Von Agnes Decker

Ein eiskalter Wind blies ihr entgegen, als sie aus ihrem Punto ausstieg. Dr. Nadine Buchinger zog den Reißverschluss der Daunenjacke hoch bis zum Kinn. Das war also Nordhafen, ein paar niedrige Häuser und zwei Fischkutter, die im Eis feststeckten. Dahinter lag das Dorf mit seinen engen Gassen und über allem ein grauer Himmel. Ab und zu hörte man das  Knacken und Klirren der Eisschollen, wenn die Wellen sie zusammenschoben. Nadine schaute dem gefrorenen Dampf nach, der aus ihrem Mund strömte.
Neben einem Lieferwagen standen zwei Männer, die aufgeregt miteinander sprachen. Einer der beiden winkte ihr zu. Zögernd ging sie näher. Er hielt etwas hin der Hand. Es war ein Eichhörnchen, der Körper schlaff, der buschige Schwanz steif gefroren.
„Schon das dritte heute“, sagte der Mann. „Sie sind einfach aus den Bäumen gefallen. Gestern hat jemand ein Dutzend oder mehr im Park aufgesammelt.“
Der andere schaute sie prüfend an. „Sie sind doch vom Institut, oder?“
Sie nickte. Vermutlich gehörten die meisten, die hier ankamen, zum Institut.
„Vielleicht können Sie ja uns erklären, warum die alle sterben.“
Nadine beugte sich über den kleinen Körper und betrachtete ihn von allen Seiten. Es gab weder Bissspuren noch Verletzungen. Nur etwas getrocknetes Blut unter der Nase. Eigenartig.
„Nein, tut mir leid.“ Sie schaute auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt los.“  Beim Wegfahren sah sie noch, wie der Mann die Tierleiche in die Büsche warf.
Das Ende des schmalen Damms, der mitten durchs Wasser führte, lag im Nebel. Dort lag die Insel, ihr Arbeitsplatz und neues Zuhause für ein Jahr. Normalerweise sah man die meterhohen Zäune mit den Stacheldrahtrollen und den vielen Kameras schon von weitem. Heute konnte man sie nur erahnen, ebenso wie das Institut, ein flaches Gebäude aus Glas und Beton, das den größten Teil der Fläche einnahm. Nadine musste zwei Sicherheitsschranken überwinden, bevor sie das Hauptgebäude erreichte. Dort empfing sie ein stechender Geruch nach Desinfektionsmitteln, der sich auf ihre Schleimhäute setzte und in den Augen brannte.
„Willkommen.“ Dr. Armin Holm, der Leiter des Labors, ein großer, hagerer Mann, eilte ihr entgegen. „Schön, dass Sie uns zugeteilt wurden, Frau Dr. Buchinger. Wir beginnen gerade mit einer neuen Versuchsreihe.“
„Woran arbeiten Sie?“
Holm lächelte knapp. „Wir untersuchen Zoonosen und das Verhalten von Viren bei niedrigen Temperaturen. Kommen Sie. Wir werden erwartet.“ Er führte sie durch lange Korridore. Ob sie sich das jemals merken könnte?
Vier Männer und fünf Frauen hatten sich in dem Besprechungsraum versammelt. Während Holm Nadine seinem Team vorstellte, wanderten ihre Gedanken immer wieder zu den Eichhörnchen. Warum fielen sie von den Bäumen? Zu fressen hatten sie genug. Und Unterschlupf gab es auch reichlich. Irgendetwas hatte sie übersehen. Aber so sehr sie sich auch konzentrierte, es fiel ihr nicht ein.
„So, Frau Dr. Buchinger, das wäre es von meiner Seite. Frau Dr. Meyersohn zeigt Ihnen Ihren
Arbeitsplatz. Wir sehen uns morgen bei der Besprechung.“
Nadine schreckte auf. „Ja danke. Und bis morgen.“
„Herzlich willkommen.“ Eine junge Frau mit weißem, raspelkurzem Haar hielt ihr die Hand hin. „Wir duzen uns übrigens alle hier – bis auf den Chef.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Karla Meyersohn.“
„Nadine Buchinger.“ Nadine nahm die schmale, kühle Hand und drückte sie leicht.
„Auf gute Zusammenarbeit. Komm, ich zeige dir das Labor.“
Wieder gingen sie durch lange Flure, von einer Luftschleuse zur nächsten.
„Puuh“, fuhr es Nadine heraus. „Ganz schön verwirrend.“
Karla lachte. „Das ist noch gar nichts. Im Hochsicherheitslabor sind die Sicherheitsvorkehrungen noch
umfangreicher. Dort lagern die gefährlichsten Proben.“
„Schade, gerade das würde mich interessieren“, sagte Nadine.
„Nur Geduld. Es gibt Gerüchte, dass du dort eingesetzt wirst. Bei uns bist du jedenfalls nur
übergangsweise.“
Es war nur drei Monate her, seit Prof. Karl Miller, Nadines ehemaliger Doktorvater und Leiter des Instituts, ihr die Stelle anbot. Obwohl es eine Auszeichnung und große Chance war, hatte sie kurz gezögert und überlegt, ob sie so leben könnte, eingesperrt und unter höchster Geheimhaltung? Und so nah an der russischen Grenze? Warum in aller Welt setzte man ein Seuchenforschungsinstitut mit Sicherheitsstufe 4 hierhin? Was, wenn es zum Angriffsziel würde? Und dass dort mit hochgefährlichen Erregern gearbeitet wurde, war weltweit bekannt. Doch ein Angebot von Prof. Miller abzulehnen, hätte ein Ende ihrer Karriere bedeutet, die gerade erst anfing.
“Man nennt uns auch das Alcatraz der Viren“, durchbrach Klaras Stimme ihre Gedanken.
„Ich bin gespannt und freue mich, hier zu sein“, antwortete sie und meinte es in diesem Moment auch so.

