Von Bernd Kleber
Da saßen sie nun, wie jeden Tag am frühen Nachmittag, auf der Bank. Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch sich leicht bewegende Äste, sodass es manchmal in den Augen und der Nase kribbelte, wenn sie ein Loch fand, durch das sie durchstechen konnte, als würde unsichtbarer Staub durch die Luft wirbeln. Das Licht tanzte dann auf ihrer Haut wie die Finger eines Kindes, das zum ersten Mal Klavier spielt, zaghaft und voller Entdeckerfreude.
Wann hatten sie begonnen, hierher in den Stadtpark zu gehen? Leo erinnerte sich genau. Vor zwei Jahren, als er gerade in die dritte Klasse gekommen war, war der Unfall. Die Erinnerung daran saß in ihm wie eine Schallplatte mit einer Sprungstelle, immer wieder kehrte die Nadel an denselben Punkt zurück.
Als er von der Schule heimgekommen war, saß seine Mutter Maja in der Küche und schrie, als hätte jemand ihr ein Messer in den Rücken gerammt und nur das Schreien würde den Schmerz übertönen, wie Dampf, der aus einem überhitzten Kessel entweicht, weil sonst alles zerspringen würde. Tante Elfi hatte ihn sofort in sein Zimmer geschoben und geflüstert, er solle dortbleiben, ihre Stimme war wie ein dünner Faden, der jeden Moment zu reißen drohte. Später hatte sie in dieser merkwürdigen Babysprache mit all den noch merkwürdigeren Fragen ihm erklärt, dass sein Vater verblichen war, gestorben, verunfallt, im Jenseits. Vom Himmel auf sie hinabblicke. Wie auch immer. Er war abgekratzt, tot.
Diesen Tag würde er nie vergessen. Er war in sein Gedächtnis eingebrannt wie ein Muster in Holz, das man nicht mehr abschleifen kann.
Mama kam an diesem Tag ins Krankenhaus, und als sie wieder herauskam, war sie wie ein Radio, das plötzlich auf stumm geschaltet worden war.
Sie holte ihn nun jeden Tag von der Schule ab und sie gingen in den Park, auf diese Bank, die Papa so liebte. Dort saßen sie schweigend und schauten ins Grün, beobachteten ballspielende Jungen, die riefen und lachten wie aufgeregte Spatzen, seilhüpfende Mädchen, deren Zöpfe im Takt der Sprünge tanzten wie die Pendel kleiner Uhren, und taubenfütternde Rentner, deren Bewegungen so bedächtig waren wie das Fallen reifer Früchte.
Leo hatte sich daran gewöhnt, und er war hier gerne bei seiner Mama, mit seiner Mama und für seine Mama. Sie sprachen nie viel. Seit sie damals scheinbar alle Wörter, alle Töne, die man so in einem Leben zum Verbrauchen besitzt, in der Küche herausgebrüllt hatte, hatte sie nie wieder viel gesagt. Sie nickte, sie lächelte, und sie strich ihm gerne über den Kopf. Ihre Hand lag dann auf seinem Haar wie ein warmer, leichter Vogel, der sich für einen Moment niederlässt.
Er verstand sie. Manchmal war es, als würde sie gedanklich mit ihm sprechen, als würden ihre Gedanken durch das dichte Geflecht der Luft zu ihm finden wie Bienen zu einer Blüte. Leo kam es vor, als würde das Schweigen seiner Mutter sie beide wie eine dicke Mauer umschließen und beschützen.
Immer hatten sie Studentenfutter dabei und fütterten die Eichhörnchen, die hier im Park viel zahmer waren als in anderen Gärten. Sie fraßen aus der Hand, ihre Pfötchen waren kühl und zart wie die ersten Regentropfen im Frühling, und als ob sie auf die beiden Menschen warteten, die da so still ohne jeden Ton herangeschwebt kamen, denn auch deren Schritte waren, als würden sie den Boden nicht berühren, versammelten sie sich auf der alten Ulme über der Bank. Der Bank, auf der der Verunfallte so gern gesessen hatte.
