Von Björn D. Neumann

»Darf ich Ihre Akkreditierung sehen, Mr. Goldman?«, fragte die Dame an der Rezeption schnippisch. Samuel Goldman zückte seine Brieftasche und zog einen Presseausweis der ‘Washington Post’ hervor. Kritisch beäugte die blonde Dame in einheimischer Tracht und mit dem geflochtenen Haar das Dokument. Dann schob sie ihm das Anmeldebuch und einen Füllfederhalter zu. »Hier unterschreiben, bitte«, sagte sie schmallippig und tippte ungeduldig auf die Zeile, in der sein Name eingetragen war. Samuel unterschrieb und bekam darauf einen Schlüssel mit einem Anhänger, auf dem die Zahl 7 stand. »Leider sind alle Pagen belegt, Herr Goldman. Sie müssen sich leider selbst behelfen.«

In gebrochenem Deutsch bedankte er sich: »Ich danke Ihnen, Fräulein.« Samuel verließ den Schalter und sah sich um. In der Empfangshalle des Hotels wuselte es wie in einem Bienenstock. Mit Koffern beladene Pagen, Zimmermädchen mit ihren Putzutensilien und Gäste liefen kreuz und quer. Journalisten aus aller Welt waren in das kleine Dorf Garmisch gekommen, um beizuwohnen, wie sich das neue Deutschland der Welt präsentierte. Samuels Familie stammte aus Frankfurt und noch immer hatte man Verwandtschaft dort. Die Briefe aus der Mainmetropole klangen zuletzt anders. Dann blieben sie aus. Garmisch und das für die Spiele extra eingemeindete Partenkirchen zeigten sich jedoch weltoffen und freundlich. Bunte Girlanden und Willkommensgrüße zierten die Straßen. Gutgelaunte Einheimische in Trachten waren zuvorkommend und hilfsbereit. Da war die reservierte Empfangsdame bisher die Ausnahme. Und die in Hut und Mantel gekleideten zwei Herren, die missmutig das Treiben aus einer Ecke begutachteten, kamen bestimmt nicht von hier. Wahrscheinlich lagen diese Beobachtungen aber auch nur an seinem journalistischen Argwohn. Samuel schüttelte die Gedanken ab und suchte sein Zimmer. Letztlich fand er die Nummer 7. Es lag etwas abseits, nahe der Küche, und war auch sonst nicht sehr komfortabel eingerichtet. Samuel beschloss, sich noch etwas hinzulegen. Heute Abend war er im Restaurant mit Erwin Huber verabredet. Huber galt als die große deutsche Medaillenhoffnung im Langlauf und Samuel hatte einen Interview-Termin.

 

Das Hotel-Restaurant war brechend voll. Samuel saß an seinem Tisch und trank aus einem Bierkrug. Er blickte sich im Saal um und sah lachende Menschen, die eine gute Zeit verbrachten. Auffällig waren nur die zwei Männer am Tisch neben ihm, die dort schweigend saßen und Samuel merkwürdig vertraut schienen. Dann brachen Kreischen und Jubeln aus. Ein junger, großgewachsener Mann betrat den Raum. Blondes kurzes Haar und ein Zahnpasta-Lächeln, das Frauenherzen höherschlagen ließ. Das musste Erwin Huber sein. Der bahnte sich unter Autogrammwünschen, Schulterklopfern und Händeschütteln seinen Weg zu Samuel.

»Herr Goldman?«, fragte er Samuel, als er sich zu dessen Tisch durchgekämpft hatte.

»Der bin ich«, antwortete er und stand auf, um dem Sportler die Hand zu schütteln. »Und wenn ich mir die Aufregung ansehe, müssen Sie Herr Huber sein«, stellte Samuel fest.

Entschuldigend zuckte Huber mit den Schultern und setzte sich. »Was möchten Sie wissen?«

»Sie verlieren keine Zeit. Nun gut, Herr Huber.«

»Nennen Sie mich Erwin«, unterbrach er Samuel.