Nadine arbeitete sich schnell ein. Schon nach kurzer Zeit fühlte sich vieles routinehaft an: die Luftschleusen, das Aus- und Anziehen der Schutzanzüge, das ständige Desinfizieren und die präzisen Protokolle. Die Zusammenarbeit mit Karla war unkompliziert. Sie hatten sich sogar angefreundet. Und auch der Rest des Teams war umgänglich und kompetent.
An einem Nachmittag, an dem sie mit Dr. Holm zusammen arbeitete, berichtete Nadine wie beiläufig
von den Eichhörnchen. Holm reagierte kaum. „Wahrscheinlich Parasiten oder Gift.“
„Aber es sah anders aus. Irgendetwas …“ Nadine stockte.
Er sah sie kurz an. Dann wechselte er das Thema.
Der Tag war anstrengend gewesen. Sie hatte noch eine Weile über Holm und sein abweisendes
Verhalten nachgedacht. Um den Kopf freizubekommen, verabredete sie sich mit Karla zum Joggen.
Rund um die Insel führte eine schmale Straße. Der Zaun war durch Gebüsch und hohe Bäume
verdeckt, so dass man sich fast wie in der freien Natur fühlen konnte. Nur Mitarbeiter mit
Sondergenehmigung durften dort laufen. Und die hatten sie.
Der Wind kam eisig vom Meer und schnitt in die Haut. Die beiden Frauen hatten sich Tücher vor
Mund und Nase gebunden, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Ein kurzes Aufwärmen, dann liefen sie los. Auf halber Strecke hielt Karla an und zeigte auf eine Stelle unter einem gewaltigen Ahorn. Zuerst sah Nadine nur ein Eichhörnchen, dessen dunkler Körper sich scharf von dem weißen Untergrund abhob. Dann sah sie die anderen. Es waren zehn Tiere oder mehr. Sie lagen auf dem Rücken im Schnee, die Pfoten verkrampft.
„Was, was ist das“, stotterte Karla.
„Wir sollten eins mitnehmen und untersuchen.” Schlagartig fiel Nadine alles wieder ein. Das tote Tier am Hafen hatte auch Blut unter der Nase gehabt. So wie diese hier.
„Du hast recht, das machen wir. Obwohl. Ach egal.“ Karla nahm ihr Tuch vom Gesicht und wickelte
das Eichhörnchen darin ein.
Beide Frauen wussten, dass das, was sie vorhatten, illegal war, aber auch, dass sie herausfinden
mussten, was es bedeutete. 

