Von Bernd Kleber

In der Almhütte „Tavola Calda “Allo Stambecco Stanco”“, die wie ein verschlafener Wächter an den steil aufragenden, schneebedeckten Flanken der Dolomiten klebte, hingen die Rauchschwaden so dick wie winterliche Bergwolken. Draußen lag eine Welt aus schimmerndem Weiß, in der die schroffen Felszacken der Langkofelgruppe wie mit Puderzucker überzogene Riesen in den eisblauen Himmel stachen. Tannen reckten sich unter schweren, flockenbeladenen Ästen aus dem tiefen Schnee, und die Stille war so vollkommen, dass man das leise Knistern der gefrierenden Luft zu hören glaubte.

 

In dieser postkartenhaften Idylle thronten Luigi und Domenico, die letzten waschechten Ziegenhirten des Tales, an ihrem Stammtisch. Luigi, ein knorriger Baum von Mann mit einem Gesicht, das wie eine alte Landkarte von jedem Sonnenbrand und jedem Wintersturm der letzten siebzig Jahre gezeichnet war, trug eine Lederkappe, die so schmierig glänzte, als hätte sie eine Ziege ausführlich abgeschleckt. Sein Kollege Domenico hingegen, klein, rundlich und mit einem Gesichtsausdruck ständiger leiser Besorgnis, steckte in einer Jacke, die so wattiert war, dass er aussah wie ein wandelndes Kissen, dem jemand vorsichtig ein Paar funkelnde, misstrauische Augen eingesetzt hatte. Zu ihren Füßen schnarchten die beiden Hunde Bruno und Bodo, zwei zottelige Fellberge, deren einziges Hirten-Talent darin bestand, Schatten zu bewachen und gelegentlich im Schlaf zu zucken, als träumten sie von der großen Jagd nach einer besonders trägen Fliege.

 

Die Wirtin Claudia, eine Frau mit den Armen eines Schmiedes und der Anmut eines aufgebrachten Murmeltieres, fegte mit einer Miene vorbei, als wolle sie nicht nur den Boden, sondern gleich die beiden alten Herren mit in die Ecke kehren. „Könnt ihr nicht mal leiser streiten? Das Gezänk über die Olympia-Laster hört man bis nach Gardonè hinunter!“

 

Doch Luigi und Domenico hatten derzeit Wichtigeres zu tun, als sich über den Verkehrsrummel zu ärgern, der ihre stille, in funkelnden Schnee gehüllte Bergwelt in eine Zufahrtsstraße für schrillbunte Sportgeräte verwandelt hatte. Sie waren beschäftigt mit einem Spielebuch. „Der zerstreute Hirte – Ein Weg zum Wissen der alten Generationen“ lag zwischen ihren Schnappspötchen. Es war ihr neuer, unfreiwilliger Beruf. Seit der Gemeinde aufgegangen war, dass die beiden Greise mit ihren acht Ziegen eine wandelnde Touristenattraktion waren, hatte man sie als lebende Ausstellungsstücke dem neu eröffneten Themenpfad „Pfad der alten Hirten“ verpflichtet.

 

„Also, Domenico, hier steht: ‚Welches Tier hilft dem Hirten, den Weg nicht zu verlieren?‘ “, las Luigi vor und kratzte sich unter seiner Lederkappe.

„Die Ziege natürlich! Die verirrt sich immer zuerst und zeigt so, wo es nicht langgeht“, grummelte Domenico und musterte misstrauisch die Zeichnung einer summenden Biene auf der nächsten Seite. „Was hat denn die Imkerei mit uns zu tun? Wir hüten Ziegen! Die fressen den Bienen die Blumen weg! Das ist konkurrierendes Gewerbe!“

 

Beide Alten waren inzwischen zu Helden ihrer Region geworden. Und das war so gekommen: 

