Von Brigitte Noelle

Juliane Freimuth sah sich um: Der Bauernhof  wirkte ganz normal, und sie fragte sich, ob etwas an der Meldung dran sei, wegen der der Chefredakteur der „Ländlichen Wochenblätter“ sie hergeschickt hatte.

„Guten Tag“, riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken, „Sie sind bestimmt die Dame von der Zeitung!“ 

Ein Mann kam aus einer der Seitentüren auf sie zu. Drahtig, energiegeladen, wirkte er jünger als er vermutlich war. Mit dem weißen, gefältelten Hemd und der Trachtenjoppe sah er genauso aus, wie man sich einen Bauern im Festtagsgewand vorstellt.

„Arnold Sierig. Wir haben gestern miteinander telefoniert“, stellte er sich vor und lud sie ein, in die Stube zu kommen. Ein gepflegter Raum in Vollholz  und dezentem Luxus erwartete sie.

Am Tisch waren bereits Kaffee und ein Mohnstrudel vorbereitet. „Selbstgemacht von meiner Frau“, erläuterte der Bauer, „Leider ist sie heute verhindert. Sie besucht nämlich ein Seminar über landwirtschaftliches Marketing.“

„Wie interessant“, bemerkte die junge Journalistin, „planen Sie etwas Konkretes?“ Bei sich dachte sie: „Was interessiert mich diese Bauerntussi, und wie sie ihre Marmeladen verkaufen lernt!“

„Tatsächlich verfolgen wir ein Projekt, das auch mit Ihrem Besuch zusammenhängt“, antwortete Grünwald. „Ich werde darauf später zurückkommen.“

„Nun, dann wollen wir beginnen!“ Juliane wurde professionell. „Ich komme, wie Sie wissen, wegen dieser Presseaussendung. Bitte erzählen Sie, was hier vorgefallen ist!“

„Das Ganze hat eigentlich schon vor fünf Jahren begonnen. Damals ist ein Ferkel ausgekommen und hat versucht, unsere Schafe zu jagen. Wir haben das Vieh wieder in den Schweinestall gebracht, doch offenbar war es gerissener als gedacht: Zwei Tage später war es wieder bei den Schafen, und diesmal hat es tatsächlich geschafft, die Herde in eine Ecke zu drängen. So, als ob es ein Schäferhund wäre!“

„Was Sie nicht sagen!“ Juliane wurde hellhörig. „Wie ging es weiter mit dem Ferkel?“ 

„Wir haben es der Freiwilligen Feuerwehr im Ort verkauft. Was sollen wir mit einem Schwein, das dauernd wegläuft?“

„Und wofür gebraucht es die Feuerwehr? Stöbert es etwa Brandherde auf?“

„Aber nein! Die Feuerwehr hat es bei ihrem nächsten Fest als Spanferkel verwendet.“

„Ja, so …“ 

Das Handy von Herrn Sierig meldete sich mit zackiger Marschmusik. Der Bauer entschuldigte sich: „Das ist der Bürgermeister. Wenn sie erlauben, lasse ich Sie ein paar Minuten alleine.“ Damit verließ er den Raum. Juliane hörte nur noch, wie er sich meldete: „Servus Andi, dank dir für den Rückruf …“

Neugierig sah sich die Nachwuchsreporterin um. Gab es hier vielleicht etwas Interessantes zu entdecken? Auf einem Schreibtisch in der Ecke lagen einige offiziell wirkenden Formulare. Sie horchte: Sierig schien in ein angeregte Gespräch mit dem Bürgermeister vertieft, also huschte sie schnell und fast unsichtbar wie der Wind hin und besah sich die Schriftstücke. „Formular B 207/4c: Antrag Agrarförderung des Landes“, las sie. Und weiter: „Formular F/10 cc Antrag Zuschuss des Landwirtschaftsministeriums der Republik“, und schließlich, als letztes, folgte Formular „Interreg Europäische Union: 2.8.54/fk Regionalförderung.“ 

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit dachte Juliane: „Ja, so …“

Kaum saß sie wieder an ihrem Platz, kehrte Sierig zurück. „Gute Nachrichten“, berichtete er. „Der Bürgermeister hat mir die Mithilfe der Gemeinde zugesichert, auf meinem Hof eine Tier-Erlebniswelt einzurichten. Und nachdem dabei vor allem die Themen behandelt werden sollen, die auch wir besprechen, haben Sie gleich weiteren Stoff für ihren Bericht. – Darf ich Ihnen einen Obstler anbieten?  Selbst gebrannt!“

Ohne auf Julianes Antwort zu warten, holte er eine Flasche und zwei Gläser aus einem Schrank und schenkte ein. Dann setzte er seine Erzählung fort: „Es ist nicht beim Ferkel geblieben. Vor zwei Jahren haben dann die Hühner begonnen durchzudrehen. Plötzlich haben alle versucht zu fliegen. Das können sie natürlich nicht. Aber wie die Lemminge haben sie begonnen, von allem, was höher war als zwei Meter, hinunter zu springen. Ein kurioser Anblick, wirklich! Ich kann Ihnen ein Foto davon geben.“

