Von Raina Bodyk

Der Geruch von Farbe und Terpentin liegt schwer in der Luft. Justus, ein hagerer, unrasierter Mann mit konzentriertem Blick, steht vor seiner Staffelei. Haare, Hände und Gesicht klebrig von getrockneten Farbklecksen. In seinem Malkittel voller bunter Spritzer starrt er geradezu beschwörend auf die jungfräuliche Leinwand. Langsam taucht er den Pinsel in die kaltweiße Farbe, zögert einen kurzen Augenblick, setzt dann entschlossen an und setzt den ersten Strich. Vorsichtig, fast zärtlich. Dann weitere. Die Linien werden härter, das Weiß wird übertüncht mit heftigen Rottönen. Blutige Wunden. Dick aufgetragen, aggressiv, wütend. Er starrt die Leinwand an, mischt Schwarz darunter. Düsternis. 

 

Wenn er an seine Kindheit denkt, hört er immer noch die endlosen Streitereien seiner Eltern. Laut und böse. War es jemals still zuhause? Er machte sich dann immer ganz klein oder verschwand mit seinen Stiften und Blättern unter dem Tisch. Wollte auf keinen Fall gesehen werden und die Wut des Vaters auf sich ziehen. Aber all zu oft zu langsam. Dieser erspähte ihn und brüllte verächtlich auf ihn ein: „Sitzt du wieder da unten wie ein feiger Köter? Hör auf zu flennen. Willst du eine Memme sein, von allen als Schwächling ausgelacht? Bist du ein Mädchen?!“

 

Der Maler hält in seinem Schaffensrausch inne, starrt auf die bunte Leinwand. Nicht gut genug. Die Farben zu laut. Zu leer. Sie sprechen nicht. 

Wütend wirft er seinen Pinsel an die bunt verschmierte Wand, die schon viele seiner Ausbrüche erlitten hat. Warum nur? Warum? Warum gelingt es ihm nicht, seine Gefühle im Bild auszudrücken? Verzweifelt schreit er auf, reißt die Leinwand brutal vom Holzrahmen, wirft die Fetzen gedemütigt zu Boden.

 

Stolz zeigte er dem Vater seine letzte Zeichnung. Der warf nur einen Blick darauf und lachte spöttisch. „Was soll denn das sein? DAS IST MÜLL!“ Mit Schwung fegte er alles Papier vom Tisch. „Und jetzt räumst du schön auf, Sohn!“ 

 

Oft fragt er sich, ob sein Vater ihn jemals geliebt hat. Eine Antwort hat er nie gefunden. 

Justus greift sich eine neue Leinwand, spannt sie geübt mit hektisch zitternden Händen auf. Mit jeder frischen Leinwand erwacht neue Hoffnung. Diesmal arbeitet er schneller, intuitiver, arbeitet mit sanfteren Farben. Er geht einen Schritt zurück, prüft die Wirkung. Da fehlt noch etwas. Das Bild wirkt zu alltäglich, zu sanft. Er will, dass das Bild explodiert, alle Höhen und Niederungen des Lebens spiegelt. Sein Pinsel fährt in die nächste Farbe, zieht einen dickbauchigen, brutalen Strich, dunkel wie die mondlose Nacht. Zu viel. Er schichtet Tönungen aufeinander, übermalt.
Tritt zurück. Sein Blick wird immer finsterer. Tränen laufen über sein schmerzlich verzerrtes Gesicht. Er merkt es nicht einmal. Sein Herz pocht laut. Unerbittlich sein strenges Urteil: „Jetzt habe ich es zerstört! Es ist nicht wahr genug!“ Er starrt das Bild an, nicht voll Wut, sondern mit einer stillen, trostlosen Enttäuschung. Wie immer hört er das leise, aber erbarmungslose Echo in seinem Innern: „Es ist nicht gut genug.“ 

Er vernichtet sein Werk. Wie jedes Mal bisher. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Will sein Versagen auslöschen.

 

Einmal kam er aus der Schule, seine Mutter öffnete ihm mit geschwollenem Gesicht die Tür. Sie weinte. Er konnte es nicht länger ertragen, stürmte auf seinen betrunkenen Vater zu und schlug mit seinen kleinen Fäusten auf ihn ein. Doch der lachte nur belustigt, schnappte ihn sich und sperrte ihn in die dunkle Abstellkammer. Er wusste, dass der Junge sich vor Angst in die Hose machen würde. Das sollte ihm eine Lehre sein, wer hier das Sagen hatte!

