Von Marielle Lemmer
Blut auf der Wange.
Rote Tropfen blitzten in ihren Augenwinkeln und verklebten ihre Wimpern. Sie blinzelte.
Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt. Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand. Sie blinzelte erneut – ihre Hand sah so anders aus.
Vergraben unter Ruß und Dreck, durchstochen von Splittern und Scherben. Kleine Rinnsale aus Blut zogen Muster über die aufgerissene Haut, während sich das Licht der Sonne in einer großen, blutigen Scherbe brach.
Schön; es sah schön aus. Kein anderes Wort erschien passend.
Ihre Finger wollten zu der glänzenden Scherbe, doch sie war zu müde, um sich zu bewegen.
Die Sonne blendete sie. Sie blinzelte. Ihr Blut floss.
Langsam wanderte ihr Blick weiter, folgte den blutigen Spuren ihres Körpers. Ein Fahrrad lag auf ihr, seltsam verdreht; genauso wie ihr linkes Bein und ihr linker Ellenbogen. Neben ihr lag ein deformiertes Auto.
Alles lag herum und alles war kaputt.
Ein gluckendes Kichern verließ ihre Lippen, während sie die Schönheit der Sonne, ihrer zersplitterten Haut und der zerfetzten Scherben bewunderte.
Zersplitterte Haut – zerfetzte Scherben.
Ein weiteres Glucksen verließ ihre Lippen. Sie fragte sich, warum sie kaum Schmerzen spürte; gleichzeitig war es ihr egal.
Ferne Stimmen unterbrachen ihr zittriges Kichern. Ein junger Mann und junge eine Frau standen auf dem Asphalt – umtanzt von Wut, wild gestikulierend. Die Wörter gingen im Wind und im Rauschen ihrer Ohren verloren, doch Zorn verzerrte ihre Gesichter; wie ein zorniger Stummfilm, den sie beobachtete.
Zorn.
Dieses Gefühl war ihr vertraut, ein treuer Begleiter ihres Lebens. Ihre Sinne drehten sich, die Sicht verschwamm. Der Zorn ihres Vaters, der manche Tage in Stille tränkte. Ihr Vater war so stark gewesen und ihre Mutter so schwach. So zart, sanft und zerbrechlich.
Mein T-Shirt ist nass. Weinend klammert sich Mama an mich; und ich warte still, bis ihre Tränen wieder weg sind.
Ihre Mutter war schwach, leise und freundlich. Ihr Vater war stark, laut und stürmisch – und sie liebten sich. Zutiefst. Sie erinnerte sich an die heimlichen Küsse ihrer Eltern, an das gemeinsame Lachen und an das Strahlen ihrer Mutter, als er ihr zwei Kugeln Eis gekauft hatte.
Erdbeere und Vanille.
Ein helleres Rot als das Blut, das ihre Haut bedeckte. Ein süßer Geruch viel lieblicher als das Schmoren der qualmenden Autoteile – ein beißendes Stechen, passend zu den grotesken Grimassen aus Wut. Sie fragte sich, wer von dem Paar wohl schwach und wer stark war. Welches Muster sie hatten und wer am Ende des Tages zerbrach.
Denn am Ende zerbrach immer irgendetwas.
Papas Hand zuckt – das Glas zerbricht an Mamas Schulter. Orangensaft spritzt in mein Gesicht und Scherben landen auf dem Boden. Ich hole den Besen.
Bei ihrem Vater zuckte immer zuerst das rechte Auge; dann die Hand. Ein Zucken; ein Schlag. Ein Zucken; ein Tritt. Ein Zucken; ein Stoß. Ein Zucken; Blut.
Als Tochter war sie stille Beobachterin, die danach aufräumte. Es war, als würde sie einen Film ansehen, der nur für sie gedreht wurde. Mit festgelegtem Skript. Am Ende jeder Szene sagte ihre Mutter, dass ihr Vater nur unter Stress stand, dass er es nicht so meinte – er hätte es schwer im Leben gehabt, er bräuchte nur Liebe und Verständnis und als Familie hielt man doch zusammen. Ihre Mutter sagte ihren Text, murmelte ihn oder schluchzte; je nach Tagesform. Später nahm ihr Vater sie in den Arm, streichelte über ihr Haar. Er entschuldigte sich, wieder und wieder, und schwor, dass er sie liebte. Zutiefst. Manchmal küsste er ihre Tränen weg.
Das ewige Stück ihrer Eltern, das endete, bis es erneut begann – ein stetiger Kreislauf aus Zorn, Liebe und Tränen.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt geweint oder gar ihr eigenes Herz gespürt hatte. Die Sonne ließ die Scherbe in ihrer zersplitterten Haut aufblitzen; fasziniert zuckten ihre Augen zu dem Lichtspiel aus Blut und Glas.
Mit der Pinzette ziehe ich glitzernde Scherben aus Mamas Haut. Dabei erzähle ich ihr vom geplanten Schulausflug. Wir gehen in einen Freizeitpark.
Spitze, glitzernde Scherben voller Blut. Manche Leute ekelten sich vor Blut; für sie war es rot – einfach nur rot. So wie die roten Muster auf dem Asphalt, die sich mit dem Dreck der Straße vermischten und ihre Kleider tränkten. Auf dieser einsamen Bühne für den wütenden Stummfilm des Pärchens.
Gefangen in einer Blase aus Zorn, blind für die Welt.
Ihre verworrenen Gedanken wanderten zu ihrem letzten Streit. Vorhin mit ihrem Mann. Ein Streit auf einer Bühne aus Parkett, fernab von Zuschauern – er wollte nicht, dass sie bekifft Fahrrad fährt; auch nicht kurz zum Supermarkt. Es sei verboten und viel zu gefährlich, besonders ohne Helm. Sie wollte, dass er still ist.
