Von Agnes Decker
Als er von der Autobahn abbog, war es bereits dunkel. Noch gut eine Stunde lag vor ihm – der Preis dafür, am Stadtrand zu wohnen. Er schaltete das Radio ein und summte leise mit: „No woman, no cry“.
„Perfekt“, dachte er und grinste dem beinahe vollen Mond entgegen, der hoch über der Straße stand und die einsame Landschaft in ein märchenhaftes Licht tauchte. So schön.
Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der alte SUV schoss in die Nacht hinaus, als plötzlich etwas Dunkles die Straße überquerte. Verdammt, was war das? Während er das Bremspedal durchtrat, hörte er den Aufprall und wurde zugleich mit einem Ruck nach vorne geschleudert. Fast gleichzeitig kam der Wagen zum Stehen, der Airbag löste aus und traf ihn mit voller Wucht. Für einen Augenblick verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, sah er als erstes den Mond. Er stand direkt vor ihm. So, als könne er ihn greifen. Jetzt bin ich tot, dachte er. Dann spürte er die Schmerzen. Wenn es weh tut, kann ich nicht tot sein. Er schloss die Augen – gönnte sich einen Moment des Nichtwahrhabens, ein Atemholen, bevor er sich dem, was passiert war, stellen würde.
Als erstes musste er raus aus dem Wagen. Um nicht vor Schmerzen aufzuschreien, presste er den Kiefer zusammen, verlagerte seinen Körper und stemmte ihn gegen die Tür. Es schien endlos lange zu dauern. Er hatte Angst, dass ihn seine Kräfte verlassen würden.
Nicht aufgeben. Weiter. Nicht aufgeben. Du musst hier raus.
Wie ein Mantra kreisten die Worte in seinem Kopf.
Endlich, Zentimeter für Zentimeter bewegte sich die Tür, knarzte und quietschte, bis ein Windstoß sie ergriff, und sie hart und mit einem lauten Knall gegen den Wagen schlug.
Er schwang die Beine hinaus, zog sich am Türrahmen hoch und kam unsicher zum Stehen. Der Wind griff in sein Haar, zerzauste es wie eine Geliebte. Einen Moment hielt er inne. Sammelte Kraft. Der Mond stand immer noch mitten über der Straße. Umgeben von einem Meer unzähliger Sterne. Alles war in Bewegung, schlingerte und schwankte. Ihm wurde flau. Er riss seinen Blick vom Mond und schaute zum nahegelegenen Wald. Aber auch die Bäume schwankten, das Auto, die Straße. Etwas Heißes stieg in ihm hoch. Säure brannte in seiner Kehle. Er schluckte sie hinunter, würgte, zwang sich zur Ruhe. Als er mit der Hand über sein Gesicht fuhr, spürte er Feuchtigkeit. Blut? Schweiß? Er atmete weiter. Ein und aus, ein und aus, bis alles wieder stillstand, der, Mond, der Wald und alles andere.
Dann gab er sich einen Ruck und ging los. Seine Rippen schmerzten. Er umrundete den Wagen, der in Schräglage in dem matschigen Boden steckengeblieben war. Daneben ein verbogenes Fahrrad und ein Stück weiter ein unförmiges Bündel. Es sah aus, als hätte jemand einen Haufen alter Kleidung einfach so in die Natur geschmissen. Er zögerte. Nur kurz. Wissend, dass er das, was ihn erwartete nicht länger aufschieben konnte, trat er näher. Schaute hin. Es konnte ein Mensch sein. Aber er konnte es nicht genau erkennen. Dunkle Wolken waren am Himmel aufgezogen und verdeckten Mond und Sterne. Er ging näher. Horchte. Hörte keinen Atem. Überhaupt kein Geräusch. Verdammt, das alles konnte doch nur ein Alptraum sein. Er sollte das, was dort lag, anfassen, aber er schaffte es nicht. War wie erstarrt.
„Nicht. Zurück ins Auto. Gefahr!
Was war das in seinem Kopf? Bilder blitzten auf: Ein Kinderwagen. Ein Pkw. Eine dunkle Straße. Der Aufprall und die Frau. Er konzentrierte sich, doch sobald er einen Fetzen zu packen bekam, löste er sich auf, war wie weggezoomt. Der Mann mit dem Messer. Verdammt, verdammt. Er konzentrierte sich und langsam formten sich die Bruchstücke zu einem Film. Die Sendung im Fernsehen. „Steigen Sie nicht aus“, hatte der Sprecher immer wieder gesagt. „Rufen Sie die Polizei.“ Vielleicht sollte er wirklich wieder einsteigen. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die 112.
„Nicht, nicht.“ Vor ihm stand eine junge Frau. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht. Sie trug ein rotes langes Kleid und eine goldene Kette. Chic, wenn nicht der abgerissene Saum und der Schmutz gewesen wären. Oder war es Blut? Im Gesicht der Frau. Und diese dunklen Flecken. Ihr helles Haar hing ihr wirr ins Gesicht.
„Was wollen Sie“, fragte er.
„Er ist tot.“ Die Stimme der Frau klang fest, nicht wie die eines Menschen, der gerade einen Unfall überlebt hat.
„Wen meinen Sie?“
„Das wissen Sie doch genau“
„Nein, ich weiß nicht, wen Sie meinen.“
„Ich werden Ihnen helfen. Passen Sie auf. Ich setze mich in Ihren Wagen und Sie versuchen, ihn anzuschieben.“ Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch.
