Von Armin Kahn

Axel und Inka waren am Abend nach einer Familienfeier in Berlin auf dem Weg nach Hause in ihrem Auto. Es war zwar reichlich, aber nicht allzu viel Verkehr, doch Axel war ohnehin ein ruhiger Fahrer, der es meist bei Tempo 120 beließ, schneller musste er nicht sein, schneller wollte er auch nicht sein. Der schon langsam in die Tage gekommene Geländewagen mit einem großvolumigen Dieselmotor, schluckte bei höherem Tempo dann schon recht ordentlich, zudem wurde es dann auch etwas laut im Auto. Bei 120 Stundenkilometern hingegen war der Verbrauch angenehm niedrig und die Geräuschkulisse so leise, dass die beiden sich unterhalten konnten, ohne die Stimmen anheben zu müssen.

  Sie fuhren die Autobahn aus der Stadt heraus, an der mal wieder gebaut wurde, und die zulässige Geschwindigkeit auf 60 km/h begrenzt war. Sie gelangten dann, hinter dem ehemaligen Kontrollpunkt aus DDR-Zeiten, auf die dreispurige A115 und Axel fuhr wie üblich auf der rechten Fahrspur, nun gleichmäßig mit etwa 120 km/h. Die beiden unterhielten sich über die Ereignisse des hinter ihnen liegenden Familienfestes, als weiter vor ihnen auf der Mittelspur ein großer Reisebus auftauchte, der nicht einmal 80 km/h schnell fuhr und einem vorausfahrenden schwarzen PKW dicht auffuhr. Nun leuchteten auch noch die Bremslichter an dem vor ihnen fahrenden Bus auf. 

  Axel bremste ab und stöhnte etwas, als Inka schon laut mahnend von sich gab: „Du überholst den aber nicht rechts, oder?“ Axel schnaufte, und gab zur Antwort: „Der schwarze da vorne fährt mit 70 in der Mitte und behindert den Bus! Der spinnt doch!“. Inka zuckte die Schultern, „Na, ja das ist nicht ganz richtig, was der da macht, aber der darf schließlich doch so langsam fahren! Und man kann ihn ja überholen, da ist ja noch die linke Spur!“. Axel wurde langsam etwas unwirsch: „Meinetwegen kann der so langsam fahren wie er will, aber das soll er bitteschön auf der rechten Spur machen! Da behindert er wenigstens nicht die Anderen!“. Inka schüttelte resignierend den Kopf: „Ich weiß gar nicht, was Du hast, er schadet doch niemanden mit seinem Verhalten, man kann ihn doch überholen, ohne etwas Verbotenes zu tun.“ Axel blies ungehalten den Atem aus der Nase: „Das ist Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer! Um ihn zu überholen, muss ich jetzt zwei Fahrstreifen nach links, was man ja eigentlich nicht darf, sondern immer nur einen, und wenn ich dann vorbei bin, muss ich wieder zwei Fahrstreifen nach rechts, was ich ja eigentlich auch nicht darf. Ist doch wirklich zu blöd“. Inka antwortete in ganz ruhigem Ton: „Ja, schön, ist nicht ganz bequem und auch nicht ganz richtig, aber letztlich passiert doch dadurch nichts, was irgendwie schlimm wäre“.

  Inzwischen hatte der Bus den Schleicher überholt und wieder auf seine üblichen 100km/h beschleunigt und nun war Axel an der Reihe und begann links zu blinken, setzte sich hinter den schwarzen PKW, der noch immer mit etwa 70 auf der mittleren Spur dahin schlich. Als Axel hinter ihm war, konnte er sich nicht verkneifen, ihm zwei mal kurz Lichthupensignale zu geben. Der Andere reagierte aber nicht im geringsten. Daraufhin hielt Axel den Hebel für die Lichthupe gezogen und wartete. Keine Reaktion. Inka warnte schon: „Du fährst schon wieder so dicht auf! Du weißt genau, dass mir das Angst macht.“ Axel wurde langsam wirklich wütend, der Kerl da im Auto vor ihm reagierte überhaupt nicht, fuhr stur weiter mit 70 Sachen auf der Mittelspur und seine Frau kritisierte ihn auch noch zusätzlich.

