Von Marco A. Rauch

Deine Hand in meiner. Sie fühlt sich zart an, weich und warm. Du lachst und sagst, es sei ja auch kein Wunder. Und ich denke, wie weise du bist. Sehe dich an, mit Stolz, und spüre doch das leise Schwinden des Augenblicks. Immer am Rande des Abgrundes taumle ich entlang der Grenze zwischen mühsamer Fassade und dem Ausbruch meiner Tränen. Und dein unbekümmertes Lächeln macht es nicht leichter. Manchmal denke ich, du weißt es. Spürst es instinktiv. Und ich frage mich: Bist du stark für uns beide oder bin ich das? Bewahrst du mich vor dem Abrutschen oder ich dich?

Du siehst so gerne aus dem Fenster, beobachtest die Vögel auf der nahen knorrigen Eiche. Und wenn Ben und Lux sich wieder foppen, kann man dich nicht mal mit Eis zum Wegsehen bewegen. Jedes Mal, wenn sie den Stamm hinaufjagen, sehe ich deine angespannten Kiefer, als leihest du ihnen den Atem, der sie hoch bringt.

 

Die Zeit in diesem Zimmer ist stehengeblieben, doch die Welt draußen verharrt nicht. Meine Hände greifen nach dem Kamm, lassen ihn wieder fallen. Ich beginne zu packen, als wöge jedes Kleidungsstück Zentner. Das Weiß des Betts ist leer, Kälte kriecht in die Falten der Laken. Mein Geist fällt zurück in die Stille. Ich suche das Leuchten deiner Augen, dieses helle Funkeln, das wie Sonnenlicht trotz dichtestem Geäst den ganzen Raum erhellte. 

Wärst du nur hier. Ich würde dir so gerne sagen, wie froh ich darüber bin. Dass du etwas hattest, was dich glücklich machte. In Gedanken streiche ich über deinen Kopf und beobachte, wie du das Gefühl von Geborgenheit mit geschlossenen Augen in dich aufnimmst und versuchst, es wie ein Schwamm das Wasser zu bewahren. Und ich mache weiter, bis ein leises Schnurren aus dir entweicht. Das war immer der Punkt, an dem du deine Augen öffnetest und sagtest, du wärst doch schon groß. Und bald schon dürftest du die Nadel aus der Hand ziehen. Ich solle mir keine Sorgen machen.

 

Und dein Blick glitt zurück zum Baum. Doch deine Hand überließest du mir. Ich versuchte, so etwas wie Normalität in dein Leben zu bringen. Oder war es Normalität für mich? Wir spielten Uno, Kniffel und Dame. Doch dein Spiel ging nicht nur gegen mich, es war vielmehr ein Turnier gegen die Erschöpfung.

Jeden Abend war ich bei dir, bis du schliefst. Und ich blieb, so lange ich konnte. Beobachtete dich. Den Baum. Ben und Lux. Ich dachte an die Zeit, als die Mauern unserer intakten Welt zu bröckeln begannen und dein Vater entschied, ein Abstützen lohne nicht mehr. Reglos standest du vor diesem Scherbenhaufen aus Schweigen und Koffern und sahst einfach nur zu. Keine Worte fanden ihren Weg, keine Tränen. Du betrachtetest den Zerfall, als wüsstest du längst, dass dein eigenes Fundament auch ohne diese Mauern trägt. Sein Platz hier im Zimmer blieb eine unbesetzte Nische, ein Schild ohne Namen im Gefüge unserer verbleibenden Tage. Und während ich die Trümmer dessen zählte, was einst Familie war, suchte ich nach der Schuld. Hast du sie gesehen? Du, der so unheimlich verwurzelt blieb, während um uns herum Stein für Stein unter dem Putz hervortrat.

Hast du gesehen, was ich nicht konnte? Du warst schon immer so positiv, unbekümmert und gleichzeitig unheimlich verwurzelt.