Vor einer Woche hatten sie, wie jeden Vormittag, ihre Mecker-Truppe, angeführt von der Leitziege Zita, einer Dame von unbestrittener Autorität und unberechenbarem Temperament, deren Bart ehrfurchtgebietender war als der von Domenico, auf den verschneiten Pfad rund um ihren Berg geführt. Die Landschaft glich einem unberührten Fresko aus reinem Weiß, durch das sich nur ihre Spuren als dunkle, lebendige Striche zogen. Plötzlich, aus dem Nichts, ein heulender Lastwagen, aus dem sogenannter „Rap“ drang (für die beiden Alten klang es wie das wütende Rumpeln von Holzstämmen auf einem Tieflader, vermischt mit dem Gezeter eines gestörten Eichhörnchens), hatte sie fast vom Weg gefegt. Dabei polterte etwas Rotes, Bohnenförmiges und Hochglänzendes ins tiefe Schneegestöber. Nach eingehender Betrachtung, bei der Zita das Objekt mehrmals mit ihrer Nase anstupste, begann der große Diskurs.

„Kann das eine Bombe sein?“

„Nein, Domenico, das ist Plastik. Eine Bombe ist aus Eisen, das weiß doch jedes Kind!“

„Aber Luigi, es gibt doch auch Plastiksprengstoff. Hast du davon noch nichts gehört?“

„Aber meinst du denn, es gibt Terroristen, die eine Bombe ins Olympiagelände schmuggeln wollten?“

„Domenico, schau, da sind Kufen dran, dann müsste es ja eine Plastik-Sprengstoff-Gleitbombe sein!“

„Das glaube ich auch nicht, wo soll die denn hingleiten? In den Heuschober?“

So erkannten sie in dem Ding mit den Kufen letztendlich einen merkwürdigen Schlitten. Es war sogar auf dem roten Grund eine Landesflagge geklebt, die sie jedoch nicht kannten. Die geniale Idee, die acht Ziegen davor zu spannen und sich heimziehen zu lassen, schien logisch und kam beiden fast gleichzeitig. Das daraus resultierende Spektakel, eine quietschend-plärrende Rodelpartie mit meckerndem Vorspann, bei dem die acht Ziegen ständig in unterschiedliche Richtungen zerrten, bis Zita aufstampfte und mit einem markerschütternden Meckern wieder für Ordnung sorgte, wurde von wartenden Sportreportern abgelichtet, die eigentlich auf die nächste Trainingsrunde der Biathleten warteten. 

Die so entstandenen Fotos und Videos machten sie über Nacht zu den „Bobfahrern der Dolomiten“. Beide Hirten waren in allen Nachrichten und Berichterstattungen zu den Olympischen Winterspielen zu sehen. Luigi und Domenico wurden berühmt wie Topmodels, nur mit mehr Fell und einem deutlicheren Geruch nach Stall. Alle wollten sie kennenlernen. Es gab sogar in dem Olympischen Dorf T-Shirts, auf denen beide Ziegenhirten mit charmantem Lächeln grüßten.

 

Der Ruhm war anstrengend. Manchmal lagerten vor der Almhütte mehr Fotografen und Reporter als bei der Siegerehrung nebenan an der Bobbahn. Ständig klingelten Reporter in der Hütte, und Claudia hatte schon einem das Bier über den Kopf gegossen, weil er nach „Wi-Fi“ gefragt hatte. „Das ist ein Schimpfwort, oder?“, hatte Luigi danach geflüstert, während er dem triefenden Mann schüchtern ein zerknülltes Taschentuch anbot.

 

Und jetzt also der Themenpfad. Die Gemeindevertreter hatten den Rummel genutzt und einen Lehrpfad eingerichtet und zu diesem diverse Spielbücher für Kinder drucken lassen. In den Büchern waren natürlich auf vielen Seiten lustige Bilder mit Luigi und Domenico, Zita und ihren Ziegenverwandten.

Die beiden Alten waren weit über die Region hinaus bekannt geworden. Sie fügten sich murrend, aber insgeheim geschmeichelt, in die Rolle als Prominente der Dolomiten.

