Von Irmi Feldman
1995; irgendwo an der US-Ostküste
Der Plan war perfekt aufgegangen. Und doch hatte Jeffrey das Gefühl, dass er etwas vergessen hatte. Aber was? Er hatte Helen aufgetragen, niemandem etwas von ihrem Treffen zu verraten. Schon wegen seiner eifersüchtigen Frau Carol nicht. Wie vereinbart hatte er Helen mit der Jacht vom Hafen in der nächsten Stadt abgeholt und war sogleich mit ihr aufs offene Meer hinausgefahren.
Ein exquisites Abendessen unterm Sternenhimmel hatte er Helen versprochen. Danach würde er sie zurück zum Hafen bringen und ihr verraten, wo er das Geld hinterlegt hatte. Als Gegenleistung würde sie ihn von da an in Ruhe zu lassen. Sie wolle in Spanien ein neues Leben anfangen. Jeffrey gab sich verständnisvoll. Natürlich werde er ihr das Geld geben. Sie verdiene es. Spanien werde ihr gut tun. Wie einfach es war, Helen an der Nase herumzuführen. Immer schon gewesen war.
Das Problem war, dass Jeffrey keine $500 000 hatte. Und wenn, dann würde er sie nicht an diese dumme Gans verschwenden. Nie und nimmer würde seine Frau ihm das Geld geben, hatte sie ihm doch erst diese Jacht zum 40. Geburtstag geschenkt. Die Jacht, auf der er nun die meiste Zeit verbrachte. Nur hin und wieder schlief er in dem kleinen Apartment, das seine Frau unten im Hafen für ihn gemietet hatte, weil sie nicht wollte, dass er spätnachts die steile Straße hinauf zu ihrer gemeinsamen Villa fuhr. Carol war verrückt nach ihrem so viel jüngeren, gutaussehenden Gemahl. So lange er sich ein paar Mal im Monat in der Villa blicken ließ und seine ehelichen Pflichten erfüllte, war Carol zufrieden.
Bis nach dem Abendessen und dem wilden Sex, der folgte, war auch alles so verlaufen, wie Helen es sich vorgestellt, ja sogar erhofft hatte. Nur danach kam es anders. Für sie. Jeffreys Gesicht verzog sich zu einem bösen Lachen. Schuld daran war sie selbst. Warum musste sie ihn auch nach so langer Zeit erpressen? Sie habe Beweise, hatte sie gesagt, die aus Pauls Unfallstod vor achtzehn Jahren einen Mord machen würden. Und aus ihm, einen Mörder. Paul, ihr Freund, der laut Polizeibericht bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen war.
***
Jeffreys Blick fiel auf die halbleere Champagnerflasche. Es war die dritte in dieser Nacht. Er lächelte. Spaß hatten sie schon gehabt. Immer noch spürte er Helens kühlen, nach Minze duftenden Atem, auf seiner Haut. Sie hatte sich nicht viel verändert. Sicher, ein paar Fettpölsterchen hier und da, aber im Großen und Ganzen hatte sie sich gut gehalten. Er goss sich ein Glas ein. Der Champagner war inzwischen schal geworden, doch warum sollte er dieses teure Gesöff verkommen lassen?
Die Arbeit war getan. Die betrunkene Helen über die Reling ins Wasser gleiten zu lassen war leichter als erwartet gewesen. Er hatte den Ankerplatz sorgsam gewählt. Die Haie würden das ihre erledigen. Helens Sachen hatte er in einen Sack mit Steinen gesteckt und hinterhergeworfen. Er hatte an alles gedacht. Der perfekte Mord. Nicht wie die stümperhafte Arbeit vor achtzehn Jahren, als er Paul ausschalten musste, weil dieser ihn beim Stehlen der Fragen fürs Staatsexamen erwischt hatte und ihn bei der Obrigkeit anzeigen wollte.
Mit der Hand fuhr Jeffrey nochmal über alle Oberflächen, die er gerade mit Bleichmittel gesäubert hatte. Keine Spur von Helen war geblieben. Trotzdem ließ ihn das Gefühl nicht los, dass er etwas vergessen hatte. Etwas Wichtiges.
