Von Ursula Kollasch
Um 23:54 Uhr fragte ich mein Pendel, ob ich noch einen Nougatriegel essen sollte. Es schwang vor und zurück. Das bedeutete Ja. Also griff ich ins Regal, packte die Schokolade aus und biss genüsslich hinein.
Es war die Nacht zum dritten November. Meine Schicht hatte um zehn begonnen. Der kleine Supermarkt in Frankfurt-Bornheim lag im Erdgeschoss des ehemaligen Kaufhauses Mertens, eines Jugendstilbaus von 1908. Über dem Eingang leuchtete der Schriftzug des Ladens. Darüber ragte ein steinernes Frauengesicht aus der Fassade. Selbst um diese Stunde schien die Dame draußen über die Berger Straße zu wachen. Drinnen wischte ich mir nach dem Snack die klebrigen Finger am Kittel ab. So, jetzt hieß es weiter Regale auffüllen, Dosen zurechtrücken, Verfallsdaten prüfen und beschädigte Ware aussortieren. Und am Ende der Schicht den Boden wischen.
Fünf Nächte die Woche tat ich das, seit zweiundzwanzig Jahren.
Der Lohn war nicht der Rede wert. Aber ich war vierundsechzig, die Rente schon in Sicht. Gegen die Stille half Musik auf meinem Handy. Außerdem hielt ich mich mit Kostproben aus dem Süßwarenregal bei Laune – immer nur so viel, dass es nicht auffiel. Zumindest redete ich mir das ein. Mein Arzt mahnte wegen meines Übergewichts. Aber für mich war das Naschen eine leckere Zulage zum Gehalt, auch wenn mein Kittel um die Mitte spannte.
Auf dem Namensschild an meiner Brust stand Hedi Brummerhop. Für wen trug ich das eigentlich? Kollegen und Kundschaft waren längst zu Hause. Höchstens ein Einbrecher hätte mein Namensschild gebraucht, um mich in die Besenkammer zu kommandieren: »Los, rein da, Frau Brummerhop!« Bei dem Gedanken musste ich grinsen.
In den einsamen Nachtschichten fehlte mir jemand zum Reden.
Zum Glück trug ich immer ein Pendel bei mir, heute ein neues. Ob zu Hause oder unterwegs, ich fragte es häufig: Sollte ich meinen Krauskopf grau werden lassen oder wieder mit Henna färben? Die Heilsteine kaufen? Würde der nächste Mann, den ich kennenlernte, endlich der Richtige sein? Seit Jahren war ich Single. Zu Hause warteten nur meine drei Kater, Tarotkarten und Astrologie-Bücher auf mich. Auch mit Letzteren suchte ich nach Antworten auf Fragen des Alltags.
Einmal hatte ich sogar überlegt, ein Space Clearing für meine Wohnung zu buchen. Das Pendel sagte nein. Zu Recht. Schon bei der Vorstellung, wie Fremde räuchernd, summend und klatschend mit einer Klangschale durch meine winzige Wohnung zogen und meine pelzigen Mitbewohner in die kollektive Panik trieben, wurde mir klar, dass ich darauf verzichten musste. Stattdessen buchte ich, um meine Wechseljahresbeschwerden lindern zu lassen und meine weibliche Urkraft zu erfahren, bei einem Schamanen eine Schoßraum-Heilung. War günstiger als das Space Clearing. Bei meinem Hungerlohn musste trotzdem wieder Geld aus Mutters Erbschaft herhalten – und davon war inzwischen nicht mehr viel übrig.
Um 0:21 Uhr saß ich im Aufenthaltsraum und verschnaufte bei einem Becher Kaffee. Ich hielt das Pendel erneut über den Tisch und fragte, ob ich noch einen Schokoriegel essen durfte, bevor ich wieder an die Arbeit ging. Aber holla – diesmal schlug es heftig aus, schräg zur Wand hin. Ich starrte auf den Messingkegel mit den fremdartigen Gravuren. Erst gestern hatte ich dieses Pendel auf dem Flohmarkt gekauft. Bisher hatte es so geantwortet wie erwartet. Oh, jetzt ruckte es nach vorn! Die Kette spannte sich zwischen meinen Fingern. Die Spitze wies geradewegs auf das Regal. Kälte kroch mir unter den Kittel, während die Neonröhre an der Decke flackerte. Ich riss die Augen auf. Das konnte nicht sein! Keuchend ließ ich los. Der Kegel schlug auf die Tischplatte. Mein Puls hämmerte.
