Von Marco A. Rauch
Das unruhige Flimmern des Fernsehers tanzt über die Wände, aus den Lautsprechern wehen leise Worte in den Raum. Thomas sitzt tief in seinem Sessel, die Beine mit einer schweren Wolldecke bedeckt. „Schau mal“, sagt er, „da waren wir noch jung. Da hatten wir noch Haare und keine Sorgen, die in kleine Tablettendosen passen.“ Er blickt kurz nach links, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen. Der Tee auf dem Beistelltisch dampft noch und der Duft von Jasmin – ihr Duft – hängt in der Luft. Thomas greift nach der Teekanne, füllt zwei Tassen und reicht eine zum Sessel neben sich.
„Das war lange vor deinem Krebs. Damals dachten alle, das wär’s. Aber wir haben ihnen gezeigt, was Kämpfen bedeutet, nicht wahr? Die Operation, die Bestrahlung – und dann der Moment, als der Onkologe sagte: ‚Es ist nichts mehr zu sehen.‘ Thomas zeigt auf den Fernseher. „Erinnerst du dich noch an Osnabrück? Die hübsche Bühne, die nach Aufbruch und Hoffnung roch? Unser erster gemeinsamer Auftritt als Duo. Ich dachte, ich sterbe vor Lampenfieber.“ Er lächelt und trinkt einen Schluck. „Aber du hast gesagt: Geh raus und bring sie zum Lachen. Und das habe ich getan.“
Mit zittrigem Finger drückt er die Lauter-Taste.
„Ja, wissen Sie, ich war mal mit meiner damaligen Freundin Anja in London. Wochenendtrip. In der U-Bahn haben sich die Leute eng an eng gedrängt. Als dann alle ausstiegen und immer noch eng an eng Richtung Ausgang gingen, hörte ich aus allen Richtungen ‚Sorry’. Ich hab mich gewundert und im nächsten Moment hörte ich meinen Nachbarn: ‚Sorry’. Er hatte mich ganz leicht berührt, gerade so, dass ich es spüren konnte. Das ‚Sorry’ ging so lange weiter, bis wir oben auf der Straße waren. Die Briten entschuldigen sich echt für alles. Wenn du einem Engländer den heißen Kaffee über die Hose schüttest, sagt er ‚Sorry‘, weil er im Weg stand. Das ist wie eine olympische Disziplin in Höflichkeit. Ich bin mir sicher, als die im Mittelalter hingerichtet wurden, fragten sie den Henker: ‚Sorry, ist mein Hals zu weit links?´“
Die Stimmung lockert sich merklich auf, herzhaftes Glucksen im Saal. Thomas grinst und wartet einen Moment, bis sich die Unruhe legt.
„Apropos U-Bahn. Das Streckennetz der Londoner U-Bahn ist ja schon ziemlich gigantisch. Haben Sie das mal gesehen? Da dachte ich: Was wäre, wenn die U-Bahn eigenständig fahren könnte? Spannender Gedanke, oder? Was macht so eine U-Bahn eigentlich den ganzen Tag, wenn sie mal frei hat? Wahrscheinlich fährt sie heimlich nach Disneyland und schaut den Achterbahnen beim Arbeiten zu. Ich stell mir vor, wie sie nachts an der Endstation steht und zu den anderen sagt: ‚Ich kündige. Heute hat einer ‚Macht nix‘ zu meiner Verspätung gesagt. Wenn die Leute jetzt anfangen, nett zu mir zu sein, habe ich gar keinen Grund mehr, die Türen demonstrativ vor ihrer Nase zuzumachen. Das ist frustrierend!‘“
Ein kurzes, trockenes Auflachen füllt den Raum.
„Es ist schon immer interessant, sich mit Menschen zu beschäftigen. Ein paar Monate später waren Anja und ich in Berlin. Wochenendtrip. Am Ku‘damm habe ich das erste Mal Geschäfte gesehen, die abends um 23:00 Uhr geöffnet waren. Legal. Bei uns werden um 18:00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Unter anderem, also neben den vielen Steakhäusern, war da auch ein Geschäft von ERNEST. Sie ist natürlich gleich reingestiefelt. Klar, Frauen halt.“ Er zwinkert. „Und wissen Sie, was sie da gekauft hat?“
Erwartungsvolle Blicke, einige schmunzeln.
