Von Brigitte Noelle

 

  1. 5. 1996

Heute habe ich Geburtstag, und ich muss sagen: So schön war er noch nie! Alle Bürokolleginnen haben mit mir gefeiert, Frau Fürst, unsere Chefin, hat von einem Partyservice Sekt und kalte Platten kommen lassen und kündigte mir an, dass ich als Abteilungsleiterin nachrücken werde, wenn Frau Gruber in Pension geht. Zu Hause ging es weiter: Alle Freunde und Verwandte erwarteten mich, und es wurde ein wunderschöner Abend, von Zuneigung und Freundlichkeit getragen. Meine Freundin Gerda brachte ihren Cousin Julius mit. Ein so netter Mann! Wir verstanden und sofort und haben uns für das Wochenende verabredet.

Nun sind alle gegangen, ich stehe vor dem Wohnzimmerspiegel und ziehe Bilanz: Ich wurde heute 30 Jahre, sehe ganz passabel aus, habe liebe Freunde und Verwandte, einen interessanten Job mit Karriereaussichten, verdiene schön und die Zukunft scheint rosig – vielleicht auch in der Liebe? Was weiß ich denn, was die Zukunft bringen wird. Fast fürchte ich mich ein wenig davor. Am liebsten wäre es mir, wenn alles so bliebe wie am heutigen Tag.

 

3.5.196

Ich bin verwirrt. Als ich heute ins Büro kam, wünschten mir die Kolleginnen überschwänglich alles Gute zum Geburtstag. Zuerst dachte ich, sie machen sich über mich lustig, aber dann kam Frau Fürst, schloss sich den Glückwünschen an und ließ die Leute vom Partyservice herein, die das Buffet aufbauten. Niemand schien sich zu erinnern, dass wir schon gestern gefeiert haben, alle waren überzeugt, dass heute der 2. Mai wäre. Und wirklich: Ich schaltete das Radio an und auch dort wurden die Nachrichten von gestern gesendet. Zu Hause erwarteten mich wie gestern meine Freunde und Verwandten.

Das kann unmöglich ein schlechter Scherz von all diesen Leuten sein. Aber wenn die sich sicher sind – bin ich etwa verrückt?

 

4.5.1996

Heute das Gleiche wie gestern und vorgestern. Ich habe alle Psychiater der Stadt angerufen, und bei einem konnte ich kurzfristig einen Termin bekommen. Nach dem Wochenende, am 7. Mai. Ich hoffe inständig, dass er mir helfen kann. Ob sich Julius an unser Treffen erinnern wird?

 

5.5.1996

Ich habe Angst! Eigentlich wollte ich mich am Wochenende in der Wohnung verkriechen und nur auf den Anruf von Julius warten, doch dann ertappte ich mich, dass ich nach dem Aufwachen schläfrig und wie in Trance unterwegs in meine Firma war, um dort zum vierten Mal meinen Geburtstag zu feiern. Als ich am Abend wieder im Kreise von Freunden und Familie Julius begegnete, zeigte er mit keiner Miene, dass er mich erkennt.

 

6.5.1996

Heute das Gleiche wie samstags. Die ganze Welt lebt den 2. Mai – nur ich nicht, doch ich werde vom reißenden Strom der Zeit mitgerissen. Aber ich hatte einen Traum, der neu war und so eindrucksvoll, dass ich den ganzen Tag nicht davon loskomme: In einem hübschen kleinen Café traf ich mich mit Julius – es war so schön!

 

2.5.1996/6

Ich gebe auf! Als ich mich beim Psychiater anmelden wollte, war die Ordinationshilfe völlig erstaunt und versicherte mir, ich hätte mich doch eben zu Mittag heute, am 2. Mai, angemeldet, und der Herr Doktor wäre gerade auf Weiterbildung. Auch hier finde ich also keine Hilfe. Muss ich mein ganzes Leben meinen 30. Geburtstag feiern?

 

2.5.1996/31

Ich träume seit drei Wochen jede Nacht von Julius. Die Träume verändern sich: Mittlerweile verbringen wir nicht nur den Abend, sondern auch die Nacht miteinander. Bald wird er zu mir ziehen. Wenn das doch nur Wirklichkeit werden könnte!

 

2.5.1996/387

Die Tage rauschen vorbei. Die Nächte sind dafür ereignisreich und bunt. Wie bin ich im Schlaf glücklich! Morgen werden Julius und ich heiraten …

 

2.5.1996/772

Heute hatte ich einen schlimmen Albtraum: Meine Chefin erlitt einen Herzinfarkt und verstarb. Die Stimmung meines Traumes war so hoffnungslos, ich ahnte, dass die Firma nicht mehr lange bestehen wird. Doch während des Tages wurde wieder gefeiert, wie schon seit über zwei Jahren.

 

2.5.1996/853

Ich weiß nicht, was gespenstischer ist: Die tägliche Geburtstagsfeier mit meiner toten Ex-Chefin oder die so real erscheinenden Träume. Der Heutige: Ich bin jetzt seit einem Monat auf der Suche nach einer neuen Stelle, und es ist gar nicht so einfach. Noch dazu fühle ich mich gar nicht wohl. Besonders am Morgen ist es schlimm, es war mir sogar noch nach dem Aufwachen übel.

 

2.5.1996/860

Ist es nicht sonderbar, dass diese Träume mir wichtiger sind als mein Leben, das seit mehr als zwei Jahren in einer Zeitschleife festzustecken scheint? Nun bin ich im Schlaf schwanger.