Jeffrey steuerte zurück zum Hafen. Ein letzter Blick in die Kajüte überzeugte ihn davon, dass alles in Ordnung war. Eingemummt in seine grobe Seemannsjacke, die Matrosenkappe tief in die Stirn gezogen, humpelte er mit der Pfeife im Mund zum Eingang des Hafens, wo er dem Wachmann kurz zuwinkte. Wie immer. Sein Seemannsaufzug, wie es die einheimischen Fischer verächtlich nannten, war ihnen ein Dorn im Auge. Ein Neureicher mit millionenschwerer Jacht; ein Parasit, ohne Bezug zum Ort, verkleidet als einer der ihren, während sie sich ihren geringen Unterhalt mühsam verdienen mussten.
Jeffreys Hinken war stärker als sonst. Sein Skiunfall vor fast einem Jahr machte ihm immer noch zu schaffen. Langsam überquerte er den Marktplatz mit den Restaurants, Cafés und allerlei anderen Läden, die tagsüber vor Leben sprudelten, um diese Zeit jedoch einsam dalagen. Am Ende des Platzes bog Jeffrey in eine kleine Gasse ein. Er würde heute im Apartment schlafen.
***
Plötzlich war sie da. Er sah sie überall. Beim Frühstück im Café. Beim Abendessen im Restaurant. Unten am Hafen. Einmal sogar in der Nähe seiner Jacht. Sie war hübsch, etwa dreißig Jahre alt und kam ihm irgendwie bekannt vor. Nur wusste er nicht, woher. Jedes Mal lachte sie ihn an. Zwinkerte ihm zu. Flirtete ungeniert mit ihm.
Als sie am nächsten Morgen wieder im Café auftauchte, sprach er sie an. Sie sei eine Studentin auf Urlaub, plapperte sie sorglos drauflos. Wollte zuerst mit ihrer Freundin ein paar Tage hier verbringen, aber die Freundin hatte im letzten Moment abgesagt. So war sie eben allein gekommen. Sie war lebendig, aufregend und wahnsinnig attraktiv. Jeffrey konnte nicht widerstehen und lud sie auf seine Jacht ein. Zu einer Spazierfahrt hinaus aufs Meer. Er kenne die besten Plätze, um Haie und Delphine zu beobachten, versprach er ihr. Lachend schlenderten sie hinunter zum Hafen.
Kate, so hieß die Studentin, war begeistert von seiner Jacht. Fast ehrfürchtig fuhr sie mit der Hand über Tisch und Ablagen, befühlte sogar die Unterseiten.
„Edles Holz!“, sagte sie anerkennend.
„Mahagoni“, erklärte Jeffrey stolz.
Geschickt lenkte er die Jacht aus dem Hafen und hinaus aufs offene Meer. Kate räkelte sich in der Sonne. Irgendwann warf Jeffrey den Anker aus. Kate ging hinunter in die Kajüte. Jeffrey folgte ihr. Es war warm. Er zog die Jacke aus, holte Champagner und Gläser und begann ihr einzuschenken. Kate fragte nach Käse und Crackers. Auf leerem Magen würde ihr der Champagner sofort zu Kopf steigen.
„Und das wollen wir doch nicht, oder?“ Verführerisch lächelte sie zu ihm auf.
Während Jeffrey den Snack vorbereitete, bewunderte Kate die Kajüte. Er reichte ihr das Glas. Glücklich stießen sie an. Jeffrey wollte sie küssen.
„Nicht so schnell“, bremste ihn Kate. „Lass uns erst ein bisschen trinken und quatschen. Wir haben ja Zeit. Viel Zeit.“
Wieder stießen sie an.
„Ist es hier passiert?“, fragte Kate nach einer Weile.
„Was?“
„Hast du sie hier umgebracht?“
„Wovon redest du?“
„Von Helen!“, sagte Kate.
Jeffrey wurde blass.
„Was soll das? Wer bist du?“
„Erkennst du mich nicht?“, fragte Kate und nahm ihre blonde Perücke ab. „Ich bin Susie, Helens jüngere Schwester. Ich war damals zwölf, als du mit Helen zusammen warst.“
Jeffrey dämmerte es. Jetzt konnte er sich an das vorlaute Mädchen erinnern, das immer und überall dabei sein wollte.