Ich erinnere mich, als ich dein Zimmer saugte, dabei an das Schränkchen stieß und deine grüne, mit Muskeln bepackte Actionfigur zu Boden fiel. Du fragtest nach Superkleber. Kein Heulen, kein Jammern, einfach nur: „Mama, wo ist der Superkleber?“

Ich betrachtete die Figur in meiner Hand und setzte einen Tropfen auf. Während ich den Arm fest auf den Körper drückte, kam mir in den Sinn, dass auch deine Seele solch starke Muskeln haben musste. Als wäre sie durchdrungen von der Kraft einer Eiche, die alles Negative von dir fernhielt. Ich hielt fest, bis der Kleber anzog, und staunte über die Dichte deiner innersten Struktur. Als könne nichts dich jemals brechen.

Nach Behandlungsbeginn schien der Weg frei. Dein Zustand besserte sich. Wir lachten, kauften Schwimmwesten für Kajaktouren auf der Altmühl, reservierten Ballonfahrten über den Wäldern der Oberpfalz. Wir buchten den Sommer, als gehörte er uns. 

Bis die Kehrtwende kam. Ein Flüstern in den Fluren. Sie nannten es atypische Reaktion.

Ich sehe dein Gesicht vor mir, wie du überzeugt behauptetest, ich solle die Karten nicht stornieren. Wir würden sie bald brauchen. Doch wenn du schliefst, sah ich die Wahrheit. Die nach und nach größer werdenden, unförmigen kahlen Stellen auf deinem Kopf, die Haarbüschel auf dem Kissen. Die Blässe deiner Haut und die dunkler werdenden Augenhöhlen. Deine Ärmchen, dünner und dünner. Wangenknochen, bald bedeckt nur noch von Reispapier. Und darunter einzelne, bläuliche Schlangen, die dich eigentlich versorgen sollten. Doch im schwachen Licht deiner Madagaskar-Lampe wirkten sie wie Zeitzeugen in einem brüchig gewordenen Fundament. Vielleicht spürte ich es damals schon, vielleicht wusste ein Teil von mir Bescheid. Vielleicht war es auch nur eine Befürchtung. Irgendwo dazwischen warst immer du, rangst die Schatten mit deinem Glanz zu Boden, bis du den ganzen Raum erobert hattest.

 

Meine Augen fixieren die Eiche, ihre krummen braunen Äste, während ich den Rest der Sachen in die Tasche drücke. Jeder Handgriff fühlt sich an wie das Auflesen eines weiteren verwelkten Blattes, dessen Zeit längst vergangen ist. Einen Moment setze ich mich an deine Stelle, sehe, was du gesehen hast. Frage mich, wie ich nur weitermachen soll. Du warst mein Handlauf, halfst mir die schmalen, steinigen Stiegen zu erklimmen bis zum großen, prächtigen Tor. Doch nun bist du hindurchgeschritten und ich stürze in die Trümmer meiner entkernten Welt.

 

Ich erinnere mich gut an den Tag, als du Ben und Lux entdecktest. Ich spürte deine Begeisterung, sah das Glänzen in deinen Augen jedes Mal, wenn die beiden sich jagten. Das eine dunkelgrau, das andere braun. Wie zwei ungleiche Geschwister machten sie sich den Platz auf dem Thron des Baumes streitig. Und jedes Mal setzte ich dich in Gedanken darauf und stellte mir vor, dass die beiden sich uneins darüber waren, was sie dir zuerst bringen sollten: Nahrung oder Medizin. Deswegen suchte das eine die Medizin und das andere die Nahrung. Doch du sagtest, sie hätten einfach nicht genug Stauraum auf dem Baum. Für die Nüsse. Oder waren sich uneins, ob sie zuerst in die eine oder andere Richtung hüpfen sollten. Natürlich nickte ich, versuchte deine Freude widerspruchslos einzuatmen. Sah dich an und spürte doch die Klauen mich in die Tiefe zerren. Fühlte deine Hand, wie sie nach mir griff und mir Standhaftigkeit verlieh. Und ich war froh, dass du mit Beobachten und Spekulieren Beschäftigung fandest. Zwischendurch blicktest du zu mir, lächeltest und verankertest immerfort meinen Halt.

