Von J. W. Anders
Durch den Türspalt fällt das Licht der Flurlampe, nur ein schmaler Keil im Dunkeln.
Sie sitzt auf der Bettkante. Knöpft die Bluse auf und lässt sie über die Schultern hinabgleiten. Leise raschelt der Viskosestoff. Sie tastet nach dem Verschluss des BHs und streift langsam die Träger ab. Stellt sich vor, dass sein Blick ihren Bewegungen folgt. Dass die Rundungen ihres Körpers sich für ihn sanft angestrahlt vor dem dunklen Schrank abheben.
Fülliger als bei ihrem Kennenlernen. Doch immer noch einen Blick wert.
Seinen Blick wert.
Früher hätte sie darauf gelauscht, ob sie seinen Atem hört. Hätte auf seine Hand gewartet, die sie zu ihm gezogen hätte. Seinen Arm auf ihrem Bauch, seinen Atem in ihrer Halsbeuge.
Und wie auch immer der Tag gewesen war, hier hatten die Schatten keine Macht.
Seine Arme waren ihr Zuhause, sein Herzschlag ihr Rhythmus.
Sein Lachen vibrierte in ihrem Körper.
Sie greift nach dem ausgeleierten Pyjama und schlüpft in Hose und Oberteil. Lässt sich wie ein Sack auf die Matratze fallen und zieht die Decke bis zum Kinn. Liegt mit dem Rücken zu seiner Bettseite. Ordentlich, unberührt.
Unberührt und leer.
Irgendwann muss sie das Bett neu beziehen, zumindest auf ihrer Seite. Muss sie sich überlegen, wie es weitergehen soll.
Ihre Augen brennen, ihre Kehle ist rau wie Sandpapier.
Sein Schlafanzugoberteil liegt unter ihrem Kopfkissen und sie zieht es hervor. Riecht daran. Umarmt es. Noch kann sie seinen Geruch im Stoff wahrnehmen. Ein wenig Duschgel, etwas Deo, kaum Schweiß.
Noch ein Hauch.
Sie rollt sich zusammen. Um das karierte Oberteil, das sie nicht zurück umarmt.
Ihr verräterisches Herz schlägt. In seinem Käfig.
Obwohl sie das Flurlicht während der gesamten Nacht brennen lässt, ist die Dunkelheit undurchdringlich. Eisenhart, mauerhoch, eiszeitkalt. Dies ist nicht länger Rückzugsort, Sicherheit.
Die Welt ist stehen geblieben.
Die Sonne weigert sich zu scheinen, der Mond leuchtet nicht. Der Wind streikt.
Kein Rascheln des Laubs. Rosenblüten sind auf immer verwelkt, jeder einzelne Grashalm ist vergilbt. Novembergrau im Spätsommer erstickt das Sein.
Seit dem Tag, an dem die Eichhörnchen von den Ästen fielen, Katzen nicht mehr schnurrten. Seit jenem Abend, als die Amseln aufhörten zu zwitschern. Schatten die Macht übernahmen.
Seit jener Dämmerung in der er vom Bus nach Hause eilte. Den Mantelkragen aufgestellt, den Hut ins Gesicht gezogen gegen den Nieselregen. Seit jenem Moment, in dem er den Fußgängerüberweg überquerte.
Nur noch wenige Schritte bis zur Haustür.
Dieser eine Augenblick, in dem ein LKW-Fahrer, Fuß auf dem Gaspedal, aufs Handy blickte.
Nur Sekundenbruchteile.
Nur ein Wimpernschlag.
Der Trenchcoat zerfetzt, der Hut davongeflogen.
Nur ein Hauch seines Dufts.
Die Welt dumpf. Unberührbar.
Seit jenem Tag.
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