Von Daniela Seitz
„Ich weiß nicht mehr, ob ich dich liebe…“
Ich hatte es bereits vorher aus deinem Verhalten abgelesen. Ich hatte es gewusst, nur weil du endlich die Tür zu deinem Büro zugemacht hast. So oft hatte ich darauf bestanden, dass du sie schließt, damit wir den angrenzenden Flur nicht beheizen. Nie hast du dich an unsere Vereinbarung gehalten. Hast immer alle Türen hinter dir offengelassen und unsere Heizkosten in die Höhe getrieben. Bis du emotionalen Abstand brauchtest.
„Wenn das Raumschiff Enterprise hier landet, dann steige ich ein und bin sofort weg.“
In dieser „Erstes-Date-Plauderei“ war der Satz nur als Betonung gedacht, um deiner Fanbegeisterung Ausdruck zu verleihen. Doch mein Radar nahm es als Warnung, dass du mit Warpgeschwindigkeit vor schwierigen Situationen entfliehst.
Soviel Zeit habe ich damit verbracht, zu lauschen, ob dein Auto vor dem Haus endlich parkt. So oft bin ich alleine ins Bett gegangen, ohne mit dir über unseren Tag reden zu können. So einsam war ich, weil die Erwartung, Zeit miteinander zu verbringen, meine Definition von zusammen sein ist.
„Ich weiß, wir sind erst zwei Wochen zusammen, aber würdest du mit mir Kinder bekommen?“
Deine erste Verunsicherung beim Erklimmen des Meilensteins Hochzeit haben wir überlebt. Wenn auch um den Preis meiner romantischen Idealisierungen, die wie Glasscherben überall auf dem Boden verstreut lagen. Ich ließ die Hoffnung leben, wenigstens Kinder mit dir zu haben, bevor sich die Verunsicherung wiederholt. Denn ich liebe dich, obwohl ich dich kenne. Und du konntest ja gar nicht abwarten, sicher zu sein, dass ich dir Kinder schenken werde. Doch diese Hoffnung ist gestorben. Dabei wäre es ein Geschenk gewesen, das deinen Verlust nicht wettmacht, aber erträglich.
„Ich möchte alle Munros* erkunden.“
Mir war nicht klar, dass jedes einzelne Kind jeweils einen weiteren Meilenstein darstellt. Denn dich, den Menschen, kann ich lesen. Aber darauf verwende ich alle Kraft. Und die Hochzeit gab mir Sicherheit. Daher wollte mein Verstand es nicht einsehen, dass der Kinderwunsch als Meilenstein für dich unbezwingbarer werden würde als der Mount Everest. Allerdings habe ich auch nicht mit den monatlichen Enttäuschungen gerechnet, die sich mit jeder Blutung immer wieder aufs Neue einstellten.
„Natürlich möchte ich noch Sex. Was für eine Frage.“
Doch ich hatte dir diese Frage gestellt, weil ich schon vor dir erkannt hatte, dass du meine Nähe nicht mehr erträgst. Meinem Radar entgeht kein noch so kleines Signal. Mein Radar ist immer auf Dauerempfang. Ich kann es nicht kontrollieren, geschweige denn ein- und ausschalten.
Auf andere wirke ich einsam, weil ich kaum Freunde habe. Beim ersten Mal befürchtete meine Mutter, dass ich Selbstmord begehe, wenn du mich verlässt. Denn keiner sieht meine Last. Mein Radar. Und wenn es doch erkannt wird, wird es positiv verherrlicht. Als sozial kompetent.
In meinem Inneren weiß ich, dass ich dies nur für eine gewisse Anzahl an Menschen schaffe. Dass ich andere Menschen nicht aushalten kann, weil mein Radar sich in jeden einfühlt, selbst wenn er nur als Kunde an meinem Arbeitstisch sitzt.
Es ist jeden Tag das Gleiche. Ich bin täglich emotional erschöpft, noch bevor ich eigene Konflikte habe. Ausgelaugt durch eine erlernte kreative Kalibrierung meines Gehirns, die nie selbst gewählt war und nicht rückgängig zu machen ist, weil sie überlebensnotwendig war.
Jetzt ist keine Energie übrig für unseren Konflikt.
Mir wurde gesagt, ich könne nur in der Wahrnehmung bleiben, ohne mich absorbieren zu lassen, und so verhindern, dass ich meine Energie in vielen kleinen Stückchen bei anderen lasse.
Doch das ist eine aktive Grenzsetzung, die mir schwerfällt.
War ich doch so stolz, die Hebelwirkung in meinem Sofakampf mit meiner Mutter entdeckt zu haben. Die Beine gegen das Sofa gestemmt, mit dem Rücken meine mich auf dem Sofa festhaltende Mutter zu Boden gerungen zu haben. Obwohl ich Kind und sie erwachsen war. Und erntete nur verletzten, schweigenden Liebesentzug. Das prägte mir ein: Einer erfolgreichen Grenzsetzung folgt Liebesentzug!
Heute weiß ich, dass meine Mutter eine Erziehungsmethode ausübte, die jetzt scharf in der Kritik steht, weil sie die Betroffenen traumatisiert.
Du bist genauso mit diesem Radar ausgestattet wie ich. Weshalb es dich gleichzeitig umbringt, wie du mich behandelst. Doch etliche berufliche Umbrüche und auch die Kinderwunschenttäuschung haben deinen Energieverlust so maximiert, dass keine Emotionen für mich übriggeblieben sind.
Ich versprach Aussprache ohne Konsequenzen. Wie beim ersten Mal.
Doch beim ersten Mal war es ein „Ich weiß nicht, ob…“.
Jetzt ist es ein „Ich möchte deine Nähe nicht mehr“.
Also habe ich dir beim Kofferpacken geholfen.
Meine Entscheidung.
Nicht deine.
V2 4788 Zeichen ohne Anmerkungen
Anmerkungen:
* Als Munro wird ein schottischer Berg klassifiziert, wenn er höher als 3000 ft (914,4 m) ist und sein Gipfel eine (nicht exakt definierte) „gewisse Eigenständigkeit“ aufweist.
https://www.tagesspiegel.de/gesundheit/und-bist-du-nicht-willig-1160716.html
https://www.aurum-cordis.de/hochsensibilitaet-und-trauma
