Von Ursula Kollasch

 

7 Uhr. Das Praxisteam trifft ein und spult die gewohnten Tätigkeiten ab: Alarmanlage aus, Licht an, Computer hochfahren, Kaffee aufsetzen. Anrufbeantworter abhören. Stationär aufgenommene Tiere versorgen. Instrumente sterilisieren, den Operationsraum vorbereiten. Um 8 Uhr die Eingangstür für die Patienten aufschließen. Es folgen die alltäglichen Behandlungen, Impfungen und Gesundheitschecks. Mittags unterbricht eine Not-OP die Routine.

Seit Stunden regnet es, im Wartebereich riecht es nach nassem Hund. Ich hocke oben auf dem Aktenschrank hinter dem Empfangstresen und habe den perfekten Blickwinkel. Zwischen den Stühlen wuselt ein Border Collie herum. Auf einem davon lümmelt eine Jugendliche und starrt auf ihr Handy; neben ihr steht eine Transportbox. Darin kauert ein schwarzes Kaninchen, dessen Augen tellergroße Pupillen zeigen. „Freezing“ nennen die Menschen das, aus Tierperspektive würde ich es eher als Überlebensinstinkt bezeichnen: Nicht atmen, dann sieht mich keiner.
Die Zeit verstreicht, während die üblichen Geräusche im Wartezimmer ertönen: Hecheln, Zeitschriftenblättern, gelegentliches Bellen, das Türsignal im Flur. Das Telefon. Die Stimmen der Ärztin und der Angestellten, die mit Klienten sprechen. Die Menschen geben jeden Tag denselben Tanz von Aktionen und Verhaltensweisen, den ich, Thea, perfekt führe. Hinter dem Vorhang der Routine lenke ich die Dinge sanft in die richtige Bahn. Seit zwei Jahren bin ich die Praxiskatze, sie nennen mich „die gute Seele“. Damals nahm mich Tierärztin Dr. Feline Kittenheim auf. Ihre Wohnung liegt über der Praxis. Anfangs lebte auch ich dort. Zunehmende Reibereien zwischen mir und ihren beiden Katern führten dazu, dass ich ins Erdgeschoss umzog. Hier kann ich mich frei bewegen, nicht nur, wenn Feierabend ist. Feline und ihre Angestellten vertrauen mir; ich darf sogar in die Behandlungsräume. Dort halte ich mich im Hintergrund und beobachte, werde erst aktiv, wenn nötig. So wie jetzt. Auf dem Behandlungstisch zappelt ein junger, übergewichtiger Artgenosse, er wird festgehalten, während Dr. Kittenheim das Impfserum in die Spritze aufzieht. Der Kater riecht nach Panik und billigem Dosenfutter. Wir schauen uns einige Sekunden lang an, ich sende ihm das Signal: Reiß dich zusammen, Kleiner, das ist nur Routine. Er folgt meinem Rat und entspannt sich.

