Von Armin Kahn
Als Kind war ich einmal in den großen Ferien verschickt in ein Kinderheim in einem einsamen Dorf im tiefsten Oberbayern. Damals war ich sieben Jahre alt. Wir wanderten mit den Erzieherinnen bei schönem Wetter immer viel im Wald umher und entdeckten auf einem dieser Spaziergänge einen einsamen und abgelegenen See, den selbst die Erzieherinnen nicht kannten. Als wir wieder zurück in das Dorf kamen, fragten die Erzieherinnen die Dorfbewohner, was sie von dem See wussten. Die schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und beschrieben den See als einen großen, sagenumwobenen Mythos. Er wurde der schwarze See genannt. Der Grund dafür lag darin, dass er angeblich abgrundtief sein sollte und schon mancher junge Bursche sein Leben gelassen habe bei dem Versuch, den Grund des Sees zu erreichen.
An diesen See erinnerte ich mich immer wieder mal, in sehr großen zeitlichen Abständen. So ganz vergessen konnte ich ihn nie, denn in meiner Fantasie barg dieser See mindestens ein großes Geheimnis, wenn nicht sogar mehrere.
Viele Jahre später, als ich längst erwachsen war, nahm ich mir eines Tages vor, nochmal in dieses verlassene Dorf zu reisen, um mehr über diesen See zu erfahren. Mittlerweile gab es, nicht weit von diesem Dorf entfernt, ein Hotel, in dem ich mir ein Zimmer nahm. Von dort aus fuhr ich in das nahe gelegene Dorf und fand als erstes heraus, dass das Kinderheim aus meiner Jugend nicht mehr existierte. Das Haus stand zwar noch, aber mittlerweile war dort ein Wohnheim für Erwachsene mit Behinderung eingerichtet.
Ich konnte mich aber bereits nach wenigen Minuten recht gut an die Zeit vor so vielen Jahren erinnern. So fand ich den Weg zu dem See sogar auf Anhieb. Neugierig schaute ich mich dort um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Ein schöner See, der eigentlich direkt zum Baden einlud. Ich war schon ein wenig enttäuscht. Nichts Mystisches, nichts Gefährliches.
Zurück im Dorf begann ich die dort lebenden Bewohner nach dem See zu fragen und hörte wieder zahlreiche Geschichten und Sagen über diesen abgrundtiefen See, der niemals auch nur einen Körper wieder hergegeben habe, den er einmal verschlungen hatte. So viele junge Männer seien im Lauf der Zeit darin ertrunken, nur weil sie alle das Geheimnis dieses Sees ergründen wollten. Man warnte mich eindringlich, ja nicht auf die Idee zu kommen, dort selbst nachschauen zu wollen, welches düstere Geheimnis der See hätte.
Jetzt hatte mich die Neugier gepackt. Am nächsten Morgen nahm ich meine Badesachen mit und ging vom Hotel direkt zu dem See. Zunächst ging ich ganz vorsichtig am Ufer nur ein wenig hinein und tastete vorsichtig mit den Zehen auf dem Grund, um herauszufinden, wo es tiefer wurde. Etwa fünfzehn Meter vom Ufer entfernt, so konnte ich bemerken, gab es einen recht scharfen Knick am Grund und von da an ging es steil hinunter.
Das Wasser war sehr klar und man konnte den Grund gut sehen, hellbrauner Sand und etliche Steine, ein paar grüne Pflanzen dazwischen und dann ab dem Knick nur noch tiefes Schwarz. Um herauszufinden, was sich tiefer unten befand, würde man eine Taucherausrüstung benötigen, dazu noch starke Scheinwerfer, um im Dunklen etwas sehen zu können. Aber ich kann gar nicht tauchen, also so mit Sauerstoffflasche und Atemmaske und wusste auch, dass man so etwas erst einmal längere Zeit lernen müsste, bevor man sich an ein solches Objekt heranwagen könnte. Also verwarf ich diese Idee sofort wieder.
Eine starke Lampe, die man unter Wasser verwenden kann, wäre aber hilfreich, so dachte ich mir und ging daher wieder zurück ins Hotel und fuhr mit dem Auto in die nächste Stadt und besorgte mir dort in einem Sportgeschäft eine Lampe für Taucher, mit der man angeblich unter Wasser bis zu 100 Meter weit sehen konnte. Also genau das Richtige für diesen Zweck, so dachte ich.
Am nächsten Morgen war ich wieder in Badehose am See und hatte meine neue Lampe in der Hand und bewegte mich zunächst vorsichtig an die Stelle, wo sich der Knick befinden musste. Ich fand ihn auch und schwamm nun einige Meter weg vom Ufer zur Mitte des Sees, er war ja nicht sehr groß. Dann tauchte ich unter Wasser, schaltete die Lampe ein und leuchtete nach unten.
Zunächst konnte ich nichts erkennen, direkt vor mir sah ich im Lichtstrahl der Lampe nur einige kleine Bröckchen im Wasser treiben. Ich hielt sie etwas weiter weg von mir und folgte mit meinem Blick dem Lichtstrahl in die Tiefe. Zunächst sah ich nur Schwärze, sonst nichts. Ich machte mit meinen Beinen ein paar energische Schwimmstöße nach unten und meinte dann, etwas zu erkennen.
