Von Michael Kothe

 

Sein Finger hängt in der Luft, zitternd zeigt er auf das Auto.

»Hast du noch alle Kühe auf der Weide? Wie konntest du den Spiegel verstellen? Ein Schminkspiegel, was? Das fällt auch nur Frauen ein. Und mir dabei vor den Augen herumfummeln! Wo die Sicht eh schon mies war.«

Mit den gespreizten Fingern seiner Rechten fährt er sich durchs Haar.

Sie zittert am ganzen Leib, das Beben überträgt sich auf ihre Stimme.

»Wärst du nicht so schnell gefahren, hätte dich meine Bewegung nicht irritiert. Aber nein, mit ‚unangepasster Geschwindigkeit‘ – wie das juristisch heißt – über eine kurvenreiche Landstraße brettern! Bei der Sicht und der feuchten Straße. Das ist wohl alles, was du Macho drauf hast in deinem Geltungswahn.«

Heftig schwenkt er den erhobenen Zeigefinger dicht vor ihren Augen.

»Lässt du jetzt dein Jurastudium raushängen, oder spielst du nur den Moralapostel? Beides ist unangemessen oder ‚unangepasst‘, wie du es ausdrücken würdest.« Seine Stimme schwillt ab, leise klingt sie drohender, als wenn er weiter gebrüllt hätte. »Bei unserer Scheidung und dem Sorgerechtsverfahren werde ich dir als versuchten Totschlag anhängen, dass du mir die Sicht versperrt hast. Du wusstest durch die Rückrufaktion, dass mein Airbag nicht funktioniert.«

Angriffslustig reckt sie das Kinn nach vorn.

»Und ich werde deine Selbstsucht, deine Verschwendungssucht ins Feld führen. Du hast kaum genug Geld für den Unterhalt, der Melanie und mir zusteht. Aber nein, der Herr braucht ein Auto, einen Geländewagen, der mehr als ein Jahresgehalt kostet!« Sie lacht bitter auf. »Ich weiß ja, was du zu kompensieren hast.«

Auf diese Anspielung geht er nicht ein, lässt sie an sich abperlen.

»Ja. Ein Jahresgehalt.« Hörbar zieht er die Nase hoch. »Und nun? Fast zwei Tonnen Eisenschrott für zwanzig Cent das Kilo. Weil du mir vor dem Gesicht rumfuchteln musstest.«

»Es ist ja …« Sie schließt die Augen, atmet tief ein und aus, bis ihr Brustkorb sich gleichmäßig hebt und senkt. Ihre Stimme ist tonlos, bar jeder Erregung. »Es ist doch nur Blech und Plastik.« Beschwichtigend hebt sie die Hände. »Ich weiß, was du sagen willst. Auch Elektronik vom Feinsten. Ein Statussymbol, verloren, ein gestorbener Traum – deiner.« Sie beugt sich nach vorn, ihm entgegen, ihrer Stimme hat wieder Klang, zeugt von Empathie. »Aber wir leben, du lebst, ich lebe. Melanie hat uns nicht verloren, du liebst sie doch auch. Was zählt da ein Auto? Und für alles andere gibt’s …«

Er will nicht lachen, aber die Assoziation kommt zu überraschend. Spontan grinst er breit.

»Für alles andere gibt’s VISA.«

Erleichtert fällt sie in sein Lachen ein.

»Die Werbung hatte ich nicht im Sinn. ›Für alles andere gibt’s einen Schutzengel‹, wollte ich sagen. Vielleicht hatte unserer mit uns noch etwas Besonderes vor.«

»Du meinst …?«

»Wenn ich den Scheidungsantrag zurückziehe und wir zu dir zurückkommen, reicht das Geld wieder für uns drei. Du musst halt mit dem Fahrrad zur Arbeit und ich mit dem Fahrrad zur Uni.« Sie rückt ihm ein Stück näher. »Wir leben! Das sollte uns zur Vernunft bringen. Damit es wird wie früher.«

Mit dem Handrücken fährt er sich über die Augen, seine Stimme wird weich.

»Du würdest … den Scheidungsantrag …?«

Sie schluckt.

»Zurückziehen? Ja.«

Er geht den letzten Schritt auf sie zu, zieht sie eng an sich. Mit den Fingern wischt er ihre Tränen ab.

Klatschen erschallt aus dem Hintergrund, dazu Bravo-Rufe und Stühlerücken. Die Szene mit dem Unfallauto auf der Landstraße weicht einer weißen Wand.

Der Mann und die Frau befreien sich aus ihrer gegenseitigen Umarmung. Er zögert, und bevor sie sich ganz trennen, küsst er sie flüchtig auf den Mund.

»Hervorragend! Sehr gut gespielt!« Ein Mann mit weißem Haar und weißem Vollbart tritt auf die beiden zu, nimmt ihre Hände in seine und legt sie aufeinander. »Wenn schon dieses kleine Rollenspiel Sie so weit aufeinander zugehen lässt, darf ich die heutige Sitzung unseres Anti-Aggressions-Trainings wohl als erfolgreich betrachten.«