Dann sprangen die Tiere herab, fraßen Nüsse und manchmal auch Rosinen. Wobei der Parkwächter Rudolf einmal meinte, Rosinen hätten zu viel Zucker für Eichhörnchen. Er sagte das mit einer Stimme, die klang wie das Knirschen von trockenem Laub unter den Schuhen, und nickte dabei so ernst, als würde er ein großes Geheimnis des Universums preisgeben.
Und so saßen sie auch heute wieder hier, die Melodie der Vergnügten aus allen Ecken des Parks streifte sie wie ein warmer Regen, der nicht nass macht, sondern nur die Seele benetzt. Beide lächelten. Maja, weil sie an ihren Mann dachte, Leo, weil er sich über die Eichhörnchen freute und darüber, dass seine Mutter lächelte. Ihr Lächeln war wie eine kleine, stille Sonne, die nur für ihn aufging.
Plötzlich machte es ein merkwürdiges Geräusch. Plopp! Wie ein Korken, der aus einer winzigen Flasche gezogen wird. Und noch ein Plopp! Lauter diesmal, wie ein Finger, der aus einem aufgeblasenen Mund gezogen wird.
Leo sah in den Baum über sich, wo die Eichhörnchen saßen, und beim nächsten Plopp verpuffte eines, fiel wie Schneeflocken vom Ast, rieselte auf ihn nieder, der Staub landete auf seiner Haut wie die Asche eines verbrannten Briefes, den man nie lesen durfte. Leo öffnete den Mund und riss die Augen auf. Hatte er das richtig beobachtet? Schnell sah er erneut hoch. Eines der possierlichen Tiere schaute ihn kurz an, dann ploppte es zu Staub, rieselte wie grauer Schnee hinab, der auf der warmen Erde sofort verschwand.
Leo sprang auf, sah seine Mutter an, sah hinüber zum alten Rudolf. Hatten die beiden auch etwas gehört? Seine Mutter sah ihn fragend an, das Lächeln war verschwunden, es war weggewischt wie eine Kreidezeichnung vom Asphalt, und sie sprach. Ihre Stimme klang rau und ungeübt, wie eine Tür, die lange nicht geöffnet wurde. „Was ist mit dir? Was? …“
Rudolf sah ihn daraufhin ebenfalls merkwürdig an und nickte langsam, sein Nicken war wie das Wogen von hohem Gras im Wind.
Nun fragte Leo: „Was? … Rudolf, was geht hier vor?“
Rudolf kam auf sie zu, seine Schritte waren fest und zielgerichtet.
Maja war auch aufgestanden. Die Unruhe ihres Sohnes hatte sie hochgeschreckt. Etwas hatte sich verändert. Das ruhende, leise Gesicht seiner Mutter war munter geworden, wie ein See, in den plötzlich ein Stein geworfen wurde und die Wellen sich kräuseln.
Sie sprach.
„Was hast du denn, mein Junge?“, fragte sie erneut, und ihre Stimme klang schon vertrauter, wie ein altes Lied, das man lange nicht gehört hat und doch sofort mitsingen kann.
„Hast du es nicht gesehen? Die Eichhörnchen sterben. Schau.“ Er zeigte auf ein Eichhörnchen, das gerade …
Rudolf kam schneller und hielt Leo an der Schulter, sein Griff war fest und warm.
„Setzt euch! Es ist soweit!“
„Was!“, schrie Leo, und sein Schrei hing in der Luft.
„Junge!“, rief seine Mutter.
Rudolfs Blick war wie eine unsichtbare Hand, die sie sanft aber unmissverständlich nach unten drückte.
Alle drei beobachteten, wie noch zwei Eichhörnchen sich buchstäblich auflösten, ihre Körper zerfielen in tausend funkelnde Partikel, bevor sie verschwanden Dann war eine eigenartige Ruhe im Park. Die Geräusche der tobenden Kinder waren wie hinter Watte gedämmt. Das Rauschen der Äste lauter als zuvor, es klang wie das Flüstern vieler Menschen, die gleichzeitig ein Geheimnis preisgeben wollen. Die stechende Sonne spie zischend durch gefundene Öffnungen im Laub der großen Ulme und brannte im Gesicht. Ihr Strahlen fühlte sich jetzt an wie Nadelstiche.