»Also, Erwin, welche Chancen rechnen Sie sich aus?«

»Ich bin natürlich hier, um zu gewinnen. Norwegen, Schweden, sind sicherlich Mitfavoriten. Alles Nationen, die Sport im Blut haben. Aber der Rest? Ich bitte Sie.«

»Ihr Mannschaftskollege Fritz Langner galt als schneller. Er soll sich verletzt haben?«

Hubers Miene verfinsterte sich. »Ich rede nicht über Langner!«

»Er soll sich kritisch geäußert haben, dass jüdische Mannschaftskollegen ausgeschlossen wurden.«

»Herr Goldman. Darf ich fragen, wie in den USA mit schwarzen Sportlern umgegangen wird? Wie ich hörte, darf zum Beispiel Jesse Owens nicht im selben Hotel wie seine weißen Sportkameraden übernachten. Wollen wir uns tatsächlich über Diskriminierungen unterhalten?« Er breitete die Arme aus. »Sehen Sie sich um. Deutschland ist ein weltoffenes, friedliches Land. Wir bedürfen mit Sicherheit keiner Nachhilfe der Vereinigten Staaten. Anscheinend haben Sie keine Fragen, die den sportlichen Wettkampf betreffen. Meine Zeit ist kostbar und ich habe noch einen Termin mit ihrem italienischen Kollegen. Guten Abend, Herr Goldman.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Huber, das Aushängeschild des SS-Sportförderprogramms, auf und verließ den Saal.

»Heil Hitler, Herr Unterscharführer«, murmelte Samuel dem Sportler hinterher. Er machte sich noch Notizen, als von ihm unbemerkt die Männer am Nebentisch aufstanden und ebenfalls den Raum verließen.

 

Nach dem Essen musste Samuel frische Luft schnappen. Er spazierte die Hauptstraße entlang und zündete sich eine Zigarette an. Die abendliche Stille wurde von einem Konvoi schwer beladener Militärfahrzeuge unterbrochen. Beladen mit Schnee, der von Wehrmacht und SA aus den Bergen angekarrt wurde. Der Winter war außergewöhnlich mild und die Prestigeveranstaltung des Deutschen Reichs durfte auf gar keinen Fall gefährdet werden. Während er der Kolonne nachsah, rempelte ihn ein Mann an und lief ohne Entschuldigung weiter. Kopfschüttelnd griff er nach einer weiteren Zigarette in seiner Manteltasche und fühlte einen Zettel. Er zog in heraus und las. ‘Hinter dem Hotel. 23 Uhr. A.’ 

Kurz vor Elf verließ Samuel sein Zimmer. Da es im hinteren Teil des Hotels war, schlich er unbemerkt durch die verlassene Küche zum Hinterhof. Der Mond gab nur wenig Licht. Blecherne Mülltonnen schepperten und eine Katze kreischte auf. Samuel steckte sich eine Zigarette an, als eine Stimme im Schatten hinter ihm sprach.

»Ich muss Ihnen etwas zeigen!«

Samuel erkannte in der Dunkelheit nur die Schemen des Mannes. »Wer sind Sie?«

»Das tut nichts zur Sache. Bitte folgen Sie mir. Es ist wichtig.« Der Mann trat näher an Samuel ins Mondlicht. Es war ein älterer, hagerer Mann in der Kleidung eines einfachen Arbeiters. Die Falten sorgenvoll ins Gesicht gezeichnet.

Sie gingen durch Nebenstraßen und Gässchen abseits der Hauptwege, bis sie zu einem kleinen Schuppen außerhalb der Stadt kamen. Der Mann kramte einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und öffnete das Vorhängeschloss. Drinnen hing eine Öllaterne, die er mit einem Feuerzeug entzündete. Das flackernde Licht gab Blick auf mehrere Tafeln, die in Tücher gewickelt an der Wand lehnten. Mit einer Handbewegung forderte er Samuel auf, den Schuppen zu betreten. Zögernd betrat Samuel den Raum und ging mit fragendem Blick zu den eingehüllten Gegenständen. 