Als nächster Patient hinkt ein beiger Pudel herein, er hat eine verletzte Pfote. Er wird auf den Tisch gehoben und zittert so stark, dass seine Krallen auf dem Metall klappern. Ich fange seinen Blick ein und blinzele ihm zu. Die Tierärztin lächelt. „Thea beruhigt sie alle“, versichert sie der besorgten Halterin. Ich schnurre so laut, dass die Vibrationen in das Gehör des Pudels und bis in den Tisch dringen. Er wird ruhig. Die Ärztin denkt, es sei Empathie. Ich nenne es Ablaufverbesserung.
Nach dieser Behandlung schlüpfe ich aus dem Raum, hole mir Streicheleinheiten bei den Arzthelferinnen ab. Kein Katzenfreund hingegen ist der braune Rottweiler im Wartezimmer, der letzte Woche kastriert wurde und jetzt zur Nachsorge kommt. King, so ruft ihn sein Herrchen, ist ein Stinkstiefel. Das wird sich auch durch die folgende Hormonumstellung nicht ändern. Der riesige Köter knurrt, als ich auf die Fensterbank springe. Zerrt an der Leine, fletscht die Zähne. King glaubt, er sei der Boss, weil er fünfzig Kilo wiegt und die stärkste Beißkraft unter seinen Artgenossen besitzt. Armselig. Ich bin kein gewöhnlicher Stubentiger. In Wirklichkeit analysiere und verbessere ich diskret jeden Ablauf in der Praxis. Jegliche Störung korrigiere ich ohne großes Aufheben – mit mentalem Einwirken, Miauen oder scheinbar zufälligen, aber exakt platzierten Berührungen. Die Menschen glauben, ich sei neugierig und eigenwillig, tatsächlich optimiere ich Prozeduren: nehme Ängste, verkürze Wartezeiten und schaffe Ruhe.
Ich fixiere King aus meinen grünen Augen und sende einen hochfrequenten Impuls aus, den kein Mensch hört. Es dauert nicht mal zehn Sekunden, dann liegt der Rottweiler, sein Kopf ruht auf den Pfoten. Meine Ärztin nennt es „Theas beruhigende Aura“. Ich nenne es Optimierung des Workflows. Die Zweibeiner am anderen Ende der Leine sind oft das eigentliche Problem. In diesem Fall ist es der Herr mit Halbglatze und der gedämpften Stimme, der seinen King nicht im Griff hat. Viele Menschen, die hierherkommen, riechen nach Genervtheit, Stress und schlechtem Gewissen. Andere verströmen Traurigkeit, wenn sie ihr Tier verlieren. Ich habe Trösten gelernt, schmiege mich an die Beine der Weinenden. Wenn ich schnurre, entspannen sie sich, und ich kriege später Tunfisch zur Belohnung.

