Von Bernd Kleber
Ich fahre mit meiner Kollegin Streife. Die Sonne brennt. Im Wagen hat es gefühlte 45 Grad, die Klimaanlage gibt nur noch müde Lüftchen von sich.
Wo sind eigentlich die Zeiten von: April, April, der weiß nicht, was er will? Mehr Abwechslung wäre doch mal schön, ein erfrischender Regen, dass die Schafe auf der Weide miesgelaunt blöken. Stattdessen seit Tagen über 30 Grad wie im Hochsommer. Die Asphaltdecke flirrt, die Luft steht wie Pudding.
Und meine Kollegin labert und labert. Den ganzen Tag höre ich von ihrem Neuen. Er hat so große Hände, er hat so schöne Augen, seine Stimme macht sie ganz verrückt. Sie erzählt mir von seinem Lachen, seinem Gang, seinem Humor, seiner Art, seinen Klamotten, seinem Auto, seiner Wohnung, seinem Frühstücksei, ich weiß inzwischen mehr über diesen Menschen, als sein eigener Hausarzt. Ich könnte einen Steckbrief von ihm zeichnen, seine DNA nachbauen.
Merkt sie gar nicht, wie sie mir auf die Nerven geht? Ich bin ja gespannt, wann sie mir erzählt, dass es im Bauch ihres neuen Lovers von Wackersteinen klappert. Gleich kommt bestimmt noch, dass sie einen roten Kapuzenpulli trägt, wenn der neue böse Wolf sie packt.
Ich merke, wie ich gedanklich abschweife und mich daran erinnere, was erst vor wenigen Tagen passiert war und welch herrliche Abwechslung das gewesen ist. Im Vergleich zu heute war das wie ein kühles Bier in der Wüste.
Und das war so:
Ich schaute auf die Straße, fuhren nun mal Streife. Sie plapperte und ich dachte, unser Ort ist der langweiligste in ganz Deutschland. Kein Mord, kein Totschlag, nichts Rauschgift, alles friedliches Koma. Hier ist die größte kriminelle Vereinigung der Stammtisch der Schachfreunde, die heimlich die Figuren vertauschen.
Was für ein Leben. Die Zeit verging dabei auch nicht. Sie kroch dahin wie eine Schnecke mit Rheuma. Wann hatten wir das letzte Mal Blaulicht eingeschaltet. Drei Jahre? Fünf? War das damals, als Frau Müller vergessen hatte, ihren Topf mit der Milch vom Herd zu nehmen, und wir den Rauchmelder hörten?
Ich drehte am Knopf des Funkgerätes, vielleicht war es ja defekt. Nur Rauschen. Denn auch von der Zentrale war nichts zu hören. Wir waren die vergessene Patrouille, die einsamen Reiter der Langeweile.
Sie erzählte gerade, dass ihr Liebling dufte wie ein Zimtplätzchen. Ach nee, dachte ich und hätte es interessanter gefunden, wenn er mal nach Mann oder zumindest nach Schweiß gerochen hätte. Vielleicht nach einem anständigen Handwerker, der den ganzen Tag gearbeitet hat.
Diese verbale Idylle war ja kaum zu ertragen, ich sah alles in rosa. Sie sah alles in rosa. Fade, ausgeblichene Langeweile.
Doch was war das? Ah, Achtung! Wir waren gerade abgebogen, da war was. Ich spitzte die Ohren. Ein Schrei? Ein Knall? Meine Nackenhaare stellten sich auf.
„Schau mal, da drüben, was ist da los?“
Sie hörte gar nicht hin, redete von seinem neuen Parfüm. Ich stupste sie an. „Da vorne!“
Ich machte kurz das Martinshorn an … nur ganz kurz, wie ein kleiner, schüchterner Schrei in der Stille, fuhr einen Schlenker, dass die Coladose im Fußraum einen Salto schlug, und hielt neben einem Paar, das gerade einen Unfall gehabt hatte.
Meine Kollegin und ich stiegen aus. Ich setzte meine Mütze auf. Und wir schritten auf die beiden zu, die dort standen und sich anschrien. Sie fuchtelte mit den Armen wie eine Windmühle im Sturm, er machte Abwehrbewegungen.