Trotzdem musste ich wissen, was das Pendel mir zeigen wollte. Ich wuchtete mich vom Stuhl hoch, wobei meine Knie protestierend knackten. Das massive Holzregal war mit Geschirr vollgestellt. Rasch nahm ich die Tassen und Teller heraus und stellte sie auf den Tisch. Dann stemmte ich beide Hände gegen das Regal. Es rührte sich keinen Millimeter. Ich setzte die Schulter dagegen und drückte. Scharrend bewegte es sich Zentimeter um Zentimeter über den Boden. Trotz der plötzlichen Kälte im Raum kam ich ins Schwitzen und schnaufte wie ein alter Staubsauger, der sich an einem Bonbonpapier verschluckt hatte. Als das Regal endlich beiseitegeschoben war, kam statt einer kahlen Wand eine alte Holztür zum Vorschein. Ich trat dicht heran. Aus den Fugen zog mir eisige Luft entgegen. Seltsam. Das Kühlhaus lag am gegenüberliegenden Ende des Supermarkts …
Ein leises Wispern drang durch die Tür. Ich legte mein Ohr ans Holz.
Mehrere Stimmen schienen sich zu überlagern. Als stünden dort Kunden, die sich zischelnd über nicht eingehaltene Öffnungszeiten beschwerten.
Dann löste sich eine männliche Stimme aus dem Murmeln: »Ein Pfund Java-Kaffee, Fräulein!« Ich zuckte zurück. Oh Gott, waren da drinnen etwa Leute eingeschlossen? Der Mann klang verwirrt. Mein Blick schoss zum Pendel auf dem Tisch. Doch wenn jemand Hilfe brauchte, konnte ich nicht erst lange fragen. Ich drückte die Klinke herab und zog die Tür auf. Dahinter lag ein fensterloser Raum, der stockfinster hätte sein müssen. Wären da nicht diese Lichtquellen gewesen. Leuchtende, verschwommene Umrisse. In ihrem blassen Schein machte ich einen wuchtigen Schreibtisch, eine alte Registrierkasse und eine leere Regalwand aus. Staub lag auf allem. Ich fröstelte und staunte. Mein Atem bildete Wölkchen.
Einige der Schemen verharrten reglos, andere glitten lautlos durch die Dunkelheit. Ich hörte ihre Stimmen, aber untereinander schienen sie sich nicht wahrzunehmen. Geister. Unerlöste Seelen, die an einem Ort festhingen, solange sie noch etwas zu erledigen hatten. Das hatte ich mal gelesen. Seltsamerweise verspürte ich keine Angst.
Da löste sich einer der Umrisse aus dem Gewimmel. Während er auf mich zuglitt, wurde seine Gestalt schärfer. Nun schwebte ein älterer Herr im Gehrock und mit gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Bart vor mir. Sein missbilligender Blick blieb kurz an meinem Namensschild hängen.
»Fräulein Brummerhop! Wo haben Sie gesteckt? Ich bin Otto Kopp, Erster Kapellmeister am Frankfurter Opernhaus. Ein Pfund Java-Kaffee – und zwar dalli!«
Bei dem alten Grantler musste die unerledigte Aufgabe wohl das Pfund Java-Kaffee sein, das er noch kaufen wollte.
»Ich hole es Ihnen sofort, gnädiger Herr«, hörte ich mich sagen. Selbst in einem Raum voller Geister saß mir der Tonfall für ungeduldige Kunden noch im Blut.
»Aber rasch. Ich warte schon eine Ewigkeit!«
Na ja, dachte ich auf dem Weg in den Aufenthaltsraum. Etwas mehr als hundert Jahre, wenn man es genau nahm.