Urplötzlich bemerkte ich, dass ich längst am Grund angekommen war – der See war überhaupt nicht so tief, wie alle behaupteten, ich schätzte höchstens vier bis fünf Meter. Und gerade als ich tatsächlich Gegenstände erkennen konnte, musste ich dringend wieder auftauchen. Oben holte ich erst einmal tief Luft und konzentrierte mich auf den nächsten Tauchgang. Ich versuchte mir auch genau die Stelle einzuprägen, an der ich mich jetzt befand. Ich glaubte, ich hätte ein Fahrrad gesehen, gerade eben als ich unten war, dort, wohin ich geleuchtet hatte.
Also tauchte ich wieder hinab und leuchtete auf den Grund und tatsächlich sah ich sofort das Fahrrad, ein völlig verrostetes Kinderrad. Moment, genau so eins hatte ich auch früher einmal, als ich ungefähr neun Jahre alt war – das sah ganz genau so aus. Wie konnte das sein? Zu der Zeit als ich hier am See gewesen war, hatte ich doch noch gar kein Fahrrad besessen!
Dann schrak ich zurück, hätte beinahe Wasser geschluckt, denn ich sah daneben einen kleinen silbernen, aber völlig vergammelten Bilderrahmen, und darin glaubte ich, das Gesicht meiner Mutter zu erkennen, so wie sie ausgesehen hatte, als ich noch ein kleines Kind war. Die Luft fehlte mir und ich musste wieder hoch, länger konnte ich es einfach nicht aushalten.
Oben schnaufte ich und atmete mehrmals tief durch, bis ich wieder ruhig atmen konnte. Dann beschloss ich noch einen dritten Tauchgang zu unternehmen. Diesmal war ich schnell bei dem Fahrrad und dem Bild meiner Mutter. Neben dem Bild sah ich einen kleinen, verrosteten Schlüssel, den ich mir sofort griff. Ich war mir auf der Stelle sicher, dass dieser Schlüssel wichtig für mich sein würde. Ich tauchte mit dem Schlüssel in der Hand wieder auf und schwamm zurück zum Ufer.
Beim Abendessen im Hotel fragte ich die nette Serviererin, ob sie schon mal etwas von dem schwarzen See gehört hätte. Sie lachte und erzählte mir dann, dass sie einen Freund hatte in Ihrer Jugend, der im Sommer mal im See getaucht wäre und etwas vom Grund herauf geholt hätte.
„Wissen Sie, der See ist nämlich gar nicht so tief, wie die Leute erzählen, sonst hätte der Dieter damals ja nicht etwas vom Grund herauf holen können!“ verriet sie mir.
„Und was hat der damals heraufgeholt?“, fragte ich sie neugierig.
Sie grinste und sagte: „So einen kleinen verrosteten Schlüssel“ sagte sie in leicht abfälligem Ton. Ihre Hand zeigte etwa die Größe an, die auch mein gefundener Schlüssel hatte. Ich glaube ich bekam einen feuerroten Kopf, hakte aber gleich nach: „Und was hat er damit gemacht?“
Sie zuckte nur die Schultern und meinte dazu: „Keine Ahnung, ich habe auch nicht danach gefragt. Außerdem haben wir uns nur kurze Zeit später getrennt und gesehen habe ich den Dieter schon seit Jahren nicht mehr.“
„Aber er ist noch am Leben?“ fragte ich beunruhigt nach.
„Wieso sollte er nicht mehr am Leben sein, er ist doch kaum älter als ich?“ fragte sie bestürzt.
„Ach nur, weil die Leute aus dem Dorf doch behaupten, da sollen so viele junge Männer wegen dem See ihr Leben verloren haben!“
„Ah geh, das ist doch Schmarrn!“ entgegnete sie kopfschüttelnd und ging in Richtung Tresen davon.
Da blieb ich nachdenklich am Tisch alleine sitzen und mir ging so vieles durch den Kopf. Was hat es mit dem Schlüssel auf sich?
Urplötzlich kam mir ein Einfall und genau in diesem Augenblick wurde mir klar, was dieser Schlüssel zu bedeuten hatte. Es war der Schlüssel zu einer Tür, die ich seit meiner Kindheit niemals geöffnet hatte. Eine Tür, die ich aber unbedingt öffnen sollte. Mit Hilfe dieses Schlüssels würde mir das gelingen, da war ich mir merkwürdigerweise sicher.
Nur: Was würde ich hinter dieser Tür finden, wenn ich sie öffnete?
Klar, es gab da eine ganz bestimmte Angst, die mich schon seit meiner Kindheit quälte. Nie hatten mir die Menschen um mich herum etwas zugetraut. Meine Eltern nicht, meine Lehrer in der Schule nicht und auch Freunde und Mitschüler nicht. Ich blieb daher immer der zurückhaltende, farblose kleine Junge, der nichts Besonderes tat oder konnte.
Alle Ideen, Pläne und Wünsche habe ich immer auf Papier geschrieben und in einer Holzkiste mit Schloss aufbewahrt. Die hatte ich aber seit meinem Auszug von zu Hause nie mehr gesehen und auch längst vergessen. Als ich den Schlüssel fand, fiel mir diese Kiste wieder ein. Der Schlüssel war genau das, was mir bisher gefehlt hatte, die ich aber nun, dank des gefundenen Schlüssels, einfach so gedanklich öffnen konnte. Es war eigentlich ganz leicht.
Nachdenklich, aber zufrieden ging ich nach oben in mein Zimmer und legte mich schlafen. Ich konnte nun bestimmt alles erreichen, was ich wollte.
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