Von Andreas Schröter

Eine der Geschichten, die in unserer Familie immer wieder erzählt wird, ist die, warum Opa Karl sehr auffällig und nicht zu übersehen eine Goldmedaille der Olympischen Winterspiele 1952 in Oslo in der Vitrine im Korridor hängen hatte – und das, obwohl er zeitlebens mit Sport herzlich wenig am Hut hatte.

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Diese Haltung passte zu seinem Äußeren. Ja, man musste ihn als jungen Mann wohl als etwas dicklich bezeichnen, was in der Nachkriegszeit, als die Menschen eher abgemagert waren, durchaus ungewöhnlich war. Aber dummerweise gehörte er 1952 mit 21 Jahren zu einer Clique von Sportfanatikern. Und weil Karl große Angst vor einem Außenseiterdasein hatte, willigte er schließlich ein, mit drei anderen Jungs in einem vollkommen antiquierten Vorkriegs-Opel Olympia die Reise von Dortmund nach Oslo anzutreten, wo die Spiele stattfanden.

Drei Tage dauerte die Fahrt – auch, weil der Opel zwischenzeitlich an einigen Zipperlein litt: platte Reifen, kaputte Öldruckpumpe –, die vor der Weiterfahrt behoben werden mussten.

In Oslo selbst litt nicht der Opel, sondern Karl langsam, aber stetig vor sich hin. Meistenteils fühlte er sich durchgefroren und von zäher Langeweile gepeinigt. Oder beides. Was bitte hatten seine Kumpels davon, irgendwelchen unbekannten Leuten beim Skilanglauf zuzusehen? Oder beim Eisschnelllauf? Abfahrtslauf wäre ja noch gegangen, aber dafür waren die Tickets zu teuer. Nur in der aufgepeitschten Atmosphäre beim Eishockey entwickelte Karl einen Hauch von Interesse, das sich auf einer Skala von eins bis zehn vielleicht bei zwei einordnen ließ – im Gegensatz zur sonstigen Beton-Eins. Das änderte sich allerdings schlagartig, als ein Puck-Querschläger Karl nur um Haaresbreite verfehlte und hinter ihm mit lautem Knall in die Holzverkleidung der Tribüne einschlug. Jetzt stand seine Skala sogar bei unter null.

In Karl wuchs mehr und mehr der Wunsch, sich nach dieser vermaledeiten Reise von seinem Freundeskreis zu trennen. Es musste doch irgendwo Leute geben – vielleicht sogar Frauen, wie er mit einem innerlichen Seufzer dachte –, die sich wie er eher für die Romane Hemingways, Steinbecks oder Thomas Manns interessierten als für diesen Blödsinn hier auf Eis und Schnee.

Okay, noch drei Tage, dann hätte die Qual ein Ende. Am 22. Februar 1952 stand der Endlauf im Viererbob der Herren auf dem Programm. Karls Kumpels wurden nicht müde, die Namen der deutschen Besatzung herunterzubeten, denen man sogar gewisse Chancen auf die Medaillenränge zubilligte: Ostler, Kuhn, Nieberl, Kemser. Ja, ist ja gut, dachte Karl, interessiert mich nicht.

Und diesmal kamen die vier Dortmunder Jungs sogar recht nah an das Geschehen heran. Sie hatten einen Punkt in unmittelbarer Nähe zum Start erwischt und konnten die Herren Sportler bei ihren akribischen Vorbereitungen beobachten.

Doch ja, das musste Karl dann doch zugeben: Es war beeindruckend, mit welcher Kraft die Fahrer ihren Bob anschoben und wie behände sie sich in ihr Gefährt gleiten ließen, um dann in immer schneller werdender Fahrt im Eiskanal zu verschwinden. Noch drei Teams – Österreich, die USA und Italien –, dann wären die Deutschen an der Reihe. Karl konnte sie schon in dem kleinen Starthäuschen ausmachen. Sogar die Namen konnte er den Gesichtern zuordnen, schließlich hatten ihn seine Freunde auch mit den Konterfeis der Fahrer malträtiert.

Vorne stand Friedrich Kuhn, dahinter Franz Kemser und schließlich Andreas Ostler, der Star und Pilot des Teams. Doch fehlte da nicht einer? Wo war Lorenz Nieberl? Karl glaubte zu erkennen, wie sich die Drei immer wieder umsahen. Offenbar waren sie auf der Suche nach dem vierten Mann im Team.

