Von Björn D. Neumann

 

Wolllust, Alexandria 48 v. Chr.

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Seit Wochen marschierten wir durch die ägyptische Wüste. Der Mund war staubig, die Muskeln schmerzten.  Bis wir endlich Alexandria erreichten. Mein Name ist Antonius Valerius Corvus, Centurio der Legio VI Victrix. Caesars persönliche Elite-Legion aus Veteranen, die ihn schon von Anfang an begleitete. Wir alle waren ihm treu ergeben und folgten ihm bis zum Tartarus, dem Schlund der Hölle. Wir jagten den Verräter Gnaeus Pompeius Magnus, der nach Alexandria geflohen war und bei der königlichen Familie Schutz suchte. Diese warf uns die Gabininianer, eine Armee ehemaliger römischer Soldaten, entgegen. Wir hingegen griffen die ägyptische Flotte an. Alexandrias Hafen stand in Flammen und drohte selbst die berühmte Bibliothek in Mitleidenschaft zu ziehen. Während wir im Schweiß in unserer Rüstung kochten, verhandelte Caesar mit der Schönheit Kleopatra und drohte ebenfalls zu verbrennen. Im Feuer der Begierde. Die Diplomatie der beiden setzte dem Morden vorerst ein Ende. Doch der Rubikon war längst überschritten und die Zukunft sollte ins Verderben führen. Müde sank ich auf mein Lager und hoffte, dass ein blind verliebter Herrscher nicht unser Unglück sein würde.

Habgier, Paris 886

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Heil Odin! Mehrere Wochen waren wir die Seine aufwärts durchs Frankenland gefahren, bis wir endlich vor Paris lagen. Ich bin Magnus Svensson. Däne und Kapitän eines Drachenboots. Unsere Anführer sind Rollo und Siegfried. Fast ein Jahr belagerten wir die Stadt, die von Graf Odo und Bischof Gauzlin verteidigt wurde. Immer noch weigerten sie sich, uns Tribut zu zahlen. Dabei schwimmen die Franken in Gold. Unserem Gold! Immer und immer wieder scheiterten unsere Angriffe an den Befestigungsanlagen und wir plünderten stattdessen die Dörfer der Umgebung. Vor kurzem kam König Karl mit einem großen Heer. Doch anstatt wie ein Krieger zu kämpfen, brachte er uns Kisten mit Gold. Dieser Feigling. Nun, dann ziehen wir weiter. Die Normandie soll ja zu dieser Jahreszeit wunderschön sein. Ich legte mich unter die Ruderbank und träumte von einem einfachen Leben auf einem kleinen Landgut.

Hochmut, Agincourt 1415

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Ich bin Antoine de Varennes. Mehrere Wochen trieben wir die englischen Bauern, die sich englische Armee nannten, durch Frankreich. Sie fanden keinen Übergang über die Somme. Alle Furten und Brücken waren durch uns besetzt und somit der Zugang nach Calais versperrt. Mehrere hundert Meilen musste das Heer dieser ungebildeten Barbaren unter ihrem vermeintlichen Kriegerkönig Henry V. jetzt schon marschieren. Ein verlauster, von Seuchen geplagter Haufen. Zu erbärmlich, um gegen die Blüte des französischen Adels anzutreten. Wir waren siegessicher. Auf einen englischen Bauern kamen 3 französische Ritter. Ich nahm, unter Kommando des Herzogs von Orléans, Aufstellung in der zweiten Angriffsreihe. Wir befanden uns in der Nähe des Dörfchens Agincourt. Auf meinem Schimmel Le Beau sitzend, klappte ich das Visier runter und legte die Lanze ein. Als ich nach oben blickte, verdunkelte sich der Himmel und ein unheilvolles Sirren ertönte. Dann bohrte sich ein englischer Pfeil durch den Sehschlitz des Helmes meines Freundes. Nach der Schlacht fiel ich erschöpft und glücklich, noch am Leben zu sein, in einen tiefen Schlaf. Ich träumte davon, dass eine Welt kommen würde, in der die Jagd nach Ruhm und Titeln einen nicht blind ins Verderben stürzte.

Völlerei, Lützen 1632

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Der Nebel war fast undurchdringlich. Man sah fast nichts. Es war so, als würde er uns alle verschlingen. So wie uns dieser Krieg seit 14 Jahren alle verschlang. In seinem Hunger gnadenlos und unersättlich. Ich, Anton Müller, Leutnant der Musketiere der kaiserlichen Armee, kämpfte für den katholischen Glauben. Gegenüber stand uns das protestantische Heer unter dem schwedischen König Gustav-Adolf. Unser Anführer war Wallenstein, ein von Ehrgeiz zerfressener Befehlshaber. Immer mehr und mehr Einfluss sammelte er. Auf dem Rücken uns einfacher Soldaten. In einem waren sich die hohen Herren aber alle gleich. Am Abend saßen sie in ihren Zelten. Fraßen und soffen. Während wir hungernd am Lagerfeuer saßen. Gestern haben wir den schwedischen Tross überfallen, dessen Vorräte geplündert und die Frauen geschändet. Wenigstens knurrte uns in der Nacht der Magen nicht mehr. Haben wir die Schlacht gewonnen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kam mir der schwedische König vor die Muskete. Sein Leichnam wurde geplündert und misshandelt. Wallensteins Ruhm und damit auch seine Sünden wuchsen weiter. Ermattet schlief ich ein und hoffte, dass ungehemmter Hunger nach Macht oder ein anderer Glaube, nicht mehr zu Mord und Totschlag führten.