Blut.
Sie blinzelte. Ihre Ohren klingelten. Die blutigen Muster um ihren Körper breiteten sich aus – ein rotes Mandala aus zerfetzten Fahrradteilen und Sonnenlicht. Alles drehte sich. Ihr Mann nannte sie zu stur. Zu risikofreudig. Zu stürmisch – und bat sie, zu bleiben. Sie wollte, dass er still ist.
Blut.
So viel Blut auf dem Asphalt konnte nicht gut sein. Ein Krächzen verließ ihre Kehle; sie hatten keine Lust zu sterben. Träge wollte sie sich bewegen, das Fahrrad von sich schieben, aufstehen – doch jäher Schmerz durchzuckte sie. Flutete verspätet ihren Körper. Aus dem Krächzen wurde ein durchdringender Schrei.
Die Köpfe des Paars ruckten zu ihr.
Zorn wich Schock.
Entsetzt blickte das Paar sich an, schien sich stumm zu verständigen. Die Frau griff hektisch zum Handy; der Mann eilte zu ihr, hob das Fahrrad von ihrem deformierten Körper, entschuldigte sich. Die beiden hätten sie nicht gesehen. Verfluchte ihren sinnfreien, unnötigen Streit.
Sinnfrei.
Die Frau fiel vor ihr auf die Knie, öffnete zittrig einen Verbandskasten; entschuldigte sich unter Tränen. Fahrig nahm sie Verbände in die Hand, legte sie unbenutzt wieder zurück. Es sei ein dummer, lächerlicher Streit gewesen.
Lächerlich.
Der Mann schnappte sich den Verbandskasten, kippte ihn aus. Hilflos starrte er auf den Haufen aus Pflaster und Binden; schreckte vor all dem Rot zurück. Dabei haspelte er, stammelte, erzählte: Ihre Wut hätte sie gefangen gehalten, sie hatten die Kurve und die Leitplanke erst zu spät bemerkt. Ihr Fahrrad hatten sie ganz übersehen, aber der Krankenwagen sei unterwegs.
Vier Hände tanzten überfordert und nutzlos durch die Luft, begleitet von Lärm und Wind – bis der Tanz zerbrach. Stattdessen füllte sich die Luft mit beruhigenden Worten. Alles würde gut werden, ganz sicher. Das Paar versprach, sich nie wieder so stark zu streiten, erst recht nicht beim Autofahren. Bald würden ihre Schmerzen enden; die Frau lächelte sie zittrig und unter Tränen an.
Mama und Papa lächeln, als ich mich in meinem Abschlussballkleid im Kreis drehe. Danach helfe ich Mama die blauen Muster an ihrem Hals zu überschminken.
Ihr Bewusstsein schwand dahin, Schmerz versenkte ihre Adern. Blut tropfte über ihr Auge, erschuf einen Schleier aus Rot – sie blinzelte; sah verschwommen das sich nicht mehr streitende Paar. Sie erkannte Sorge und Entsetzen in ihren Blicken, aber die Wut war fort. Kein Zorn, der hinter den Augen lauerte, um sich später zu entladen. Sie sah, wie die beiden sich haltsuchend aneinanderklammerten. Sich gegenseitig stützten, sich liebten.
Falsch.
Irgendetwas an dem Paar war falsch – an ihrem Skript. Es schien, als hätte jemand bei ihnen unverrückbare Anweisungen ignoriert. Eine Szene absichtlich ausgelassen. Etwas Banales einfach umgedichtet. Etwas… verpasst.
Hatte sie etwas verpasst?
Verpasst in all dem Rot?
Ein Bild von einem zerbrochenen Kochlöffel flackerte vor ihren Augen. Von den Holzsplittern in seiner Haut, als sie sich zornig auf ihr Fahrrad geschwungen hatte.
Ihre zersplitterte Haut – Splitter in seiner Haut, geformt aus Holz, Wut und Liebe.
Der rote Schleier kroch in sie hinein, wollte, dass sie eins mit ihm wurde.
Hatte er seine Splitter bereits entfernt hatte? Bestimmt.
Vielleicht hatte er sogar schon einen neuen Kochlöffel bestellt, immer dem Skript folgend.
Der Schleier kroch, waberte, eroberte sie – rot. Alles wurde rot, wobei wundersame Muster aus Kummer und Sonnenlicht vor ihren Pupillen tanzten. Ihre Gedanken flossen zu all seinen Narben, Wunden und blauen Flecken, die sie bereits wieder vergessen hatte. Niemand hatte je wirklich Fragen gestellt, trotz all der Farben auf seiner Haut. Die Leute dachten stets, er mache Kampfsport; sie dachten, dass er besonders hart sei, wobei er in Wahrheit doch so schwach war.
Glück.
Ja, es war ihr aller Glück, dass Menschen nur sahen, was sie sehen wollten.
Langsam schnürte der rote Schleier ihr die Luft ab; sie bekam Probleme zu atmen. Sie hustete. Blinzelte. Doch ihrer Finger wollten noch die sonnengetränkte Scherbe in ihrer Hand berühren; endlich berühren!
Der Schmerz lachte höhnisch und riss an ihren Gliedern, als ihre Finger schließlich, endlich, über das spitze Glas der Sonnenscherbe strichen. Sie schnitt sich; sah, wie noch mehr Blut floss und plötzlich spürte sie das zarte Echo ihres eigenen Herzschlags – und erstmals kam ihr der Gedanke in den Sinn, ob sie nicht Mitleid für ihn empfinden sollte.
Für den Mann, den sie zutiefst liebte.
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