Von Miklos Muhi
Nur das Brummen des Motors.
Er fuhr. Augen auf der Straße. Zweifel im Kopf. Ungestellte Fragen. Vielleicht alles nur eingebildet.
Sie sah aufs Handy. Lächeln. Kurz. Breit. Von ihm unbemerkt.
»Fahr etwas schneller«, sagte sie.
»Hier darf ich nur 90 fahren.«
»Ja, du machst nur, was du darfst. Immer. Hast du das nicht satt?«
»Ich brauche meinen Führerschein. Wir leben davon. Wir beide«, sagte er.
»Und?«
Stille.
Kein Verkehr. Noch eine Stunde bis zum Kurort.
Ihre Idee. Sein Geld.
»Ups«, murmelte er und bremste weich.
Sie hob den Blick.
In der Ferne stand ein Wagen auf der Straße. Beschädigt. Eine Pfütze breitete sich unter dem Wrack aus.
»Wir müssen anhalten und nach dem Rechten sehen«, sagte er.
»Warum denn?«, fragte sie. »Wir liegen so gut in der Zeit. Wir sind gleich da. Vielleicht ist das schon erledigt … hoffentlich«, sagte sie.
Vielleicht ist er schon da.
»So sieht es aber nicht aus. Kein Rettungswagen, keine Polizei, kein THW.«
»Wir fahren weiter«, sagte sie.
»Unterlassene Hilfeleistung«, warf er ein. »Strafbar. Wir tätigen einen Notruf und warten, bis die Rettungskräfte vor Ort sind.«
»Gut. Dann schau halt«, murmelte sie. Unwillig.
Der Wagen kam zum Stehen.
Er stieg aus und ging auf den Unfallwagen zu.
»Hallo! Ist da jemand?«
Keine Antwort. Grillen zirpten. Julihitze.
Er schritt näher.
»Da ist doch jemand im Wagen«, murmelte er.
»Das ist doch …«
Ein Schritt näher. Er blieb stehen. Kein Wort.
»… Bernhard.«
Ein Atemzug.
»Warte!«, rief sie.
Die Autotür öffnete sich laut und sie stürmte aus dem Fahrzeug.
»Bernhard!«
Sie sprintete Richtung Unfallwagen. Blick starr nach vorn. Fast lief sie an ihm vorbei. Ohne ihn auch nur anzublicken.
Er griff nach ihrem Oberarm und hielt sie fest.
»Lass mich los«, rief sie. »Du tust mir weh! Wir müssen doch helfen!«
»Ach … Jetzt plötzlich müssen wir. Wir liegen nicht mehr so gut in der Zeit. Wir kommen nicht zu spät. Nicht mehr. Oder?«
»Du hast kein Recht, mich festzuhalten!«, rief sie und versuchte, sich zappelnd zu befreien. Vergeblich.
Harter Griff. Hartes Gesicht. Gewissheit. Fast schon.
»Es stimmt also. Von wegen Personal Trainer. Dass er mit jeder und jedem schläft, stört dich auch nicht. Mann, ich muss mich testen lassen. Wer weiß, was du nach Hause gebracht hast.«
»Stimmt nicht!«, rief sie.
»Was genau stimmt nicht?«, fragte er. Ruhig. Wartend.
»Der Mann braucht doch Hilfe!«
»Nein. Du brauchst Hilfe. Und all die anderen gelangweilten Hausfrauen, die mit ihm ins Bett gestiegen sind«, sagte er.
Sie zerrte an seinem Griff.
»Was macht er hier überhaupt?«, fragte er.
Sie hielt inne.
Lange.
»Ach, ich verstehe. Er hat dir erzählt, dass er hierherkommt. Du warst plötzlich Feuer und Flamme für diesen Ort. Du hast darauf bestanden. Auch auf die genauen An- und Abreisedaten!«
»Wie wagst du es, mit mir so zu sprechen?«
»Ich hatte doch recht«, sagte er. »Du schläfst mit ihm. Wie fast alle aus der Fitnessgruppe. Überstunden. Extratrainings. Gesundheit … von wegen!«
»Das alles stimmt nicht«, warf sie ein. Leise. Zu leise.
»Sicher nicht. Ich bin der dämliche, eifersüchtige Ehemann, der seiner Frau nichts gönnt. Außer eines sorglosen Lebens. Aber es gibt wohl Wichtigeres.«
»Du …«
»Ich will es nicht hören. Du kannst mit ihm bleiben. Oder machen, was du willst. Wir sind durch. Wir sehen uns vor Gericht«, sagte er, ließ sie los und schritt zu seinem Auto zurück.
»Ich werde dich anzeigen!«, rief sie ihm hinterher.
Er hielt an. Drehte sich und kam zu ihr zurück.
»Wie du möchtest. Dann werde ich vor Gericht mit harten Bandagen kämpfen. Ich habe ein Einkommen. Du nicht. Und er kann nicht mal stehen. Ruf den Notarzt. Du bist motiviert genug«, sagte er und ging zurück zu seinem Wagen.
»Du bist herzlos. Du kannst das mit mir nicht machen.«
»Dann sieh genau hin«, sagte er.
Er stieg ein.
Und fuhr.
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