Von Ines Kruse-Kahn
Wie von der Tarantel gestochen, sprang Vincent Langmuth aus dem Bett. Das hatte ihm gerade noch gefehlt: Verschlafen – am vielleicht wichtigsten Tag seines Lebens! In anderthalb Stunden sollte er sich zum Vorstellungsgespräch in einer Seniorenresidenz einfinden, wo eine neue Führungskraft in der Verwaltung gesucht wurde. Rein zufällig handelte es sich um das Altenheim, in dem seine Oma seit Jahren lebte.
Die alte Dame war zwar schon über 90, aber im Kopf noch ziemlich fit, sonst hätte sie
wohl kaum sofort geschaltet und an ihren Lieblingsenkel gedacht, als sie kürzlich ein Gespräch über die vakante Stelle zwischen zwei Pflegekräften mitangehört hatte. Seit dem Abschluss seines BWL-Studiums verdiente Vincent seinen Lebensunterhalt mit häufig wechselnden Gelegenheitsjobs und seine Oma war entschieden der Meinung, es sei mit 28 Jahren an der Zeit für ihn, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Ihm selbst hätte es durchaus Spaß gemacht, noch ein paar Jahre so ungezwungen durchs Leben zu tingeln, aber die Vorstellung, täglich in der Nähe seiner geliebten
Oma zu sein, erschien ihm gleichermaßen reizvoll.
Zum Duschen blieb keine Zeit mehr – eine großzügige Menge Aftershave und die Designer-Klamotten, die Oma ihm spendiert hatte, würden das rausreißen müssen. Wenn er nun noch
auf ein gemütliches Frühstück verzichtete und nur im Stehen ein Schüsselchen Müsli aß, konnte er es rechtzeitig zum Termin ganz im Norden von Berlin schaffen.
Diese Hoffnung zerplatzte wie eine Seifenblase, als Vincent auf die Straße trat: Dichte Schneeflocken nahmen ihm fast die Sicht und auf dem kurzen Weg zu seinem kleinen City-Flitzer wäre er mindestens dreimal beinahe ausgerutscht und mit seinem schicken, neuen Wintermantel direkt in den nächsten Schneehaufen gefallen. Wie sehr beneidete er die Eichhörnchen, die, vom Wetter völlig unbeeindruckt, im Vorgarten spielten!
Die Situation verbesserte sich leider auch nicht, als Vincent das Auto erreicht hatte. Das Fahrzeug war von ca. 5cm Neuschnee bedeckt und darunter… – eine fingerdicke Eisschicht! Er würde wahrscheinlich etwa eine Stunde brauchen, um das Auto zu befreien und benutzen zu können. Was nun? Bus? – zu langsam! U-Bahn? – zu umständlich!
Die blanke Verzweiflung überkam Vincent – nur noch 45 Minuten bis zum Termin! In diesem Augenblick fuhr bzw. schlich ein freies Taxi die Straße entlang. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, hob Vincent den Arm und noch bevor das Fahrzeug auf der glitschigen Straße vollkommen zum Stehen gekommen war, saß er bereits auf dem Beifahrersitz. „Numajanzlangsam“, begrüßte ihn der Taxifahrer, ein rundlicher, älterer Mann mit Pudelmütze
und einem schelmischen Grinsen, „wosolletnhinjehn?“
Huch! Offensichtlich saß Vincent neben einem der – inzwischen selten gewordenen – Berliner Originale, deren lustiger Dialekt ihm noch immer Verständnisschwierigkeiten bereitete. Dabei
lebte er schon über 10 Jahre in dieser Stadt. Damals war er zusammen mit seinen Eltern hierher umgezogen, weil Mama ihre Heimatstadt so schmerzlich vermisst hatte. Außerdem wäre sonst
Oma nach Opas Tod ganz allein in der riesigen Metropole zurückgeblieben.
Vor Aufregung war Vincent jetzt glatt der Straßenname entfallen, der, wie er sich erinnerte,
auch den Bezirksnamen enthielt. „Ich muss ganz schnell zur Seniorenresidenz nach Alt-…äh…
hmm… Friedenau.“ – „Jibsnich“ entgegnete der Fahrer lapidar und dann nach kurzer Überlegung:
„fleischmeenste Alt-Wittenau, detjibs, sonn Altasheim isochda, abajanzschnell kannstejanzschnell
vajessn, querdnichrasn bei det Wetta. Werstema früa uffjestandn, wa?“
Der arme Vincent hatte nur die Hälfte verstanden, trotzdem seufzte er erleichtert. Ja, Alt-Wittenau, so hieß die Straße. Die Fahrt dorthin verlief ziemlich schweigsam, weil der Fahrgast sich einfach nicht traute, seinen netten Chauffeur in ein Gespräch zu verwickeln – aus Angst, den Dialekt nicht zu verstehen.