In ihrem Labor untersuchten sie das Tier. Das Gehirn zeigte starke Entzündungen. Und im Gewebe entdeckten sie schließlich Spuren viraler RNA. Nadine starrte auf die Sequenz.
„Ich habe so etwas schon einmal gesehen.“ Sie drehte sich zu Karla um, die ihr über die Schulter
schaute.
„Und, was ist es?“
„Ich weiß es noch nicht. Ich spreche mit Dr. Holm“, sagte Nadine. „Es gibt sicher eine Erklärung dazu. Lassen wir es erstmal sacken. Bis später.“

In ihrem Apartment loggte sie sich in das Archivsystem des Instituts ein. Die Datenbank enthielt
hunderte von Projekten. Sie suchte nach der Sequenz, die sie gefunden hatten. Endlich erschien das
Ergebnis. Das Projekt hieß Borealis. Es ging um die Untersuchung eines neuartigen Paramyxovirus-Stammes, der auch bei niedrigen Temperaturen stabil blieb und durch Aerosole übertragen wurden.
Nadine hielt den Atem an, als sie das Programm öffnete. Da! Vor zwei Wochen war ein Experiment in einer Freiluftkammer durchgeführt worden. Der Bericht endete plötzlich und ein Eintrag war gelöscht
worden. Ein Virus, dem Kälte nichts ausmachte und das eine Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen hatte. Es gelangte über die Nasenschleimhaut ins Gehirn. Deshalb das Blut unter den Nasen, die verkrampften Pfoten. Nadine wurde übel. Mit wackligen Knien lief sie zurück ins Institut und fand Dr. Holm noch in seinem Büro.
Sie riss die Tür auf. „Warum haben Sie das Projekt „Borealis“ nicht gemeldet?“
Er sah sie an. „Woher wissen Sie davon?“
„Das Virus ist draußen.“
Holm schwieg und schaute aus dem Fenster auf die dunkle Ostsee. „Vor zwei Wochen“, sagte er schließlich, „hatten wir eine Fehlfunktion in der Abluftanlage.”
„Und Sie haben es nicht…?“ Nadine starrte ihn an. „Warum?“.
„Wir hatten keine Hinweise auf Infektionen.“ Er wich ihrem Blick aus.
„Und was ist mit den Eichhörnchen?“ Nadine schrie fast. Er konnte das doch nicht einfach laufen lassen.
„Nagetiere reagieren nun mal empfindlich.“ sagte Holm. „ Das wars dann wohl. Und Sie, Sie sollten sich erst einmal einarbeiten.“
“Und die Menschen?!“ Aber da hatte er den Raum schon verlassen.

„Hast du was rausbekommen?“ fragte Karla, als sie zurück ins Labor kam.
„Nichts Beunruhigendes. Ich habe mit Dr. Holm gesprochen.“ Nadine zögerte, dann sagte sie: „Da ist wohl die Fantasie mit uns durchgegangen. Entschuldige, ich muss noch mal weg. “ Sie verließ das Institut und stapfte eine Zeitlang durch den Schnee. In ihrem Kopf war Chaos. Irgendwann zog sie ihr Handy aus der Tasche. Das war es dann wohl mit der Karriere. Trotzdem. Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer.
„Robert-Koch-Institut“, sagte eine Stimme.
Nadine drehte sich um und schaute auf die Forschungsstation.
„Mein Name ist…“, sagte sie. Dann legte sie auf. Sie könnte auch morgen noch anrufen. Vielleicht hatte sie etwas falsch interpretiert. Sollte Sie nochmal mit Dr. Holm sprechen oder mit Karla und Prof. Miller? Ach, verdammt.

Am nächsten Morgen fand ein Spaziergänger im Wald bei Nordhafen einen toten Fuchs. Ein Tierarzt stellte fest, dass er die gleichen neurologischen Symptome und Blutungen hatte wie die Eichhörnchen. Zur gleichen Zeit klagte einer der Fischer über Schwindelanfälle und starke Kopfschmerzen.

Gegen Nachmittag drehte der Wind. Jetzt kam er vom Wald in die Stadt.


Version 3
9991

(Ein Bericht über die Insel Riems in der Ostsee hat mich zu der Geschichte inspiriert.  Das Friedrich-Löffler-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit unterhält dort Hochsicherheitslabore bis zur Schutzstufe 4 – hier lagern hochgefährliche Virenstämme. Die Handlung, Personen und Orte meiner Geschichte haben mit der realen Insel nichts zu tun, sondern sind reine Fiction.)