Von Irmi Feldman
Pauls Lächeln erstarrte, als der Anruf kam. Gerade hatte er seiner Frau Lynn eine Anekdote seiner Jugend erzählt.
„Hallo“, sagte er. „Wer ist da?“
„Never mind!“, sagte eine tiefe Darth-Vader-Stimme. „Du hast eine neue E-Mail.“
Paul schaute nach. Die E-Mail war von myspecialplace@gmail.com
Er wurde blass.
Erst vor einer Stunde hatten sie ihre 3-Monate-alte Tochter bei Pauls Mutter zurückgelassen, weil Paul seiner Frau seine Heimatstadt zeigen wollte. Nun starrten sie auf ein Foto von seiner Mutter, aufgenommen in ihrem Wohnzimmer, mit dem Baby im Arm. Lächelnd schaute sie auf den ihr gegenübersitzenden Mann.
„Was soll das?“, fragte Paul. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Darauf kommen wir gleich. Zuerst, keine Polizei einschalten, wenn du deine Tochter und deine Mutter wiedersehen willst.“
„Wollen Sie Geld?“, fragte Paul heiser.
„Geld? Nein, kein Geld.“
„Was dann?“
Stille. Der Mann hatte aufgelegt. Gleich darauf kam die nächste E-Mail.
Min‘s Drugstore. Drittletzte Rumflasche auf dem obersten Regal, Karibo-Rum. Und Paul, vergiss nicht, ihr müsst ihn so besorgen wie in alten Zeiten. Der alte Min und sein store haben sich nicht verändert.
„Besorgen wie in alten Zeiten?“, rief Lynn. „Was meint er damit? Kennst du den Typen?“
„Nein, natürlich nicht“, gab Paul schroff zurück.
Sie rannten zum Auto zurück. Lynn staunte, wie gut Paul den Weg kannte, obwohl das Geschäft sich am anderen Ende der Stadt befand. War er schon öfter dort gewesen? Seltsamerweise parkte Paul nicht davor, sondern in einer nahegelegenen Gasse. Lynn starrte ihn entgeistert an, als Paul ihr Anweisungen gab. Sie würden getrennt reingehen. Lynn sollte zur Kasse und nach einem Schwangerschaftstest fragen, dann zusammenbrechen, währenddessen Paul den Rum stehlen und das Geschäft verlassen würde. Sobald Paul draußen war, sollte Lynn sich wieder besser fühlen und ebenfalls das Geschäft verlassen.
„Sag mal, spinnst du?“, schrie Lynn.
„Wenn du unsere Tochter wieder haben willst, dann müssen wir machen, was der Typ sagt“, schrie Paul zurück.
Lynn nickte. Sie war leichenblass.
„Wie oft hast du das schon gemacht?“
Paul schwieg.
Lynn schlüpfte durch den Eingang, ging direkt zur Kasse und fragte den alten Mann hinter dem Tresen nach einem Schwangerschaftstest. Im Spiegel oberhalb der Kasse sah sie, wie Paul ebenfalls eintrat und sofort im hinteren Teil verschwand.
Lynn machte ihre Sache gut.
„Oh, nein“, jammerte sie und sank zu Boden, „ich kann nicht schon wieder schwanger sein. Nicht schon wieder. Mein Freund bringt mich um.“
Besorgt beugte sich das alte Männlein, wohl Min, zu ihr herunter.
„Soll ich 911 anrufen, Miss?“
Lynn sah im Spiegel, dass Paul gerade durch den Ausgang schlüpfte.
Sie stand auf, strich sich das Haar zurück und sagte: „Nein, es geht schon wieder. Vielen Dank.“
Paul wartete im Auto. Wortlos deutete er auf den Schriftzug, der quer über das Etikett der Rumflasche geschrieben stand.
| Auf zum See. Du kennst den Weg! |
„Was heißt das?“, schrie Lynn. „Was für ein See? Mach mir nicht weiß, dass du den Kerl nicht kennst.“
„Ich habe so eine Ahnung“, sagte Paul. „Aber das ist unmöglich.“
„Wer? Warum?“
Paul erzählte Lynn von seiner früheren Clique. Mike, Bruce und er. Sie waren unzertrennlich. In jenem Sommer, – es war der Sommer vor dem College, – fuhren sie öfter zum Camden-See hinauf, zu der Stelle, wo die Camden Schlucht bestimmt 1000 Meter in die Tiefe abfiel. Und ja, gab er zu, das war ihre Masche, um an Rum ranzukommen, was einfach war, weil der alte Min zu geizig ist, um eine Kamera zu installieren.
