Von Sabine Rickert
Charlie wachte entspannt auf. „Super, es ist Samstag und ich habe frei“, dachte er vergnügt. Aber wo war Melanie? Er stand auf und versorgte zuerst seine Tiere. Boni, der Pintscher, und Tallulah, die Main Coon, bekamen ihre Schälchen gefüllt.
Ein Blick hinaus in den Garten brachte ihn in die Realität zurück.
Dort hingen, über einem Meer von bunten Blumen, weiße Lampions an den Bäumen. Lange Tische standen auf dem Rasen, für etwa vierzig Gäste.
„Shit, heute ist es so weit, ich heirate“, brüllte er durch die Küche.
Boni, der Langschläfer, kam erschrocken aus seinem Körbchen gesprungen und kläffte wütend.
„Entschuldige, Boni, jetzt erinnere ich mich wieder, wo Melanie ist. Sie schläft drüben bei meinem Bruder und seiner Familie. Der Umtrunk gestern hat mich voll aus dem System gerockt. Wir hatten uns um Mitternacht zwanzig Mal verabschiedet. Bescheuerter Brauch, die Jungfräulichkeit nimmt uns doch niemand ab. Wen verarschen wir da eigentlich? Das Universum? Das Karma?“
Dem Hund war es egal, er trippelte unbeeindruckt zu seinem Napf.
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Kaum hatte Charlie die Krawatte gebunden, klingelte es an der Tür.
„Hallo Annabelle, ist es schon so weit, holst du mich mit der Limousine ab?“
„Hi, hi, ich kann doch nicht Auto fahren, Onkel Charlie“, sagte seine achtjährige Nichte. „Ich werde Boni etwas schmücken. Er bekommt eine Schleife, die genauso aussieht wie deine Krawatte.“
„Aber wir nehmen ihn doch nicht mit in die Kirche, oder?“
„Für später, wenn wir hier hinkommen, dann ist er schon fertig“, erwiderte sie entrüstet.
„Du weist auch gar nichts, Onkel Charlie. Wir haben doch alles besprochen.“
„Ich habe ein miserables Gedächtnis, ich renne gleich nur hinterher und mache das, was man mir sagt. Wie antworte ich nochmal auf die Frage des Pfarrers in der Kirche, ob ich Melanie zur Frau nehmen möchte? Mal schauen, ich weiß nicht oder lasst uns ein Stäbchen ziehen?“
Annabelle lachte, sie fand ihren Onkel total witzig.
„Onkel Charlie, mach das lieber nicht, ich glaube, Melanie verträgt heute keine Scherze. Sie ist ganz schön nervös.“
„Ok, ich verkneif es mir, mein Schatz!
Ich warte, bis der Caterer kommt, dann fahre ich zur Kirche.
Ich hoffe, die können die verrückte Katze in Schach halten. Ich habe sie heute Morgen nicht gesehen. Vielleicht hält sie sich zurück, wenn so viele Leute hier herumschwirren.“
„Glaubst du das, Onkel Charlie?“
„Nein, Annabelle, nicht wirklich. Ich bin froh, wenn Tallulah nicht in der Kirche auftaucht, um uns die Ringe zu klauen.“
Die Kleine bekam ihren nächsten Lachanfall.
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Die Zeremonie in der Kirche war wunderschön und sehr emotional. Charlie war ergriffen, als Melanie, seine Waldfee, wie er sie nannte, durch den Mittelgang auf ihn zu geschwebt kam. Vorweg streute seine Nichte Annabelle Rosenblätter.
Seine geliebte Waldfee, eine Försterin, hatte ihn vor drei Jahren mit einem Querschläger im Wald niedergestreckt, wo er sich von einem stressigen Arbeitstag erholen wollte. Ihr erstes Date war im Krankenhauspark.
„Ich würde mich immer wieder von ihr anschießen lassen“, dachte er in diesem Moment. Er war so glücklich.
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Es war eine kleine Hochzeitsfeier. Der Caterer hatte im Garten ein Wunder vollbracht, während die Hochzeitsgesellschaft in der Kirche und beim anschließenden Sektempfang war.
Boni lag völlig erschöpft in seinem Hundebettchen, der Vormittag war für ihn zu aufregend.
Das Brautpaar und die Gäste kamen pünktlich zum Mittagsmenü.
„Gab es Schwierigkeiten mit den Tieren?“, fragte Charlie die Bedienung.
„Nein, der Hund ist ja so süß, und die Katze hat uns nur beobachtet. Ist es ihnen recht, dass wir das Essen jetzt servieren, Herr Hofer?“
„Ja, gerne, es sind alle Gäste eingetroffen, wagen wir es.“
Charlies Bruder dokumentierte die Feier mit seiner filmenden Drohne, die er stolz präsentierte.
„Ihr braucht nicht zum Fotografen, ich werde alles aufnehmen, und euch einen Hochzeitsfilm zur Erinnerung schenken“, hatte er im Vorfeld versprochen.
Es war ein sonniger Maitag, das Menü ein Traum, und das Brautpaar entspannte sich bei jedem Gläschen Wein mehr und mehr. Die Drohne hielt jede Sekunde der Feier fest.
