Von Andreas Schröter

Im Autoradio läuft Jess‘ Lieblingssong: „The Emptiness Machine“ von Linkin Park. Sie singt ihn nicht mit, obwohl sie es sonst immer tut. Den Kopf hat sie von Adri, der das Auto fährt, abgewandt. Adri hat fünf Minuten zuvor gesagt, dass ihre Mutter zu viel redet. Sie kommt von Hölzken auf Stöcksken, meint er. Zwar findet Jess selbst, dass ihre Mama manchmal andere nicht zu Wort kommen lässt und die immer gleichen Allgemeinplätze verbreitet, aber Adri hat noch lange nicht das Recht, das zu thematisieren.

Die beiden sind unterwegs zu einem Spieleabend mit Jess‘ Freundinnen Kathi und Mareike. Adri stellt sich schon den niedrigen Couchtisch vor, die Schüsseln mit Salzstangen, das Rascheln von Spielkarten, die langen Diskussionen darüber, ob etwas nun zählt oder nicht. Ihm graust es davor, noch bevor sie überhaupt da sind.

„Wenn wir nicht wenigstens den Kontakt zu meinen Freundinnen halten würden, hätten wir gar keine sozialen Beziehungen mehr“, sagt Jess, wenn Adri etwas in dieser Richtung anmerkt. „Ich scheiß auf soziale Beziehungen“, sagt Adri dann meist.

In diesem Moment schaltet sich „The Emptiness Machine“ ab – ein Zeichen dafür, dass schon wieder irgendetwas am Radio kaputt ist, das digitale Signal nicht ausreicht oder dass ein Anruf reinkommt und die Stereoanlage überlagert. Adri wirft einen Blick aufs Display. Eingehender Anruf. Keine gespeicherte Nummer. Er tippt auf „Annehmen“.

„Ja?“

Eine Männerstimme meldet sich, aalglatt sogar durchs Telefon. „Guten Tag, Jochen Winter von der Europa-Versicherung. Bitte beachten Sie bei Ihrem Unfall, dass Sie nachweisen müssen, dass Sie selbst keine Schuld tragen. Da Sie nur teilkaskoversichert sind, können wir andernfalls nicht den vollständigen Schaden regulieren.“

Adri zieht die Stirn kraus. „Sie haben die falsche Nummer. Wir hatten keinen Unfall.“

Er legt auf, bevor der Mann widersprechen kann.

Neben ihm dreht Jess den Kopf ein Stück. „Was war das denn?“

„Irgendein Irrer.“

Der Rocksong läuft weiter, aber jetzt geht ihm schon das erste Gitarrenriff auf die Nerven. Vielleicht weil er Jess ärgern will, bloß damit sie merkt, dass er noch da ist. Er startet den Sendersuchlauf.

Erst rauscht es nur. Dann füllt eine weiche Männerstimme den Wagen, die etwas von Gnade, Führung und dem Plan des Herrn erzählt. Adri tippt weiter. Ein Schlager plärrt los, klebrig süß: „Du bist mein für immer …“ Weiter. Jetzt erklärt jemand mit Begeisterung, woran man erkennt, ob ein Caesar-Salat wirklich knackig wird.

„Das Geheimnis“, sagt die Radiostimme, „liegt in der Temperatur des Romanasalats und …“

Die Reifen geraten mit einem trockenen Knattern auf den Seitenstreifen.

Jess’ Hand schnellt zum Armaturenbrett. „Adri!!“

Da ist schon der Baum.

In Filmen werden solche Szenen in Zeitlupe gezeigt. Hier nicht. Es gibt nur das jähe Nach-vorn-Gerissen-Werden, einen Schlag, der den Brustkorb hart trifft, und ein hässliches Krachen aus Metall und Glas. Der Airbag explodiert den Autoinsassen entgegen, und für einen Augenblick gibt es nur Druck und Staub.

Als das Auto endlich steht, hängt der Motor irgendwo vorn schief und zischt. Jess hustet. Adri hört ein hohes Pfeifen in den Ohren.

Aus den Lautsprechern kommt immer noch die Stimme aus der Kochsendung.

„… und die Croutons sollten selbstverständlich erst ganz zum Schluss …“

Wieder wird der Satz unterbrochen.

Adri blinzelt auf das Display. Im Nachhinein ist ihm nicht klar, warum er in diesem Moment den Anruf entgegennimmt. Es muss etwas mit dem Schock zu tun haben, das ihn zu irrationalem Handeln verleitet.

„Ja?“

„Guten Tag, Wittenberg vom ADAC. Wir sind unterwegs, um Ihr Fahrzeug abzuschleppen. Zehn Minuten, dann sind wir bei Ihnen.“

Adri starrt gegen die eingedrückte Motorhaube, die eher nach zerknüllter Konservendose aussieht als nach Auto. „Was?“

„Bleiben Sie bitte am Fahrbahnrand und …“

Er beendet das Gespräch.