 

Nach einer unruhigen Nacht voll böser Träume, die ihn immer wieder schreiend hochschrecken lassen, beginnt Justus von Neuem. Angefüllt mit neuer Hoffnung, neuem Mut. Diesmal wird es ihm gelingen. Er spürt eine innere Gewissheit. Seine ersten Pinselstriche sind fast zärtlich. Endlich fühlt sich sein Tun richtig an. Voll Genugtuung schaut er das vollendete Bild an. Es scheint ihm geradezu magisch. Als habe er nicht mehr gegen die Leinwand gekämpft, sondern mit ihr gesprochen, ihr seine innersten Gefühle offenbart.

Zum ersten Mal kein Zittern, kein sofortiger Drang, das Werk zerstören zu müssen, weil es nicht perfekt ist.

Einen Augenblick nur  –  ist es genug, ist er glücklich,.

 

„Du weißt, dass es nicht reicht! Diese Kleckserei ist nichts für dich. Eine brotlose Kunst! Du bist einfach zu weich dafür. Lern lieber was Anständiges, suche dir eine Frau, schaff dir Kinder an. Dann bist du beschäftigt und dir vergeht vielleicht auch deine nervige, miesepetrige Miene!“

 

Justus starrt auf das Gemälde, dass ihm eben noch so gelungen schien. “Bitte, … sei genug, … nur einmal genug!“ Sieht aber plötzlich nur noch Fehler, keine innere Harmonie mehr. Alles ist falsch, die Farben – falsch. Alles falsch. „Warum nur kann ich meine Gefühle nicht auf die Leinwand bringen? Ich habe sie doch in mir. Bin ich kein Maler? Ist nicht das Gemälde, sondern bin ich nicht gut genug?“

Ihn hat immer nur die abstrakte Malerei interessiert. Das Komponieren mit Farben, Konstrasten, Linien, Licht und Schatten war für ihn spannender als jedes realistische Bild. Er will das Leben nicht ‚abmalen‘, sondern dessen Inneres in all seinen Facetten darstellen. Trauer, Zweifel, Freude, Ekel, Leid, Schuld, Lust, Scham, Wut, Angst. Es gibt doch nicht nur ein Gefühl im Menschen. Alle sind miteinander verwoben, machen sich gegenseitig aus, provozieren sich. Ist er zu unfähig, talentlos, etwas so Umfassendes, Gewaltiges in eine Komposition zu zwingen?

Sein Drang, all die vielen gegensätzlichen Empfindungen, Spuren und Wahrnehmungen in seinem eigenen Innern in einem Bild wahrnehmbar zu machen, ist sein Streben. Für diese Aufgabe eines vollkommenen Gemäldes lebt Justus. Sie hält ihn fest umklammert.

 

Wieder einmal haute der Vater mit seiner fleischigen Metzgerfaust so knallhart auf den Tisch, dass Teller und Tassen wie tanzende Puppen hochhüpften, auf dem Fußboden zerschellten. Die Mutter beeilte sich nervös aufzuräumen. Die Angst vor ihrem Mann stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr Sohn hätte ihr gern beigestanden, aber die Furcht würgte ihn. Er verschwand mit seinem Skizzenblock in seinem Zimmer.
Einmal hatte er seiner Mutter dort heimlich ein paar seiner Zeichnungen gezeigt: einen kleinen Jungen auf einem alten Koffer hockend, allein und klitschnass im strömenden Regen, Häuser ohne Fenster, menschliche Gestalten ohne Gesichter, junge Vögel, die aus dem Nest gefallen waren. Die Mutter betrachtete das Gemalte sehr lange, sehr nachdenklich und sehr erschreckt. Leise flüsterte sie: „Armer, kleiner Junge. Du denkst zu viel.“

 

Ja; sie hat wohl recht gehabt. Zu viele zerrissene Gedanken verwirren ihn. Wie unzählige Wörter, die keine Sätze ergeben. Seine tiefsten, schwer verwundeten Gefühle hat er erbarmungslos weggesperrt. In einen tiefdunklen Raum ohne Tür und Fenster.

Mit zitternden Händen, aber mit fest entschlossenem Blick zerreißt er auch diese Leinwand. Der Boden ist inzwischen übersät mit buntfleckigen Stofffetzen.

Aber diesmal ist es anders. Etwas zerbricht in ihm. Er sinkt auf den Boden. Nicht mehr wütend, nicht mehr verzweifelt. Da ist nur eine unendliche Leere. Er fühlt sich so müde, so schwach, als sei kein Leben mehr in ihm.
Mit Mühe schafft er es in sein schmales Bett. Schläft und schläft, verliert jedes Zeitgefühl. Die Tage ziehen gleichförmig und eintönig dahin. Justus dämmert dahin, jenseits jeglichen Quäntchens Energie, verloren sein Traum vom perfekten Bild. 

 

Nach Wochen findet man ihn. Vor der Staffelei liegend, den Pinsel noch in der Hand. Die letzte Leinwand  –  unberührt. 

 

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