Von Daniel Kempken

Der Vogel hat orange Augen. Er hat böse, orange Augen, Augen aus einer anderen Welt. Der Uhu ist böse, und er ist sauer. Er hat es satt, in so einem blöden Touristenhotel von irgendwelchen Fremden angestarrt zu werden. 

 

Karin und David schlendern durch die weitläufige Lobby des Hotels San Felipe in Puerto de la Cruz. Karin ist fasziniert von dem riesigen Uhu, der auf dem angewinkelten Arm eines alten Mannes sitzt und von den Hotelgästen bestaunt wird. Sie bleibt stehen und betrachtet den stattlichen, an eine Ledermanschette angeketteten Vogel. Ein prächtiges Tier; sein Gefieder glänzt in der hell ausgeleuchteten Hotelhalle. Wenn der seine Flügel ausbreitet, das muss majestätisch sein, denkt Karin. Sie schaut dem großen Uhu bewundernd in seine orangen Augen.  

 

David möchte weiter in den Speisesaal. Er sagt:

„Komm schon, der hässliche Vogel hat einen bösen Blick!“

Karin schaut dem großen Uhu bewundernd in seine orangen Augen. Das Starre, das Bedrohliche weicht aus dem Blick des Tieres; seine Augen haben plötzlich den sanften Farbton der im Meer versinkenden Abendsonne. 

„Von wegen böser Blick; so ein Uhu ist doch ein wunderschönes Tier, das ist die größte Eule der Welt; er ist der König der Nacht!“

David schüttelt den Kopf und schubst seine Frau in Richtung Speisesaal. Als die meisten Gäste beim Mittagessen sitzen, verlassen der alte Mann und der Uhu das Hotel.

 

Der alte Gregorio setzt den Uhu auf die Stange in seinem kleinen, tropischen Garten. Er nimmt dem Uhu die Kette vom Fuß und streichelt dem großen Vogel über das Gefieder. Dann mischt er blutige Würmer unter das Vogelfutter und stellt dem Uhu sein Essen hin. Gregorio geht zu dem Geländer, das seinen Paradiesgarten von der Steilküste trennt und blickt über das Meer. 

 

Don Gregorio ist zutiefst davon überzeugt, dass der turbokapitalistische Tourismus des Teufels ist. Kampfpreise, Umsatzsteigerungen, verschachtelte Hotelketten-Konstrukte, die keine Steuern zahlen und unermessliche Gewinne für die feinen Herren einfahren, die diskret dahinter stehen; prekäre Löhne für die Angestellten und Zerstörung der paradiesischen Inselwelt von Teneriffa. Doch auch er selbst lebt vom Tourismus. Deshalb müssen sie mit Vorsicht vorgehen, er und sein geliebter Uhu. Nach einer Weile geht Gregorio zurück zu der kleinen Terrasse, wo die Stange des Uhus hängt. Der Uhu ist verschwunden; seine Exkursionen sind ganz im Sinne von Gregorio. Er hat dem König der Nacht beigebracht, für ausgewählte Aktionen auch tagsüber unterwegs zu sein. 

 

Der Alte fährt den Computer hoch und startet das Ortungsprogramm. Der Vogel schwebt im Gleitflug über dem Aussichtspunkt Lomo Molino mit seinem unvergleichlichen Panorama. Auf der einen Seite erhebt sich der majestätische Gipfel des Teide; auf der anderen liegt tief unten im Tal das historische Städtchen Garachico mit dem malerischen Inselchen vor der rauen Küstenlinie.

 

Der Uhu fliegt frohgemut seines Weges; heute war sein Futter wieder ganz besonders gut. Der Wind streichelt seine ein Meter und achtzig weiten Schwingen. Er ist die größte Eule der Welt, und das weiß er. Auf einer Anhöhe neben der Straße nach Tierra del Trigo steht ein verlassener Turm mit toten Fensterhöhlen. Der Uhu landet auf einem halb zerfallenen Sims des geisterhaft wirkenden Gemäuers. 