Zorn, Waterloo 1815

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Hier standen wir nun in Belgien zur Schlacht. Mein Name ist Phillipe de Villeneuve, Grenadier der Garde impériale. Gedemütigte Eliteeinheit, des verbannten Napoleon Bonaparte. Wir empfingen ihn unter ‘Vive l’Empereur’-Jubelschreien zurück aus dem Exil auf der Insel Elba. Mit Wut und Entschlossenheit bahnten wir uns unseren Weg bis vor die Tore Brüssels. Gegenüber unser Erzfeind – der Duke of Wellington. Unsere Augen funkelten unter riesigen Bärenfellmützen. Im festen Willen, das französische Kaiserreich erblühen zu lassen. In Raserei kämpften wir uns durch den Pulverdampf. Bis.. ja, bis der Ruf ‘La Garde recule!’ erscholl. Die Garde zieht sich zurück! Panik brach aus. Kameraden fielen und die Schlacht war verloren. Am Lagerfeuer nickte ich ein. In meinem Traum widersetzte ich mich dem blinden Zorn eines gedemütigten Anführers.

Neid, Verdun 1916

Ich wurde durch den Schrei des Raben geweckt. Seit Wochen prasselte der Regen unaufhörlich auf uns nieder. Die Welt bestand nur noch aus Schlamm. Der Schützengraben war unser Zuhause. Kalt, nass und dreckig. Reckte man den Kopf, traf einen die Kugel eines Scharfschützen. Wagte der Gegenüber einen Sturmangriff, mähte man ihn mit dem MG um. Und wenn dann doch ein Feind durchbrach, gab man ihm mit dem Bajonett den Rest. Zwischendurch gingen Granaten und Giftgas auf einen herab. Mein Name ist Wilhelm Schumann. Feldwebel bei den Sturmtruppen der 5. Armee. Als Soldat im Glauben an Kaiser und Vaterland, bin ich singend in diesen Krieg gezogen. Die Wacht am Rhein. Gegen den Erbfeind Frankreich, gegen die Arroganz der Engländer und die Unkultiviertheit des Russen. Ein Krieg der Kaiser, Könige und Zaren. Unter der Gasmaske schlief ich ein und träumte, dass ein Familienstreit, in dem der eine dem anderen die Flottengröße, kolonialen Besitzungen oder Stellung in der Welt neidet, nicht Millionen Opfer fordert.

Trägheit, Washington 2028

Ich erwachte, als ein Rabe krachend gegen die Fensterscheibe schlug. Heute hatte ich Dienst im Oval Office. Mein Name ist Marc Miller und ich war für die Sicherheit des Präsidenten verantwortlich. Die Lage war angespannt. Russlands Expansionspolitik nahm immer beängstigendere Züge an. Nachdem die Ukraine gefallen war, fiel der Blick des russischen Staatspräsidenten auf andere Nachbarländer. Heute Nacht ist das letzte Tabu gebrochen und mit Estland das erste NATO-Land angegriffen worden. Unser Präsident ist nicht mehr zurechnungsfähig. Seine Entscheidungen sind von impulsiven Wutausbrüchen geprägt. Kein Berater hatte den Mut oder Entschlossenheit, dem etwas entgegenzusetzen. Alle sahen zu. Auch als er den Atom-Koffer, den Football, anforderte. Mit zitternden Händen hielt ich ihm den geöffneten Koffer entgegen. Zu ängstlich, mich zu widersetzen. Hilfesuchend ging mein Blick zu den Beratern des Präsidenten, die still und müde zu Boden blickten. Wieder zu Hause fiel ich todmüde ins Bett. Ich träumte von einer Demokratie, die nicht das Schicksal der Welt in die Hände eines Mannes legte und ihn untätig gewähren ließ. Ein greller Blitz weckte mich auf.

In ferner Zukunft

Raben gibt es nicht mehr. Die paar noch lebenden Menschen haben sich in die Steinwüsten einer vergangenen Zivilisation verkrochen. Jeder Tag ist ein Kampf um Nahrung und das pure Überleben mit einfachsten Mitteln. Heute hat sich eine Bande aus der anderen Ruine unsere Vorräte unter den Nagel gerissen. Wir bewaffnen uns mit Steinen und werden zurückschlagen. Einen Namen habe ich nicht. Am Lagerfeuer erzählen wir uns Legenden aus der alten Zeit. Auf dem Weg in den Kampf kommen wir an einer Steinmauer vorbei. Merkwürdige Zeichen sind dort eingeritzt. Ich verstehe sie nicht

‘Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten werden die Menschen mit Stöcken und Steinen kämpfen. – Albert Einstein’

Es sieht aus wie eine Warnung und ich spüre, dass der Traum einer friedlichen Zukunft ausgeträumt ist.

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