Eine riesige dreistöckige, mit kleinen Rosen und Rosenblättern aus Marzipan verzierte Hochzeitstorte wurde am Nachmittag in den Garten getragen. Dazu gab es weitere selbstgebackene Torten von der Verwandtschaft: Apfelkuchen, Pfirsichkuchen mit Schmand, Himbeertraum mit Mascarpone auf einem gesunden Vollkornuntergrund.
Charlies Bruder befahl dem Brautpaar, mit dem Anschneiden der Torte zu warten, denn ein dringendes Bedürfnis holte ihn ein. Er wollte seine Drohne aber nicht erst landen lassen, daher drückte er seiner Tochter Annabelle die Steuerung in die Hand und sagte: „Halte sie nur ganz ruhig, sie schwebt über dir, so wird nichts passieren, ich bin schnell wieder zurück.“
Doch das war ein frommer Wunsch, das Drama nahm seinen Lauf.
Boni, frisch erwacht, sprang in den Garten und peilte direkt Annabelle an. Er hüpfte an ihr hoch. Die Kleine schwankte etwas und kam an die Hebel. Die Drohne bewegte sich nach oben in die Baumkrone des Apfelbaums. Ein Blätterregen fiel auf die Gäste. Annabelle versuchte, sie unter Kontrolle zu bringen, doch das Flugobjekt stieß mit zwei jungen aufgescheuchten Eichhörnchen zusammen. Sie plumpsten vom Ast auf den Tisch. Sie landeten weich in dem Mascarpone und sahen aus, als kämen sie aus dem Schnee. Sofort flüchteten sie im Zickzack über den Tisch und vermieden es, in weitere Torten zu springen. Sie hatten den Zusammenstoß anscheinend unbeschadet überstanden.
Doch längst war schon die Main Coon auf den Plan gerufen worden.
Tallulah hatte im Hintergrund gelauert. Ihr Jagdtrieb wurde aktiviert, nachdem es Eichhörnchen regnete, und sie gab alles. Sie sprang über den langen Tisch in jede Torte, als wäre sie bei einem Agility-Turnier und dürfte nichts verfehlen. Sie war um ein Vielfaches schwerer als die Baumbewohner. Dementsprechend war der Tortenschaden recht groß, doch die Nager waren schneller. Die flüchtenden Leichtgewichte bewirkten nur kleine Sahnespritzer, die auf die Gäste am Tisch gleichmäßig verteilt wurden. Die Riesenkatze verursachte eine enorme Fliehkraft bei den Schmand-, Mascarpone- und Marzipandekorationen der Hochzeitstorte.
Alle Gäste wurden neu dekoriert. Tante Ernas Frisur war jetzt frisch designt mit kleinen Rosenblättern, die Pfirsiche und Himbeeren verteilten sich ebenfalls gleichmäßig auf weitere Köpfe und teure Kleidungsstücke.
Doch auch Tallulah wurde verfolgt, und zwar von der Drohne, die mittlerweile von Charlie gesteuert wurde. Er versuchte, mit dem Fluggerät die Katze zu verjagen. Es flog dicht hinter Tallulah her, allerdings zu nahe an den Torten entlang. So geschah es, dass die fliegende Kamera mit dem Propeller im Mascarpone stecken blieb. Die Main Coon zog mal wieder unbeschadet von dannen.
„Es hat weder mit der Rache noch mit dem Süßen geklappt“, dachte Charlie.
In dem Moment kam sein Bruder vom Toilettengang zurück und traute seinen Augen nicht.
„Ich war nur drei Minute weg, habt ihr wenigsten alles drauf?“, fragte er lachend.
„Flieg doch mal über den Tisch, wie bei dem Abspann eines Katastrophenfilms. Nimm nochmal jeden Einzelnen der Statisten – äh, Gäste- unter die Lupe, bevor sie gereinigt werden. Ich denke, ich habe nur das Hinterteil von Tallulah drauf“, referierte Charlie sarkastisch. Er war wütend!
Nachdem Charlies Bruder sah, wo sich seine Drohne aufhielt, fiel ihm die Kinnlade langsam herunter. Er sagte nur kurz angebunden: „Wenn die noch fliegt, gerne.“
Die Braut bekam einen Lachanfall, der Wein vom Mittag machte weiter seinen Job. Der Caterer ließ sich auf die Schnelle etwas einfallen. Für die Hochzeitstorte gab es leider keinen Ersatz. Das Brautpaar akzeptierte es mit professioneller, therapeutischer Unterstützung durch diverse hochprozentige Getränke.
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Bei der späteren Betrachtung des Hochzeitsfilms, den man zur großen Freude aller im Slow Motion laufen ließ, sah man genau die Fliehkraft der einzelnen Schmand-Mascapone-Mischungen und wo die Früchte landeten. Onkel Klaus hatte sogar hinter seinem rechten Brillenglas eine Himbeere. Der Einzige, der unbeschadet hervorstach, war der Vollkornboden des Himbeertraums. Nicht eingesackt und ohne jegliche Delle stand er auf dem Tisch. Wie ein stummer Zeitzeuge. Es war nicht alles verloren.
„Es gibt Rüstzeug zwischen Himmel und Erde, die trotzen jedem Angriff, darauf bauen wir unsere Ehe auf“, rief Charlie.
„Du meinst, wenn das Süße der Liebe und die Früchte der Leidenschaft verflogen sind, bleibt uns der Ballast. Allerdings, wie man sieht, absolut haltbar “, übersetzte lachend seine Ehefrau.
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