Von Tobias Sütterlin
Sonntag, den dritten September neunzehnhundertneununddreißig
Irgendwo in Deutschland tagt der Familienrat.
„Das ist das Ende, ein Abgrund ohne Boden!“
Vater lässt seinen schweren Körper in den prächtigen Armlehnstuhl am Kopf der Tafel fallen. Seine Oberlippe zuckt und mit weit aufgerissenen feuchten Augen scheint er in eine unendliche Ferne zu schauen, direkt in den Schlund der Charybdis.
So bewegt, so verzweifelt haben wir ihn nie erlebt.
Das Oberhaupt der Familie, der Fabrikant, dem hunderte Arbeiter vorbehaltlos die Treue gehalten haben, als der große Krieg die Firma fast ruiniert hätte. Der Mann, dem die Familie immer das Wichtigste war. Der Unternehmer, der die Firma mit dem Geschick eines Staatsmannes lenkte, dem das Glück hold war, und der liebende Vater. Wir Kinder hingen an seinen Lippen, wenn er Geschichten erzählte. Er konnte jeden Vogel am Gesang erkennen und wusste alle Geburtstage seines Personals.
Meine Gedanken verwirren sich.
Die Familie ist fast komplett. Nur Heinrich fehlt, mein großer Bruder. Sein Stuhl ist leer und durch die Lücke sehe ich im Garten, von meinem Apfelbaum, eine überreife Frucht ins Gras fallen. Er ist mit seinem Bataillon verlegt worden. Vermutlich an die polnische Grenze.
Alle sind gekommen.
Die wunderschöne Tante Helene, immer wieder wurde sie mit Luise von Preußen verglichen, sitzt wie versteinert und knetet ihr Taschentuch.
Sogar Onkel Carl, der Freigeist, der solche Treffen stets meidet, war zur festgesetzten Zeit am Platz und wirkt betroffen.
Rechts neben mir sitzt mein Cousin Georg. Er ist ebenso angespannt wie wir alle. Er ist in der feuchten Jahreszeit immer etwas erkältet, und die Aufregung ist nicht gut für sein Asthma. Sein rasselnder Atem umrahmt die Stille.
Wir sind eine große Familie. Vier Generationen.
Opa Ludwig sitzt etwas abseits in einem bequemen Ohrensessel. Seine Hände zittern.
Tante Amalie trägt einen Anzug ihres Mannes. Sie sitzt sehr aufrecht, die Beine übereinandergeschlagen. Ihre Reitstiefel glänzen.
Elisabeth popelt selbstvergessen und schmiert den Ertrag in den Unterrock.
Onkel, Tanten, Cousinen … versteinerte Gesichter, ratloses Entsetzen.
Alle sind gekommen und scheinen zu erwarten, dass Vater, wie gewohnt, eine Lösung für die drohende Katastrophe weiß.
Wir sitzen an dem großen Tisch im Ballsaal. 24 Augen, die nicht wissen, wohin sie schauen sollen.
Mutter ist die Einzige, die Vater direkt ansieht. Sie weint. Die Tränen zeichnen schmale glänzende Spuren in ihr Gesicht und verschwinden irgendwo im Kragen ihres Kleides.
Vaters Augen kehren zurück aus dem Schlund der Untiefe, wie der Taucher in Schillers Gedicht. Sie fixieren die große Vase aus Porzellan, die am Ende der Tafel steht, wie jener den Pokal, den er aus der Tiefe geborgen hat.
„Was jetzt droht, übersteigt alles, was wir bisher überstehen mussten. Der Krieg, die Große Depression, Hitler als Reichskanzler und die Pogrome – all das zeigte direkt den Weg in den Abgrund.“
Vaters Körper strafft sich in seinem Stuhl, und er blickt in die Runde.
„Dieser Brand wird alles verzehren und uns wie Körner zwischen Mühlsteinen zermahlen.“
Er holt tief Luft und öffnet den obersten Hemdknopf.
„Wir müssen hier weg.“
Atemlose Stille. Dann reden alle durcheinander.
Niemals!
Wohin?
Alles im Stich lassen?
Die Katzen!
Was wird aus der Fabrik?
Und das Haus?
Kann ich meine schönen Kleider mitnehmen?
Wovon sollen wir in der Fremde leben?
Die Bibliothek! Wohin mit all den kostbaren Büchern?
Meine Schüler brauchen mich!
Opa wiederholt Vaters Worte und lächelt. „Gut, dass Gusti das nicht mehr erleben muss“, sagt er leise. Oma Auguste ist voriges Jahr plötzlich gestorben. Opa ist seitdem sehr still.
„Ich bleibe hier“, sagt er plötzlich, „wo soll ich denn hin? Ich bin alt und morsch.“
Wir halten inne.
Vater räuspert sich.
„Unsinn, du gehörst zu uns und kommst mit.
Wir müssen nichts überstürzen. Es wird einige Zeit vergehen, bis die Welle des Krieges zurückrollt und hier alles vernichtet.
Vielleicht sehe ich das alles zu schwarz? Aber Deutschland gegen die Welt? Nein.
Wir haben ein Haus in Frankreich und Freunde in der ganzen Welt.
Sehen wir es als Gelegenheit, diese Freundschaften zu pflegen. Noch ist genug Geld da.“
Soweit erinnere ich mich an diesen Tag. Der weitere Ablauf verschwimmt in meinem Gedächtnis zu einem zähen Brei. Es wurde viel geredet, viel zu viel geredet.
Ich war gerade neunzehn und erinnerte mich später, viel zu spät, dass Viola das alles vorausgesagt hatte.
Ach, Viola, Lieblingsschwester, wo bist du heute? Du fehlst mir hier, in der Fremde, von allen am meisten.
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