Von Wolfgang Mebs
Fahles Licht fällt in Streifen durch die fast geschlossenen Rollos auf ein karges Zimmer. Staubpartikel schweben auf der Stelle. Es ist stickig. Der Luft fällt das Atmen schwer. Auf der anderen Seite der Mauern gnadenlose Hitze. Und Menschengewimmel. Beides lässt sich nicht abwenden. Nur aufhalten, eine Weile.
Er hockt auf dem Bett, die Hände zwischen den Knien.
Sie werden wiederkommen. Gnadenlos. Sie haben ihre Leute dafür. Ihre Handlanger. Die finden sich immer. Immer.
Gestern waren neue Lebensmittel und Getränke geliefert worden. Er hatte den Mann durch die Lamellen des Rollos beobachtet, wie er die Wasserkästen aus dem Lieferwagen wuchtete und auf einer Sackkarre stapelte. Er tat harmlos, ignorierte Passanten, bewegte sich, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Aber das ist es nicht. Er hatte erst nach dem dritten Klingeln den Hörer abgenommen und über die Sprechanlage gesagt, er solle die Sachen einfach vor seiner Wohnungstüre abstellen. Hatten sie ihn vorgeschickt, diesen harmlos wirkenden jungen Mann? Er hatte nach dem Baseballschläger gegriffen und ihn durch den Spion beobachtet. Dunkle Augen. Der Mund ein harter Strich. Dann hatte er kurz dagestanden und auf die Wohnungstür geblickt. Hatte den Kopf geschüttelt. Mich täuschst du nicht. Ein harmloser Lieferant? Ein Risiko. Er musste auf der Hut sein. Ständig wachsam. Sie sind clever und hinterhältig und herrisch und unberechenbar. Kein Trick ist ihnen zu mies.
Ein Getriebe knirscht. Er blickt durch die Lamellen. Eine schwarze Limousine parkt ein. Zwei Männer mit Sonnenbrillen und gestutzten Bärten steigen aus. Blicken sich um. Hat der Fahrer gerade zu seiner Wohnung hinaufgesehen? Sonnenbrillen sind ihm zuwider. Insignien der Macht, furchteinflößend. Gesichter ohne Augen. Nichts als Glas, zwielichtig und finster, die Blicke verborgen. Sie werden ihre Gründe haben.
Die Männer gehen auf die andere Straßenseite, klingeln und verschwinden im Haus.
Er hockt auf dem Sofa. Eine Spinne läuft über den Lampenschirm, lässt sich an einem Faden herab. Sie wird sich ihr Netz bauen, auf Beute warten. Wie sie. Immer auf der Suche nach einem Opfer. Warum können sie ihn nicht in Ruhe lassen, sein Leben leben lassen, sein eigenes. Warum bedrängen sie ihn? Er weiß, was sie von ihm wollen. Ihn foltern, zermürben, brechen. Bis er wird wie sie. Aber warum sollte er werden, was ihn bedroht?
Doch sie werden kommen. Ihn wieder holen. Sie können es einfach nicht lassen. Niemand darf sein wie er. Zu seinem Besten sei es, sagen sie. Lächeln ihn mit ernsten Augen an, wollen seine Schutzmauern durchbrechen. Er soll sich ihnen ausliefern. Lässt er das zu, wird es ihn nicht mehr geben. Seine Medikamente soll er nehmen. Sie würden ihm helfen, würden ihm guttun. Er weiß selbst, was ihm guttut. Wenn er sie nimmt, verändert er sich. Dann wird er unvorsichtig.
Als wüssten sie nicht selbst, dass die schöne, glitzernde Welt ein Albtraum ist, ein Spielzeugladen voller Fallstricke, eine Geisterbahn mit realen Monstern. Sie lullen dich ein mit Kirmesgeklingel. Wollen, dass du arglos wirst, ihnen vertraust. Und dann? Blutsauger sind sie, bohren ihren Stachel in deine Seele und weiden sich an deiner Qual.
Er geht an den Kühlschrank, füllt ein großes Glas Wasser, leert es in einem Zug. Der schwere Vorhang am Küchenfenster wirft sanfte Wellen. Er zuckt zusammen, springt auf, greift nach einem Küchenmesser. Aber es ist nur der Wind, der durchs undichte Fenster eindringt. Es ist nicht der Feind. Es ist kein Mensch.
Er hockt auf dem Boden. Betrachtet das Messer. Sein Daumen gleitet über die Klinge. Ein kleiner Tropfen Blut perlt heraus. Er hat es früh verstanden, das Böse, die Ur-Gewalt. Einfach nur dastehen wollte er, vor sich hinschauen, dem Johlen, Lärmen, Schreien, dem Raufen entfliehen. Aber sie wollten ihren Spaß, wollten sich an Erniedrigung und Schlägen berauschen, an ihrem profanen, perversen Zeitvertreib.
Er schlägt die Hände vors Gesicht, wippt vor und zurück, vor und zurück. Leise, ganz leise schreit er die Wände an.
Blind läuft die Masse in ihr Verderben. Und reißt alle mit. Reißt ihn mit. Dabei ist es so offensichtlich. Wie können die eigenen Eltern ihren Sohn ausliefern an Menschen mit weißen Kitteln und schwarzen Seelen? Lernen sie denn nicht? Was war denn mit seinem Bruder? Wochenlang gebrochen im Krankenbett, weil er Menschen begegnet war. Zur falschen Zeit, haben sie gesagt. Aber die gibt es nicht. Nicht die Zeit ist falsch. Und seinen Onkel haben sie um sein Vermögen gebracht. Weil er ihnen geglaubt hat. Wie viele Geschichten braucht ihr noch? Betrug, Misshandlung, Mord. Niedertracht, Verrat, Hass. Wie fest muss man die Augen verschließen? Ihr glaubt, euch trifft es nicht? Ihr glaubt immer noch, ihr könnt Menschen trauen? Ha! Ihr Irren! Der Mensch ist des Menschen Wolf. Was ist daran so schwer zu verstehen?
Eine Wagentür schlägt zu. Er springt auf, zittert. Er kennt das Geräusch. Ein Krankenwagen. Sie sind da! Er hat es gewusst. Das Blaulicht rotiert, aber sie haben die Sirene nicht eingeschaltet. Sie wollen ihn nicht vorwarnen.
Er blickt in den Flur, horcht, wartet. Sein Vater wird wieder dabei sein. Wird auf ihn einreden, mit ihnen gemeinsame Sache machen. Ihn wieder und wieder verraten.
Er wartet. Gleich wird er den Schlüssel hören, den sein Vater behalten hat. Das Klicken des Riegels. Die Tür wird sich nicht öffnen. Da sind noch zwei weitere Schlösser. Er kann schon ihre Stimmen hören, die ihn auffordern werden, die Türe zu öffnen, das Brecheisen bereits in den Händen. Dass sie doch nur sehen wollen, ob es ihm gut geht.
Er starrt auf die Tür. Nichts ist zu hören. Nein, darauf wird er nicht hereinfallen. Er will sie nicht sehen. Er will ihre heuchlerischen Hände nicht spüren, die vorgeben, ihn heilen zu wollen. Die ihn bedrängen, verletzen. Vielleicht Schlimmeres. Mit Sicherheit Schlimmeres. Er wartet. Betrachtet das Messer, dreht es nach allen Seiten. Richtet es auf die Tür. Auf sich. Auf die Tür. Auf sich. Umklammert es mit beiden Händen.