Obwohl keiner der Geister mir nachkam, schloss ich die Tür. Einer Eingebung folgend zog ich mein Handy hervor und googelte: Frankfurt a. M.+Otto Kopp+ Frankfurter Opernhaus+Tod. Die Suchmaschine spuckte einen alten Nachruf aus: Kapellmeister Kopp war 1912 im Kaufhaus Mertens an einem Herzschlag gestorben. Faszinierend. Nun galt es, ihn zu erlösen. Brauchte ich dafür vielleicht mein Pendel? Ich ließ es in meine Kitteltasche gleiten, steckte auch mein Telefon ein und riss den Vorratsschrank auf. Zwischen den Teebeuteln stand eine ungeöffnete Packung Kaffee. Unsere Hausmarke, nicht Java, aber wurscht. Es war ein Pfund, wie bestellt. Ich schnappte es mir und eilte zurück. Herr Kopp wartete noch immer ungeduldig. Als ich ihm die Packung hinhielt, fuhren seine Hände über die durchscheinenden Taschen seines Gehrocks, als suchten sie nach etwas. Doch nichts kam zum Vorschein. Während er mich ratlos anstarrte, glitt ein anderer Schemen durch ihn hindurch. Für einen Augenblick flimmerten beide Gestalten, als hätte ein Luftzug eine Kerzenflamme erschüttert. Herr Kopp bemerkte es nicht.
»Unmöglich«, murmelte er. »Ich hatte mein Geld eben noch …«
Oh nein, das sollte nicht sein nächstes Problem werden.
»Herr Kopp, der Kaffee geht aufs Haus, wegen der langen Wartezeit«, sagte ich geistesgegenwärtig. Der alte Herr schloss die Augen. Seine missbilligende Miene entspannte sich, er begann zu verblassen. Ein Seufzen. Dann war er fort.
Im selben Moment saß plötzlich ein dicker Herr im Anzug am Schreibtisch, eine Zigarre zwischen den Fingern. Vor ihm stand ein altmodisches Telefon. »He, Sie da!«
Ich trat heran und er kniff etwas die Augen, um mein Namensschild zu entziffern.
»Fräulein Brummerhop! Wo bleibt der Entstörer von der Post? Wie soll ich hier meine Geschäfte führen, wenn das Telefon nicht funktioniert? Den Lift-Pagen hatte ich losgeschickt – der Knirps müsste längst zurück sein!«
Ich dachte kurz nach, dann tippte ich möglichst unauffällig am Handy und ließ einen altmodischen Telefonklingelton ertönen. »Sehen Sie? Ihr Apparat funktioniert wieder.«
Sein Zorn wich. Als er nach dem Hörer griff, lösten sich Zigarre, Anzug und Gesicht auf, bis nur noch der Schreibtisch blieb.
Rechts von mir vernahm ich ein Aufschluchzen. Neben der Registrierkasse erschien die Gestalt einer jungen Frau. Ihr taillierter Kittel und die sorgfältig gelegten Haare ließen sie wirken, als sei sie einem Kaufhausfoto aus den Fünfzigern entstiegen. Auf ihrer Brusttasche stand Maria.
»Mir fehlen zwei Mark fünfzig in der Kasse«, jammerte sie.
Ich zog das Pendel hervor und hielt es vor mich. »Wie kann ich Maria helfen?«
Fumm. Es wurde vollkommen dunkel, das Wispern verstummte. Als hätte jemand alle Geister ausgeknipst. Ich tippte auf das Display meines Handys. 1 Uhr. Ah, die Geisterstunde war vorbei. Ich blieb noch einen Augenblick stehen und lauschte. Dann ging ich hinüber, brachte den Aufenthaltsraum in Ordnung und schob das Regal wieder vor die Geheimtür.
Morgen um Mitternacht werde ich mich zuerst um Marias fehlende zwei Mark fünfzig kümmern, dachte ich lächelnd. Und danach? Mal sehen.
Den Rest meiner Schicht beendete ich beschwingt. Beim Wischen summte ich die Titelmelodie von Ghost Busters.
Zu Hause setzte ich mich mit meinem neuen Pendel an den Tisch und fragte: »Habe ich eine Karriere als Medium vor mir? Als Geistererlöserin?«
Die Antwort war ein eindeutiges Ja.
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