Von Amelie Honsuki, 

 

Jeden Abend geschieht es. Fast jeden! Der Zeiger kriecht zur Neun, das Licht unter der Tür erlischt, und das Kind weiß: Gleich ist es so weit. Die Decke wird zur Falltür, das Kopfkissen zum Absprungbrett. Und dann, nichts wie los.

 

Draußen wartet der Heuwagen. Nicht echt, natürlich, sondern die eine Möglichkeit, die immer da ist, wenn die Dunkelheit die Konturen verschluckt. Das Kind springt auf, greift nach den Holzlatten und spürt, wie die Räder sich zu drehen beginnen. Es rumpelt, wie es jeden Abend rumpelt. Die Steine der Einfahrt werden zu Felsbrocken, die Schlaglöcher zu Abgründen. Jeder Stoß, jeder Ruck, so vorhersehbar wie das Tickern der alten Wanduhr. Ein Uhrwerk aus Schmerzen und Gewohnheit.

 

Der Wagen holpert über die erste Wurzel. Es klappert im Kreuz, genau da, wo gestern schon ein blauer Fleck pochte. Das Kind beißt die Zähne zusammen. Es ist wie immer. Wie die Sekunde, bevor der Wecker klingelt. Wie der Geschmack trockenen Brotes. Es kennt diesen Geschmack, aber der ist so fade.

 

Doch dann der grüne Wald. Er rauscht heran wie ein Vorhang aus Moos und Farn. Und dort, am Wegesrand, stehen sie schon. Rotkäppchen, den Korb am Arm, ruft: „Nicht aufgeben! Gleich hast du es geschafft!“ Hinter ihr zwinkert der Wolf, der heute ausnahmsweise zahm ist, und wedelt mit dem Schwanz. Die sieben Zwerge, aufgereiht wie eine Perlenkette, schwenken ihre Lampions. „Hop, hop!“, ruft einer, und der mit der Brille ruft: „Du bist stärker, als du denkst!“ Die Bremer Stadtmusikanten stimmen ein heiseres Lied an, und selbst Rumpelstilzchen, sonst grantig, tanzt einen Freudentanz. Sie alle kennen das Kind. Sie sehen es jeden Abend vorbeirumpeln.

 

Das Kind winkt. Das Rütteln wird für einen Moment leichter.

 

Dann biegt der Wagen in die Schlaglochpiste ein. Es holpert, dass die Zähne klappern. Jeder Stoß sitzt wie ein kleiner Dolch. Das Kind presst die Hand auf die Stelle, wo das Gesäß auf dem Bretterboden aufschlägt, immer dieselbe Stelle, jeden Abend dieselbe Stelle. Ein feiner, heißer Schmerz, der sich hinter den Augen als Träne sammelt. Das Kind schluckt. Es ist nur eine Träne. Nur eine von vielen. Man kann sie runterschlucken, wie eine Tablette gegen das, was wehtut. Gestern hatte es das geschafft und morgen wird es wieder so sein.

 

Und dann der lichte Moment. Die Waldlichtung. Dort, auf dem samtenen Hügel, sitzt die Familie Hase. Die Großen mit den aufrechten Ohren, die Kleinen kugelrund und flauschig. Sie mümmeln an den Grashalmen, die sich unter ihren Pfötchen wie grüne Fäden spannen. Der Vaterhase hebt die Pfote. „Noch ein Stück!“, ruft er. Die Mutter nippt an einem Gänseblümchen und lächelt. „Braver Mensch! Du schaffst es!“, piepst das Kleinste. Das Kind lächelt. Echt jetzt. Ein wildes, echtes Lächeln, so hell wie der Mondschein, der durchs Laub filtert. Denn genau diese Hasen, genau dieses Bild ist der Anker. Der eine Baum, an den man sich klammert, wenn der Strom einen fortreißen will.

 

Der Wagen biegt ab. Die Hasen verschwinden hinter dem Nebelvorhang. Jetzt wird der Weg steinig. Jeder dieser Steine ein kleiner Verrat. Das Kind hält sich an den Holzsprossen fest, die Knöchel weiß vor Spannung. Die letzte Rumpelstrecke ist die schlimmste. Sie dauert genauso lang wie gestern. Wie vorgestern. Wie letzte Woche. Sie ist wie ein Ohrwurm, den man nicht abschalten kann. Man zählt die Stöße mit: eins, die verlorenen Versprechen, zwei, die Türen, die zufallen, drei, der Moment, wenn der Vater wieder geht.

 

Dann. Stille.

 

Der Heuwagen hält. Das Kind springt ab, die Füße auf weichem Moos. Das Märchenland atmet. Die Bäume flüstern. Und das Kind weiß: Es ist zu Ende. Der Weg ist geschafft. Es kann die Augen schließen.

 

In der Ferne hört es noch die Rufe der Zwerge: „Bis morgen!“ Aber das Kind antwortet nicht mehr. Es legt sich hin, rollt sich zusammen wie der junge Hase im Bau. Die Decke riecht nach Heu und nach Anstrengung. Die Träne von vorhin ist längst getrocknet.

 

Morgen wird der Wecker wieder klingeln. Morgen wird der Vater früh gehen, bevor das Kind überhaupt die Augen aufschlägt. Das ist kein Geheimnis. Es ist das Grundrauschen des Lebens. Das Echo einer Tür, die ins Leere fällt. Aber jetzt ist Nacht. Jetzt hat das Rumpeln aufgehört. Jetzt darf der Schmerz ruhen. Das Kind atmet aus, langsam, wie einen letzten Gruß an den Tag.

 

Und dann schläft es endlich.

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