Von Ines Kruse-Kahn
Grundmanns Fiete war höchstwahrscheinlich die bemitleidenswerteste Kreatur im ganzen
Landkreis, denn sein Besitzer war fürchterlich jähzornig. Und das war noch gelinde ausgedrückt: Es gab eigentlich nichts, worüber Alois Grundmann sich nicht maßlos aufregen konnte, sei es nun der Autofahrer vor ihm, der abbog ohne zu blinken oder die alte Frau an der Kasse vom Supermarkt, die ihr Kleingeld zu langsam abzählte… – von einer Sekunde auf die andere lief Grundmanns Gesicht beängstigend rot an, er zitterte vor Wut und explodierte dann schließlich in lauten und unflätigen Schimpftiraden, die sich über seine fassungslosen Mitmenschen ergossen.
Nicht selten griff er in seiner Wut auch Gegenstände, die er gerade zu fassen bekam, und schleuderte sie ohne Rücksicht auf Verluste gegen Möbel und Wände. Man munkelte sogar, dass Grundmann – hinter verschlossenen Türen – seine Frau und seine Kinder misshandelt hätte. Das musste wohl der Grund sein, weshalb Karola Grundmann vor etlichen Jahren samt den Kindern eines Nachts in ein Frauenhaus geflüchtet war. Angezeigt hatte sie ihren Mann, sich scheiden lassen und ein Gerichtsurteil erwirkt, das ihm verbot, sich seiner Ex-Frau und seinen Kindern auf weniger als 100 Meter Abstand zu nähern.
Anstatt aus diesem Urteil zu lernen, hatte Grundmann seitdem einen abgrundtiefen Hass auf alles und jeden, Mensch und Tier, entwickelt. Seine Wut ließ er tagsüber an den Kunden aus, die er als Versicherungsvertreter besuchte, abends musste dann der Hund herhalten. Der arme Fiete, ein gutmütiger brauner Retriever-Mix, war grundsätzlich überall im Weg, sprang nicht schnell genug beiseite, bellte im falschen Augenblick oder bettelte unverschämter Weise um Futter. Das brachte ihm zwar ständig Schelte, Schläge und Fußtritte ein, trotzdem war das Tier seinem Herrn treu ergeben und wäre ihm überallhin gefolgt.
Das Leben des Mischlingshundes verschlechterte sich noch einmal drastisch, als Grundmann, wegen seiner beruflichen Verfehlungen, entlassen wurde. Immer mehr Kunden hatten sich bei der Versicherungsgesellschaft beschwert. Sie hatten es einfach satt gehabt, sich von ihrem Kundenberater beschimpfen zu lassen. Von nun an blieb Grundmann Tag für Tag zu Hause und sein geballter Hass traf ausschließlich den völlig unschuldigen Hund, der bereits so eingeschüchtert war, dass er in Anwesenheit seines Besitzers nur noch zitternd und winselnd, mit eingekniffenem Schwanz unter dem Wohnzimmertisch lag und sich kaum traute, auch nur den Kopf zu heben.
Eines Abends jedoch, als Grundmann gerade in die Küche gehen wollte, um sich etwas Essbares zu besorgen, trottete sein Hund unbedacht hinter ihm her, in der Hoffnung, es würde vielleicht auch einmal etwas Leckeres für ihn abfallen. Er hatte schon so lange nur noch hartes Brot und halb verdorbene Essensreste bekommen…
Grundmann sah Fiete nur aus dem Augenwinkel. Ruckartig drehte er sich um, sein Gesicht färbte sich puterrot und er brüllte: „Bleib drin, du blödes Vieh!“ Gleichzeitig warf er die Wohnzimmertür hinter sich zu, doch statt des erwarteten Knalls ertönte ein markerschütternder Schrei: Fietes linker Vorderlauf war von der Tür eingeklemmt worden und stand nun in einem merkwürdigen Winkel vom Körper ab, während das Tier hilflos am Boden lag und herzzerreißend winselte.
Grundmann begann, rastlos im Flur auf und ab zu laufen. Dabei wetterte er halblaut vor sich hin: „Was mach’ ich jetzt bloß mit der Töle? – Das Geheul kann ja niemand ertragen! Sicher beschweren sich gleich die Nachbarn oder sie rufen womöglich den Tierschutz. Nein, nein, der Hund muss weg! Aber wohin?“
Schließlich rang sich Grundmann dazu durch, einen Tierarzt aufzusuchen bzw. den tierärztlichen Notfalldienst, denn einen „normalen“ Tierarzt würde er jetzt um 20 Uhr sicher nicht mehr erreichen. Zum Glück gab es ja das Internet und die Adresse war schnell ausfindig gemacht. Das verletzte Tier wimmerte verzweifelt, als es grob in eine Wolldecke eingerollt und in Grundmanns altes Auto gehievt wurde.
Der Weg zur Praxis war nicht weit und die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Dort angekommen, stand Grundmann allerdings schon wieder kurz vor einem Wutanfall, weil er nur einen Parkplatz auf der anderen Straßenseite gegenüber der Praxis fand. Das bedeutete, er musste das verletzte Tier über die vielbefahrene Straße tragen. Diesmal riss er sich aber mit äußerster Anstrengung zusammen, denn er wollte kein Aufsehen erregen.