»Sehen Sie sich das an!«

Samuel enthüllte eine der Tafeln. Der Anblick verschlug ihm die Sprache. Wo er wertvolle Gemälde oder Ähnliches vermutete, waren Schilder verborgen. Weiße Schilder. Mit Parolen. ‘Kauft nicht bei Juden’, ‘Kein Zutritt für Juden’ oder auch ‘Juden unerwünscht’. Bevor Samuel fragen konnte, flüsterte der alte Mann kopfschüttelnd: »Die wurden im ganzen Reich nach den Nürnberger Gesetzen aufgehängt. Zu den Olympischen Spielen war es meine Aufgabe, die Schilder zu entfernen. Das Reich will ja glänzen und der Welt eine blütenweiße Weste vorspielen. Wenn der Spuk hier vorbei ist, wird alles wieder rausgeholt. Ähnlich wird es im Sommer in Berlin sein. Und ich fürchte, danach wird alles noch schlimmer.«

»Geben Sie mir ein Interview? Ich bringe das auf die Titelseite der Washington Post.«

»Ich habe schon zu viel gesagt! Wenn man mich entdeckt, kostet das meinen Kopf!«

»Lassen Sie mich wenigstens Bilder machen. Ich komme morgen mit meiner Kamera.«

Der Alte rieb sich unbehaglich das Kinn.

»Zur gleichen Zeit. Bitte. Die Welt muss davon erfahren.«, beschwor Samuel den Mann.

»Meinetwegen. Seien Sie pünktlich.«

 

Niemand kam in der nächsten Nacht. So machte sich Samuel allein auf den Weg. Immer wieder blickte er um sich, ob ihm jemand folgte. Nach kurzer Suche hatte er den Schuppen gefunden. Die Tür stand offen. Alle Schilder wurden entfernt. Nachdenklich machte er sich zurück durch dunkle Straßen zum Hotel.

Als er sich am nächsten Morgen auf den Weg zu den Wettkampfstätten machte, bemerkte er einen großen Menschenauflauf. Einer der Schneetransporter stand dort mit offener Ladefläche und ein riesiger Haufen Schnee lag auf der Straße.

»Was ist hier passiert?«, wollte er von einem der Beobachter wissen.

»Keine Ahnung. Irgendwer hat sich an einem der Schneetransporter zu schaffen gemacht und wurde von der Ladung begraben. Sie ziehen in gerade raus.«

Samuel sah, wie ein lebloser Körper von Wehrmachtssoldaten aus den Schneemassen gezogen wurde, und er erkannte das faltige, jetzt schneeblasse Gesicht sofort.

Er rannte ins Hotel. In sein Zimmer. Zog die Reiseschreibmaschine aus dem Koffer und fing an, zu tippen. Er schrieb von der Diskriminierung jüdischer Sportler, der Umsetzung der Rassegesetze, den Schildern, dem unbekannten Informanten und seinem mysteriösen Unfall. Von einer Lüge, die der Welt vorgemacht wurde. Mit einem ‘Ratsch’ riss er den Bogen Papier aus der Maschine. Ging zur Telefonzelle in der Lobby und ließ sich ein Amt geben.

»Hören Sie? Ich brauche eine Verbindung in die USA, Washington Post, politisches Ressort.« Nach kurzem Warten meldete sich eine Stimme.

»Hallo George? Hier ist Sam. Ich habe die Titelstory von morgen. Hör zu!« Samuel las seinen Artikel laut vor. »Was soll das heißen? Natürlich bin ich Sportreporter … George, die Welt hat ein Recht … Wieso sollten sich die Amerikaner nur für den Sport interessieren? … Verstehe … Dann bis bald …« Wütend knallte Sam den Hörer auf.

Er ging nach draußen und zündete sich eine Zigarette an. Inzwischen hatte es doch angefangen, zu schneien. Dicke Flocken fielen vom Himmel. Der Weg vor ihm war weiß. Weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.

 

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