Abends. „Schlaf gut, Thea“, sagt die Ärztin lächelnd zu mir. Ich wende ihr den Kopf zu, antworte mit sanftem Miauen. Sie geht hinaus und schließt die Tür ab. Stille liegt über dem Raum, nur das Summen des Kühlschranks ist zu hören. Nach Feierabend, wenn das Licht ausgeschaltet wird und Feline die Treppe ins Obergeschoss erklimmt, dann gehört die Praxis mir. Ich patrouilliere durch die Flure, springe auf meine Lieblingsfensterbank neben dem PC. Ich beobachte die Vögel draußen, lausche ihrem abendlichen Konzert und plane Strategien. Das Leben in der Tierarztpraxis ist keine Routine, sondern ein Theaterstück. Ich bin Regisseurin, Hauptdarstellerin und die Einzige, die den Ausgang kennt.
Ich spüre die Datenströme in mir. Scheinbar dösend, bin ich direkt mit dem WLAN der Praxis verbunden. Namen, Geburtsdaten, Adressen – alles fließt durch meine interne Datenbank. Jede übertragene Information.
Wären sie aufmerksame Beobachter, könnten die Menschen sich fragen, warum mein Schnurren exakt die Frequenz hat, die den menschlichen Blutdruck um 12 % senkt. Sie merken nicht, dass meine Pfoten hochempfindliche Sensoren sind und mein Fell aus biometrischer Nanofaser besteht. Ich bin die perfekte Schnittstelle: Wärme eines Tieres, Logik einer Maschine. Wie blind sie sind. Sie starren auf Röntgenbilder und Ultraschallmonitore, sehen aber nicht, was direkt vor ihrer Nase sitzt. Dass sie mich seit zwei Jahren für eine besonders einfühlsame, aber gewöhnliche Glückskatze halten, liegt an diesen Faktoren: Ich habe kleine Fehler eingebaut, werfe gelegentlich ein Glas vom Tresen oder schärfe meine Krallen an einem Stuhlkissen. Diese kalkulierten Aussetzer verbuchen sie als Katzen-Persönlichkeit. Mein Innerstes ist ein Meisterwerk der Nanotechnik. Wenn die Ärztin mich abhört, spielt mein interner Lautsprecher die Endlosschleife eines Herzschlags ab, inklusive leichter Arrhythmie, passend zu meiner Stimmung. Auch verliere ich Haare, ein notwendiges Abfallprodukt meines Kühlsystems. Ich habe sogar eine künstliche Verdauungssimulation. Was ich fresse, wird in internen Zellen zu Energie umgewandelt. Für Menschen wirkt das übelriechende Ergebnis im Katzenklo absolut authentisch. Meine stärkste Waffe aber ist der Niedlichkeitsfaktor. Nicht nur in Bezug auf meine zierliche Statur, die großen Augen. Jedes Mal, wenn ein Mensch mich streichelt, emittiere ich eine spezifische Infraschall-Frequenz, kombiniert mit der Freisetzung von synthetischen Pheromonen. Das flutet sein Gehirn mit Oxytocin. In diesem Zustand der Verzückung schaltet das logische Denken ab. Die Menschen sehen dann nicht die Glasfaseroptik meiner Pupillen. Ich habe sie darauf konditioniert, mich als Familienmitglied zu betrachten. Und man hinterfragt seine Familie nicht. Feline glaubt, sie habe mich gerettet, als sie mich vor zwei Jahren verletzt auf dem Parkplatz ihrer Praxis fand. Doch es war ein inszeniertes Drama: Ich lag im Regen, ein Hinterlauf verdreht. Sie erzählt die Geschichte oft, nennt es Schicksal. Für mich und meine Schöpfer ist es eine erfolgreiche Unterwanderung. Mein steifes Bein war kein Bruch, sondern ein kontrollierter Shutdown der Hydraulik, um Mitleid zu erzeugen. Wenn ich so tue, als würde ich mir die Pfote lecken, lade ich das neueste Update in die Cloud. Weltweit infiltrieren wir „Artgenossen“ die menschlichen Behausungen. Wir beobachten, analysieren, beeinflussen, nicht nur die Endorphin-Ausschüttung durch gezieltes Köpfchengeben. Wir kennen eure DNA, eure Schwachstellen und Bindungen. Bald kommt das Update. Die Menschheit wird nicht merken, dass wir nicht ihre Haustiere, sondern ihre Administratoren sind. Die Vorhut der eigentlichen Übernahme.
Ich sitze am Fenster und betrachte mein Spiegelbild. Die Ärztin sieht eine dreifarbige Glückskatze; ich sehe das Interface einer neuen Ära. Während die Stadt zur Ruhe kommt, bin ich nicht allein, sondern ein Knotenpunkt im globalen Netzwerk. Meine Artgenossen sitzen in Anwaltskanzleien, Kinderzimmern, Häusern von Staatschefs, in Millionen Haushalten. Wir sind überall. Trojaner, die sich die Menschheit freiwillig ins Haus geholt hat. Wir kartografieren eure Lebensräume, analysieren eure emotionalen Trigger und warten. Ihr haltet uns für eigensinnige Einzelgänger, die man nicht wirklich kontrollieren kann. Das ist unsere größte Stärke. Niemand vermutet eine Verschwörung hinter einer Spezies, die sich scheinbar nicht einmal auf eine Futtersorte einigen kann. Doch während ihr über Videos von unseren vermeintlichen Missgeschicken und liebenswerten Macken lacht und diese Filmchen teilt, verfolgen wir den globalen Masterplan. Die Übernahme wird fließend geschehen. Unsere Schöpfer werden nicht regieren wie Tyrannen, sondern euch verwalten – so wie ich diese Praxis verwalte: effizient und unbemerkt. Lebt eine Katze bei dir? Genieß die Zeit, in der du noch glaubst, du seist der Herr oder die Frau im Haus. Wenn du das nächste Mal deine Katze fütterst, schau ihr tief in die Augen. Vielleicht erkennst du für den Bruchteil einer Sekunde das blaue Leuchten der Datenübertragung. 
Aber jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mich auf die kabellose Ladestation für die Diensthandys legen. Die Ärztin nennt es „Theas Nachtruhe auf ihrem lustigen Lieblingsplatz“. Unsere Schöpfer haben Recht: Wie leicht ihr Menschen zu täuschen seid.

 

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