Von Irmi Feldman

Der Tag, an dem die Eichhörnchen von den Ästen fielen, war auch der Tag an dem Willem Schutkes Hühner keine Eier legten, und das Euter von Mina Meißners Kuh vertrocknete.

Wie es der Zufall wollte, erschien genau an diesem Morgen Henrik Haber im Dorf. Seit langer Zeit war er nicht mehr hier gewesen. Nicht oft traute er sich ins Dorf, weil die Jungen Steine oder Schlimmeres nach ihm warfen, und die Alten hinter vorgehaltener Hand über ihn tuschelten. Er war sonderbar. Das schon. Aber harmlos. Wer ihn näher kannte, wusste, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Im Gegenteil. Tiere liebten ihn.

 

Der Winter dauerte schon viel zu lange. Die Nacht zuvor war selbst für diese Gegend klirrend kalt gewesen. Gefroren hatte es. Verstört starrten die Bürger auf die zwei leblosen Eichhörnchen auf dem hart gefrorenen Boden. Man rief nach Schultheiß Boger. Der müsse das sehen. Als nach geraumer Zeit der Schultheiß endlich angelaufen kam, eingemummt in seinen dicken Pelz, den sich sonst keiner im Dorf leisten konnte, kreisten schon die unglaublichsten Gerüchte.

Henrik Habers Schuld sei es. Warum sonst sei er im Dorf? Man wusste ja schon lange, dass der Henrik etwas im Schilde führe. Hatte Willem Schutke ihm nicht letzten Sommer verboten von seinem Kirschbaum Kirschen zu essen? Und hatte nicht Willems Nachbar ihn vom Hof gejagt, als er um etwas Milch bettelte? Rache sei es. Verhext hatte er die Tiere. Da waren sich alle einig.

„Nun mal mit der Ruhe“, beschwichtigte der Schultheiß. 

Er werde den Fall gründlich untersuchen. Insgeheim war er froh, dass die Bürger Henrik schon als Schuldigen ausfindig gemacht hatten. Der Grundbesitzer war in letzter Zeit etwas unzufrieden mit ihm. Er triebe nicht genug Abgaben ein. Und wenn, dann immer zu spät. Und zu wenig. Man munkelte sogar, dass der Schultheiß Goldstücke abzweigte, hinein in seinen eigenen Geldsack. Wenn er einen Hexer verurteilte, war ihm das Wohlwollen des Grundbesitzers sicher.

Mamsell Hertig zwängte sich nach vorne. Vor vier Wochen habe sie den Henrik im Wald gesehen. Mit den Rehen und Hirschen habe der geredet. Das könne sie bezeugen, vor Gott und der Welt, rief sie und bekreuzigte sich.

Bader Melchor wollte gesehen haben, wie Henrik im See gebadet hatte, umringt von riesigen Fischen.

Jeder hatte etwas zu melden. Keine noch so aberwitzige oder haarsträubende Geschichte wurde als Lüge verpönt. Der Henrik sei ein ganz Durchtriebener. Willem Schutke wusste am meisten davon zu berichten. Nur Mina Meißner sagte nichts.

Der Henrik sei immer noch auf dem Marktplatz, rief Willem Schutke. Man müsse ihn einsperren. Wer weiß, wen oder was er sonst noch verhext.

Schon stürmte die Meute auf den Marktplatz, wo Henrik sich am Brunnen niedergelassen hatte. Er schien zu schlafen.

„Da ist er. Der Hexer“, schrie Willem Schutke. „Ergreift ihn!“

Dem Schultheiß ging es nun doch ein bisschen zu schnell.

Sachte. Sachte. Er musste schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Man müsse schon Beweise haben, bevor man den Henrik anklagen könne.

„Beweise haben wir zur Genüge“, schrie Willem Schutke wutentbrannt.

„Bringt ihn zur Amtsstube“, rief der Schultheiß. „Ich werde ihn verhören.“

Es dauerte nicht lange, bis Henrik verwirrt und gefesselt vor dem Schultheißen stand.

Warum bist du ins Dorf gekommen?“, fragte der Schultheiß. „Gerade heute.“

„Tiere. Im Forst“, sagte Henrik. „Hunger. Körner. Körner wollt ich holen.“

Ob er Willem Schutkes Hühner verhext habe? Und Mina Meißners Kuh? Und die Eichhörnchen?

