Von Helga Rougui

Im Hintergrund eine einsame Landstraße. Rechts und links der Straße Wald, dunkelgrün belaubte Bäume.

Mittig ein verbeulter Mittelklassewagen, davor ein Pärchen, links der Mann, rechts die Frau. Sie schreien sich an.

 

Sieglinde: – Was glaubst du, wer du bist? Siegfried? Wolverine? Unverwundbar? Musstest du unbedingt gegen den Baum – ach nee, Moment, ich war ja am – 

 

Sigurd (süffisant): – am Steuer, liebe Sieglinde? Und dann diese Vollbremsung! Der Baum ist urplötzlich so auf die Fahrbahn gestolpert, oder was?

 

Sieglinde (hört auf zu schreien): – Oder was. Ja, du hast recht, der war plötzlich da, und jetzt ist er weg. Unser Auto steht da doof rum, voll zusammengefaltet, aber ohne Grund. Da ist kein Hindernis in Sicht.

 

Sigurd (ebenfalls normale Lautstärke): – Ja mei, du schaffst das halt, ein Auto kaputtzufahren ohne ein Hindernis im Weg. Das können nur Frauen.

 

Sieglinde (verdreht die Augen): – Ham wirn Macho gefrühstückt? Blöder Sack. (überlegt) Aber irgendwie isses alles komisch. Kein Baum, kein Hindernis. Vielleicht was Bewegliches, was vorbeigezischt ist …

 

Sigurd (feixt): – Ein Einhorn, ja? Die Braut, die sich nicht traut? Sissi? Der Osterhase?

 

Sieglinde (grübelt): – Jetzt, wo du es sagst, mir ist wirklich, als ob da ein Hase … mit einer Kiepe … bunte Eier …

 

Sigurd: – Na klar. Erstens – das Wort “Kiepe” kennt heute keine Sau mehr, und zweitens – bloß, weil Ostersonntag ist, muss es natürlich ein Hase sein. Sonst wärs der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten gewesen, was? Wer bläst dir solchen Firlefanz ins Hirn?

 

Ich: – Ich.

 

Sigurd: – Wer spricht? Ich sehe niemanden. Bist du Gott?

 

Ich: – Sozusagen. Für euch beide grad schon. Sonst nicht so sehr. (Leise, für sich) Obwohl, ich war vierzig Jahre im Schuldienst …

 

Sieglinde (hat feine Ohren): Im Schuldienst? Ha, ha, und das Schulriegeln fehlt dir wohl?

 

Ich: – Nein, nicht wirklich. Aber hier geht’s darum, dass ihr euch vor einem Autowrack streitet. Und ich bestimme, worum. Worüber. Wie auch immer.

 

Sigurd: – Wenn ich das richtig verstehe, bist du für unsere dämlichen Vornamen verantwortlich? Ist unser Nachname genauso blöd?

 

Ich (verschämt): – Ich weiß nicht, ich dachte da an Midgardschlange?

 

Sieglinde: – Sigurd und Sieglinde Midgardschlange? Aber sicher doch, warum denn nicht? Wir sind ja nur erfundene, wehrlose Fantasiegeschöpfe eines unausgelasteten Autorenhirns, das mit seiner zufällig angehäuften Halbbildung protzen will.

 

Hirn (stelzt durchs Foto von links nach rechts): – Ich protze nicht. Nie. (verschwindet)* 

 

Ich: – Was war das?

 

Sigurd: – Na, wenn du das nicht weißt …

 

Sieglinde (ungehalten): – Könnten wir mal zurück zum Thema? Wir müssen ja wohl nehmen, was du uns okto … oktrio … oyktroy …

 

Sigurd: – Frag SIE!

 

Sie: – … oktroyierst. Ha.

 

Sieglinde: – Also das war jetzt billig. Aber nun verraten Sie mir einmal, verehrte Frau Autorin, was es mit dem Auto auf sich hat. Überhaupt –  Auto – Autorin – das ist Ihr Werk, ja? Dies Gefährt ist verbeult, es ist ein Wrack, aber es sieht alt und verrostet aus. Wenn wir uns streiten sollen, dann nicht über einen frischen Unfall?! Worüber dann?

 

Sie: – Leute – ich weiß es auch nicht. Für das Auto kann ich nichts. Es wurde so geliefert. Ich gebe zu, ich leide an einem akuten Anfall von Ideenlosigkeit. Und schlimmer – ich weiß, es gibt supergute Einfälle, siehe die Geschichten von M.M. und B.K. z.B., die hab ich schon gelesen, wirklich gut, und die anderen, da bin ich sicher, haben sich auch wieder gut geschlagen.

 

Sieglinde: — Und du? Tabula rasa, Wüste Gobi, nix, nada, niente, nothing, rien?

 

Sigurd:  Was heißt “nichts” auf Chinesisch? Na? Naaa? – Jetzt versteh ich auch die Ablenkungsmanöver mit den Namen. Wie im mündlichen Examen – besser irgendwas erzählen als gar nix sagen?

 

Sieglinde: – Da ist nur ein Problem – hier selbstmitleidig rumzuweinen erregt niemandes Mitgefühl. Sie werden dir das hier nicht durchgehen lassen. 

 

Sie: – Nicht mal als elegante Pleite?

 

Sigurd: – Ich sehe schwarz. Bereite dich auf die Hinrichtung vor.

 

Sie: – Ich lass euch mal allein. Lasst euch was einfallen oder nicht. Ich wandere aus. Nach Grönland. Ach, besser nicht. Nach Venezuela. Da ist er ja schon gewesen.

 

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* (Anm. der Autorin: Hoffentlich nicht auf Nimmerwiedersehn)