Von Björn D. Neumann
»Haben Sie denn das Schild nicht gesehen? Wir sind in Hever! Das liegt in Kent! Wir wollten nach Glastonbury. Und wo liegt das? In Somerset. Wir sind in die falsche Richtung gefahren! Sie haben die M25 Richtung Osten und nicht Westen genommen!«
»Jetzt halten Sie mal die Luft an, Sir Percy! Wir haben größere Probleme.«
Eileen Jackson und Sir Percy standen am Straßenrand einer Landstraße, die durch, wie sie jetzt wussten, die grünen Landschaften Kents führte. Eigentlich waren sie auf dem Weg nach Glastonbury. Der Geheimdienst hatte mal wieder Hinweise aufgeschnappt. Es gab Spuren zum Heiligen Gral und seit der Geschichte mit Excalibur in Stonehenge und den Nazispionen nahm man im Ministerium solche Hinweise sehr ernst. Seitdem war Eileen Kopf der neu geschaffenen Abteilung ‘MYST’ und Sir Percy freier Berater. Allerdings hielten sich die Erfolge der Abteilung seit Kriegsende in Grenzen und ein Erfolgserlebnis war nötig.
»Uns ist der Reifen geplatzt! Mein schöner MG…« Eileen hob beschwörend die Arme in die Höhe und wies auf das rote Cabriolet, das heftig lädiert im Straßengraben lag. Eine Rauchwolke
»Das habe ich sehr wohl mitbekommen, Miss Jackson! Schließlich hätten Sie fast das geschafft, woran die Nazis gescheitert sind. Mich umzubringen!«
»Das ist ja wohl eine Unverschämtheit! Sie…« Bevor Eileen etwas sagte, was ihr hinterher leidgetan hätte, machte sie auf dem Absatz kehrt und ließ den Archäologen stehen. »Was bildet sich dieser blasierte Akademiker eigentlich ein?«
»So warten Sie doch, Eileen. Ich war aufgebracht. Es tut mir leid.« Zerknirscht holte Percy auf und ging mit ein paar Schritten Entfernung hinter der Agentin her. Wortlos marschierten die beiden so dem Sonnenuntergang entgegen, als sich der Himmel verdunkelte und ein heftiger Regenschauer losbrach.
»Welch ein Glück, dass ich meinen Schirm dabeihabe«, frohlockte Sir Percy, als er den Schirm aufspannte, den er bis jetzt als Spazierstock genutzt hatte. »Darf ich Ihnen als Friedensangebot einen Platz anbieten?« Percy hielt ihr einladend seinen angewinkelten linken Arm zum Unterhaken an.
Wortlos, mit strafendem Blick, nahm Eileen das Angebot an.
»Sehen wir es positiv. Mairegen kühl und nass…«
»Oh, verschonen Sie mich mit Ihren Sprichwörtern. Wo gehen wir jetzt eigentlich hin, Percy?«
»Nun, wenn wir dieser Straße weiter folgen, müssten wir in ein paar Meilen auf Hever Castle treffen. Das gehört meinem Freund Viscount Astor. Wir können dort mit Sicherheit die Nacht verbringen und morgen rufen wir den RAC und lassen den Wagen abholen.«
»Das klingt nach einem Plan.«
Nach einer Stunde Fußmarsch erreichten sie Hever Castle. »Schauen Sie, Eileen. Das ist der Stammsitz der Familie Boleyn.«
»Sagten Sie nicht vorhin Astor?«
»In der Tat. Die Familie mit deutsch-amerikanischen Wurzeln hat das Schloss gekauft und umgebaut. Original ist nur noch das Torhaus. Garten und Schloss sind jetzt so, wie man sich halt das Mittelalter vorstellt. Jedoch mit den Errungenschaften des modernen Lebens.« Sir Percy drückte die Türklingel und ein Gong erklang. Gerade als ein Blitz den Himmel durchzuckte, wurde die Tür geöffnet. Ein hagerer, alter Mann mit Hakennase und Butler-Livree öffnete.
»Sie wünschen?«, fragte der Bedienstete etwas überheblich mit einer nasal klingenden Stimme.