Anscheinend machten sie sich schwere Vorwürfe wegen ihres Unfalls. Denn hinter ihnen der Wagen sah armselig aus. Total verbeult, die Schnauze eingedrückt. War frontal auf einen Baum gerast. Der Motor dampfte und zischte. Und wir standen vor dem streitenden Paar, das uns noch gar nicht bemerkt hatte.
„Hast du sie noch alle!“, brüllte sie. Ihre Stimme überschlug sich, dass es mir in den Ohren schmerzte.
„Was soll das denn heißen, beruhige dich doch mal!“, schrie er zurück, die Stirnadern traten ihm hervor wie kleine, blaue Würmer.
„Wie konnte ich nur jemals mit dir zusammenkommen? Was habe ich in dir gesehen, frage ich mich!“, keifte sie dann.
„Blöde Kuh, aber bitte, zeig dein wahres Gesicht. Sind ja ganz neue Töne“, äffte er zurück, mit dieser hohen, näselnden Stimme, mit der Männer Frauen nachmachen, wenn sie sich über sie lustig machen wollen.
„Du bist so ein Loser, so ein Schlappschwanz!“
„Wie bitte, wer ist denn ständig müde, hat Migräne?“
„Was, das wagst du in dieser Situation jetzt …“
„Ja, ich wage noch viel mehr. Wo habe ich nur meine Augen gehabt? Meine Mutter hatte wohl doch recht!“
„Wie bitte, die Alte soll mal ganz still sein. Die muss sich gerade melden. Blöde Schlampe!“
Ich erhob die Stimme, so autoritär ich konnte: „Guten Tag, mein Name ist Polizeihauptmeister Krüger, das hier ist meine Kollegin Polizeimeisterin Schulz. Wer von Ihnen ist gefahren? Und bitte stoppen Sie jetzt ihren Streit, bewahren Sie Nerven!“
Ich stand da, Hände am Gürtel, Brust raus, Kinn vor. Sah aus wie ein das Musterbeispiel einer Respektsperson. Nahm ich wenigstens an.
Die beiden schauten uns an, holten tief Luft. Ich dachte, jetzt ist Ruhe. Da tobte sie weiter. Diesmal mich an. Sie wirbelte herum, der Finger zeigte auf mich, Spucke flog durch die Luft.
„Seit wann geht es die Polizei was an, wenn sich zwei streiten? Mischen Sie sich nicht ein und gehen Sie Ihrer Arbeit nach!“
Ich schüttelte den Kopf, als hätte ich Wasser im Ohr. Hatte die das gerade gesagt? Ich schaute meine Kollegin an, die irgendwie überreagierte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Fratze. Sie lief eilig auf die Dame zu … drei, vier schnelle Schritte, und drehte ihr schon den Arm auf den Rücken.
Frauen, dachte ich noch kurz. Die können das einfach. Kein Zögern, kein Überlegen, einfach zugepackt. Ich erinnerte mich an die Warnung meiner Großmutter, nie zwischen zwei kämpfende Frauen zu gehen.
Dann war die Dame nicht mehr zu halten und kreischte noch mehr. Ich verstand sie nicht mehr. Eine Tirade an Schimpfwörtern, die ich teilweise noch nie gehört hatte. Sie mischte biologisches Vokabular mit handwerklichen Tätigkeiten und familiären Beziehungen auf eine Weise, dass mir fast die Ohren vom Kopf fielen.
Noch überlegte ich, ob ich einschreiten solle, da schoss der Kerl, der eben noch die Frau beschimpft hatte, auf meine Kollegin zu, riss ihr die Mütze vom Kopf, die flog durch die Luft wie ein großer, blauer Vogel und griff ihr von hinten um den Hals, als wolle er sie von der Xantippe wegreißen.
Tätlicher Angriff! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, aber das hier war ja wohl die Höhe!
Irgendwie wurde ich endlich munter.
Ich stürmte los, wollte ihn von hinten packen, aber er wirbelte herum, und auf einmal hatte ich seine Faust im Gesicht. Nicht fest, aber überraschend. Dann waren wir ein einziger, großer, ächzender Knäuel aus Armen, Beinen, Mützen, Handschellen und Schweiß.
