Von Daniel Kempken

Mitternacht. Ein lauer Wind streift durch die Baumkronen in den Straßenschluchten aus der Gründerzeit. Sarah wendet sich nach rechts und umrundet den großen Platz, auf dem der Wasserturm steht. Weit hinten glänzt die silbrige Kugel des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz in der klaren Nacht. Auf eine Häuserwand ist eine militante Graffiti-Fratze gesprüht. Die dummdreiste, brutale Visage starrt Sarah an. 

 

Seit ein paar Wochen gibt es eine Ausstellung in den Gewölben des historischen Wasserspeichers: Installationen aus Licht, Klang und Objekten. Sarah ist immer wieder in die Ausstellung unter dem Turm gegangen. Sie wirft einen Blick auf den Eingang zum Wasserspeicher. Was ist das? Die Tür ist halb offen. 

 

Mit klopfendem Herzen öffnet sie den Flügel der Tür ganz. Die Gewölbe sind beleuchtet. Sarah geht hinein. Sie zittert; doch ihre Neugierde ist stärker. Aus einer weiten Maueröffnung klingt sphärische Musik. Verwirrt schaut Sarah auf die Uhr. Es ist wirklich schon kurz nach Mitternacht. Doch die Licht- und Klang-Installationen sind angeschaltet. Sarah geht mit vorsichtigen Schritten weiter. Wer kann jetzt hier sein, mitten in der Nacht? 

 

Sarah betritt das zweite Gewölbe auf der linken Seite. Mitten im Raum liegt ein heruntergestürzter, zersplitterter Kronleuchter. Er ist ein Teil der Ausstellung; doch der Scherbenhaufen ist ihr unheimlich. Sarah kann die aus der Tiefe des Bunkers kommende, monotone Stimme vom Tonband leise wahrnehmen, aber nicht verstehen. Doch sie kennt den Text aus dem ersten Buch Mose fast auswendig: 

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und wohnten daselbst.“

Sarah bleibt stehen. Jetzt ist die so eindringlich flüsternde, fast drohende Stimme ganz nah:

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: wohlauf, lasst uns ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!“

Sarah zuckt zusammen. Das ist nicht der Text der Ausstellung! Definitiv nicht! In der Ausstellung wurde das erste Buch Mose abgewandelt, und der Turmbau zu Babel ging gut aus. 

 

Sarah spürt, wie sich etwas Kaltes um ihren Hals legt, etwas sehr Hartes, schneidend Kaltes wie frostiges Eisen. Sie erstarrt. Der Ring um ihren Hals wird enger. Sarah bibbert am ganzen Körper. Das Metall zieht sie zur Seite, reißt sie nach unten. Sie schlägt auf den kalten Steinfußboden. Um sie ist Dunkelheit und Kälte, eisige Kälte. Sarah schreit…

 

…und wird wach. Sie greift unwillkürlich nach ihrer Decke und zieht sie hoch bis zu ihrem zitternden Hals, der eben noch von dem kalten Eisenring gequält wurde. Sarah tastet nach dem Schalter der Nachttischlampe; die Dunkelheit zieht sich hinter die Gardinen in die Spätsommernacht zurück. Sarah atmet auf; nur ihr Herz klopft noch heftig von dem schrecklichen Traum. Die Vorhänge bewegen sich sacht vor dem offen stehenden Fenster. 

 

Es schellt. Sarah’s Herz zieht sich zusammen. Wieder schellt es. Ein plötzlicher, stechender Schmerz in der Brust schnürt Sarah fast den Atem ab. Sarah zwingt sich zum Durchatmen und wartet ab. Das Klingeln hört nicht auf. Schließlich geht sie zur Sprechanlage:

„Ja.“

„Hier ist die Polizei, ich bin Hauptwachtmeister Kolmann; sind Sie Frau Schneider?“

„Ja.“

„Gehört Ihnen das Fahrzeug mit dem amtlichen Kennzeichen B-DZ 6633?“, die Stimme des Polizisten hat einen Vertrauen erweckenden, fürsorglichen Ton.