»Ich bin es, Sir Percy. Und meine Begleiterin ist Miss Eileen Jackson. Wir hatten eine Autopanne und…«
»Sir Waldorf ist nicht anwesend«, antwortete er knapp und sah über die beiden Personen vor ihm hinweg.
»William, Sie kennen mich doch. Wir möchten lediglich diese Nacht in Heven-Castle übernachten und morgen den Royal Automobile Club anrufen. Sir Waldorf hat mit Sicherheit nichts dagegen.«
»Sind Sie sicher, dass Sie heute Nacht hier verbringen wollen?« Bedeutungsschwer machte der Butler eine Pause, während gleichzeitig ein Blitz am Himmel aufzuckte. »Es ist der 19. Mai!« Es donnerte.
»Oh!«, erwiderte Sir Percy.
Eileen sah die beiden Männer fragend an. »Und?«
Sir Percy antwortete als Erster. »Der 19. Mai ist der Todestag von Anne Boleyn.«
»Was hat das mit unserer Übernachtung zu tun?«
Percy zögerte. »Nun, es heißt, dass ihr Geist jedes Jahr an ihrem Todestag auf Hever Castle umgeht. In der Bibliothek ist ihr Gebetsbuch ausgestellt, in dem sie vor ihrer Hinrichtung gelesen hat. Dorthin wandelt sie und fängt bitterlich an zu weinen. Das Buch ist eine Art Anker, der sie hier gebunden hält.«
»Sie haben Angst vor Gespenstern? Wollen Sie mir das damit sagen?«
»Im Gegenteil! Ich würde nur zu gerne wissen, ob etwas passiert! Wenn Sie keine Angst haben…«
Eileen seufzte. »Normalerweise würde ich das ja alles als Mumpitz bezeichnen. Aber nach der Sache mit Stonehenge. Also gut, gehen wir auf Geisterjagd.«
***
»Ah, was für ein edler Tropfen!« Sir Percy leerte den letzten Schluck Rotwein, der zum Dinner von William serviert wurde. »Jetzt bin ich satt und müde. Ich denke, ich verabschiede mich und gehe zu Bett.«
»Gute Idee!«, stimmte Eileen zu. »Bin gespannt, ob wir die Nacht von ihrem Gespenst geweckt werden.«
»Es ist mitnichten mein Gespenst. Aber auch Sie sollten die Geschichte unseres Landes und auch die unserer Spukgestalten respektieren! In den alten Gemäuern Britanniens haben sich derartig viele Tragödien abgespielt, die sich durchaus in solchen Erscheinungen manifestiert haben.«
»Ist ja gut. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Bis dahin bleibe ich bei den Fakten. Gute Nacht, Sir Percy.«
»Gute Nacht, Miss Jackson. Wecken Sie mich, wenn Sie etwas Ungewöhnliches bemerken.«
»Ja, ja, werde ich.«
***
Es war schon weit nach Mitternacht, als Eileen von einem Windhauch geweckt wurde. Als sie zu Bett ging, waren die Fenster geschlossen. Jetzt stand eines offen und der Vorhang wehte im Wind. »Von wegen modernisiert.« Müde stand sie auf und wollte das Fenster schließen, als sie ein Wispern aus dem Flur vernahm. Es hörte sich an wie eine Frauenstimme. Langsam ging Eileen Richtung Tür und öffnete sie vorsichtig. Als sie heraustrat, blieb ihr fast das Herz stehen, als sie direkt hinter sich ein »Pst« vernahm. Reflexartig drehte sie sich um und hob die geballte Faust.
»Stopp! Ich bin es. Percy.«
»Sie haben mich zu Tode erschreckt!«, fluchte Eileen mit gesenkter Stimme.
»Entschuldigung. Haben Sie das auch gehört? Dieses Flüstern?«, fragte Percy mit leiser Stimme.
»Ja, deshalb bin ich ja aus meinem Zimmer gekommen.«
Beide wurden jäh von einem Schluchzen unterbrochen.
»Was war das?«, fragte Eileen ungläubig.