Er hielt ihr die demolierte Tür auf und sie stieg ein. Startete den Motor. Der sprang sofort an. Mit aller Kraft schob er, immer synchron zum Gas geben der Fahrerin. Der Wagen schaukelte hin und her.
„Schalten Sie den Allradantrieb ein.“
„Habe ich. Wir brauchen ein Brett oder irgendetwas für unter die Hinterräder“, rief die Frau durchs geöffnete Fenster.
Die beiden Gummimatten. Vermutlich würden sie reichen. Gottlob ließ sich der Kofferraum öffnen. Er zog die Matten heraus, schob sie unter die Räder und die Frau gab wieder Gas. Er lehnte sich mit aller Kraft gegen den Wagen und schob. Und tatsächlich fassten die Räder und das schwere Fahrzeug hievte sich aus dem Graben. Noch etwas hin- und herschwankend fuhr die Frau es bis zur Straße und blieb auf dem Seitenstreifen stehen.
Die Landstraße nach O. war, wie meistens, wenn er um diese späte Stunde aus dem Krankenhaus zurückkam, menschenleer. Es hatte also niemand den Unfall bemerkt. Bis auf die Frau. Und die stieg gerade aus.
Er ging um den Wagen herum. Die Haube war eingedrückt und die rechte Lampe defekt, ein paar Dellen und Kratzer.
„Steigen Sie ein und fahren Sie weiter. Sie können mich bei mir zuhause absetzen.“
„Was wollen Sie“, fragte er erneut. Aber sie schwieg.
So standen Sie sich gegenüber.
„Was wollen Sie? Wer sind Sie?“ Er schrie jetzt, schrie seine ganze Anspannung heraus.
„Steigen Sie ein. Wir müssen hier weg“, schrie sie zurück.
„Ich rufe jetzt die Polizei und einen Rettungswagen.“
„Und dann?“ Sie schrie lauter. „Er“, sie zeigte mit der Hand zu dem Graben, wo der Tote lag, „wird davon auch nicht mehr lebendig. Und außerdem war er ein Schwein. Er war hinter mir her. Ich bin über die Straße gelaufen. Wollte zum Wald laufen. Mich verstecken. Er verfolgte mich. Dabei haben Sie ihn erwischt.“
„Ich muss die Polizei rufen. Und einen Arzt. Lassen Sie mich!“
„Nein.“ Sie sprang so unvermutet auf ihn zu, dass ihm das Handy aus der Hand fiel. „Er ist tot.“ Ihr Gesicht war jetzt dicht vor seinem. „Glauben Sie mir. Ich kenne mich damit aus. Und man wird Sie dafür verantwortlich machen. Ihr Leben wird zerstört sein.“
„Was wollen Sie? Verdammt nochmal“, schrie er und stieß die Frau von sich weg. Sie taumelte, fiel aber nicht, sondern fing sich und blieb schwankend stehen.
Er bückte er sich, hob sein Handy auf. Stieg in den Wagen und verriegelte alle Türen. Dann wählte er. Kein Netz. Verdammt. Er würde zum nächsten Polizeirevier fahren, den Unfall melden. Sie würden ihm glauben. Er fuhr los und lenkte den Wagen auf die Landstraße.
Da war plötzlich wieder die Frau. Streckte die Hände entgegen, als wolle sie damit den Wagen aufhalten.
Er gab Gas.
Sah sie zur Seite springen. Ein Knall. Leiser als zuvor.
„Bitte, lieber Gott, lass mich aufwachen, neben Miri liegen und ihr unser Geburtstagslied singen. Wie schön, dass du geboren bist“, begann er, sang Strophe für Strophe leise vor sich hin, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen und auf sein Hemd tropften. Das Rot des Blutes, mit dem sie sich vermischt hatten, zeichnete sich scharf von dem hellen Untergrund ab. Als er mit der Hand darüberstrich, roch es nach Eisen.
Die Scheinwerfer bohrten zwei unendliche Tunnel in die Dunkelheit der Landstraße.
„Jetzt werde ich verrückt“, dachte er immer wieder und dann sang er, bis er ruhig wurde. Und fuhr. Hatte das Gaspedal durchgetreten, raste über die leere, dunkle Landstraße und sang.
Miri würde auf ihn warten. Festlich gekleidet und ein bisschen aufgeregt. Im Guten, so würde sie sagen. Er hatte es ihr diesen Abend zum Geburtstag geschenkt. Einen Abend mit einer großen Überraschung. Miri liebt Überraschungen. Und er war ohnehin schon spät dran. Sie würde am Fenster stehen und auf ihn warten. Er würde es nicht pünktlich schaffen. Diesmal nicht.
„Tut mir leid, meine Miri“, flüsterte er, und: „Ich liebe dich.“
Es war 23.50 Uhr, als er zuhause ankam.
Gerade noch rechtzeitig, um mit Miri auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.
Im Wohnzimmer war Licht. Er konnte ihre schmale Gestalt sehen und wie sie auf und ab ging.
Er stellte den SUV in der Garage ab. Darum würde er sich später kümmern. Und um alles andere.
Für drei Uhr morgens war das Taxi bestellt. Es würde sie zum Flughafen bringen. Mexico. Zwei Wochen.
Er blieb einen Moment sitzen, die Hände noch am Lenkrad.
Dann atmete er tief ein, öffnete die Tür und stieg aus.
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