lag ein Zettel mit den Namen verschiedener Getränke und Farben. Jedes Wort mit einem Kreuz durchgestrichen. Das letzte Wort in der Reihe war Gelb, ebenfalls gestrichen. Wie hatte ihre Freundin Sandy gesagt, du musst nur den Richtigen finden und trinken, und schwupps, findest du, dass Easter Egg. Von wegen. Unzählige Cocktails später steckte sie immer noch auf der gleichen Ebene fest. Sie brauchte dieses Hoch, wenn sie das nächste Level im Game erreichte. Ihr Avatar konnte alles sein, was die reale Skyla nicht war. Eigentlich wollte Sandy ihr einen Tipp für ihr Vorwärtskommen geben, doch sie erreichte nur ihre Mailbox. Bestimmt hatte Sandy beschlossen, das Game alleine zu knacken, damit sie die Siegesprämie nicht teilen musste. Frustriert räumte sie die Fertigmenüs und den Energiedrink in den Kühlschrank. Essen konnte sie auch später, erst führte sie ihr Weg ins Bad. Unter der heißen Dusche wurde ihr langsam wärmer. Im Schlafanzug legte sie sich auf das Sofa und schlief sofort ein.
Sie erwachte nicht vom Klingeln des Weckers, sondern vom Mondschein, der durch das Fenster direkt auf ihr Gesicht strahlte, wie jeden Abend. Der Radiowecker zeigte wie gestern den 13. Mai an. Genau wie an den Tagen zuvor. Skyla schälte sich aus ihrem Schlafshirt und schlüpfte in ihre Lieblingsjeans. Sie zog einen Hoody über das Top und verstaute Handy, Schlüssel und Geldbörse in den Taschen. Wie immer schob sie sich die Haarsträhnen hinter die Ohren. Heute versuche ich mal mein Glück mit Lila.
Auf dem Bildschirm leuchtete ein Club im Neon-Look der 80er. Gut besucht, mit jungen Männern und Frauen. Am Tresen bekamen sie Cocktails in allen Farben des Regenbogens. Zwei Barkeeper kreierten neue Drinks für die durstigen Kehlen. Leise Barmusik untermalte die Gesprächskulisse. Eine Lady mit glatten Haaren nippte an einem Glas mit einem lila Cocktail, an dessen Rand ein Ananasstück steckte. Sie beobachtete die anderen Gäste.
Skyla saß im Gamingstuhl, die grauen Haarsträhnen hatte sie sich wie immer hinter die Ohren geklemmt. Die Rechte auf der Maus, die Linke hing schlaff herunter. Die knochigen Unterarme schauten aus den T-Shirt-Ärmeln hervor. Ihre Augen starrten auf den Bildschirm, ohne zu blinzeln. Die Lippen fest zusammengepresst. Bei jedem Spawn ihrer weiblichen Spielfigur folgte ein kurzer Blackout und ein weiterer schwarzer Tentakel wandte sich aus der Maus ihren Arm entlang, bohrte sich in eine Vene. Mikroskopische Partikel breiteten sich aus, hefteten sich an die Blutplättchen und strömten mit der Atemluft in das Zimmer. Die Menschenhaut war schon lange nicht mehr rosig. Diese Partikel verbanden sich zu einem blutroten Faden, der sich in die Ladebuchse des Handys drängte, das neben dem Laptop lag. Dort vereinte er sich wieder mit dem Kollektivbewusstsein im Datenstrom.
Die humanoide Spezies auf diesem Planeten war sehr brauchbar als Ernährungsquelle. So leicht zu manipulieren. So willenlos. Jetzt mussten nur noch andere Möglichkeiten der Nahrungsaufnahme installiert werden.
In der gleichen Stadt, nur zwei Straßen weiter.
Robin setzt sich mit einem Teller Spaghetti und einem Pils an seinen Schreibtisch. Sein Freund Marvin hat ihm von einem krassen neuen Game erzählt, das er heute endlich ausprobieren wollte. Dieses Spiel hatte er aus dem Darknet heruntergeladen. Angeblich sollte es einen Zusammenhang mit mehreren ungeklärten Todesfällen und diesem Game geben. Er hatte schon viele Gerüchte darüber gehört. Er startet sein Notebook und gibt „Merry go round“ in die Adressleiste ein.
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