Von Andreas Schröter

Die Stimmung im Auto ist angespannt. Das ist daran zu merken, dass Jess nicht ihren Lieblingssong mitsingt, der gerade im Radio läuft: „The Emptiness Machine“ von Linkin Park. Sie hat schlechte Laune, weil Adri eben etwas Negatives über ihre Mutter gesagt hat: dass sie zu viel redet und von Hölzken auf Stöcksken kommt. Zwar findet sie selbst, dass ihre Mama manchmal andere nicht zu Wort kommen lässt und die immer gleichen Allgemeinplätze verbreitet, aber Adri hat noch lange nicht das Recht, das zu thematisieren.

Adri hat auch schlechte Laune. Er hat keine Lust auf den Spieleabend mit Jess‘ Freundinnen, zu dem sie unterwegs sind. Er kann sich nichts Langweiligeres als einen Spieleabend vorstellen. Was für eine gigantische Zeitverschwendung! Haben die alle nichts zu lesen? „Wenn wir nicht wenigstens den Kontakt zu meinen Freundinnen halten würden, hätten wir gar keine sozialen Beziehungen mehr“, sagt Jess, wenn Adri etwas in dieser Richtung anmerkt. „Ich scheiß auf soziale Beziehungen“, sagt Adri dann meist wenig einfühlsam.

In diesem Moment schaltet sich „The Emptiness Machine“ ab – ein Zeichen dafür, dass schon wieder irgendetwas kaputt ist, das digitale Signal nicht ausreicht oder auch, dass ein Anruf reinkommt und die Stereoanlage überlagert. Letzteres ist der Fall, wie Adri am Display sieht. Er drückt auf „Annehmen“ und meldet sich.

„Ja, guten Tag, hier ist Jochen Winter von der Europa-Versicherung. Bitte bedenken Sie bei Ihrem Unfall, dass Sie nachweisen müssen, dass Sie selbst keine Schuld daran tragen. Da Sie nur eine Teilkasko-Versicherung abgeschlossen haben, können wir andernfalls nicht den kompletten Schaden ersetzen.“

Adri weiß nicht, was das soll. Etwas ungehalten – wegen seiner schlechten Grundstimmung – sagt er: „Sie müssen mich mit jemandem verwechseln und die falsche Nummer gewählt haben. Wir haben keinen Unfall.“ Er bricht die Verbindung ab, ohne eine Antwort des Versicherungsvertreters abzuwarten. Das ist eigentlich sonst nicht seine Art.

„The Emptiness Machine“ läuft weiter. Aber der Song nervt ihn jetzt – gerade weil er weiß, dass Jess ihn toll findet. Aber er will sie bestrafen. Für was, weiß er nicht so richtig. Wahrscheinlich für den Spieleabend. Er schaltet ihn ab und startet den Sendersuchlauf. Das ist etwas nervig, weil sich auf Anhieb nichts Passendes findet. Ein Mensch redet über Gottes Gnade, woanders läuft ein unerträglicher Schlager – „Du bist mein für immer“ – und im dritten Programm lässt sich jemand über ein Rezept für besonders knackige Cäsar-Salate aus.

Durch die Tipperei auf dem Display ist Adri einen Moment zu lange abgelenkt, und er merkt nicht, dass der Wagen von der Fahrbahn abgekommen ist. Der Audi prallt gegen einen Baum, wird von diesem zurückgeschleudert und kommt mitten auf der Straße zum Stehen. Dank der Sicherheitsgurte und Airbags bleiben Jess und Adri unverletzt. Sie sitzen benommen in ihrem Wagen. Die Motorhaube vor ihnen ist mehr oder weniger nicht mehr vorhanden.

Die arg detaillierte Beschreibung über das garantiert beste Gelingen des Cäsar-Salates bricht ab, weil ein weiterer Anruf eingeht. Adri weiß im Nachhinein nicht, warum er in dieser Ausnahmesituation annimmt.

„Ja, guten Tag, Wittenberg vom ADAC. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen, um Ihr Auto abzuschleppen. Dauert zehn Minuten.“

Adri ist zu verwirrt, um das Gesagte aufzunehmen. Wie kann der ADAC …? Der Unfall hat sich vor gerade mal zehn Sekunden ereignet. Er bricht auch diesen Anruf ab.

Noch bevor sich das Radio wieder einschaltet, kommt ein dritter Anruf: „Guten Tag, Schönwald vom Therapiebüro ‚Jetzt erst recht‘. Für streitende Paare empfehlen wir unsere Paartherapie. Fünf Sitzungen für nur 350 Euro.“

„Wer sind Sie? Woher haben Sie unsere Nummer? Und wie kommen Sie darauf, dass wir eine Paartherapie brauchen?“, schaltet sich nun Jess ein. Ihre Stimme klingt anders als sonst. Sie wirkt etwas hysterisch, was aber angesichts der Situation kein Wunder ist. Doch eine Antwort bleibt aus. Aus den Lautsprechern, die den Unfall offenbar überstanden haben, ist nur noch Rauschen zu hören.

Die beiden quälen sich aus dem Auto, was wegen der verzogenen Karosserie und der schwergängigen Türen nicht ganz einfach ist. Einige Sekunden später stehen sie vor ihrem kaputten Wagen. Jetzt bricht es aus Jessica „Jess“ heraus: „Du verdammter Idiot mit deiner bescheuerten Stereoanlage! Wir hätten tot sein können. Meine Eltern hatten recht. Du bist einfach ein kompletter Loser. Ich hätte auf sie hören sollen.“ Sie schreit ihn aus vollem Hals an.

„Ach, jetzt bin ich also schuld. Das ist ja wieder typisch. Wenn du nicht auf diesen vollkommen blödsinnigen Spieleabend gewollt hättest, wären wir jetzt nicht in dieser Situation.“ Auch er schreit.

Im selben Moment werden sich beide bewusst, dass sie genau das tun, was ihnen die Paartherapeutin eben unterstellt hat. Sie streiten. Und zwar heftig. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, starren sie auf das Handy, das Adrian „Adri“ nun in der Hand hält und das nun nicht mehr mit der Auto-Stereoanlage verbunden ist. Es gibt seltsame Knackgeräusche von sich, die neu sind. Ob es durch den Unfall ebenfalls Schaden genommen hat?

Doch jetzt vibriert es. Adri nimmt den Anruf entgegen und schreit: „Wir haben Ihnen doch eben gesagt, dass wir keine Paartherapie brauchen. Dass man sich mal streitet, zumal wenn man eben einen Autounfall hatte, ist völlig normal.“ Doch am anderen Ende ist nicht die Paartherapeutin, wie Adri und Jess merken, als sich eine männliche Stimme meldet. Jess hört mit, weil die Lautsprecherfunktion eingeschaltet ist.

„Entschuldigen Sie bitte – hier ist das Bestattungsunternehmen Segensreich. Wir können uns nach dem Tod Ihrer Partnerin gerne um alles kümmern. Und natürlich sprechen wir Ihnen unser herzliches Beileid aus. Was wir allerdings diskutieren müssten, wäre die Antwort auf die Frage, ob Sie einen offenen Sarg wünschen. Durch die Explosion Ihres Wagens sind einige Autoteile herumgeschleudert worden, die Ihre Partnerin nicht nur tödlich verletzt, sondern auch etwas verunstaltet haben. Ich bitte um Entschuldigung für diese Wortwahl angesichts Ihrer Situation.“

Adri lässt das Handy sinken. Das Paar schaut nun zurück auf das demolierte Auto. Eine leichte Rauchsäule steigt von dem hoch, was einmal der Motorblock gewesen sein muss.

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