„Ihr Auto steht im Halteverbot; wir müssen es abschleppen lassen, wenn Sie es nicht wegfahren.”

“Wann?”

“Na, jetzt gleich.”

“Ich komme.”

 

Es ist still im Kiez. Sarah biegt in die Immanuelkirchstraße. Niemand begegnet ihr. Nur in einer der improvisierten Wohnzimmerkneipen sitzen noch ein paar Leute. Sie starren wie gebannt in einen Bildschirm, auf dem ein surrealistischer Film mit blutroten Planeten läuft. Die seltsamen Gestirne kreisen wie magnetisierte Ballons umeinander. Sarah spürt eine magische Kraft, die die Menschen an den Bildschirm fesselt. Sie zwingt sich weiterzugehen. Am Straßenrand steht ihr kleiner Trabant und dahinter der Polizeiwagen. Zwei Polizisten sind lässig an die Kotflügel ihres Fahrzeugs gelehnt. 

 

Sarah fragt:

„Das Halteverbot hier ist neu?“

„Hier kommt eine vorübergehende Bushaltestelle hin, in zwei Stunden geht das hier los mit den Bussen.“

„Der andere Polizist starrt Sarah mit seltsam unbeweglichen, durchscheinenden Augen an. Sie weicht seinem unangenehmen Blick aus und erklärt:

„Ich hab mein Auto mindestens zwei Wochen nicht gebraucht und war auch nicht mehr hier; da hab ich die neu aufgestellten Schilder nicht gesehen.“

„Schon gut; ich finde das doch selbst etwas blöd mit den dauernden Halteverboten im Kiez”, sagt der nette Polizist, “Fahren Sie ihre Pappe auf die andere Straßenseite, und dann war’s das.“

„Mach ich; und vielen Dank, dass Sie mir extra Bescheid gesagt haben; das war sehr lieb von Ihnen.“

Der Schutzmann tippt an seine Mütze und verschwindet im Auto. Der Kollege mit den starren Augen flüstert:

„Gute Nacht, schöne Frau; und träumen Sie etwas Angenehmes.”

Seine Pupillen verwandeln sich in schmale Schlitze. Die durchscheinenden Augäpfel weiten sich und blitzen kurz auf, wie elektrisches Licht. Sarah zuckt zurück. Der Polizist verzieht sein Gesicht zu einem teuflischen Grinsen. Dann steigt auch er in den Streifenwagen.

 

Sarah setzt eilig ihren Trabbi auf die gegenüber liegende Straßenseite. Mit fahrigen Bewegungen verschließt sie das Auto und hastet über den Bürgersteig. Sarah spürt, dass sie verfolgt wird. Der Streifenwagen? Sie schaut sich um. Tatsächlich. Das Polizeiauto ist schräg hinter ihr. Der Wagen rollt an ihr vorbei. Das Licht im Inneren des Autos flackert auf. Einer der beiden Männer hat ihr den Kopf zugewandt. Sarah taumelt zurück gegen die Hauswand – es ist kein Kopf; es ist eine gesichtslose, tote Kugel, ein Ballon, der blutrot schimmert. Das Licht in dem Polizeiwagen geht wieder aus. Der Innenraum ist jetzt völlig schwarz, schwarz wie die ewige Finsternis. Der Streifenwagen biegt um die nächste Ecke. Sarah versucht, ihren Atem und ihren Herzschlag wieder zu beruhigen. Schließlich rennt sie nach Hause. Hektisch verriegelt sie die Haustür von innen, zweimal. 

 

Sarah sitzt auf der Kante ihres Bettes und horcht nervös in die Stille der Nacht. Nach einer Weile steht sie auf, schiebt die Vorhänge zur Seite und schaut in den kobaldblauen, unwirklich erscheinenden Himmel. Was ist das? Hinter dem Fernsehturm liegt eine blutrote Kugel; das Ding sieht aus wie das leuchtende, tote Gesicht des Polizisten. Die Kugel ist grell; sie schwebt still hinter dem Turm im Firmament, etwas unterhalb von dem silbrigen Panoramarestaurant, dessen Lichter fast völlig erloschen sind. 

