Von Sabrina Rüdebusch
Gut versteckt, im Wald verborgen
Steht ein Schloss, seit Jahr und Tag.
Seinen finst’ren Herrscher fürchtend
Suchen Eltern voll der Sorgen,
Was die Tochter schützen mag.
„Hüte dich vorm bleichen Grafen,
Denn sein Kuss lässt keine Wahl,
Raubt dein Blut und deine Unschuld.
Seine Nähe ist kein Hafen,
Schenkt dir nichts als Angst und Qual.“
Der Vampir denkt für sich stille:
„Dunkle Sehnsucht, mein Geschick.
Ich entreiß euch nicht die Kinder.
Was sie herführt: freier Wille –
Und schon lang brach kein Genick.“
Überhaupt ist er die Missgunst
Der Gesellschaft langsam leid.
Sucht Beratung beim Experten,
Will Verständnis für die Bisskunst.
Und auch gehen mit der Zeit.
Der Berater nickt beflissen.
Gleichberechtigung sei Trend.
Ein Vampir von heute müsse
Nicht nur schöne Mädchen küssen,
Nicht nur beißen, was er kennt.
Also haut der Graf die Fänge
Gleichermaßen in die Haut
Auch der Alten, auch der Männer,
Trinkt sich durch verschied’ne Ränge.
Der Protest bleibt dennoch laut.
„Macht – das Dorf wird es euch danken –
Eine Tugend aus der Not.
Für das Blut, das Ihr genommen,
Spendet eig’nes an die Kranken
Und verhindert ihren Tod.“
Dieser Plan scheint aufzugehen.
Heilbar wird nun jeder Schmerz,
Todgeweihte wieder munter,
Doch der Unmut bleibt bestehen:
Die Behandlung kühlt das Herz.
Die Geheilten werden gierig,
Sie verlieren Lebensmut.
Rückzug lautet bald der Vorschlag.
Fall’s dem Grafen auch sehr schwierig,
Es bedürf’ der Tiere Blut.
Da beginnt der Graf zu grollen:
„Wofür zahle ich dir Geld?
Tierblut kann mich nicht erquicken.
Eher sollte Blut mir zollen,
Wer mich so zum Narren hält.
Leidenschaft lässt sie erbeben,
Wenn mein Zahn in Adern dringt!
Maidens Seufzer, Jünglings Stöhnen –
Ihre Lust berauscht mein Leben,
Weil mein Biss Erfüllung bringt.
Tiere können das nicht geben.
Menschenblut bleibt mein Verzehr.
Drüber lässt sich nicht verhandeln.
Nicht ihr Tod, nein! Selbst zu leben –
Fühlen – ist, was ich begehr.“
„Werter Graf, Ihr müsst verstehen,
Dieser Fall ist kompliziert.
Gebt mir eine letzte Chance
Für die beste der Ideen –
Ihr seid schließlich kultiviert.“
Nun, der Graf lässt Gnade siegen.
„Sucht nach dem gemeinen Feind“,
Heißt Beraters schlaue Tücke.
„Mögen Zwei sich auch bekriegen,
Gleicher Hass ist, was sie eint.“
Graf und Rat befinden beide:
Menschenwölfe gibt es nicht.
Nur laut Volksmund wüst und rasend
Nachts bei Blutmond, der Vampire
So sehr schwächt wie Sonnenlicht.
Also schmieden sie die Pläne,
Zu der Blutmondzeit soll’s sein.
Der Vampir in Silberfesseln,
Ohne Durst, doch mit Migräne,
Bietet Schutz für Groß und Klein.
Blutmondnacht, das Dorf versammelt
Sich beim Grafen. Dessen Trick
Scheint zu wirken, als auf einmal
Bricht durchs Schlosstor, fest verrammelt,
Der Berater, wild sein Blick.
Reißt und frisst sich durch die Meute,
Fell und Klau’n im Schattenriss.
„Ich allein bin hier das Monster.
Zittern sollt fortan ihr Leute
Nur vor meinem Werwolfbiss!“
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