Von Ingo Pietsch

So hatte sich Olivia den Raum für Séance sicher nicht vorgestellt.
Eher düster – schwere Vorhänge, flackernde Kerzen, Schädel im Regal oder wenigstens ein unangenehmer Geruch nach Weihrauch oder uraltem Teppich.
Stattdessen kamen sie und ihr Mann Ramin in ein helles Zimmer, das vor Lebensfreude nur so strahlte: sonnendurchflutet, helle Möbel und Wände. Es gab sphärische Klänge aus versteckten Lautsprechern und es roch nach Zitrone und Lavendel. Ein Ort, wo man sich völlig entspannen konnte.
Obwohl es einfach ein ganz normales Wohnzimmer in einer ganz normalen kleinen Wohnung in einer ganz normalen Kleinstadt an der Ostküste war.
Olivia war unsicher, hatte ihre Handtasche vor den Bauch gepresst und hielt Ramin an der Hand.
„Nehmen Sie doch Platz!“, bot Madame Magique, ihre Gastgeberin, ihnen an.
Während Ramin alles mit skeptischem Blick musterte, war Olivia völlig hingerissen.
„Es ist ganz anders, als Sie erwartet haben, nicht wahr?“, lächelte Madame Magique Olivia an.
„Ja“, hauchte Olivia. „Ganz anders.“
Sie und Ramin nahmen an dem runden Tisch Platz, der in der Mitte des Raumes stand. Auf ihm lag eine weiße Tischdecke mit Spitze und darauf ruhte eine kopfgroße Glaskugel.
Ramin zog eine Augenbraue.
Madame Magique bemerkte es, klopfte gegen die Kugel und erwiderte: „Das ist ganz gewöhnliches Glas. Die Kugel dient mir nur zur Fokussierung. So wie ein Christophorus-Anhänger im Auto. Ich werde auch nicht wahrsagen oder so etwas, sondern nur Kontakt mit den Geistern aufnehmen. Sie haben mir ja schon im Vorfeld berichtet, dass Sie mit Ihrem Onkel sprechen wollen, dass Sie sich von ihm verabschieden wollen und dass es um eine wertvolle Münzsammlung geht, die im Nachlass verschwunden ist.“
Olivia liefen die Tränen über die Wangen und Ramin hielt ihre Hände. „Auch wenn es um das Erbe geht“, brachte sie schluchzend hervor, „vermisse ich ihn trotzdem sehr!“
„Das verstehe ich. Aber durch meine Gabe als Medium habe ich gelernt, mit dem Jenseits Kontakt aufzunehmen, und kann Ihnen ruhigen Gewissens sagen: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Und irgendwann sehen wir unsere Liebsten wieder.“
Beide nickten und Madame Magique faltete die Hände.
„Was erwartet uns jetzt, Madame?“, fragte Olivia leise.
„Nennen Sie mich Maggie. Madame Magique ist nur ein Künstlername aus früheren Zeiten.“ Sie rückte die Ärmel zurecht. „Ich werde mich jetzt in Trance versetzen, um Verbindung mit den Toten aufzunehmen. Ohne Effekte oder Tricks. Ich sitze einfach ruhig da und lausche. Ihr Onkel wird vermutlich nicht erscheinen, aber eine andere Person, die uns Auskünfte geben kann.“
„Hatten Sie diese Fähigkeit schon immer?“, fragte Ramin.
„Nein. Ich erlitt einen Sturz im Treppenhaus und seitdem kann ich mit den Toten in Kontakt treten.“ Maggie atmete tief durch. „Wollen wir beginnen?“
Olivia und Ramin nickten.
Maggie schloss die Augen, fasste die Kugel mit beiden Händen an und atmete langsam und flach.
Als sie die Augen wieder öffnete, standen zwei weitere Personen im Raum. Eine junge Frau in prachtvollem Kleid, kunstvoller Frisur und einem Fächer in der Hand und ein älterer Herr im schlichten Tweed-Anzug.
Maggie zuckte erschrocken zurück.
„Alles in Ordnung?“, fragte Ramin besorgt.
„Ja, es ist nur …, nicht wie sonst.“ Maggie schüttelte den Kopf. „Normalerweise stelle ich Fragen und bekomme dann Antworten, aber dies ist – anders.“
„Wer sind Sie?“, fragte die Frau im Abendkleid den Mann.
„Ich bin Bill, Olivias Onkel“, sagte der Mann und verbeugte sich.
„Und ich bin Felicia. Sind Sie nicht an einen Ort gebunden? Ich bin hier gestorben und hatte noch nicht die Möglichkeit, weiterzuziehen.“ Felicia war auch verwirrt.
„Ich bin so eine Art Freigeist. Nichts und niemand kann mich halten“, sagte er selbstbewusst.
Felicia kicherte hinter ihrem Fächer. „Ich habe lange niemand anderen mehr kennengelernt.“
„Gestatten?“ Er nahm ihre Hand und küsste sie galant.
Maggie starrte fassungslos auf den Platz neben ihrem Tisch, wo sich das Schauspiel abspielte.
Olivia und Ramin waren ratlos und starrten ebenfalls auf den leeren Fleck, obwohl anscheinend nur Maggie etwas sah.
„Was meinen Sie damit, nicht wie immer?“, fragte Olivia.
