Von Clara Sinn
„Peng, peng!“
Sie guckte aus dem Küchenfenster.
Der Kurze, rittlings auf dem dicken untersten Ast, an dem auch die Schaukel hing, stieß zwei rote Bauklötze herunter.
„Peng, peng!“
Er rückte vor. Diesmal fielen zwei gelbe Klötze.
„Was macht ihr da?“
„Zwei Eichhörnchen erwischt“, gab der Große zurück und legte sein imaginäres Gewehr wieder an.
Schließlich lagen zehn Holzklötzchen als Farbpaare geordnet im arg zertretenen hohen Gras. So ziemlich alle Baumbewohner, die sie kannten: Meisen, Tauben, Spechte … und Eichhörnchen.
„Und was macht ihr jetzt mit all den Tieren?“
„Eintauschen gegen …“
Woraus nicht wurde.
Da just die überaus gewitzte und ausgesprochen umtriebige Tochter der Nachbarn mit erhobenen Arm wild in der Luft herumwedelnd Richtung Hecke angelaufen kam:
„Kommt ma‘ … schneeeelll … ich muss euch unbedingt …!“
Sie überfiel dieser Gedanke, dass sie sich ja eigentlich ein Mädchen gewünscht hatte. Was im zweiten Versuch auch nicht wahr geworden war.
Und wenn sie selbst ein Junge geworden wäre? So, wie es ihre Mutter gewollt hatte? Ein Mamasöhnchen. Verwöhnt und beschenkt. Statt benachteiligt … Eine andere Geschichte.
Vielleicht aber auch nicht.
Wieso war sie in diesem Dorf gelandet? An der, zugegeben, idyllischen Börche. Wo andere Urlaub machten. Wieso sehnte sie sich heimlich nach der Großstadt zurück?
‚Dreißig Minuten‘, hatte er gesagt, ‚mit dem Auto‘. Dann sei man doch bei all ihren Vernissagen, Lesungen, Kabarettabenden.
Es war anders gekommen.
Nicht einmal mehr an Wochenenden fuhren sie in die nahe Stadt. Gourmetfest oder Erntedank-Markt fanden ohne sie statt. Geschweige denn all die Kulturtermine in der Landeshauptstadt. Glamouröse Events von überregionaler Bedeutung von Tanzfestival über Jazztage bis hin zum Fest der Straßentheater. Wie es sich für eine anständige Metropole gehörte.
Ja, ein Reinfall. Die glückliche Ehe. Auf dem Land.
Die Jungs hatten exakt Recht. Alles Gartengetier gleich paarweise zu exekutieren.
Es ließ sich nicht schönreden. Es war eingerissen.
Weil sie auf dieses Wir gehofft hatte.
Er würde sich nicht bewegen.
Wie man in einer Ehe, die einem gut bekommt, unversehens in Stillstand gerät.
Sie würde an diesem Abend noch ausgehen.
Ob er mitkam oder nicht.
Ganz egal.
Welcher Film oder, besser, welches Stück im Theater. Vielleicht hatte sie ja Glück. Vielleicht verkaufte auch jemand gerade eine nichtgenutzte Karte sogar billiger …
Und da hatte sie’s: Sie würde ihre eigene Gruppe gründen. Eventuell gar in einer Heilpraktiker-Praxis unterkommen. Ein Meditations- oder sonstiger Anti-Stress-Treff.
Dass sie mal rauskam.
Statt an seinem Rockzipfel zu hängen, hach, zu zweit einen schönen Abend …
Sie war sich sicher, die beiden Jungs würden, ganz von selbst
ziemlich andere Sachen
spielen.
Sie jedenfalls hatte gewechselt.
Von der Wartenden zur Handelnden.
Die gelassen abwarten konnte, wohin es führte …
Ließ die halbgespülte fettige Pfanne augenblicklich zurücksinken ins warme Wasser, wischte sich nur eben die Hände am Trockentuch ab und schnappte sich den dicken Edding, um sich mit ein paar Strichen zwei symbolische Eichhörnchen auf die Rückseite des Kalenders zu malen. Hängte den ollen Terminplaner verkehrt herum diesmal direkt neben dem Kühlschrank auf. Den gebrauchte ohnehin keiner mehr. Sie indes schon.
Sie hatte den Schuss
gehört.