 

Auch Karin und David haben auf ihrem Ausflug über die Insel den einsamen, runden Turm entdeckt.

„Seltsames Teil“, meint Karin.

„Lass uns hinfahren, bitte.“

„Ist ok, von mir aus“, sagt Karin; sie hat kein Verständnis dafür, dass ihr Mann immer in solchen gruseligen, alten Gemäuern rumkraxeln muss – und das mit 52 Jahren. Noch weniger Verständnis hat sie dafür, dass der geile, alte Bock jungen Frauen nachsteigt. Arschloch!

Sie schaut ihn böse an. David erahnt ihre Gedanken; auch in ihm kommt Hass auf. Glaubt sie denn wirklich, dass er keine Ahnung von ihrem Liebhaber hat. Er greift in seine Hosentasche und umfasst den Schaft seines Taschenmessers. 

 

Sie biegen nach links auf einen schmalen Feldweg, der sich zu dem einsamen, runden Turm den Hügel hinauf schlängelt.

„Der Turm sieht verlassen aus. Schau, die unteren Fenster sind zugemauert, und die oberen haben keine Scheiben mehr; der scheint schon seit längerem verlassen zu sein.“

„Gruselig ist das Teil, furchtbar! Da sind garantiert Ratten und Hunderte von Fledermäusen drin.“

„Und Geister, finstere Geister, die es auf grantige Frauen abgesehen haben“, David grinst; es ist ein böses Grinsen.

Schweigen.

 

David stellt das Auto ab und stiefelt auf den Turm zu. 

„Bleib’ nicht zu lange!“ Karin bleibt stehen und schaut sich die umliegende Landschaft an.

 

Der Turm hat einen flachen Unterbau, wie ein quadratisches, heruntergekommenes Kirchenschiff. Der Eingang ist offen; Wasserlachen, modriger Geruch, ordinäre Graffitis auf grauem Beton. David geht hinein und nimmt ein Treppchen, das steil nach oben auf die Decke des Unterbaus führt. Vogelgeschrei; ihm flattert eine ganze Horde hektischer Tauben entgegen. David schreckt zurück, zieht den Kopf ein. Langsam wagt er sich wieder vor; die Tauben flattern über das Vordach des Turms ins Tal. David klettert aus der Treppenöffnung und schaut sich um; eine herrliche Aussicht über die weit unten im Tal liegende Ebene und das tiefblaue Meer. 

 

Der Uhu greift an, die spitzen Krallen voran. David stolpert zurück zu dem Treppchen, fällt beinahe hinunter. Die Krallen des Vogels streifen seinen Kopf. Der Uhu schreit; es ist ein markerschütternder Schrei. Jetzt sitzt das Riesenvieh auf dem Rand der Treppenöffnung. Seine orangen Augen starren wütend hinter seinem Opfer her. David hetzt zum Ausgang des alten Gemäuers.

 

Karin sieht, wie David aus dem Gebäude stürzt und auf sie zu rennt. In seinen weit aufgerissenen Augen ist pure Angst, Todesangst. Beide laufen in Panik den Weg hinunter, taumeln über die schmale Straße zu ihrem Auto. Ein Schatten huscht über Davids Kopf. Fast hätte das Vieh ihn erwischt. Jetzt kommt der riesige Vogel von vorne, die schrecklichen, orangen Augen blenden wie Scheinwerfer. Vor Karins Kopf dreht der Vogel ab. David reißt die Tür des Wagens auf. Sie hechtet geistesgegenwärtig ins Innere. Er klettert ihr nach und schlägt die Tür zu. 

 

Der gespenstige Vogel hockt auf der Motorhaube und starrt die beiden mit seinen bösen, orangen Augen an. David knallt den ersten Gang rein, lässt die Kupplung springen. Der kleine Seat macht einen wilden Satz nach vorne. Der Uhu reagiert geschmeidig. Er hüpft mit einem Schlag seiner gewaltigen Flügel zurück. Das Auto bleibt mit abgewürgten Motor liegen. Der Vogel sitzt auf der Motorhaube und starrt die verhassten Touristen an. 