„Äh, normalerweise spreche ich mit einem Geist, um Antworten zu bekommen, aber jetzt sind zwei anwesend. Felicia, eine Dame aus dem 19. Jahrhundert, und ein älterer Herr namens Bill.“ Maggie zog eine Augenbraue hoch.
„Das ist mein Onkel!“ Olivia war ganz aufgeregt.
„Jetzt reicht`s!“, platzte es aus Ramin heraus. „Das ist doch kompletter Unsinn! Komm, wir gehen!“ Er war aufgesprungen und wollte Olivia mitziehen.
Bill hatte seinen Blick ausschließlich auf Felicia gerichtet: „Sie kann uns sehen und hören?“
Felicia nickte.
Er wandte sich an Maggie: „Richten Sie meinem Schwiegerneffen bitte exakt Folgendes aus: Der Inder soll sich wieder hinsetzen und die Klappe halten!“
„Äh … gut.“ Sie sah Ramin an und wiederholte die Worte: „Sie Inder, setzen Sie sich wieder hin und halten Sie die Klappe.“
Ramin erstarrte und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Das konnte in der Tat nur Onkel Bill gewusst haben. „Ich bin Irani und kein Inder“, murmelte er.
Olivia liefen Tränen über die Wangen: „Das hat mein Onkel wirklich immer zu Ramin gesagt. Onkel Bill, du bist tatsächlich hier!“
„Äh … bin ich das?“, fragte der Geist.
Maggie „übersetzte“, was sie auch weiterhin tat.
„Ja, das bist du! Du warst immer so schusselig und vergesslich. Onkel, ich vermisse dich so sehr. Und ich weiß, das klingt jetzt vielleicht egoistisch, aber weißt du noch, wo deine Münzsammlung sein könnte?“ Olivia war ganz aufgeregt.
Bill rieb das Kinn: „Mhm. In einer Kiste.“
Ramin ließ den Kopf gegen die Stuhllehne sinken: „Das hilft ungemein.“
„Kamin, nicht so ungeduldig! Ah, jetzt erinnere ich mich.“ Bills Miene hellte sich auf.
„Ich heiße Ramin. Und ja, es ist eindeutig Onkel Bill“, murmelte Ramin trocken.
„Also, die Kiste steht in einem Geheimfach in meinem Kleiderschrank.“ Bill nickte zufrieden. „Ja, genau dort.“
„Danke, Onkel Bill“, sagte Olivia erleichtert. „Gibt es irgendetwas, das wir für dich tun können?“
„Eigentlich eher nur eine Frage: Wieso kann ich durch Gegenstände greifen“, seine Hand glitt durch eine Stuhllehne, „und durch Wände gehen, aber ich falle nicht durch den Fußboden? Das ergibt doch keinen Sinn.“
Felicia runzelte die Stirn. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“
Plötzlich begann Bill aus sich heraus zu leuchten. „Oh, was passiert denn jetzt!“
„Ich glaube, Sie haben Ihre letzte Aufgabe erfüllt. Sie sind jetzt bereit, weiterzugehen“, erklärte Maggie ihm.
„Na dann. Ich wünsche Dir und dem Inder – dem Irani alles Gute für Eure Zukunft. Hab Dich lieb.“ Bill zwinkerte Ramin zu, auch wenn er es nicht sehen konnte.
„Ich hab Dich auch lieb!“, meinte Ramin und fasste sich ans Herz, als er Irani hörte.
Olivia sah Ramin empört an: „Er hat mich gemeint.“
Ramin grinste: „Ich weiß.“
„Mach`s gut Onkel Bill! Hab Dich auch lieb.“
Bill tippte an seine Stirn. „Gnädige Frau, haben Sie die Güte, mich zu begleiten?“
Felicia wurde hinter ihrem Fächer ganz rot und lächelte verlegen: „Sehr gerne, mein Herr.“
Sie nahm seine Hand. Dann begannen beide zu leuchten – heller und heller – bis sie schließlich in einem kurzen Lichtblitz verschwanden, den sogar Olivia und Ramin sehen konnten.
Maggie blickte suchend durch den Raum.
Olivia fragte vorsichtig: „Ist alles in Ordnung?“
„Ja“, antwortete Maggie langsam. „Felicia erzählte mir einmal, dass sie vergeblich auf ihren Verlobten wartete. Er war mit einer anderen Frau durchgebrannt und sie erlitt einen Herzschlag.“ Sie lächelte traurig. „Und jetzt hat Bill sie einfach mitgenommen.“
„Sehen Sie sonst keine anderen Geister?“, wollte Olivia wissen.
Maggie schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

 

Nachdem sie sich herzlich voneinander verabschiedet hatten, setzte sich Maggie in ihren Séance-Raum und meditierte. Ihre Hände lagen auf der Glaskugel, als sie plötzlich angenehme Wärme darin spürte.
„Klopf, klopf, ich bin endlich da!“ Ein junger Mann in Südstaatenuniform stand mitten im Raum. Er salutierte mit der rechten Hand, während er mit der linken seinen Säbel hielt. „Ich hatte einen Unfall mit einer Kutsche und habe mich deshalb verspätet. Werte Dame, können Sie mir sagen, ob Felicia zugegen ist?“
Maggie seufzte tief. Anscheinend bestand ihre neue Aufgabe darin, Probleme auf beiden Seiten des Jenseits zu lösen.

 

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