Von Andreas Schröter

Es war einmal eine Truppe von vielleicht 100 Eichhörnchen – plus/minus 20, je nach Geburten- und Sterberate –, die im Sternenlaubwald hinter dem achten Berg von links wohnte. Im Grunde war alles in Ordnung in dieser Gemeinschaft: Man aß Nüsse, vermehrte sich, schlief, sprang von Baumwipfel zu Baumwipfel und passte auf, dass kein Individuum von weiter weg als dem neunten Berg von links zu der Gruppe stieß. Denn: Wo käme man denn da hin?! Solche Fremdlinge wüssten doch gar nichts über die jahrhundertelang tradierten Gebräuche und Vorlieben der bisherigen 100 plus/minus 20. Eine gewisse Verwässerung wäre die Folge …

Unumschränkter Star der Gruppe war Valtherion Sturmfell, ein schon etwas älteres Eichhörnchen mit sehr tiefer, ehrfurchtgebietender Stimme. Er sagte zum Beispiel Sachen wie: „Die besten Nüsse gibt’s da hinten.“ Und alle anderen 99 nickten stumm und mit gesenktem Haupt. Sollte sich bei dem einen oder anderen ganz tief im Hinterkopf ein winziger Hauch von Zweifel an dem Gehörten bilden – zum Beispiel, weil er oder sie erst vor zwei Tagen wunderbare Nüsse ganz woanders gesehen hatte –, dann schluckte er oder sie diesen Zweifel eben hinunter – frei nach dem Motto: Es kann einfach nicht sein, dass ich kleiner Wicht mehr weiß als der wunderbare Valtherion Sturmfell.

Letzterer sagte auch: „Passt auf die Füchse auf. Sie sind in diesem Jahr ganz besonders aggressiv.“ Dabei hatte seit fünf Jahren niemand mehr einen Fuchs gesehen. Aber alle nickten – und hielten Ausschau nach Füchsen. Natürlich war Valtherion Sturmfell für Trauungen zuständig, er fungierte immer als naturgegebener Pate für alle Neugeborenen und hielt mit seiner tiefen Stimme und viel Pathos die zu Tränen rührenden Reden bei Trauerfeiern.

Valtherion Sturmfell musste sich nicht mehr selbst auf die Suche nach Nüssen begeben, denn seine Untertanen überschlugen sich geradezu darin, ihm die besten zu bringen – in der Hoffnung, vielleicht von ihm gelobt zu werden oder bei einer seiner vielen Reden an seiner Seite stehen und weise lächeln und nicken zu dürfen – eines der höchsten Privilegien, die man in diesen Zeiten erhalten konnte. Dieser Müßiggang hatte freilich zur Folge, dass Valtherion Sturmfell mit der Zeit etwas Fett ansetzte und nicht mehr ganz so gelenkig war wie seine Artgenossen.

Und das wiederum war vermutlich der Grund, warum Valtherion Sturmfell eines schönen Tages – es war über Nacht kalt geworden, und die Äste des Baums, in dem sich die Gruppe gerade aufhielt, waren mit Raureif überzogen und etwas glatt geworden – einfach wegrutschte und nicht mehr geschmeidig genug war, sich irgendwo festzukrallen. Er fiel schätzungsweise etwa sieben Meter tief, und weil er mit dem Rücken aufkam, blieb ihm erstmal die Luft weg, und er musste zunächst liegen bleiben, wo er war.

Die Eichhörnchengruppe sah das mit nicht geringem Entsetzen, und keine und keiner wusste, was dieses Verhalten ihres Anführers zu bedeuten hatte – außer natürlich, dass er es für eine gute Idee gehalten hatte, aus ungefähr sieben Metern Höhe auf den Boden zu springen. Mit einiger Sicherheit dürften diejenigen bei der nächsten Rede an seiner Seite stehen, die es ihm nun gleichtaten. Also sprangen sie nach und nach aus großer Höhe auf den Boden.

Problem an dieser Aktion war nicht nur, dass die meisten diverse Verletzungen erlitten, die es ihnen unmöglich machten, sich an den sofortigen Wiederaufstieg zu machen, sondern auch, dass sich genau in diesem Moment – und manchmal schlägt der Zufall gar wundersame Kapriolen – eine bis dato unbemerkte Bärengruppe unter diesem Baum befand. Und ja, wie soll ich es schonend ausdrücken, dieser Tag war in der gesamten Geschichte der Bären im Sternenlaubwald derjenige, der ihnen die reichhaltigste Nahrung bescherte.

Hatte ich vorhin gesagt, dass 99 Eichhörnchen nickten, wenn Valtherion Sturmfell etwas sagte? Nun, da muss ich mich korrigieren – es waren nur 98, aber derjenige, der es nicht tat, zählte ohnehin nicht. Aerendil Flinkpfote hieß er. Er war ein Nichtsnutz, den niemand für voll nahm. Ein junger Erwachsener, der offenbar große Schwierigkeiten hatte, die eigene Pubertät hinter sich zu lassen. Wenn seine Eltern ihm beispielsweise sagten: „Hör besser auf das, was Valtherion Sturmfell sagt“, dann antwortete er mit einem seltsamen Laut, der sich vielleicht als ein „Pffffff …“ beschreiben ließ. Bei ihm war Hopfen und Malz verloren, wie man anderswo sagte. Es gab sogar Überlegungen, ihn aus der Gruppe auszustoßen. Sollte er doch hinter dem zehnten Berg von links sein Glück versuchen.

Nun, mit dem Festmahl der Bären, das Aerendil Flinkpfote aus luftiger Höhe mit einigem, aber nicht übermäßigem Interesse beobachtete, änderten sich die Dinge logischerweise. Denn was seine Eltern nicht gewusst hatten: Ihr Sohnemann hatte sich längst hinter dem zehnten Berg umgesehen und dabei das ganz entzückende Eichhörnchenmädchen Myrriel vom alten Hain kennengelernt. Die beiden liebten sich, konnten aber wie Romeo und Julia nie zusammenkommen, weil Aerendils Clan keine Fremden duldete – und umgekehrt.

Am Tag nach dem Bärenschmaus machte sich Aerendil Flinkpfote auf den Weg in die Gegend hinter dem zehnten Berg. Ohne lange zu fackeln, fragte er seine Angebetete, ob sie den weiteren Lebensweg mit ihm teilen wolle. Sie wollte. Und so zogen die beiden jungen Eichhörnchen trotz des massiven Protestes von Myrriels Eltern, der schließlich in bittere Tränen mündete, zurück in die Gegend hinter dem achten Berg.

Der Legende nach war genau das der Beginn der noch heute sagenumwobenen Flinkpfoten-Eichhörnchen-Dynastie, die die folgenden 500 Jahre Bestand hatte.

Nur mit dem Gründer selbst, Aerendil Flinkpfote, soll es alten Folianten zufolge kein gutes Ende genommen haben. Er war 30 Jahre nach seiner Vermählung mit Myrriel vom alten Hain etwas fettleibig geworden und wurde bei einem seiner seltenen Ausflüge auf den Boden Opfer eines hungrigen Fuchses.

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