 

Und dein Blick glitt zurück zum Baum. Selbst wenn die Schwester das Essen servierte, blieb deine Aufmerksamkeit in den Ästen verflochten. Das Mahlen deiner Kiefer war so viel entschlossener als dein schmaler Körper. Jeder Bissen ein mühsam erkämpfter Sieg, den du herunterschlucktest, ohne den Kontakt zu den beiden zu verlieren. Meine Augen folgten den deinen, wie sie den Stamm rauf und runter, die Äste vor und zurück flitzen. So unbekümmert wirkten sie, dass ich mich fragte, ob sie das von dir abgeschaut hatten oder du von ihnen. Oder ob sie das nur taten, um dich zu stärken. Wie seelenverwandte Wesen unterschiedlicher Spezies, die ihresgleichen erkennen.

Manchmal hieltest du inne, mitten im Satz, und draußen auf dem Ast verharrte Lux im selben Moment. Ein lautloses Signal, zwischen zwei Welten, von denen ich nur die eine begriff. Es war, als liefe dein Puls durch das Glas, durch die Luft, bis in die Krallen, die sich im Holz der Eiche festsetzten. Ein gemeinsamer Rhythmus, den nur ihr beide kanntet.

 

Meine Hand streicht zaghaft, sehnsüchtig über das saubere Weiß, wo du einst lagst. Sie stellt sich vor, es wäre dein Kopf. Mein Blick wandert nach draußen. Die Eiche steht nackt im Wind und ich frage mich, ob sie nicht friert.

 

Bilder kehren zurück, als ich hier neben dir saß. Dein Frösteln schlug Alarm in mir, doch es waren deine Augen, die mich nicht fallen ließen. Der Arzt konnte die Wahrheit nicht aussprechen, er floh in Floskeln, doch ich ahnte. Vielleicht wusste ich sogar. Ich saß daneben und sah zu, wie das Gestern von dir abfiel. Ein kontinuierlicher Rückbau. Dieses Bild hatte er mir aufgezwungen. Wie tief in dir bösartige Zellen wucherten und all das, was einst Gutes von uns kam und dich zu dir gemacht hatte, nach und nach in schwarze Klumpen verwandelte. Ich konnte dir nicht sagen, nicht aussprechen, deine Ohren nicht beleidigen und meine Zunge nicht damit beschmutzen, wie deine mühsam aufgebaute Struktur lautlos nachgab.

Wie viel davon hast du gespürt? Wie schwer wog das Aufrechterhalten deines Glaubens, der mir Griff war, um selbst Haltung zu bewahren? Gabst du dich aufrecht, um meine Balance zu betonieren, die du zum Festhalten suchtest? Wer von uns war am Ende Stütze des anderen? 

 

Immer fester umschließt Gewissheit meinen Hals, ab hier wird mein Weg zum dunklen, rauen Pfad. Das letzte Bisschen liegt mehr auf als in der Tasche. Ich frage mich: war ich stark genug? 

 

Vielleicht ahntest du, was kommt, hattest die Röntgenaufnahmen gesehen. Das schwarze Todesurteil in deinem Kopf. So scharfsinnig und verwurzelt, wie du von Anbeginn gewesen warst. Vielleicht wollte ich nicht wahrhaben, dass ein Neunjähriger die Bedeutung verstehen kann. Vielleicht wollte ich auch nicht wahrhaben, dass es wirklich passierte. Dein letztes Röcheln schlug mir ins Gesicht, transportierte ein gequältes „Wir schaffen das!“ Und ich erkannte mit Schrecken das erlöschende Licht in deinen Augen, weil die Worte allen Rest deiner Kraft aufgezehrt hatten.

 

Und dein Blick glitt zurück zum Baum, ein letztes Mal. Als meine Augen ihm folgten, schienen die beiden hinunterzurennen. Doch hinter dem alles verschleiernden Tränenvorhang wirkte es, als fielen sie mit dir.

 

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