Von Daniela Seitz

Du sagtest, du weißt nicht mehr, ob du mich liebst.

Und ich hatte es bereits vorher aus deinem Verhalten abgelesen. Ich hatte es gewusst, nur weil du endlich die Tür zu deinem Büro zugemacht hast. So oft hatte ich darauf bestanden, dass du sie schließt, damit wir den angrenzenden Flur nicht beheizen. Nie hast du dich an unsere Vereinbarung gehalten. Hast immer alle Türen hinter dir offengelassen und unsere Heizkosten in die Höhe getrieben. Bis du Abstand brauchtest.

Du erzähltest bei unserem ersten Date, dass du sofort in das Raumschiff Enterprise einsteigen würdest. Ohne zurückzuschauen oder irgendjemanden Bescheid zu sagen, wenn es doch nur bei dir landen würde.

In der Unterhaltung war es nur als Betonung gedacht, um deiner Fanbegeisterung Ausdruck zu verleihen. Doch mein Bauchgefühl nahm es als Warnung, dass du mit Warpgeschwindigkeit vor schwierigen Situationen entfliehst. Die Zeit zeigt, dass du mit deinen Problemen nicht nach Hause kommen konntest. Einfach lange weggeblieben bist ohne Chance auf Aufarbeitung.

Deine erste Verunsicherung haben wir überlebt. Wenn auch um den Preis meiner Sicherheit. Ich ließ die Hoffnung leben, wenigstens Kinder mit dir zu haben, bevor es wieder losgeht. Denn ich liebe dich, obwohl ich dich kenne. Doch diese Hoffnung ist gestorben. Dabei wäre es ein Geschenk gewesen, das deinen Verlust nicht wettmacht, aber erträglich macht.

Du hast behauptet, immer noch intim werden zu wollen.

Doch ich hatte dir diese Frage gestellt, weil ich schon vor dir erkannt habe, dass du meine Nähe nicht mehr erträgst. Meinem Radar entgeht kein noch so kleines Signal. Mein Radar ist immer auf Dauerempfang. Ich kann es nicht kontrollieren, geschweige denn ein- und ausschalten.

Auf andere wirke ich einsam, weil ich kaum Freunde habe. Beim ersten Mal befürchtete meine Mutter, dass ich Selbstmord begehe, wenn du mich verlässt. Denn keiner sieht meine Last. Mein Radar. Und wenn es doch erkannt wird, wird es positiv verherrlicht. Als sozial kompetent.

In meinem Inneren weiß ich, dass ich dies nur für eine gewisse Anzahl an Menschen schaffe. Dass ich andere Menschen nicht aushalten kann, weil mein Radar sich in jeden einfühlt, selbst wenn er nur als Kunde an meinem Arbeitstisch sitzt.

Es ist jeden Tag das Gleiche. Ich bin täglich emotional erschöpft, noch bevor ich eigene Konflikte habe. Ausgelaugt durch eine erlernte kreative Kalibrierung meines Gehirns, die nie selbst gewählt war und nicht rückgängig zu machen ist, weil sie überlebensnotwendig war.

Jetzt ist keine Energie übrig für unseren Konflikt.

Mir wurde gesagt, ich könne nur in der Wahrnehmung bleiben, ohne mich absorbieren zu lassen, und so verhindern, dass ich meine Energie in vielen kleinen Stückchen bei anderen lasse.

Doch das ist eine aktive Grenzsetzung, die mir schwerfällt.

War ich doch so stolz, die Hebelwirkung in meinem Sofakampf mit meiner Mutter entdeckt zu haben. Die Beine gegen das Sofa gestemmt, mit dem Rücken meine mich auf dem Sofa festhaltende Mutter zu Boden gerungen zu haben. Obwohl ich Kind und sie erwachsen war. Und erntete nur verletzten, schweigenden Liebesentzug. Das prägte mir ein: Einer erfolgreichen Grenzsetzung folgt Liebesentzug!

Du wusstest nicht weiter. Denn du bist genauso mit diesem Radar ausgestattet wie ich. Weshalb es dich gleichzeitig umbringt, wie du mich behandelst. Doch etliche berufliche Umbrüche und auch die Kinderwunschenttäuschung haben deinen Energieverlust so maximiert, dass keine Emotionen für mich übriggeblieben sind.

Ich versprach Aussprache ohne Konsequenzen. Wie beim ersten Mal.

Doch beim ersten Mal war es ein „Ich weiß nicht, ob…“.

Jetzt ist es ein „Ich möchte deine Nähe nicht mehr“.

Also habe ich dir beim Koffer packen geholfen.

Meine Entscheidung.

Nicht deine.

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