Henrik schüttelte den Kopf.

Schultheiß Boger wurde klar, dass er so nicht weiterkommen würde. Er beschloss nach dem Hexenjäger Fatomas Jorgens zu schicken. Die Meute sei so aufgebracht, da wolle er nicht derjenige sein, der Henrik verurteilte, denn noch war er nicht von dessen Schuld überzeugt. Eine Hexenanklage war eine ernste Sache. Und ging immer böse aus für den Angeklagten. Immer.

Fatomas Jorgens hielt sich gerade im nächsten Dorf auf. Er war hocherfreut, als er die Gesandten aus der Ortschaft empfing. Wieder mal einen Hexer zu verurteilen, käme ihm gerade recht. Er müsse Erfolge vorzeigen. Hatte der Herzog ihn doch beim letzten Besuch gefragt, lachend zwar, doch gefragt ist gefragt, ob es denn keine Hexen mehr gäbe im Lande, denen er, Fatomas, den Garaus machen könne. Für die Golddukaten, die er ihm einmal im Monat bezahle, müsse Fatomas schon etwas vorweisen.

Also machte Fatomas sich auf ins Dorf, um Henrik Haber zu verhören.

„Gib es zu, Henrik. Du hast die Eichhörnchen vom Baum fallen lassen. Du hast die Kuh der Mina verzaubert, so dass sie keine Milch mehr gibt. Und Willem Schutkes Hühner. Die hast du doch auch verhext. Gib es zu!

Doch Henrik gab nichts zu. Er verstand nicht einmal, wovon Fatomas redete. Fatomas ließ ihm die Daumenschrauben anlegen. Noch jeder hatte so ein Geständnis abgelegt. Ein Geständnis brauchte Fatomas, denn bei ihm hatte alles seine Ordnung.

Doch Henrik schüttelte weiterhin seinen Kopf. Fatomas gab vorerst auf. Er werde sich nun die Zeugen vornehmen.

Willem Schutke war der beste Zeuge, den sich ein Ankläger wünschen konnte. Ganz klar, der Henrik habe seine Hühner verhext. Ein ganz Durchtriebener sei der. Ein Hexer. Ein Magier. Dass Schutkes Hühner an jenem Tag keine Eier gelegt hatten, weil der Fuchs in der Nacht ein Huhn aus dem Hühnerstall gestohlen hatte, verschwieg er. Auch dass seine Hühner, nachdem sie sich von dem Schreck erholt hatten, wieder Eier legten, verschwieg er ebenfalls. Willem hatte gute Gründe, warum er Henrik aus dem Weg schaffen wollte. Hatte doch Henrik ihn erst vor zwei Wochen beobachtet, wie er die Tochter des Bäckers gegen deren Willen genommen hatte.

Mina Meißner war nicht so willig. Ihre Kuh sei alt. Sie hatte damit gerechnet, dass sie bald aufhören würde, Milch zu geben. Mina glaubte nicht, dass Henrik etwas damit zu tun habe.

Das komme ihm verdächtig vor, sagte Fatomas. Ob sie mit dem Henrik unter einer Decke stecke? War sie vielleicht auch eine Hexe? Sammelte sie nicht Kräuter im Wald, die sie dann zu Salben verarbeitete und Dorfbewohner damit heilte?

Mina wollte schon zustimmend nicken, als Fatomas schrie. „Dorfbewohner, die nach der Behandlung sterben.“

Mina wurde blass. Die Gutacherin sei nicht an ihrer Krätzensalbe gestorben, sondern am Kindbettfieber.

„Das du mit deiner Salbe heraufbeschworen hast“, schrie Fatomas. Insgeheim grinste er. Es zahlte sich aus, Gerüchte über seine Zeugen in Erfahrung zu bringen, bevor er sie verhörte.

Schwach schüttelte Mina den Kopf.

„Nun“, sagte Fatomas. „Man könne darüber hinwegsehen. Schließlich bist ja nicht du angeklagt, sondern der Henrik. Willst du deine Aussage überdenken?“

Mina nickte zaghaft. Ihre Kuh sei jung und gesund. Sie verstehe gar nicht, wieso sie keine Milch mehr gab. Bestimmt hatte Henrik die Kuh verhext.

