Von Ingo Pietsch

In den Karton hätte sicherlich ein Motorradhelm gepasst. Adrian hatte ihn auf den Esszimmertisch gestellt und den Styroporschutz herausgezogen. Darin befand sich ein hochwertiger Aluminiumkoffer.
Nachdem Adrian die Verpackung weggeräumt hatte, wollte er seine Errungenschaft begutachten.
Seine Frau Sybille kam gerade in dem Moment zur Tür herein, als er den Koffer wie eine Schatztruhe vorsichtig öffnete.
„Was hast du denn jetzt wieder Unsinniges gekauft?“, fragte sie mit der Gelassenheit einer Frau, die die Antwort bereits kannte.
„Eine neue Fernsteuerung für mein Rennauto“, antwortete er geistesabwesend.
Sybille erwiderte nichts darauf, verstaute ihre Einkäufe und wünschte sich insgeheim, er würde ihr auch wieder so viel Aufmerksamkeit schenken, wie diesem Gerät.
Das war sie also: Die Fly&Racing 3300, 12-Zoll-Display, mehr Regler und Knöpfe als ein Mischpult im Techno-Club, ergonomisch geformte Handgriffe und zwei lange Funkantennen, die jede Frequenz aufspüren konnten.
Sybille beobachtete eifersüchtig, wie Adrian die Konturen des Controllers liebevoll mit den Fingern entlangstrich, als hätte er seine Jugendliebe wiederentdeckt.
„Hätte eine einfache App nicht gereicht?“, fragte sie.
„Mit der Fly&Racing steuert man aber viel gefühlvoller“, antwortete Adrian sehnsuchtsvoll.
Sybille hätte fast das Wasser wieder ausgespuckt, das sie gerade trank, und musste husten.
Adrian eilte zu ihr hin und klopfte ihr ein paar Mal auf den Rücken.
„Muss ich erst sterben, damit du mir mehr Beachtung schenkst?“ Ihre Blicke trafen sich fast romantisch.
„Ich muss dir etwas sagen“, hauchte Adrian.
„Was denn?“, flüsterte Sybille, schloss die Augen und spitzte leicht die Lippen.
„Wenn man die richtige Frequenz eines Gerätes gefunden hat, kann man ALLES steuern, was eine Fernbedienung hat“, erwiderte er voller Freude.

Ihr Moment zerstört.
Sie hörte, wie er sich entfernte und ins Wohnzimmer ging. Einen Moment verharrte sie noch in ihrer Position, bevor sie enttäuscht die Spülmaschine einschaltete und ihm folgte, aus purer Vorsicht – nicht aus Interesse.
Adrian drehte einen Regler, bis ein grünes Licht auf dem Display erschien. Sofort schaltete sich der Fernseher ein und verschiedene Programme liefen durch.
„Und jetzt die Beleuchtung.“ Das Licht ging an und aus. Adrian grinste wie ein Kind zu Weihnachten.
Sybille verschränkte die Arme: „Toll, echt toll.“ Sie liebte ihn immer noch und er sie ebenfalls. Auch wenn er es nicht so zeigen konnte, wie sie es sich wünschte.
Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und ging durch die Küche in den Garten.
Sybille schüttelte den Kopf, musste aber lächeln. Noch war nicht alles verloren. Mit diesem Gedanken wollte sie die letzten Dinge an der Spüle erledigen. Sie passierte den Kühlschrank, als sich mit einem Mal die Tür des Gefrierfaches öffnete und ihr ins Gesicht schlug.