 

2.5.1996/1122

Diese endlose Geburtstagsfeier wird mir immer unwichtiger. Gestern brachte mir mein Traum eine Tochter. Wie ist sie süß! Wir wollen sie Aurora nennen.

 

2.5.2996/1258

Auch wenn ich dieses Kind so sehr liebe – es ist nicht einfach, und selbst im Schlaf kann ich diesem Umstand nicht entkommen. Kann man im Traum unter Schlafmangel leiden? Die Feste im Wachen sind dagegen die reine Erholung.

 

2.5.1996/2494

Heute wurde mir das erste Mal bewusst, dass diese Zeitschleife auch ihre Vorteile hat. Wenn ich träume, sehe ich mich selbst als Frau, die auf die 40 zugeht. In Wirklichkeit – wenn man das als Wirklichkeit bezeichnen kann – bleibe ich immer 30. Meinem Traum-Ich könnte ich das nur wünschen, denn Julius verhält sich ihr Gegenüber mit den Jahren immer distanzierter und desinteressierter.

 

2.5.1996/3018

Auch wenn es nur ein Traum war, nimmt es mich schrecklich mit: Julius hat mir erklärt, er werde uns verlassen. Seit einigen Monaten habe er eine Freundin, und es ist etwas Ernstes. Ich war danach den ganzen Tag verstört und traurig. Seit langer Zeit hat mir die Liebe und Zuneigung all der Menschen, die meinen Geburtstag feiern, sehr gut getan.

 

2.5.1996/3204

Ich bin mit Tränen im Gesicht erwacht. Stand im Traum in der leeren Wohnung, Aurora an der Hand. Sie war das Einzige, was mir blieb. Als ich am Abend Julius begegnete, jung, freundlich und ahnungslos, was meine Träume betrifft, tat es so weh.

 

2.5.1996/4776

Die tägliche Geburtstagsfeier gab mir die vergangenen Jahr die Kraft, meine Träume zu ertragen. Denn es waren energieraubende Träume, in denen ich mein Bestes gab, meine geliebte Tochter aufzuziehen, es ihr an nichts fehlen zu lassen, und gleichzeitig für unser Auskommen zu sorgen. Und doch: Auch wenn sich alles wirklich zugetragen hätte, hätte ich es nicht anders gemacht. Heute hatte sie ihren 10. Geburtstag.

 

2.4.1996/6238

Ich schlief und betrachtete Aurora im Schlaf. Das Herz ging mir vor Zärtlichkeit über. Sie ist jetzt 14, kein kleines Kind mehr, wird bald erwachsen sein, ihren eigenen Weg finden müssen. Wie gerne würde ich ihr alles Leid ersparen können!  Doch gleichzeitig war mir klar, sie würde nicht auf mich hören. Schon jetzt ist sie oft aufbrausend, anklagend, wütend.

 

2.5.1996/8066

Das tägliche Ritual meiner Geburtstagsfeier ist mir lieb und vertraut geworden. Einige der Menschen, die ich täglich sehe, sind in meinem nächtlichen Leben inzwischen gestorben. Es ist zugleich tröstend und unheimlich, ihnen immer wieder zu begegnen. Sollte ich sie nicht warnen? Einmal habe ich es versucht, doch ohne Erfolg. Manchmal frage ich mich: Was hätte ich wohl für ein Leben führen können, wenn die Zeit weitergegangen wäre? Was wäre aus mir, was aus meinen Lieben geworden?

Selbst meine Träume sind in ruhigeres Fahrwasser gekommen, beruflich bin ich dort angelangt, wo ich auch in Wirklichkeit wäre, und Aurora und ich haben die schwierigen Klippen ihrer Pubertät umschifft. Sie studiert, mit Erfolg, wie sie erzählt.

 

2.5.1996/9883

Im Laufe der Jahre hatte ich immer wieder Albträume, wie konnte ich denken, die Zeit wäre vorbei. Nun wird mich auch der liebste Mensch in meinem Leben, wird Aurora mich verlassen: Sie hatte ein verlockendes Stellenangebot aus New York erhalten und war entschlossen, es anzunehmen. Nur für ein paar Jahre, meinte sie, dann würde sie weitersehen. Mir zerriss es das Herz.

 

2.5.1996/10962

Ich bin wieder alleine. Als mich meine Freunde und Verwandten heute feierten, überlegte ich, dass ich heute eigentlich meinen 60. Geburtstag habe. Ein halbes Menschenleben: schön, aber leer. Umso lebendiger aber während des Schlafs. Vor vielen Jahren habe ich mich vor den Wohnzimmerspiegel gestellt, um Bilanz zu ziehen. Vielleicht sollte ich das noch einmal tun.

 

***

 

„Kommen Sie herein, Aurora – ich darf Sie doch noch so nennen? Ich weiß noch, wie süß Sie als kleines Kind ausgesehen haben, ich kenne Sie ja seit Ihrer Geburt, wohne ja schon über 30 Jahre gegenüber.

Zunächst mein herzliches Beileid. Wie gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Aus New York, nicht wahr? Der Arzt hat gemeint, sie hat nichts gemerkt, es ist ganz schnell gegangen. Kommen Sie doch herein!

Hier habe ich sie gefunden, sie wirkte irgendwie – ruhig, fast heiter. Vorsicht auf die Scherben, sie muss gegen den Spiegel gefallen sein  und ihn umgeworfen haben.

Sie hatte es ja nicht immer leicht. Da, im Arbeitszimmer stehen sie: Ein ganzes Regal voller Tagebücher, sie hat jeden Tag etwas geschrieben …“

 

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