Um sie herum schien sich die Atmosphäre zu verschieben, zusammenzuziehen und dann wieder auszudehnen wie der Blasebalg einer großen, altmodischen Maschine oder wie das Atmen eines riesigen, schlafenden Tieres.
„Dieser Park hier war immer ein guter Speicher. Jetzt ist er voll. Manche Dinge sind nicht zum Halten da, sondern zum Weitergeben. Die Eichhörnchen waren die letzten Boten. Jetzt muss jeder seinen eigenen Ballast tragen, oder loslassen.“ Rudolfs Worte fielen in die Stille wie reife Kastanien.
Er zeigte auf den alten Baumstamm neben der Bank. Maja und Leo sahen Schnitzereien, wie eine Partitur, die sich ins Holz geschrieben hatte, unsichtbar für die meisten, aber für den, der zu lesen versteht, eine ganze Symphonie. Und Rudolf betonte: „Das mögen die Speicher und erweitern es mit ihren Zähnen. Jede kleine Kerbe ist ein vergangener Augenblick. Die Eichhörnchen hier im Park sind die Körper, die die Erinnerungen derer beherbergen, die von uns gegangen sind. Nun, da der Speicher voll ist, verlieren sie sich und die Erinnerungen verblassen.“
Maja sah erst Leo und dann Rudolf an, ihre Augen waren weit und fragend wie die eines Kindes: „Wie sah mein Mann aus? Oh je, ich erinnere mich nicht mehr.“ Die Worte kamen aus ihr heraus wie Wasser aus einer Quelle, die plötzlich wieder zu fließen beginnt.
Leo nahm die Hand seiner Mutter, ihre Finger waren kühl und zart wie die Flügel einer Libelle, und er flüsterte: „Jetzt ist er ganz gegangen, für immer.“
Und plötzlich rauschte es durch den Park mit einem Windstoß, als würden viele Stimmen sich für immer verabschieden. Weiches Seufzen, das durch die Blätter fuhr und sie zum Zittern brachte. Die Zweige der Ulme bäumten sich auf, schüttelten sich wie ein nasser Hund, und einige Blätter wirbelten zur Erde wie die letzten Buchstaben eines zu Ende geschriebenen Briefes. Dann war wieder alles klar. Die Luft stand still und durchsichtig wie frisches Quellwasser.
Die Vögel sangen im Park, als hätte man ihnen erneut Platz gemacht und es wäre erlaubt worden, wieder fröhlich zu sein. Maja umarmte ihren Sohn und Rudolf lief lächelnd zurück zu seinem Rechen, mit dem er das Laub versucht hatte zu bändigen.
Leo griff neben sich in die Luft und sagte: „Weich!“, als würde er ein unsichtbares Eichhorn streicheln. In diesem Moment sah Maja deutlich ihren Mann vor sich, wie er neben ihr auf der Bank saß und sich selbst eine Nuss in den Mund steckte, mit dieser Geste, die so vertraut war wie ihr eigener Atem. Er lächelte. Und er verblasste auch gleich wieder. Die Erinnerung verschwand wie diffuser Nebel, der sich im Morgenlicht auflöst.
Als Maja und Leo aufbrachen, den Park zu verlassen, kamen sie auch an Rudolf vorbei. Der rief ihnen nach: „Kommt morgen wieder, es gibt neue Erinnerungen und neue Speicher, neue Eichkaterchen.“ Dann lachte er herzhaft, sein Lachen rollte durch den Park wie buntes Herbstlaub, das der Wind vor sich hertreibt. Maja und Leo fühlten sich glücklich, freuten sich auf einen neuen Tag, als hätte jemand ein kleines, helles Licht in ihnen entzündet, das nun weiterbrennen würde, egal was kommt. Und ihre Schritte knirschten im Kies.
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