Von Andreas Schröter
Levy hasste seinen Job. Warum um alles in der Welt musste er mit 14 Jahren schon arbeiten? Er sollte sich mit seinen Freunden treffen. Oder vielleicht auch versuchen, in die Nähe von Magda zu kommen. Erst neulich hatte er überrascht festgestellt, dass ihr Körper anders beschaffen war als seiner und dass das durchaus nicht uninteressant war. Doch sein Vater war anderer Ansicht: „Du bist alt genug, um etwas zum Lebensunterhalt beizutragen.“
Noch mehr hasste Levy, was genau er tun musste: Er war Begräbnishelfer bei seinem Onkel, dem örtlichen Bestatter. Konnte man noch mehr Pech haben? Wenn er wenigstens in der Korbflechterei schräg gegenüber seinem Elternhaus hätte arbeiten dürfen … Aber nein, Levys Onkel musste ja ausgerechnet Bestatter sein, und sein Vater bestand darauf – wahrscheinlich wegen irgendwelcher familiären Bindungen –, dass Levy genau dort arbeitete.
Also liefen Levys Tage seit nun schon sechs Wochen immer gleich ab: Leichen waschen, Leichen mit irgendeinem stinkenden Öl einreiben, Leichen mit Tüchern zudecken. Was genau sollte das? Er hatte seinen Onkel danach gefragt: „Onkel, warum genau muss eine Leiche abgewaschen werden?“ – „Stell nicht so viele Fragen, das machen wir schon immer so.“ – „Onkel, und warum muss eine Leiche mit Öl eingerieben werden?“ – „Stell nicht so viele …“ und so weiter. Levy konnte sich selbst denken, warum das mit dem Öl sein musste: um andere Gerüche, die noch viel unangenehmer waren, zu überdecken. Denn sie wohnten in einer Gegend, in der es im Sommer verdammt heiß werden konnte. Folglich kamen sie mit den Totenzeremonien oft gar nicht so schnell hinterher, um dem Verwesungsprozess zuvorzukommen. Warum starben eigentlich so viele Leute? Doch sicher nur, um ihn, Levy, zu ärgern.
Trotz der immer gleichen Abläufe hatte sich Levy auch nach sechs Wochen noch nicht daran gewöhnt, die Toten anzufassen. Aber das musste er wohl, wenn er die Tätigkeiten ausüben wollte, die sein sadistischer Onkel von ihm verlangte.
So unsympathisch Levy seinen Vorgesetzten auch fand: Noch schlimmer war es, wenn der ihn mit den Leichen ganz allein ließ: „Mach schon mal weiter, ich gehe mal kurz auf den Markt, bin in einer halben Stunde wieder da.“ Im flackernden Licht der Öllampen, die mitunter Bewegungen vorgaukelten, die es nicht gab, verrichtete er dann in der Verfassung einer leichten Grundpanik seine Aufgaben. Was, wenn jemand noch gar nicht ganz tot wäre? Nicht auszudenken, dass er sich plötzlich aufrichten und zu Levy sagen würde: „Lass die Finger von mir!“ – oder etwas Ähnliches. Levy war vollkommen sicher, dass er selbst dann augenblicklich die echte Leiche wäre – verstorben wegen plötzlichen Herzversagens.
Der Tag, um den es in dieser Erzählung gehen soll, begann wie alle anderen. Levy war gerade dabei, eine frisch hereingekommene Leiche zu waschen, als sein Onkel sagte: „Ich gehe mal eben zum Markt, mach du schon mal weiter.“ Levy ließ sich nicht anmerken, dass ihm diese Ankündigung auch diesmal wieder einen leichten Schauer über den Rücken jagte, denn sie bedeutete schließlich wieder einmal, dass er die nächsten Stunden – sein Onkel brauchte immer viel länger als die angekündigten 30 Minuten – mit der Leiche allein wäre.
Es passierte, als Levy fast fertig mit der Waschung war. Er musste sich nur noch das Gesicht vornehmen, wobei er sich immer besonders bemühte, haarscharf an der Leiche vorbei ins Leere zu blicken und gleichzeitig sehr intensiv an Magdas Rundungen zu denken. Als er gerade beginnen wollte, meinte er, aus den Augenwinkeln eine winzige Bewegung am Fußende der Leiche wahrzunehmen, woraufhin er sofort von dem Toten abließ und drei Schritte zurücktrat. Er schaute genauer auf die Zehen der Leiche. Hatten sie sich bewegt? Nein, sie lagen so still wie zuvor. Das Flackern der Öllampe. Außerdem gab es hier Eidechsen. Jetzt sah er tatsächlich eines der Tiere davonhuschen. Erleichtert atmete Levy aus. Das hier war dennoch kein Job für ihn. Er würde es seinem Onkel gleich morgen sagen. Sein Vater musste das einfach verstehen. Levy drehte sich vom Toten weg, um nach dem Öltiegel zu greifen, als er erneut den Eindruck hatte, eine Bewegung an der Leiche wahrzunehmen. Hatte etwa die Hand kurz gezuckt?
Levy wäre lieber ein tapfererer Mann gewesen, der über solche Hirngespinste lachte, aber das war er nun mal nicht. Er spürte, wie sich die Härchen auf seinen Unterarmen aufrichteten und er das ausgesprochen dringende Bedürfnis verspürte, diesen Ort augenblicklich zu verlassen, um draußen auf die Rückkehr des Onkels zu warten. Stattdessen stand er nun stocksteif einen halben Meter vor dem Toten, unfähig, auch nur die winzigste Bewegung auszuführen. Denn jetzt war etwas hinzugekommen, das die Lage dramatisch verschärfte: Die Augenlider des Toten flackerten ganz unübersehbar. Und erst als die vermeintliche Leiche ein leises Stöhnen vernehmen ließ, kam wieder Bewegung in Levy. Er stürzte in die hinterste Ecke des Raums und versteckte sich hinter einem Tisch, auf dem der Onkel alle für die Behandlung der Toten notwendigen Utensilien aufbewahrte.
Als sich der Körper, den er eben noch gewaschen hatte, nun langsam aufrichtete, erlitt Levy dann doch nicht den erwarteten Herzschlag, auch wenn sicher nicht viel dazu fehlte. Das geschah auch nicht, als der Tote gänzlich aufstand, sich zögernd auf den Ausgang zubewegte und den Ort des Geschehens verließ.
Levy wiederum folgte ihm nur zwei Minuten später laut schreiend. Seinem Onkel und auch seinem Vater erklärte er noch am selben Tag, nie wieder als Begräbnishelfer arbeiten zu wollen. Er fand nur wenige Tage später tatsächlich eine Stelle als Korbflechtergehilfe. Ein weiterer positiver Begleitumstand dieses Jobwechsels war, dass die kleine Magda gelegentlich neue Körbe für ihre Mutter bei ihm kaufte.
Seltsam eigentlich, dass diese Begebenheit in keiner einzigen Auferstehungsgeschichte über Jesus Christus erwähnt wird.
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