 

Draußen versuchte Adrian inzwischen, sein RC-Auto zu steuern. Mit mäßigem Erfolg.
Stattdessen pflügte der Rasenmähroboter gerade äußerst motiviert durch die Blumenbeete, als hätte er eine persönliche Vendetta gegen die Pflanzen.
Adrian sog die Luft zwischen seinen Zähnen ein. „Ups.“
Er drehte weiter an den Reglern. Der Roboter war stehen geblieben. Dafür hörte man aus dem Nachbarhaus einen Staubsauger starten, Glas klirren und eine Katze fauchen.
Adrian hielt inne: „… auch nicht.“
Endlich blinkte die richtige Leuchte auf und der Offroad-RC-Renner startete.
Das Geräusch des kleinen Verbrennungsmotors klang in Adrians Ohren wie Musik, als er zu Höchstleistungen auflief.
Was allerdings störte, war ein merkwürdiges Geräusch, das entstand, wenn der Offroader eine Kurve nahm oder rückwärts fuhr. So als schlage jemand mit einem riesigen Hammer gegen einen Müllcontainer.
Das Fahrzeug hatte etliche Dellen davongetragen, aber das gehörte dazu.
Adrian dachte sich nichts weiter dabei und fuhr seine selbstgebaute Piste im Garten auf und ab, bis der Akku leer war und das Benzin aufgebraucht. Die Geräusche kamen sicher von irgendeiner Baustelle.

 

Nachdem er den Wagen wieder betankt hatte, beschloss Adrian, den Akku aufzuladen.
Er fand halb lebendig, halb Dampfgarer-Opfer in der Küche sitzen. Sie hielt sich einen Beutel mit Tiefkühl-Erbsen an die Stirn und hatte einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt. „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer lief in ohrenbetäubender Lautstärke, der Thermomix rödelte und die Heizung hatte beschlossen, die Sahara zu simulieren.
Schweiß überströmt, erschöpft und mit verschmiertem Make-up sackte sie zur Seite.
Adrian konnte sie gerade noch auffangen. Er trug sie ins Wohnzimmer und legte sie aufs Sofa. Dann holte er ein Glas Wasser und fächelte ihr Luft zu.
Adrian schaltete das Radio aus.
„Was ist passiert?“ Die Frage war eigentlich überflüssig.
„Erst der Mixer, dann der Wasserkocher – alles gleichzeitig. Ich dachte, ich sterbe.“ Sie keuchte. „Wo warst du!?“
Adrian dachte an die unbeschwerte Zeit mit seinem Offroader: „Äh … ich habe… die Lage überwacht.“ Technisch nicht gelogen.
„Und dieses ständige WUMMERN!“ Sie stöhnte.
„Die Müllabfuhr vielleicht?“, riet Adrian.
„Heute ist Freitag. Da kommt keine Müllabfuhr.“
Adrian strich über ihre Wange. Ihre Gesichtszüge entspannten sich sichtbar. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte.
„Danke, dass du für mich da bist“, flüsterte sie mit geschlossenen Augen.
Adrian durchsuchte das ganze Haus und schaltete alles wieder aus. Mit seiner Fernbedienung hatte er so ziemlich jedes steuerbare Gerät in der unmittelbaren Umgebung aktiviert.
Dann öffnete er die Tür zur Garage, sah hinein und schloss sie sofort wieder.
Nach Luft schnappend und mit dem Rücken an die Wand gelehnt, versuchte er zu verarbeiten, was er gesehen hatte. Die Beziehung war nicht mehr zu retten.


„Adrian? Alles in Ordnung?“ Die Haustür fiel ins Schloss und Schritte entfernten sich hastig die Einfahrt hinunter. Mit Mühe richtete Sybille sich auf und sah Adrian gerade noch um die nächste Ecke verschwinden.
Sie schüttelte den Kopf. Wo war er zuletzt gewesen?, fragte sie sich und kam schließlich in die Garage. Dort blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr war gleichzeitig nach Lachen und Weinen zumute.
Das stabile Garagentor war völlig verbogen. Die Werkbank völlig zerstört. Die Fahrräder waren nicht mehr als solche zu erkennen. Ein E-Auto stand quer in der Garage, zerkratzt, zerbeult, die Scheiben geborsten. Das andere E-Auto, sie konnte es kaum glauben, steckte senkrecht unter der Decke, die Warnblinkanlage im Dauerbetrieb.
Es war definitiv Zeit für einen Neuanfang.
Die einzige Frage war: mit Adrian oder ohne Fernbedienung?

 

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