 

Was kann das für ein Gegenstand sein? Sarah versucht die seltsame Erscheinung zu identifizieren. Das Ding ist riesig groß und weit hinter dem Alex. Es kann keine Reklametafel sein; der blutrote Ballon kann überhaupt nicht von dieser Welt sein. Der Mond? Nein, zu groß, zu blutig, zu rot. Ein dumpfer Schmerz schnürt Sarah’s Brust ein. Aus der Beklemmung wird Angst, gräßliche Angst. Sarah schließt die Vorhänge und setzt sich wieder auf die Bettkante. 

 

Schließlich schaltet sie den Fernseher ein und zappt. Das Zappen verdrängt einen Teil der Furcht. Sarah macht halt bei einer Nachrichtensendung. Doch sie kann sich nicht auf die Worte des Sprechers konzentrieren. Und plötzlich ist sie wieder da, die blutrote Kugel. Das grauenhafte Ding hängt direkt hinter dem Sprecher im Bildschirm. Sarah zuckt zurück. Die viel zu laute Stimme des Nachrichtensprechers hämmert auf ihr Trommelfell: 

„Aufgrund einer äußerst seltenen astronomischen Konstellation haben Sie während des gesamten Monats August 2005 die Möglichkeit, bei wolkenlosem Himmel mit bloßem Auge einen sogenannten Blutmond zu beobachten.”

Sarah sackt in sich zusammen. Sie geht zurück ins Bett. 

 

Sarah ist müde, sehr müde und erleichtert. Doch sie hat Angst davor, wieder in einen schrecklichen Traum zu fallen. Sie macht Entspannungsübungen, eine gedankliche Reise durch den eigenen Körper. In ihrem Hals gerät die Reise ins Stocken; da ist ein großer, schleimiger Kloß. Und plötzlich ist die monotone Lautsprecher-Stimme aus dem Wasserspeicher wieder da:

“Und auf der Wolke saß einer, der glich eines Menschen Sohn; der hatte eine Schlange um sein Haupt und in der Hand eine scharfe Sichel…”

 

Sarah schlägt die Augen auf und blickt in die grässliche, blutrote Kugel. Langsam schiebt sich von der Seite etwas Dunkles vor den Ballon. Aus dem Ballon wird eine Sichel. Die Sichel wird immer heller, unnatürlich grell, hell und immer heller. Sarah krampft ihre Augen zusammen. Sie spürt, dass diese Erscheinung heller wird als tausend Sonnen. Die rot glühenden Strahlen der Sichel durchdringen ihre Lider; sie blenden die geschlossenen Augen. Sarah’s Augäpfel brennen in der glühenden Hitze. Die Schmerzen sind kaum noch zu ertragen. Die durchdringende, monotone Stimme flüstert weiter:

“…und der Engel der Finsternis schlug mit seiner Sichel an die Erde, auf dass sie eine Behausung der Teufel und ein Gefängnis aller unreinen Geister werde.” 

Sarah spürt, wie sich etwas Kaltes um ihren Hals legt, etwas sehr Hartes, schneidend Kaltes. Sie erstarrt. Der Ring um ihren Hals wird enger. Das Metall zieht sie zur Seite, reißt sie nach unten. Um sie ist Dunkelheit, eine furchtbare Dunkelheit und Kälte, eisige Kälte. Sarah schreit…

 

…und versucht den Traum abschütteln. Sie greift unwillkürlich nach ihrer Decke; doch sie greift ins Leere. Da ist kein Bett und auch keine Nachttischlampe, nur der kalte Boden. Sie tastet nach ihrem Hals und erstarrt vor Grauen. Der Eisenring ist echt. Es gibt keinen Traum. 

 

Version 1, 9853 Zeichen