Jeden Nachmittag, nach ihrer inzwischen von vielen Gästen begleiteten Morgentour mit den Ziegen, postierten sie sich an der Kabinenbahn-Station in Gardonè auf 1650 Metern Höhe und ließen sich von Familien umringen. Die Kinder löcherten sie mit Fragen aus den Spielebüchern zum Lehrpfad, während ihre Ziegen gelangweilt an den Wissen vermittelnden Holzfiguren des Pfades knabberten. Luigi und Domenico waren berühmt, wie die Figuren aus dem Kinderfernsehen, die wie ein Seestern und ein Badeschwamm aussehen.

 

„Schau mal, Luigi, hier: ‚Finde die drei versteckten Ziegen im Wald.‘“ Domenico deutete auf eine Zeichnung. „Das ist doch beleidigend! Unsere Ziegen verstecken sich nicht! Sie boykottieren höchstens! Gestern ist Zita einfach in die falsche Richtung gelaufen. Der ganze Trupp ihr hinterher. Wir haben ewig gebraucht, um sie vom Parkplatz der Skibusse wegzulocken.“

 

Die Wanderer fanden die beiden urkomisch. Luigi, der große, Stumme mit der Posaunenstimme, wenn es um „Zita, stopp!“ ging, und Domenico, der kleine, Rundliche mit der ewigen Warnung „Vorsicht, das könnte explodieren!“, selbst wenn es sich nur um einen verlorenen Kinderrucksack handelte. Sie waren lebendige Fossile, die zwischen Hinweisschildern auf Bienenzucht und Respekt vor dem Wald, ihren eigenwilligen Unterricht abhielten, vor einer Kulisse aus atemberaubender Schönheit, wo die schneebedeckten Gipfel im Abendlicht wie glühendes Rosenquarz erstrahlten.

 

„Und warum haben die Ziegen Glocken?“, fragte ein kleines Mädchen mit dicken roten Wangen.

„Damit wir wissen, wo sie sind, wenn sie uns wieder mal nicht zuhören“, erklärte Luigi. „Brauchst du auch eine Glocke um den Hals? Sollen wir mal deine Mutter fragen?“ Schreiend versteckte sich die Kleine hinter ihrer Mama und sofort klickten wieder Kameras und blitzten Handy-Lichter, die Domenico jedes Mal nervös zusammenzucken ließ.

 

Am Ende eines solchen Tages, zurück in der rauchigen, warmen Hütte, während draußen die ersten Sterne über den schneeverhangenen, schwarzweißen Silhouetten der Berge funkelten, seufzten sie.

„Früher“, sagte Domenico und stellte seinen Wanderstab sorgsam in die Ecke, als wäre es ein zerbrechliches Kunstwerk, „da waren wir einfach nur Hirten. Jetzt sind wir ‚Kulturerbe‘, ‚Attraktion‘ und ‚Rettungsschlitten-Personal‘ in einem.“

„Und die Ziegen sind Stars“, fügte Luigi hinzu und blickte aus dem kleinen, beschlagenen Fenster. Draußen stand Zita im Schein der Außenlampe und meckerte genüsslich in eine Kamera, die ein spät abendlicher Fotograf auf sie richtete, der zuvor an der Bobbahn Olympioniken fotografiert hatte. Zita schien ihre neue Rolle zu genießen, auch ohne Medaille, und posierte, indem sie den Kopf so drehte, dass ihr imposanter Bart besonders gut zur Geltung kam. Und so waren sich alle noch nicht ganz sicher, ob die Olympiade in ihrem kleinen, verschneiten Ort nun guttat oder doch nur lästige Unruhe stiftete.

 

Vielleicht, dachte Luigi, während er Domenicos Schnapsglas nachfüllte, war das ja der Lauf der Dinge: Vom einsamen Hirtenpfad auf den beleuchteten Themenwanderweg. Und wenn sie dabei ein paar Städtern zeigen konnten, dass eine echte Ziege mehr Charakter hat, als alle blinkenden Spielkonsolen dieser Welt, und dass ein richtiger Hirte einen Bobschlitten auch mal als Ziegenkutsche zweckentfremden kann, dann war das doch kein schlechtes Leben. Meckernde Akteure inklusive. Und eine Landschaft aus Schnee und Stein, die selbst den größten Trubel in ein märchenhaftes Bild einbetten konnte.

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