“Was willst du?“ Jeffreys Stimme war plötzlich heiser, aber auch müde. „Ich habe Helen seit Jahren nicht gesehen.“
„Du lügst. Helen war hier. Vor drei Wochen. Hast du sie den Haien vorgeworfen?“
Susies Augen blitzten wütend auf.
Jeffrey schüttelte unwirsch den Kopf, wollte aufstehen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst.
„Der Champagner“, lallte er. „Du hast mir … was …“
„Nur Schlafpulver. Keine Sorge.“
„Was willst du von mir? Du hast … keinen … Be…“
Jeffrey sackte in sich zusammen. Als er wieder aufwachte, fand er sich draußen an die Reling gekettet. Es war dunkel. Stunden mussten vergangen sein. Der kalte Wind weckte ihn vollends auf.
„Da bist du ja wieder!“, sagte Susie.
„Was hast du mit mir vor?“, fragte Jeffrey. Angst klang in seiner Stimme. „Du hast keinen Beweis, dass Helen hier war. Ich habe …“
„Du irrst dich. Ich habe einen Beweis.“
Jeffrey schaute sie verständnislos an.
„Du weißt doch, Helen und ihre Minzkaugummis, die sie ständig an die Unterseite des Tisches klebte, wenn sie nicht wusste, wohin damit. Mutter hat sie deswegen immer ausgeschimpft.“
Jeffrey verstand. Jetzt wusste er, warum Susie sich so sehr für das Mobiliar interessiert hatte.
„Ich kann…“, begann Jeffrey.
„Hier! Trink!“, sagte Susie stattdessen und flößte ihm mehr Champagner ein.
Widerwillig trank er. Susie wartete eine Weile, bis Jeffrey wieder eingeschlafen war. Langsam löste sie die Fesseln von seinen Händen, richtete ihn auf und lehnte ihn gegen die Reling. Sie drehte sich um, sah nicht, wie Jeffrey beim nächsten Wellengang kopfüber ins Wasser plumpste.
Mit der Flasche Bleichmittel, die sie in ihrem Rucksack mitgebracht hatte, reinigte sie alles, was sie angefasst hatte. Danach machte sie sich auf die Heimfahrt. Als geübte Seglerin kannte sie sich mit Booten aus. Es war tiefste Nacht, als sie im Hafen ankam. Verkleidet mit Jeffreys Seemannsaufzug humpelte Susie über den Steg zum Hafeneingang und nickte kurz dem Wachmann zu. Sie überquerte den leeren Marktplatz und bog am Ende in eine kleine Gasse ein. Sie wusste, wohin. Nicht umsonst hatte sie Jeffrey tagelang beobachtet.
Polizeibericht
Die Polizei fahndet nach Jeffrey Mallony, der möglicherweise für das Verschwinden von zwei Frauen verantwortlich ist. Die eine ist Helen Minter, eine ehemalige Freundin. Helens DNS wurde in einem Kaugummi auf Jeffreys Jacht gefunden. Helens und Jeffreys DNS befanden sich in der DNS-Datei der Polizei, weil beide vor 18 Jahren in einen Fall verwickelt waren, bei dem ihr Freund Paul Heffer ums Leben kam. Die Identität der zweiten Frau konnte nicht ermittelt werden, da keinerlei Fingerabdrücke, Kreditkartenaktionen oder sonstige Daten vorliegen, mit denen man sie hätte identifizieren können. Sie scheint eine junge, blonde Studentin zu sein, auf Urlaub im Ort, die Jeffrey vor einer Woche auf seine Jacht eingeladen hatte, was diverse Personen bezeugten. Jeffrey war in derselben Nacht allein zurückgekommen, wie der Hafenwächter bestätigte. Jeffreys Frau meldete ihn als vermisst, als er zum vereinbarten Zeitpunkt nicht anrief. Jeffreys Mercedes wurde auf einem Langzeitparkplatz auf dem Flughafen gefunden. Mit seiner Kreditkarte war ein Flug nach Australien gebucht worden, den er allerdings nie angetreten hat. Von Jeffrey Mallony fehlt seither jede Spur.
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