Mit nur vier Minuten Verspätung erreichten sie den Parkplatz der Seniorenresidenz, Vincent gab
ein angemessenes Trinkgeld und wollte rasch aus dem Auto steigen. „Passbloßuff, etisnichje…“ –
streut! – hatte der Taxifahrer sagen wollen, aber da war Vincent bereits ausgerutscht und unsanft
auf seinem Hinterteil gelandet. „Ich muss doch ganz schnell zum Vorstellungsgespräch“, jammerte
der junge Mann im nassen und beschmutzten Designer-Mantel. Er strampelte wie ein Frosch mit den Beinen und versuchte vergeblich, wieder auf die Füße zu gelangen. Der Boden war spiegelglatt gefroren und Vincent rutschte immer wieder zurück. Schließlich erbarmte sich der Taxifahrer des hilflosen jungen Mannes und brachte ihn wieder in eine aufrechte Position.
Ein höllischer Schmerz durchzuckte Vincents Rückgrat, er humpelte stöhnend drei Schritte, dann ließ er sich erschöpft und mit schmerzverzerrtem Gesicht vorsichtig auf dem Beifahrersitz des Taxis nieder. „Ausde Vorstellung würdnüscht, wa? Det mußichn Dokta ankieken – fleischißder Schtietz jebrochn“, orakelte der Taxifahrer. „Sollickda int Krankenhaus fahrn?“ – Wie bitte? Das Steißbein gebrochen? Vincent erschrak bis ins Mark. Jetzt war schon alles egal. Widerstandslos ließ er sich
ins nahegelegene Humboldt-Krankenhaus fahren, wo sich der hilfsbereite Fahrer mit den
aufmunternden Worten verabschiedete: „Dakannstenüschtmachn – is ebend Freitach der
dreißeente.“ Auch das noch! Bisher hatte Vincent dieses Datum noch gar nicht zur Kenntnis genommen, aber jetzt wunderte er sich über gar nichts mehr.
Wider Erwarten war das Steißbein nicht gebrochen, sondern „nur“ geprellt. Das sei zwar schmerzhaft, aber nicht weiter gefährlich, hatte man ihm versichert, als er fast zwei Stunden später das Krankenhaus wieder verlassen durfte. Na, wenigstens etwas Positives!
Die nächste Panne ließ allerdings nicht lange auf sich warten, sondern ereilte ihn, als ihm siedend heiß einfiel, dass er unbedingt in der Seniorenresidenz anrufen sollte, um sein Fernbleiben vom
Vorstellungsgespräch zu erklären und (hoffentlich) einen neuen Termin zu vereinbaren. Gewohnheitsmäßig fasste er in seine Manteltasche und …. – griff ins Leere! Lediglich das Bild seines Handys, wie es friedlich zu Hause auf dem Küchentisch lag, erschien vor seinem geistigen Auge. So eine Kacke!
Den Rückweg musste Vincent umständlich und vor allem schmerzhaft mit Bus und U-Bahn
zurücklegen. Eine weitere Taxifahrt quer durch die Stadt hätte eindeutig seinen finanziellen Rahmen gesprengt – und jetzt hatte er ja nicht einmal mehr die Aussicht auf einen gutbezahlten Job!
Als er endlich, nach (gefühlten) Stunden zu Hause ankam, konnte er sich nur mit Mühe die
zwei Stockwerke hoch schleppen und hatte nur noch den Wunsch, sich sofort ins Bett zu legen
und zu schlafen. Zunächst aber fiel sein Blick auf das Handy, das tatsächlich friedlich auf dem
Küchentisch lag, und er beschloss, nun doch noch im Altenheim anzurufen, auch wenn ihm das
ein bisschen peinlich war.
Kaum hatte Vincent der Dame am Telefon seinen Namen genannt, unterbrach sie ihn: „Herr Langmuth, wie schön, dass Sie sich melden – wir haben versucht sie anzurufen, konnten Sie aber leider nicht erreichen. Unser Personalchef hatte nämlich einen kleinen Glatteisunfall und konnte
den Termin heute nicht wahrnehmen. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, am Montag um die gleiche
Zeit zu uns zu kommen?“ – „Äh…, ja klar… natürlich…“ stammelte Vincent. Oh Mann, was für ein verrückter Tag!
Kurze Zeit später lag er dann tatsächlich in seinem Bett. Er musste beinahe lachen (wenn sein Hinterteil nicht so wehgetan hätte), als er den Tag noch einmal Revue passieren ließ. Vor seinem
Schlafzimmerfenster bemerkte er zwei Eichhörnchen in den Ästen der kahlen Eiche. Als er
jedoch kurz die Augen schloss und gleich darauf wieder öffnete, glaubte er einen Moment lang,
die beiden niedlichen Nager gleichzeitig von den Ästen fallen zu sehen.
Erst kürzlich hatte er über ein solches Phänomen gelesen: Es konnte vorkommen. Im Sommer.
Bei großer Hitze. Und extremer Trockenheit. Aber im Februar…? Wie auch immer, die Eichhörnchen blieben verschwunden. Na ja, am Freitag, den 13. – daweestenie …!
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Hinweis: Zum besseren Verständnis des Berliner Dialekts kann es nützlich sein, die
entsprechenden Text-Passagen laut vorzulesen.