Als nur noch zwei Bobs vor dem deutschen Vierer an der Reihe waren, wurden die Bewegungen der Fahrer immer hektischer. Sie gestikulierten, einer raufte sich die Haare, ein anderer schrie etwas. Nun begannen sie, die Reihen der Zuschauer abzusuchen. Glaubten sie etwa, dass Lorenz Nieberl sich einfach unter sie gemischt haben könnte?

Schließlich blieb der Blick Andreas Ostlers auf Karl Schneider hängen …

Was dann folgte, sollte sich noch rund 70 Jahre bis zu Karls Tod im Jahre 2022 in sein Gehirn ätzen – so unauslöschlich, dass er in drei von fünf Nächten davon träumte und seine Frau Margret mit einem markerschütternden Schrei aufweckte – und nebenbei damit auch reichlich nervte.

Es passierte Folgendes:

– Ostler stürmte auf Karl zu, packte ihn am Handgelenk und riss ihn in das Wartehäuschen für die Fahrer.
– Er stülpte ihm in großer Eile einen Rennanzug über. Es war Lorenz Nieberls Ersatzanzug für alle Fälle. Auf dem Rücken prangte der Schriftzug NIEBERL.
– Der Anzug saß nicht richtig, außerdem trug Karl noch seine Straßenschuhe – doch für mehr war nun keine Zeit mehr, denn …

… der Rennleiter rief: „Germany, prepare for Start!“, woraufhin die drei regulären deutschen Fahrer Karl, der nicht wusste, wie ihm geschah, zum Bob schoben. Friedrich Kuhn raunte ihm zu: „Du lässt dich beim Start einfach hineinfallen. Den Rest machen wir.“ Als er Karls panikerfüllten Blick bemerkte, fügte er noch ein lässiges „Wird schon gutgehen“ hinzu.

Und schon nahm der Bob Fahrt auf, angeschoben von drei kräftigen und einem etwas schwabbeligen Mann. Karl gelang es trotz seiner zusammengepressten Augen, sich irgendwie hineinfallen zu lassen. Und im Grunde war es dieses kleine Wunder, das seine Verwandten später immer wieder hervorhoben.

Die Sportreporter hatten später verschiedene Theorien, wieso der deutsche Bob an diesem Tag am schnellsten war. Eine geht so: Einer der beiden Mittelsmänner, Lorenz Nieberl, schrie seine Mitfahrer während der gesamten, rund fünf Minuten dauernden Fahrt mit wilden Anfeuerungsrufen zum Sieg. Freilich waren es keine Anfeuerungsrufe, die Karl alias Lorenz Nieberl ausstieß, sondern der Ausdruck schierer Panik. Übrigens hatten diese „Anfeuerungsrufe“ eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den nächtlichen Schreien, mit denen Karl viele Jahrzehnte später Margret aus dem Schlaf riss.

Bei der Siegerehrung, die zwei Stunden später stattfand, hatte sich der echte Lorenz Nieberl wieder eingefunden und nahm die Goldmedaille in Empfang. Der Grund für sein Fernbleiben am Start war das norwegische Gericht Lutefisk gewesen, getrockneter Kabeljau, der dafür bekannt ist, Menschen, die nicht daran gewöhnt sind, auf den Magen zu schlagen.

Eine weitere Stunde später nahm der immer noch siegestrunkene Andreas Ostler Karl beiseite und sagte: „Weißt du eigentlich, warum wir gerade dich aus der Menge gepickt haben? Nein? Weil du ganz offensichtlich der Schwerste von allen Zuschauern warst. Masse zieht bekanntlich nach unten. Das gilt auch für einen Bob im Eiskanal.“ Das war ganz nebenbei bemerkt der Moment, in dem sich Karl vornahm, etwas abzuspecken.

Dann kam Lorenz Nieberl, nahm seine Goldmedaille vom Hals und hängte sie Karl mit einem schlichten „Danke“ um.

Die letzten drei Tage der Olympischen Winterspiele 1952 in Oslo war Karl nicht mehr ganz so schlecht gelaunt wie zuvor. Allerdings – und das war die Kehrseite der Medaille – begannen am letzten Tag auch seine nächtlichen Schreie, sodass letztlich auch seine Kumpel froh waren, als sie nach weiteren drei Tagen Rückfahrt im Vorkriegs-Opel Olympia wieder in Dortmund angekommen waren und Karl bei seiner Mutter abgeben konnten.

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