»Ich glaube es kam aus der Bibliothek. Kommen Sie. Ich habe eine Taschenlampe dabei.«
Vorsichtig, ohne unnötige Geräusche zu machen, gingen Sie in den Raum, der gefüllt war mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichten. In der Mitte stand eine Glasvitrine, in der ein einzelnes Buch ausgestellt war und davor stand eine Frauengestalt, die gebückt in dem Buch zu lesen schien. Von der Gestalt ging eine Art Glühen aus und ein wabernder Nebel umgab sie. Was aber beiden den Atem stocken ließ, war die Tatsache, dass man durch die Frau hindurchsehen konnte.
Percy fand als Erster die Stimme wieder. »Das ist Anne Boleyn!«, flüsterte er fassungslos zu Eileen. In diesem Moment drehte sich die Frau zu ihnen, riss den Mund weit auf und ein ohrenbetäubender, nicht menschlicher Schrei, erfüllte den Raum. So schnell wie er gekommen war, verklang der Lärm und auch die Frauengestalt löste sich auf. Percy und Eileen sahen sich erschrocken an. Dann gingen beide zu der Vitrine. Das Gebetsbuch war aufgeschlagen. Eine handschriftliche Widmung war zu erkennen. Remember me when you do pray, that hope dothe led from day to day. »Diese Widmung schrieb Anne einer ihrer Hofdamen, der sie das Buch vor ihrer Hinrichtung schenkte.«
»Sehen Sie das?« Eileen konnte ihren Schrecken nicht verbergen. Auf der Seite mit der Widmung zeichneten sich blutrote Fingerabdrücke ab. »Sie will uns etwas zeigen. Sie markiert Buchstaben. Was heißt das?« Eileen flüsterte die Worte vor sich hin. »Open the helmet – öffne den Helm. Pull the handle – zieh den Griff.« Eileen und Percy sahen sich um.
»Dort! In der Ecke steht eine Rüstung.« Sir Percy lief zu der mittelalterlichen Ritterrüstung und öffnete das Visier. Auf den Zehenspitzen stehend griff er beherzt in den Helm. »Hier ist eine Art Hebel. Ich ziehe dran.« Mit einem knirschenden Geräusch öffnete sich ein Fach in dem Sockel, auf dem die Rüstung stand.
Eileen griff vorsichtig in das Fach, tastete und zog eine Perlenkette mit einem goldenen Anhänger in Form eines B hervor.
Sir Percys Augen weiteten sich. »Der B-Anhänger der Anne Boleyn!«
»Der was?«, fragte Eileen.
»Auf jedem zeitgenössischen Porträt ist Anne Boleyn mit dieser Kette abgebildet. Nach ihrer Hinrichtung ist sie spurlos verschwunden. Das war es, wonach sie ruhelos gesucht hat.«
In diesem Moment war wieder ein Flüstern zu hören: Remember me when you do pray, that hope dothe led from day to day.
»Keine Angst, Anne. Du wirst nicht vergessen!« Sir Percy hielt die Kette hoch und strahlte sie mit der Taschenlampe an.
»Sie erlauben?« Unbemerkt war hinter Sir Percy und Eileen William getreten und entriss Percy die Kette aus der Hand.
Fragend sahen die beiden Agenten den Butler an.
»Jetzt werden wir ein neues Versteck finden müssen«, seufzte William.
»Aber wieso. Anne Boleyn ist befreit. Die Kette ist britisches Kulturgut und gehört in ein Museum!« Sir Percy wedelte erbost mit seinem Zeigefinger vor Williams Nase.
»Ebenso wie Spukschlösser, Sir Percy! Der Viscount Astor besteht darauf, dass das auch auf Hever Castle so bleibt!«
***
»Diese arme Frau. Hat Anne Boleyn nicht schon genug gelitten?« Selbst Stunden später war Sir Percy noch immer erregt. Inzwischen wurde das Auto geborgen und so weit repariert, dass sie die Fahrt fortsetzen konnten.
»Vollkommen richtig, Sir Percy. Es gibt nur eine Sache, die ich nicht verstehe – Anne hat uns zur Kette geführt. Sie wusste also, wo sie war. Was soll das dann mit der ruhelosen Suche?«
Sir Percy hielt einen Augenblick inne. »Meinen Sie etwa …?«
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