 

David hat sich etwas gefangen. Er lässt den Motor wieder an und versucht den holprigen Weg zur Hauptstraße hinunterzufahren. Der Uhu spürt einen Stromstoß in seiner elektronischen Fußfessel. Das ist das Zeichen des Alten, dass er jetzt nach Hause muss. Don Gregorio führt ein hartes Regime. Der Vogel hat genau eine Stunde Zeit, um nach Hause zu fliegen; sonst kommt der nächste, viel viel härtere Stromstoß. Der Uhu hebt ab und beobachtet wie das Auto den Feldweg hinunterrumpelt. Der nächste Angriff muss sitzen. 

 

Seine einzige Chance ist die enge Kurve, wo die schmale Piste direkt am Abhang vorbei führt und so eng ist, dass man ganz, ganz langsam fahren muss, um nicht in die Tiefe zu stürzen. David fährt vorsichtig auf die Kurve zu. Von hinten huscht ein dunkler Schatten über das Auto und bleibt einen Moment über der Motorhaube stehen. David gibt instinktiv Gas. Ein furchtbarer Schrei, eine Wand aus schwarzen Federn, keine Sicht; plötzlich schießen beißende, orangefarbene Strahlen aus dem Schwarz und blenden ihn. “Pass auf”, schreit Karin. Das Auto bricht ins Unterholz. Dann bleibt es über dem mindestens 300 Meter tiefen Abgrund hängen. Unter der Vorderachse ist der Ast einer betagten, schräg aus dem Felsen wachsenden Kiefer. Das morsche Holz ächzt; noch schützt der alte Ast das schaukelnde Fahrzeug vor dem Absturz in die Tiefe. 

 

David hängt benommen über dem Lenkrad. Seine Frau nimmt die tödliche Gefahr als erste wahr. Geistesgegenwärtig erfasst sie die Situation. Sie schaut aus dem Fenster und bemerkt, dass sich unter der Beifahrertür des schwankenden Autos noch ein Stück Felsen befindet. Langsam, mit ganz, ganz vorsichtigen Bewegungen öffnet sie Zentimeter für Zentimeter die Tür. Die Motorhaube des kleinen Seat neigt sich noch ein Stückchen weiter nach unten. Sie hört den Ast knacken – oder bildet sie sich das jetzt nur ein? Karin versucht, cool zu bleiben. Sie drückt ihren Rücken so weit und so kraftvoll wie es geht in den Sitz. Vorsichtig schiebt sie ein Bein aus dem Auto, noch vorsichtiger zieht sie das andere Bein nach. 

 

Der Vogel kreist traurig über der Unfallstelle. Er hat den Anschlag vermasselt. Der Uhu sieht keine Möglichkeit, wie er das Auto jetzt noch zum Absturz bringen könnte. Er sieht die Frau aus dem Fahrzeug klettern und beobachtet, wie sie sich langsam aber sicher auf den festen Boden vortastet. Jetzt steht sie direkt hinter dem Auto. Sie stemmt sich gegen den Kofferraum; das Fahrzeug schwankt wie in Zeitlupe auf und ab. Sie drückt den Wagen noch einmal mit aller Kraft in Richtung Abgrund. Das Auto mit ihrem Mann darin neigt sich langsam nach unten. Dann stürzt es in die Tiefe. Wie ein Ping Pong-Ball titscht die Karosse über die vorstehenden Felsen. Ein Feuerball steigt auf. Die Frau läuft den Weg hinunter zur Hauptstraße. 

 

Der Uhu schüttelt verwundert und zufrieden seine Federohren – mit einer Komplizin hatte er nicht gerechnet. 

 

Auch der Alte wird unterm Strich zufrieden sein. Wenn Don Gregorio die Kamera an seiner Kralle angeschaltet und den Feuerball gesehen hat, dann wird er vielleicht sogar sehr zufrieden sein. Der Uhu schaut noch einmal glücklich nach unten. Dann fliegt er so schnell wie er kann nach Hause. Er will sich den nächsten Stromstoß ersparen.

 

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