„Und das schwangere Mädchen?“
„Mikes Freundin.“
„Wer, glaubst du, ist der Anrufer?“
„Bruce kann es nicht sein. Er lebt im Ausland.“
„Und Mike?“
„Mike sitzt im Gefängnis.“
„Im Gefängnis?“, rief Lynn. „Warum?“
Paul erzählte, dass Mike wegen Mordes an seiner Freundin verurteilt worden war. Er könne noch nicht wieder frei sein. Man habe ihm 15 Jahre aufgebrummt. Das Ganze passierte vor zehn Jahren. Da war noch Mikes kleiner Bruder Tim.
„Aber was will er, wer immer es auch ist?“, fragte Lynn. „Was will er?“
Paul zuckte mit den Schultern. Schweigend machten sie sich auf zum See. Lynn hatte tausend Fragen im Kopf und traute sich nicht, sie auszusprechen. Erst vor einem Jahr hatten sie sich kennengelernt. Liebe auf den ersten Blick. So dachte sie bisher. Bald darauf war sie schwanger geworden und sie hatten geheiratet. Es war das erste Mal, dass Lynn in Pauls Heimatstadt war, weil normalerweise Pauls Mutter sie besuchte.
Paul fuhr aus der Stadt und bog bald darauf in einen Waldweg ein, dem Schild nach zum Camden See. Er fuhr viel zu schnell.
„Pass auf!“, schrie Lynn, als es um eine scharfe Kurve ging. Paul trat auf die Bremse, doch es war zu spät. Der Aufprall war ohrenbetäubend. Der Traktor, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, fuhr noch ein Stück weiter, bis er ebenfalls anhielt.
Die Airbags hatten ihnen das Leben gerettet. Benommen stiegen sie aus. Hinten am Traktor hing ein Schild.
| Auf nach SPAC! |
„Was ist SPAC?“, wollte Lynn wissen.
„Ich weiß es nicht, verdammt nochmal.“
„Ach, hör auf mit den Lügen. Du weißt sehr wohl, was das heißt.“
Feindselig standen sie sich gegenüber und schrien sich an, bis ein Blitzlicht sie aufschreckte. Jemand hatte ein Foto von ihnen gemacht.
Verwirrt schauten sie auf.
„Mike?“, sagte Paul ungläubig.
„Wie er leibt und lebt. Frühe Entlassung für gute Führung.“
Lynn wich zurück. Das also war der Mann, der seine Freundin ermordet hat.
„Nun, Paul, erklärst du deiner Frau, was SPAC heißt oder soll ich das machen?“
„Mike! Was soll das?“, schrie Paul.
Mike ignorierte ihn.
„Lynn”, sagte Mike. “SPAC steht für Special Place for Awesome Chicks.”
Paul schrie auf. Doch Mike erzählte weiter.
„SPAC war Pauls geheimer Platz. Nicht einmal Bruce und ich kannten ihn. Dort hat Paul seine besonderen Mädchen verführt, stimmt’s Paul? Datum und Initialen der Mädchen hast du in eine Tanne geritzt.“
Paul schüttelte hilflos den Kopf.
„Wie hast du sie nochmal genannt, Paul? Deine AC-Sammlung? Deine ‚awesome chicks‘ Sammlung?“
Lynn zog scharf die Luft ein.
„Auf nach SPAC, Paul“, sagte Mike. „Und keine Mätzchen. Sollte mir etwas geschehen, weißt du ja, was deiner Tochter und deiner Mutter passiert. Wir nehmen mein Auto.“
Mike saß hinten. Paul fuhr. Quer durch unebenes Gelände ging es. Endlich hielt Paul an. Etwa zehn Minuten schlugen sie sich durch wildes Gestrüpp, bis Paul bei einer Art Höhle, verdeckt von dichten Büschen und Bäumen, anhielt. Eine riesige Tanne markierte den Platz.
„Hier also“, sagte Mike leise.
„Hier was?“, fragte Lynn.