  Er ließ den Lichthupenhebel los, setzte den Blinker nach links und zog gleichzeitig auf die linke Spur und gab Vollgas. Sein Blick war voller Wut auf den schwarzen Pkw gerichtet. Die Automatik schaltete zwei Gänge herunter, weil der Kickdown das befahl und der alte Geländewagen schoss förmlich vorwärts. Irgendetwas im Rückspiegel irritierte Axel, da waren plötzlich helle Lichter, die rasch, ja viel zu rasch näher kamen. Axels Auto beschleunigte plötzlich so stark, wie das eigentlich gar nicht möglich war und langsam, wie in Zeitlupe änderte er auch seine Fahrtrichtung und bewegte sich nun genau auf den schwarzen Schleicher auf der Mittelspur zu. Er rammte diesen Wagen, ohne dass Axel dies verhindern konnte, denn obwohl er längst mit seinem rechten Fuß auf der Bremse stand, wurde sein Geländewagen auf den schwarzen PKW geschoben.

 

  Ein anderes Fahrzeug war mit rund 150 km/h unterwegs und sah vor sich einen Geländewagen, der einem schleichenden PKW auf der Mittelspur recht dicht aufgefahren war und dessen Heck mit Fernlicht anstrahlte. Als der Geländewagen nun urplötzlich nach links zog und gleichzeitig auch das Fernlicht ausschaltete und statt dessen nach links zu blinken begann, konnte er dem nicht mehr ausweichen und fuhr, obwohl er schon abbremste, nun auf dessen Heck auf und schob ihn vor sich her. Die roten Bremslichter vor ihm änderten kaum etwas daran. Sein Tempo war einfach viel zu hoch gegenüber den Schleichern auf der Mittelspur gewesen. Der Fahrer sah mit Entsetzen, wie der Geländewagen sich langsam nach rechts drehte und den schwarzen PKW rechts vor ihm erfasste, daraufhin drehte sich der schwere Geländewagen noch mehr und drückte den schwarzen PKW hinüber auf die rechte Fahrspur, auf der sich gerade ein hellblauer Transporter beim Rechtsüberholen des Schleichers befand. Alle vier Fahrzeuge krachten auf diese Weise ineinander und kamen etwas weiter dann alle zum Stehen. Die beteiligten Fahrer und Beifahrer stiegen wenige Augenblicke später aus und begannen sich umzuschauen. Es sah ganz so aus, als ob niemand verletzt war und es sich nur um Blechschäden handelte, allerdings wirklich keine geringen.

  Dann entbrannte ein Streit, Axel und Inka stritten, wer da was wohl falsch eingeschätzt hatte, der Fahrer des schnellen Autos, der von hinten gekommen war, beschimpfte Axel, weshalb er denn nach links ausgeschert wäre, offenbar ohne zuvor in den Rückspiegel geschaut zu haben. Der Fahrer des schwarzen schleichenden Autos beschimpfte Axel, dass er ihm in die Seite gefahren wäre, wo er doch nun wirklich ganz ruhig und harmlos geradeaus gefahren sei. Auf Axels Frage, weshalb er denn um Gottes Willen die ganze Zeit in der Mitte gefahren sei, gab er zur Antwort, dass man doch die freie Spurwahl hätte. Und der Fahrer des Transporters beschimpfte eben diesen ganz ruhigen Fahrer, wie man denn mit lumpigen 70 auf der mittleren Spur dahin dösen könne, dann müsse er sich doch nicht wundern, wenn er rechts überholt wird. Aber ihm gleich rein zu fahren, wäre ja nun wohl schon stark übertrieben. So schimpften alle herum, jeder beschuldigte jeden, wegen diesem oder wegen etwas anderem. 

  Als kurze Zeit später die alarmierte Polizei kam und den Unfall aufnahm, verstanden die Beamten letztlich nicht wirklich, weshalb es da zu einem so großen Unfall gekommen war, denn jeder der Beteiligten hatte einen anderen Fahrfehler begangen. Einer war zu schnell gefahren, hier waren nur 120 km/h erlaubt, ein anderer hatte den Fahrstreifen gewechselt ohne auf den hinter ihm fließenden Verkehr zu achten. Der dritte war langsam unterwegs gewesen, hatte sich aber nicht an das Rechtsfahrgebot gehalten und der vierte hatte rechts überholt, was schließlich auch verboten ist. Was sollte man davon halten?

  Axel und Inka stritten sich noch tagelang deswegen – ohne jemals zu einer übereinstimmenden Meinung zu kommen. Der Geländewagen war dann doch ein Totalschaden, schon wegen des fortgeschrittenen Alters und dann kam noch ein Verkehrsgerichtstermin auf sie zu, bei dem geklärt werden sollte, wer den Unfall mit einem Gesamtschaden von rund 120.000 Euro letztendlich verursacht hatte.

 

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