Befriedigt nickte Fatomas, schrieb alles sorgfältig auf und ließ Mina ihre drei Kreuze daruntersetzen.

 

Nun zu den Eichhörnchen. Dass die Eichhörnchen schlichtweg erfroren waren in dieser kalten Nacht, zog keiner in Erwägung. Erst als Fatomas andeutete, dass Henrik das eiskalte Wetter herbeigezaubert hatte, so dass die Eichhörnchen erfroren, wurde den Dorfbewohnern alles klar. Aber natürlich, so muss es gewesen sein. Der Henrik, dieser Schurke.

Fatomas hatte nun genug Beweise, um Henrik offiziell anzuklagenEr ließ ihn wieder zur Amtsstube bringen. Diesmal würde er sein Geständnis bekommen.

Doch nicht einmal die Daumenschrauben, ein zweites Mal angelegt, zwangen Henrik zu gestehen. Er blieb stumm. Seit Tagen hungerte er. Nur einen Krug dreckigen Wassers und einen harten Kanten Brot hat man ihm seit seiner Verhaftung zukommen lassen.

Erst als Fatomas ihm die Fingernägel abziehen und seine linke Hand zerquetschen ließ, gestand Henrik. Fatomas hatte sich zuvor bei Henrik erkundigt, ob er mit der rechten oder der linken Hand unterzeichne. Henrik sagte, die rechte. Also zerquetschte man ihm die linke Hand. Es war wichtig, dass Henrik seine drei Kreuze unter das Geständnis kritzeln konnte. Ohne Unterschrift wäre das Geständnis hinfällig.

 

Und so kam es, dass der verwirrte und erschöpfte Henrik nach drei Tagen intensiven Verhörs ein vollständiges Geständnis ablegte. Er gestand alles, nicht nur die Eichhörnchen, die Hühner und die Kuh, nein, auch die Totgeburt von Hanna Scheubers fünftem Kind, die verregnete Ernte im September, das Feuer in der Backstube des Bäckers, und letztendlich den verfrühten Tod des PredigersAlles gestand er.

Eifrig schrieb Fatomas das Geständnis in säuberlicher Schrift nieder. Den ohnmächtigen Henrik ließ er wegschleppen. Er schickte nach dem Schultheißen und las ihm das Geständnivor. Dem Schultheiß war die Sache nicht geheuer. Das traue er dem Henrik nicht zu. Der Henrik sei ein Tölpel. Der könne nicht mal bis auf drei zählen. Sonderbar ja, aber ein Hexer? Nein.

Fatomas horchte auf. Warum er Henrik verteidige, wollte er wissen. Womöglich stecke der Schultheiß mit Henrik unter einer Decke? Er habe da sowas munkeln gehört. Hatte nicht der Schultheiß den Henrik einen Tag vor der Tat im Wald besucht?

Womöglich sei er, der Schultheiß, auch ein Hexer? Habe sogar Mithilfe geleistet? Das sehe nicht gut aus für ihn.

Der Schultheiß wurde blass. Nein, nein. So habe er das nicht gemeint. Der Henrik sei ein ganz Verschlagener. Der habe ja ein Geständnis abgelegt. Schuldig sei er. Schuldig.

Dann ist ja alles geklärt. Feixend rieb Fatomas sich die Hände.

Die Verhandlung mit anschließender Verurteilung zum Tod durch Verbrennung wurde für den nächsten Tag geplant. Warum warten? In diesem kalten, unwirtlichen Winter musste man die Moral der Bevölkerung schon ein bisschen aufheitern.

Er, Fatomas, werde zwar der Verhandlung vorstehen und das Urteil aussprechen. Bei der Verbrennung wolle er allerdings nicht dabei sein. Der Geruch nach verbranntem Fleisch verderbe ihm immer den Appetit.

Der Schultheiß nickte.

Fatomas, schon im Gehen, drehte sich noch einmal herum.  

„Die Meißnerin? Die Mina. Die scheint mir nicht geheuer.“

 

 

V1; 9928z