Jess wischt sich mit zitternden Fingern über die Augen. Auf ihrer Unterlippe sitzt ein heller Abdruck von den Zähnen. „Wie können die das schon wissen?“

Adri antwortet nicht. Er hört sich selbst atmen.

Noch bevor das Radio wieder anspringt, kommt der nächste Anruf. Diesmal ist es eine Frauenstimme, freundlich bis zur Schmerzgrenze.

„Guten Tag, Schönwald vom Therapiebüro ,Jetzt erst recht‘. Für Paare mit akuten Kommunikationsproblemen empfehlen wir unser Intensivpaket: fünf Sitzungen für nur dreihundertfünfzig Euro.“

Jess fährt herum. „Wer sind Sie? Woher haben Sie unsere Nummer?“

Die Frau am anderen Ende antwortet nicht. Es knistert in der Leitung, als reibe jemand Papier über Papier.

„Und wie kommen Sie darauf, dass wir eine Paartherapie brauchen?“, presst Jess hervor.

Statt einer Antwort rauscht es nur noch aus den Lautsprechern.

Sie bekommen die Türen erst nach mehreren Versuchen auf. Das Blech hat sich verzogen. Adri muss mit der Schulter dagegenstemmen, bis die Fahrertür aufspringt. Draußen riecht es nach feuchter Erde und etwas Metallischem. Glassplitter glitzern auf dem Asphalt. Im Straßengraben liegt ein Stück Kunststoff, das einmal zum Scheinwerfer gehört haben muss.

Jess kommt umständlich aus dem Wagen, stützt sich kurz am Dach ab und sieht dann erst den Schaden richtig. Ihr Blick geht vom zerbeulten Kotflügel zu den Airbags, dann zu Adri.

„Du verdammter Idiot“, sagt sie erst leise, beinahe heiser.

Dann wird ihre Stimme lauter. „Wegen deiner bescheuerten Spielerei am Display! Wegen dieses dämlichen Radios! Wir hätten tot sein können.“

Adri macht einen Schritt auf sie zu. „Jetzt bin natürlich ich schuld.“

„Ja, wer denn sonst?“

„Vielleicht die geniale Idee, ausgerechnet heute zu deinen Freundinnen zu fahren? Vielleicht dieser ganze lächerliche Spieleabend, auf den du unbedingt wolltest?“

Jess lacht kurz auf, aber das Geräusch hat nichts Heiteres. „Natürlich. Immer sind die anderen schuld. Meine Eltern haben es sofort gesagt, weißt du das noch? Dass du dich für klüger hältst als alle anderen und am Ende nicht mal geradeaus fahren kannst.“

Er spürt, wie etwas heiß in ihm hochschießt. „Dann hättest du ja auf sie hören können.“

„Vielleicht hätte ich das tun sollen!“

Dann verstummen ihre Stimmen abrupt, denn sie erinnern sich beide zugleich an etwas, das eine unbekannte Frauenstimme erst wenige Minuten zuvor gesagt hat: Für Paare mit akuten Kommunikationsproblemen. Etwas krampft sich um ihre Herzen.

Adri sieht auf das Handy in seiner Hand.

Seit dem Aufprall klingt etwas darin lose. Bei jeder Bewegung klickt es leise, als läge hinter dem Display ein kleines kaputtes Gelenk. Über den Rand der Vorderseite zieht sich ein Sprung. Das Gerät vibriert dennoch. Ein weiterer Anruf.

Jess macht keine Anstalten, ihn davon abzuhalten, ihn entgegenzunehmen.

Adri schaltet auf Lautsprecher und drückt auf Annehmen. „Hören Sie“, sagt er, noch bevor sich jemand melden kann, „wir brauchen keine Paartherapie. Dass man sich nach einem Unfall streitet, ist völlig normal.“

Für einen Herzschlag ist es still. Dann räuspert sich ein Mann.

„Entschuldigen Sie bitte. Segensreich Bestattungen. Wir können Ihnen nach dem Tod Ihrer Partnerin selbstverständlich alle organisatorischen Schritte abnehmen. Unser herzliches Beileid.“

Jess’ Gesicht friert ein.

Adri bringt kein Wort heraus.

Die Stimme spricht weiter, ruhig, beinahe routiniert:

„Es wäre nur zu klären, ob Sie eine offene Aufbahrung wünschen. In diesem Fall müssten wir vorab prüfen, was möglich ist. Denn“ – der Mann räuspert sich gewichtig – „wie Sie wissen, haben die nach der Explosion herumfliegenden Autoteile schon einiges angerichtet …“

Ein leises Knistern geht durch die Leitung.

„Wir würden Ihnen dann eine entsprechende Empfehlung aussprechen.“

Adri lässt das Handy sinken. Keiner von beiden sagt etwas. Sie drehen sich gleichzeitig um und schauen auf den Audi.

Aus dem zerdrückten Vorderwagen steigt jetzt ein dünner, grauer Faden auf, erst kaum sichtbar, dann dichter. Irgendwo tief im Motorraum knackt es, leise, trocken, als würde etwas unter Spannung stehen.

Jess macht einen Schritt rückwärts.

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