Die Notfall-Tierärztin war eine sympathische, ältere Frau mit rundlicher Figur, grauen Pudellöckchen und einem mitfühlenden Lächeln. Sie untersuchte den jammernden Fiete, diktierte ihrer Helferin den Befund mit vielen Fremdwörtern und fasste das Ergebnis zusammen: „Oje, der arme Kerl – das sieht nicht gut aus! Der linke Vorderlauf ist mehrfach gebrochen, teilweise gesplittert. Da wird eine größere Operation nötig sein, damit er wieder richtig laufen kann… – wie ist das überhaupt passiert?“ Es lag Grundmann auf der Zunge, zu brüllen: Das geht dich gar nichts an, du blöde Kuh!, stattdessen erfand er rasch die Geschichte von Zugluft und einer Tür die dadurch zugefallen wäre. Die Tierärztin besaß genügend Lebenserfahrung, um zu wissen, dass er log. Sie stellte keine weiteren Fragen. – „Was würde eine solche Operation denn kosten?“ würgte Grundmann heraus, dem Übles schwante.
Die Tierärztin überlegte kurz und meinte dann: „Na ja, mit 3.000 Euro müssen Sie schon rechnen…“ Jetzt war es um Grundmanns Beherrschung geschehen. „Was?“ schrie er, „dafür bekomme ich ja fünf neue Köter wie ihn … – machen Sie doch mit dem Vieh was Sie wollen,
aber nicht auf meine Kosten!“ Mit diesen Worten rannte Alois Grundmann zur Tür hinaus, verfolgt von den verständnislosen Blicken der Tierärztin, ihrer Helferin und – unbemerkt – auch von seinem Hund.
Um zu seinem Auto zu gelangen, musste Grundmann die Straße überqueren. Zwischen zwei parkenden Fahrzeugen trat er auf die Fahrbahn und wäre fast mit einem kleinen Sportwagen zusammengestoßen, der die Straße hinunter schoß. Er stolperte rückwärts, strauchelte und schlug mit dem Kopf hart auf die Bordsteinkante. Sofort bildete sich eine rote Pfütze unter seinem Schädel, um Grundmann wurde es dunkel und sehr still. Er hörte nicht mehr, wie die Tierarzthelferin auf die Straße hinaustrat und ihm hinterherrief: „Herr Grundmann, Herr Grundmann, Ihr Hund ist verschwun…“ – und gleich darauf „um Himmels Willen, Frau Doktor, schnell, wir müssen einen Krankenwagen rufen!“
Als Grundmann die Augen aufschlug, glaubte er zunächst, tot zu sein. Alles um ihn herum kam ihm völlig unbekannt vor. Beim genaueren Hinsehen erkannte er dann, dass er anscheinend auf dem Gehweg vor der Tierarztpraxis lag. Er erinnerte sich zwar dunkel, auf den Kopf gefallen zu sein – wieso aber schmerzte dann nur sein linker Arm so höllisch? Um ihn herum standen ein paar Menschen, die waren riesengroß und redeten viel zu laut. Einer schrie: „Sie müssen gleich da sein!“
Grundmanns Unverständnis wollte und wollte nicht weichen. Seine Umgebung schien irgendwie die Farbe verloren zu haben und wirkte wie ein alter Schwarzweißfilm, aber nicht genug damit, er fühlte sich sogar in seinem eigenen Körper fehl am Platze. Als er einmal kurz den Kopf anhob, erkannte er, dass er einen zotteligen, braunen Pelzmantel trug, der auf seltsame Weise mit seinem Körper verwachsen schien. Einige Meter von ihm entfernt stand ein riesiger Krankenwagen. Zwei übergroße Sanitäter schoben gerade eine ebenso überdimensionierte Trage in das Fahrzeug. Der Mann, der dort abtransportiert wurde, sah Grundmann zum Verwechseln ähnlich…
Wahrscheinlich fantasiere ich, dachte Grundmann und ließ seinen Kopf erschöpft wieder sinken. In diesem Augenblick brauste ein Transporter heran und bremste mit quietschenden Reifen neben dem Krankenwagen. Zwei große, junge Männer in grauen Overalls sprangen aus dem Wagen und stürmten auf den hilflos am Boden Liegenden zu. Einer von ihnen rief: „Da liegt er ja – lass ihn nur nicht entwischen!“ – Der andere entgegnete ruhig: „Der kann nicht weit weg – er ist ja verletzt“.
Grundmann wurde von panischer Angst ergriffen. Er wollte weglaufen, aber ein schweres Netz wurde über ihn geworfen. Er versuchte zu schreien, aber seiner Kehle entrang sich nur ein klägliches WUFF…
Nur wenig später sorgte im Kreiskrankenhaus ein – ansonsten sehr freundlicher – Herr mittleren Alters, der kurz zuvor wegen einer großen Platzwunde am Hinterkopf eingeliefert worden war, für allseitiges Befremden. Er behauptete nämlich, er hieße Fiete und wäre in Wirklichkeit ein Hund…
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