Wir haben zu wenig Übung in unserem Scheißkaff, dachte ich. In der Großstadt hätten wir die längst in Schach. Hier kämpften wir wie Anfänger.
Es gelang meiner Kollegin und mir, die Oberhand zu gewinnen, was ja dann doch für unser regelmäßiges Training in der Halle sprach. Und wir legten ihnen Handschellen an. Klick, klick. Die kleinen, silbernen Freundschaftsbänder.
Ich japste nach Luft, wischte mir den Dreck von der Uniform und fragte nun noch einmal: „Wer von Ihnen beiden ist das Fahrzeug gefahren? Und was ist bitte sehr passiert? Möchten Sie sich äußern?“
„Gefahren?“, fragte die Zicke jetzt. Sie saß am Boden, die Hände auf dem Rücken gefesselt, die Haare wild, das Make-up verschmiert.
„Wie gefahren? Wir kamen gerade dort aus dem Laden!“ Sie deutete mit dem Kinn auf das kleine Geschäft nebenan.
Aus Richtung des Unfallwagens hörte ich plötzlich eine dünne, zittrige Stimme: „Hilfe, können Sie mir bitte endlich helfen?“
Aus dem Wagen kroch ein älterer Herr, den ich zuvor nicht gesehen hatte. Zuerst kam ein Fuß, dann ein zweiter, dann ein Hinterteil in einer viel zu großen Hose, und dann der Rest. Er rutschte vom Fahrersitz, rappelte sich hoch und schlug dann auf den Asphalt. Stöhnend. Er hielt sich den Kopf, blinzelte in die Sonne wie ein Maulwurf, der zum ersten Mal ans Tageslicht kommt.
Ich schaute ihn an, schaute das Streitpaar an und dann meine Kollegin. Die fragte, während sie noch ihre Handschellen an der Dame justierte: „Sind Sie nicht in Verbindung zu dem Unfallfahrzeug zu bringen?“
Ich denke: Wie die sich wieder ausdrückt! Und: Was für ‘ne lange Leitung die immer hat.
„Was geht uns dieses Auto an?“, fluchte der Kerl, den ich immer noch in Schach hielt. „Der rammte eben da gegen den Baum, so laut, dass wir fast unser eigenes Wort nicht mehr verstanden!“
Die beiden hatten sich gestritten, der Knall des Unfalls hatte gestört. Und dann hatten sie weitergezankt. Dann waren wir gekommen. Und sie hatten uns angezickt.
Der alte Herr am Boden stöhnte leise. Ich half ihm auf, er zitterte am ganzen Leib. „Ist alles in Ordnung?“, fragte ich.
„Ja, ja“, murmelte er. „Aber mein Auto … mein schönes Auto …“
Ich schüttelte nur den Kopf und hatte den Rest des Tages einiges mit Erklärungen und Erläuterungen zu tun. Wie viel Protokolle ich dann ausgefüllt habe, weiß ich nicht mehr. Fest stand, der Unfall hatte nichts mit dem Kampf-Pärchen zu tun. Die allerdings bekamen eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Der alte Herr kam zur Beobachtung ins Krankenhaus, sein Auto war Schrott.
Manchmal passiert eben doch was in unserem Ort. Und manchmal ist es sogar richtig absurd.
Ich schrecke aus meiner Erinnerung hoch. Die Sonne brennt weiterhin. Meine Kollegin redet immer noch. Die Straße ist immer noch leer.
„… und dann hat er mir gesagt, dass er früher mal Rennfahrer war, stell dir vor!“, plappert sie.
„Aha“, sage ich. „Rennfahrer.“
Sie redet weiter: „… und weißt du, das Schöne ist, …“
Ich schlucke. Mein Mund ist trocken. Die Sonne knallt.
Ich nicke. Meine Hände umklammern das Lenkrad, als ob es mein Rettungsanker wäre.
Und ich denke nur eines:
Manchmal passiert eben doch was in unserem Ort. Nur heute eben wieder nichts, Aber wer weiß, gleich fahren wir um die langgestreckte Kurve, was dort auf uns wartet. Bitte …
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