Der Bauer schenkte Juliane vom Schnaps nach und fuhr fort: „Beim Ferkel haben wir uns nicht viel gedacht, das war eben ein komischer Einzelfall. Aber nach dieser Hühner-Massenhysterie habe ich mich schon begonnen zu fragen, was mit diesem Hof hier los ist. Und jetzt gab es auch noch diese Geschichte mit der Dorli!“

„Mit wem?“

„Meiner Kuh. Tiroler Grauvieh, freundlich, ruhig, gab immer mehr Milch als die anderen im Stall.“

Juliane fragte nach: „Ich dachte, es ging um Eichhörnchen. Auf dem Foto waren ja auch welche zu sehen!“

„Ja, aber ohne die Dorli wäre dieses Foto gar nicht zustande gekommen. Das passierte so: Schon seit einiger Zeit hatte ich beobachtet, dass sie jeden Tag am Rand der Weide stand und in ein benachbartes Waldstück starrte. Ich fragte mich, was es dort zu sehen gab – eigentlich nichts, stellte ich fest. Bäume, Sträucher, einige Eichhörnchen tummelten sich im Geäst, das war alles. Also keine Gefahr, daher ließ ich ihr diese Marotte durchgehen. Bis sie vor zehn Tagen weg war. Fort. Unauffindbar. Meine Mitarbeiter und ich durchsuchten den ganzen Hof und schließlich auch die Umgebung. Dabei fielen uns merkwürdige Kerben an einigen Bäumen auf. Senkrechte Linien, wir rätselten, was das für Zeichen wären, und wer sie wohl hinterlassen hatte. Ich muss sagen, es fühlte sich nicht ganz geheuer an. Außerdem hörten wir ein sonderbares Geräusch, ein hoher, keckernder, auf- und abschwellender Ton. Wir folgten ihm tiefer in den Wald. Und dann sahen wir sie, die arme Dorli: Nahezu aufrecht stand sie an einem Baum, die Vorderbeine gegen den Stamm gestemmt und versuchte daran Halt zu finden, als ob sie hinauf klettern wollte. Dabei stieß sie, als wir uns näherten, ein klägliches Muhen aus. Aber auf den Ästen rundherum, da saßen viele, viele Eichhörnchen, ich glaube, es waren alle, die in diesem Wald leben. Und sie sahen zu und schienen meine Dorli auszulachen. Wirklich, sie lachten immer lauter, und schließlich fielen sie nach und nach von den Ästen. Die meisten wälzten sich am Boden vor Lachen, aber einige hatten den Fall nicht überlebt. Von denen, die auf der Erde lagen und sich die Bäuche hielten, fingen manche an, nach Luft zu schnappen und sackten leblos zusammen. Sie hatten sich zu Tode gelacht.“

Sierig holte tief Luft. „Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Und schließlich kam es so zu der Pressemeldung „Geheimnisvolles Eichhörnchensterben in Klein-Pfaffenbach.“

Die Journalistin befreite sich mit Mühe von den wirren Gedanken und Vorstellungen, so wie man die Fäden eines Spinnennetzes abstreift. Draußen setzte langsam die Abenddämmerung ein. Friedlich erklang der Gesang der Amseln, das Blöken der Schafe und das Geräusch eines Motors. Ein Auto fuhr vor und eine resolute Dame im Business-Anzug stieg aus. 

„Ach“, rief Sierig aus, „nun kann ich Ihnen doch noch meine Frau Auguste vorstellen!“

Diese betrat euphorisch den Raum und begrüßte den Gast. Dann wandte sie sich an ihren Mann: „Liebling, das war wirklich sehr interessant und ein voller Erfolg: Mein Marketing-Konzept für die Tier-Erlebniswelt mit den spinnerten Viechern ist vom Kursleiter besonders gelobt worden. Wir haben es im Detail ausgearbeitet. Wenn die Förderungen genehmigt werden, können wir loslegen!“

Juliane merkte, dass das Interview beendet war und erhob sich. „Frau Sierig, Herr Sierig, ich bedanke mich für das Gespräch und möchte mich verabschieden. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn mein Artikel erscheinen wird. Aber eine Frage hätte ich noch.“ Sie schluckte und dachte an das unglückliche Ferkel. „Was geschah mit den Hühnern und der armen Dorli?“

„Was soll mit denen geschehen sein“, fragte der Bauer erstaunt. „Die leben hier am Hof wie immer. Schließlich werden sie ja die Attraktion unserer Erlebniswelt ‚Dorli – die Kuh, die ein Eichhörnchen sein wollte, und ihre Freunde‘. Sie werden sehen, damit schaffen wir den Aufstieg in die Top 10 der örtlichen Ausflugsziele! Für die Dorli habe ich einen Extra-Kletterbaum ausgesucht, und die Hühner bekommen Aufstieghilfen auf das Dach vom Hühnerstall.“

„Ja, so …“, dachte Juliane ein weiteres Mal und verließ etwas benommen vom Obstler und der Zielstrebigkeit des Landwirts den Hof. Gleich nach ihr schlenderten einige dunkelhäutige Männer in Arbeitskleidung über den Hof zur nächsten Busstation. Hinter dem Scheunendach ging gerade die Sonne unter und man erkannte die Umrisse der Schafe, die hintereinander empor kletterten und am Dachfirst entlang trippelten.

„Ja, so …“ 

 

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