„Ja, nichts!“
Die Menge ist kurz irritiert, dann setzt erstes Kichern ein.
„Na, überlegen Sie doch mal. Eine junge Frau geht abends um elf in ERNEST und kauft … nichts? Ich habe sie gefragt: Schatz, bist du krank?
Und sie sagt: ‚Warum? Sehe ich so scheiße aus?’
In dem Moment kommt ein Typ vorbei, so ein richtiger Berliner Vorstadt-Gangster. Er sagt im Vorbeigehen: ‚Nein, Ische, siehst geil aus.’
Thomas macht eine coole, breitbeinige Geste. Dann wechselt er blitzschnell die Position und schaut völlig entgeistert zurück.
Ich sehe ihm hinterher und frage: Und ich? Der dreht sich um und sagt: ‚DU siehst scheiße aus.’“
Prustendes Lachen in der Mitte des Saals.
„Meine Anja ruft ihm noch hinterher: ‚Hast du schon was vor?’ Tja, seit dem Tag bin ich solo.“
Ein mitleidiges ‚Oh‘ geht durch die Runde, gefolgt von amüsiertem Gemurmel.
„Vor einigen Monaten war ich in unserem Vorort unterwegs, da war ein Verkehrsunfall. Ein Golf und ein schwarzer Kleinwagen, Junge, sahen die ramponiert aus. Ein Mann mit blauem Pulli und eine Frau stritten wie die Verrückten. Ich also gleich hin, versucht zu schlichten, habe meine komplette soziale Kompetenz aufgetischt. Von wegen ‚ist doch nur Blechschaden, seien Sie froh, dass niemandem was passiert ist‘ und so weiter. Da fängt die Frau doch glatt an zu heulen und redet was von Baby. „Mein Baby, mein Baby.“
Der Typ im blauen Pulli kriegt die totale Panik. Er rennt zum Wrack, reißt die Fahrertür auf, sucht unter den Sitzen, wühlt im Handschuhfach. Und sie? Steht daneben, streichelt den Kotflügel und flüstert: ‚Keine Sorge, Schatzi, der böse Mann hat nur dein Licht kaputt gemacht.‘“
Er lässt das Mikrofon sinken, schüttelt den Kopf und wartet, bis das Gelächter den Höhepunkt erreicht hat.
„Da hab ich kapiert: Ihr ‚Baby‘ hat vier Reifen und braucht alle zwei Jahre neuen TÜV. Der Typ im blauen Pulli hat ausgesehen, als wäre er kurz vorm Herzinfarkt. Und die Frau sagte zur Polizei, sie hätte ihren Job verloren und die Kaskoversicherung nicht zahlen können. Sie hat echt geglaubt, dass sie alles selbst zahlen muss. Bis die Zeugen sagten, der andere sei über Rot gefahren! Sie war so erleichtert, man konnte den Polizisten vor lauter roten Lippenabdrücken nicht mehr erkennen!“
Lautes Gelächter erfüllt den Saal, einige johlen. Thomas lässt das Gelächter komplett ausklingen, tritt einen Schritt vor und senkt die Stimme. „Aber warten Sie“, sagt er, blickt verschwörerisch, „das Beste kommt erst noch. Als der Polizist die Personalien aufnahm, hat sich herausgestellt: Die junge Frau ist die Schwester von meiner Ex Anja.“
Er kneift die Augen zusammen und wartet mit einem verschmitzten Lächeln, bis die Zuschauer den Zusammenhang realisiert haben.
„Aber warten Sie, das Allerbeste kommt zum Schluss: Wir sind jetzt zusammen!“ Er breitet die Arme aus und grinst übers ganze Gesicht. „Tanja, komm zu mir!“
Das Publikum lacht und applaudiert. Eine Frau steht auf, geht mit sicheren Schritten den Weg nach vorne. Thomas sieht zu ihr, streicht sich nervös durchs Haar. Sie begegnen sich auf der Bühne, umarmen und küssen sich. Innig atmet Thomas ihren Duft ein, diesen hellen, blumigen Jasmin, den sie immer trägt.