„Meine Freundin wurde nie gefunden. Die Polizei nahm an, dass ich sie in die Camden Schlucht gestoßen habe. Weißt du noch, Paul? Wir waren nur zu dritt an dem Tag. Du, meine Freundin und ich. Gott, war ich blau. Irgendwann schlief ich ein. Als ich aufwachte, war ich allein. Blutverschmiert. Die zerbrochene Rumflasche neben mir. Auch voller Blut. Blut von meiner Freundin, wie sich später herausstellte.“
„Mike!“, schrie Paul. „Hör auf!“
„Du hast sie ermordet“, rief Mike. „Du warst in sie vernarrt. Warst eifersüchtig, weil sie mit mir zusammen war.“
„Mike, das ist doch Blödsinn.“
„Dein Alibi war perfekt“, sprach Mike weiter. „Du hast ausgesagt, du hättest uns kurz vor 23:00 Uhr streitend am See zurückgelassen. Um 23:10 Uhr bist du an Mrs. Blakes Haus vorbeigekommen. Mrs. Blake, die wie jede Nacht schlaflos am offenen Fenster stand, bezeugte das. Du hast sie sogar nach der Uhrzeit gefragt. Zuhause bist du dann um 23:21 Uhr angekommen. Deine Mutter hat es bezeugt. Sie wachte auf, weil du ein Glas in der Küche zerschlagen hast. Die Fahrt dauerte, wie erwartet, etwa 20 Minuten. Doch du bist nicht nach Hause gefahren, stimmt’s, Paul? Du hattest meine Freundin im Auto. Hast sie nach SPAC gebracht, wo du sie…, wo du sie…“
Mikes Stimme versagte.
„Mike, hör auf!“, schrie Paul.
„Wo du sie ermordet hast“, sagte Mike. Seine Stimme war nun eiskalt.
„Paul! Sag was!“, schrie Lynn. „Sag, dass das nicht stimmt!“
Paul schwieg.
„Dein Alibi“, fuhr Mike fort. „Lange habe ich es nicht verstanden. Wie hast du es nur angestellt, dass Mrs. Blake dich um 23:10 Uhr sieht und deine Mutter um 23:21 Uhr? Wie, Paul? Wie? Immer wieder spielte ich die Szene in meinem Kopf durch. Immer wieder. Ich wär beinah verrückt geworden. Nur der Gedanke, dass ich dich zur Strecke bringen werde, ließ mich durchhalten.“
„Und dann“, fuhr Mike fort, „dann verstand ich. Nach dem Mord hast du dich – wie so oft davor, damit hast du ja immer geprahlt – in das Schlafzimmer deiner Mutter geschlichen, hast die Uhr auf 23:21 Uhr zurückgestellt. Dann hast du in der Küche ein Glas zerbrochen, sodass sie aufwachte. Dein perfektes Alibi. Als deine Mutter wieder eingeschlafen war, hast du den Wecker auf die richtige Uhrzeit vorgestellt. Wie spät war es, Paul, als du nach dem Mord nach Hause gekommen bist? Drei oder vier Uhr morgens?“
„Paul! Sag was!“, schrie Lynn.
Mike fuhr fort.
„Ich will nur noch eines wissen, bevor ich dich…“
Unwillkürlich wich Paul zurück.
„Hattest du das alles vorher geplant? Oder ist dir der Gedanke erst beim See gekommen?“
„Oh, Mike!“, flüsterte Paul.
„Du hattest das vorher geplant, stimmt’s? Deshalb hast du auch dafür gesorgt, dass Bruce an diesem Tag nicht dabei war. Hast ihn in die nächste Stadt geschickt, um was für dich zu besorgen.“
Paul schwieg.
Mike schaute sich die riesige Tanne genauer an. Die AC-Sammlung war noch lesbar. Neun, im Ganzen. Das letzte Datum las er laut vor.
- Juli 1999 E.M.
„Nein!“, schrie Lynn. „Paul! Sag was!“
„Halt endlich den Mund“, fauchte er Lynn an.
Lynn wandte sich an Mike.
„Bitte, Mike, bitte verschone meine Tochter.“
“Keine Sorge, Lynn“, sagte Mike.
„Aber der Besucher bei Pauls Mutter?“, rief Lynn.
„Mein Bruder Tim. Er hat Pauls Mutter besucht. Sie hat ihn sogar zum Kaffee eingeladen. Sie war immer nett zu uns.“
„Dann wolltest du ihnen nie etwas antun?“, flüsterte Paul.
„Natürlich nicht. Wir sind keine Mörder. Im Gegensatz zu dir. Du hast Eve Mouse ermordet.”
Mike zog sein Handy heraus und rief 911 an.
„Eve Mouse?“, flüsterte Lynn. „Eve, unsere Tochter. Paul nennt sie Mäuschen.“
V2; 9989z