Thomas: „Tja, das ist also die Verrückte, die beinahe einen Herzinfarkt verursacht hätte.“
Tanja: „Glaubt ihm kein Wort! Er wollte nur den Weg zum nächsten Currywurst-Stand wissen.“
Thomas: „Ich habe professionell deeskaliert, während du den Kotflügel gestreichelt hast!“
Tanja: „Hast du deswegen ‚Atme, Kleiner, atme‘ in den Auspuff gebrüllt?“
Thomas: „Das war Erste Hilfe, das Metall war noch ganz warm!“
Tanja: „Der Polizist wollte ihn einweisen lassen! Er dachte, Thomas hat einen Hitzeschlag!“
Thomas: „Ich dachte, wenn der Vorstadt-Gangster mich ‚scheiße‘ finden darf, dann darf ich auch dein Auto retten!“
Tanja: „Später hat er hat mich auf einen Kaffee eingeladen – und dann festgestellt, dass er sein Portemonnaie im Wagen vergessen hat!“
Thomas: „Ich wollte nur testen, ob du für mich da bist, wenn’s hart auf hart kommt!“
Das Publikum lacht und johlt, doch Thomas Gesichtszüge werden auf einmal ernster. „Aber wissen Sie was? Tanja hat recht. Ich bin ein lausiger Ersthelfer.“ Er lässt das Mikrofon sinken, tritt ganz nah an sie heran und geht vor den Augen des bebenden Saals langsam auf die Knie.
„Liebe Tanja, … seit diesem Unfall in der Stadt bin ich derjenige, der eine Beule im Herzen hat. Und ich glaube, nur du kannst sie rausmassieren. Ich will nicht, dass du weiterhin alleine fährst.“
Er zieht eine Radmutter vom Unfallwagen aus der Tasche, an der ein Ring steckt.
„Tanja… willst du meine Beifahrerin werden? Auf Lebenszeit, mit Vollkasko für die Seele?“
Tanja schlägt die Hände vors Gesicht, der Saal explodiert förmlich vor Begeisterung, die Leute stehen auf, klatschen und jubeln, einige johlen und pfeifen. Niemand hört Tanjas Antwort, doch die Gestik und der lange Kuss brauchen keine Worte. Ihre Freude und Ergriffenheit durchwehen den ganzen Saal. Nach einiger Zeit wenden sich die beiden dem Publikum zu, verbeugen sich und winken in die Menge.
„Vielen Dank, das waren Thomas Moers und …“
„Tanja Edel.“
„… live aus Osnabrück. Kommen Sie gut nach Hause. Und wenn Sie unterwegs einen Unfall sehen, halten Sie sofort an! Vor allem, wenn Sie verheiratet sind!“ Er zwinkert.
Tanja stupst ihn empört an, dann küssen sie sich.
Der Applaus auf dem Bildschirm ebbt langsam ab. Das Bild bleibt bei dem Kuss stehen – Thomas und die Frau, die so leidenschaftlich und voller Leben wirken. „Wir haben gekämpft, nicht wahr?“, murmelt er und seine Stimme klingt nun brüchig, belegt vom Tabakrauch der letzten Jahre. „Die Chemo, die Perücken, die Nächte, in denen wir so getan haben, als wäre das alles nur eine weitere schlechte Pointe in meinem Programm.“
Einen Moment lächelt Thomas noch, dann tastet seine Hand nach der Flasche Korn, die hinter dem Standfuß der Leselampe im Schatten wartet. Er starrt auf das Standbild. Die Frau auf dem Bildschirm lacht ihn an. Im Zimmer ist es mittlerweile empfindlich kalt geworden. Er zieht die Decke enger um sich. Der Jasmingeruch beißt ihm plötzlich schwer und bittersüß in der Nase. Er blickt auf die billige Sprühdose auf dem Boden.
„Du hast immer gesagt, ich soll das Publikum nicht anlügen“, sagt er und trinkt einen Schluck. Seine Hand zittert. „Aber ich habe gelogen. Ich habe ihnen erzählt, dass alles gut wird, wenn man nur anhält und hilft!“ Er schaltet den Fernseher aus. Die plötzliche Kälte im Raum raubt ihm den Atem. Sein Blick streift die unberührte Tasse auf dem Beistelltisch.
„Ich habe angehalten, ich habe alles für dich gestoppt!“
Er starrt zum leeren Sessel neben sich.
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